Was ist Konsens?

Konsens steht für „eine ehrliche Zustimmung, die jederzeit widerrufen werden kann“. Eine Handlung ist dann konsensuell, wenn alle Beteiligten vorher ehrlich zugestimmt haben, und diese Handlung zu jedem Zeitpunkt beenden können. Fordert jemand ein Stopp ein, muss es (ohne Beschwerden oder Jammern!) sofort befolgt werden.

Oder um es auf den Punkt zu bringen:

  • Nein heißt Nein!
  • Vielleicht heißt Nein!
  • Ja heißt Ja!

Das gilt für absolut alle zwischenmenschlichen Handlungen – also auch für Sex.

Was brauche ich, um Konsens zu erreichen?

Damit zwei oder mehr Menschen einer gemeinsamen Handlung zustimmen können, müssen alle konsensfähig sein. Das bedeutet, dass alle Beteiligten vor und während der gemeinsamen Handlung Folgendes tun können:

  1. Verstehen, um welche Handlung es geht und was genau darin vorkommen wird.
  2. Ein „Nein“ signalisieren. Das geht auf zwei Wegen:
    • Nonverbal über Körpersprache: Kopf schütteln, Hand weglegen, Geste machen, Abwenden, Wegdrehen oder Weggehen
    • Verbal über Sprache: „Nein“, „Stopp“, „Hör auf“, usw.
  3. Ein „Nein“ des Gegenübers freundlich und höflich annehmen – in egal welcher Situation!

Kann ein Mensch eine dieser Fähigkeiten gar nicht (versteht nicht, worum es geht), gerade nicht (ist ziemlich unter Drogen), oder wendet sie nicht an (hat ein psychisches Problem oder will sich einfach blöd spielen), ist dieser Mensch per Definition nicht konsensfähig – und somit für sexuelle Handlungen ungeeignet.

Wie sieht Konsens beim Sex aus?

  • Nein heißt Nein.
  • Vielleicht heißt Nein (aber du kannst später nochmal fragen).
  • Ja heißt Ja.

Dies sind die unumstößlichen Regeln von Konsens. Wenn Unklarheiten auftauchen, gilt die zusätzliche Faustregel, maximal zwei Mal pro Unklarheit nachzufragen, damit das Erlebnis für alle Beteiligten lustvoll bleibt.

Beispiele:

Mensch A *schiebt die Hand des Gegenübers weg*
Mensch B legt die Hand wieder hin.
Mensch A *schiebt sie energischer weg und gibt einen brummigen Ton von sich*
Mensch B: Echt, das magst du nicht? Warum nicht?
Mensch A: Ich weiß nicht, so halt.

Absolut notwendige Reaktion:
Mensch B: Ok, dann machen wir das nicht.

Ideale Reaktion:
Mensch B: Ist ok, ich hör damit auf. Was möchtest du stattdessen machen?

Wenn Mensch A drei Mal oder öfter wegen derselben Sache nachfragt, zerschießt sier höchstwahrscheinlich die Situation und damit die Lust auf Sex von Mensch B.

Wie sieht Konsens beim Sex nicht aus?

Dieses englische Comic der Website Everyday Feminism fragt: Wie würden Alltagshandlungen aussehen, wenn wir damit so umgehen würden, wie es beim Sex immer wieder üblich ist? Es ist als eine „Anleitung zum Unglücklichsein“ zu verstehen, also wie Konsens nicht hergestellt wird.

Eine ebenso treffende Anleitung ist dieses englische Video der Londoner Polizei, in dem Konsens am Beispiel von Teetrinken erklärt wird.

 

Folgende Reaktionen auf ein „Nein!“ oder „Vielleicht?“ fallen ebenfalls nicht unter Konsens:

Herumjammern:
„Maah, warum denn nicht? …“

Überredungsversuche:
„Jetzt stell dich nicht so an, das geht doch sicher, …“

Schuldspiele:
„Ich hab‘ schon so lange keinen Sex mehr gehabt, können wir nicht doch …“
„Zuerst geil machen und dann stehen lassen, das kannst du doch nicht machen, …“
„Mein_e Ex-Freund_in hat da immer mitgemacht!“
„Jetzt sei nicht so verklemmt!“

Blödheit:
„Ich will das aber trotzdem haben!“
„Ich bin darauf aber trotzdem geil!“

Ein Mensch, der vor oder während dem Sex solche Aussagen von sich gibt, ist nicht konsensfähig. Für das Gegenüber ist die sicherste Reaktion daher immer, eine (weitere) sexuelle Handlung mit diesem Menschen gar nicht anzufangen, oder, wenn mittendrin, den Sex sofort zu beenden.

Was ist Fairness?

Gegenseitiger Konsens ist das wichtigste Kriterium für überhaupt jede soziale Handlung zwischen Menschen, um eine Handlung von einem Übergriff oder Gewalt zu unterscheiden (das schließt natürlich psychische Gewalt – Erpressung, Slutshaming, Verleumdung, usw. – ausdrücklich mit ein).

Sex (Ebene 3 auf der Näheskala) ist jedoch voraussetzungsvoller als der alltägliche Umgang miteinander (Ebene 2 auf der Näheskala), der nur auf Konsens fußt. Für Sex zwischen Menschen, der von allen Beteiligten als positiv und erfüllend erlebt wird, müssen die Beteiligten nicht nur den gegenseitigen Konsens klären, sondern sich auch untereinander fair verhalten.

Fairness bedeutet im Wesentlichen, mit dem Gegenüber so umzugehen, wie es der Wunsch wäre, selbst von diesem Gegenüber behandelt zu werden.

Dieses Prinzip heißt „Goldene Regel“ und ist die Grundlage von vielen konstruktiven Konzepten über zwischenmenschliches Miteinander. Eine andere Formulierung davon ist ein Kinderreim:

„Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg auch keinem Anderen zu.“

Natürlich funktioniert Fairness nur, solange sich alle beteiligten Menschen fair verhalten. Befindet sich in der Situation ein ignoranter Mensch, dier sich unfair verhält oder sogar ein Arschloch, das mit Gewalt die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse erzwingen will, macht das die Situation selbst nicht mehr fair. Die Unfairness wiegt noch stärker, wenn jener Mensch vom fairen Gegenüber weiterhin faires Verhalten einfordert, selbst jedoch nicht einmal daran denkt, dasselbe zu tun. Der unfaire oder übergriffige Mensch stellt so eine neue zwischenmenschliche Ebene her – die Ebene 1 auf der Näheskala (Feindschaft). Die empfohlenen Verhaltensweisen für das Gegenüber sind dann die jeder Kampfsportart: Abweisen, Abblocken, Weggehen oder schlimmstenfalls Gewalt zur Selbstverteidigung.

Wie bahne ich Sex fair an? / Wie borge ich mir fair Duschgel aus?

An wen richtet sich der Artikel?
Welche Orientierungen, sozialen Rollen, oder Geschlechter der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): heterosexuell, heterosexuell lebend wenn bisexuell
Romantische Orientierung(en): heteroamor, heteroamor lebend wenn biamor
Geschlecht(er): alle
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“,
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“
Erweiterbar auf:
  • Mensch in der Rolle „Frau“ wünscht sich Sex mit einem Menschen in der Rolle „Mann“,
  • und umgekehrt,
  • alle sexuellen und romantischen Orientierungen

Eine Frau und ein Mann duschen sich in einer Gemeinschaftsdusche. Beide sind sich zuvor nicht unangenehm aufgefallen und finden sich grundsätzlich attraktiv und sympathisch genug. Die Stimmung ist entspannt. Der Mann fragt die Frau freundlich, ob er ihr Duschgel ausborgen und mitbenutzen könnte.

Szenario 1: Sie borgt ihm ihr Duschgel, beide seifen sich ein, beide genießen das Duscherlebnis, der Mann sagt freundlich „Danke“ und gibt der Frau das Duschgel zurück. Beide freuen sich über die freundliche soziale Interaktion.

Szenario 2: Sie überlegt kurz, lehnt dann aber freundlich ab. Der Mann akzeptiert ihre Entscheidung ohne Jammern und widmet sich weiter seiner Dusche. Eventueller Small-Talk.

Szenario 3: Sie borgt ihm ihr Duschgel, beide seifen sich ein und duschen sich gemeinsam, aber irgendetwas passt in der Stimmung nicht. Der Mann dreht sich nach dem Duschen plötzlich um und sagt: „Borgst du dein Duschgel jedem Mann, der dich einfach so fragt? Wäh, du bist so grauslig! Hier hast du dein Gel zurück, du Schlampe!“

Szenario 4: Sie nimmt ihr Duschgel und entfernt es so weit wie möglich aus der Griffweite des Mannes. Danach fährt sie ihn an: „Was soll das? Wie kommst du dazu, mich nach so etwas zu fragen?! Mein Duschgel teile ich nur mit einem besonderen Menschen! Und du Perversling bist das definitiv nicht! Lass mich gefälligst in Ruhe duschen!“

Szenario 5: Sie überlegt kurz, lehnt dann aber freundlich ab. Der Mann fragt noch mehrere Male nach und beginnt, die Frau zu bedrängen. Schließlich versucht er, ihr Duschgel aus ihrer Hand zu reißen, worauf sie entsetzt davonläuft.

Jetzt ersetzen wir das Duschgel in allen Szenarien durch den Körper der Frau.

Die Szenarien 1 und 2 beschreiben eine Situation mit Konsens und Fairness bei der Anbahnung von Sex 😀

Die Szenarien 3 und 4 beschreiben eine ignorante / unfaire Situation bei der Anbahnung von Sex 🙁

Und Szenario 5 beschreibt eine unfaire und nichtkonsensuelle Begegnung, also einen Übergriff / eine Gewalttat.

Szenario 3 zeigt Slutshaming von Männern an Frauen und damit den systemischen Anteil von Männern an der Entstehung von Rape Culture.

Szenario 4 zeigt Slutshaming von Frauen an Männern und damit den systemischen Anteil von Frauen an der Entstehung von Rape Culture. Mehr dazu unter:

Wie habe ich fairen Sex?

  1. Freundliche oder höfliche Anbahnung des sexuellen Wunsches
  2. Zuerst durch verbale, dann durch nonverbale Kommunikation Konsens suchen
  3. Eigene sexuelle Bedürfnisse ehrlich aussprechen und diese selbstständig anstreben.
    Keine Information zu geben, worauf ich gerade Lust habe, und danach dem Gegenüber vorzuhalten, nichts für meine Lust getan zu haben, fällt nämlich unter unfaires Verhalten.
  4. Bei Unklarheiten freundlich nachfragen
  5. Mit dem Gegenüber verhandeln, bis Lösungen gefunden sind, mit denen sich alle Beteiligten sicher und wahrgenommen fühlen und sich lustvolle Erlebnisse für alle erzeugen lassen. Das klingt kompliziert, ist aber oft bereits durch kurze Dialoge machbar:

Mensch A: „Möchtest du diese Stellung ausprobieren?
Mensch B: „Ja, voll! Aber ich brauche einen Polster zum Drauflegen.“
Mensch A: „Hier. Kann ich dir damit helfen?“
Mensch B: „Nein, hab schon, kannst loslegen!“

Mensch A: „Würde es dir gefallen, wenn ich dich lecke?“
Mensch B: „Nein, da stehe ich nicht so drauf…aber kannst du mich stattdessen fingern?“
Mensch A: „Ja, können wir machen!“

Wie funktioniert das Patriarchat?

Wie bereits in Sex und Liebe: Der große Unterschied! angesprochen, vertrete ich, dass das größte Problem des sozialen Miteinanders der eurozentrischen/westlichen Gesellschaft und ihrer alternativen Szenen folgendes ist: die Verwechslung von Sex und Liebe. Diese Verwechslung kann mithilfe von unterscheidender Sprache in der Praxis aufgehoben werden.

Doch mit einer Sprachänderung alleine ist es nicht getan: Auf der erwähnten Verwirrung baut nämlich ein ganzes Gesellschaftssystem auf, das alle Lebensbereiche durchzieht – das Patriarchat.

Wikipedia definiert es so:

Patriarchat (wörtlich „Väterherrschaft“) beschreibt in der Soziologie, der Politikwissenschaft und verschiedenen Gesellschaftstheorien ein System von sozialen Beziehungen, maßgebenden Werten, Normen und Verhaltensmustern, das von Vätern und Männern geprägt, kontrolliert und repräsentiert wird.

Nun ergänze ich um ein paar Hintergrundinformationen:

Die Rollen „Frau“ und „Mann“ werden allen Menschen in patriarchalen Gesellschaften von Geburt an anerzogen. Jede Rolle ist eine Sammlung von bestimmten Verhaltensmustern rund um die Auslebung der sexuellen und romantischen Bedürfnisse.

Da Kinder hauptsächlich durch Vorleben und Nachahmen lernen, nehmen nicht nur die Eltern oder andere Bezugspersonen, sondern auch die gesamte Lebensumgebung eines Kindes (Verwandte, Nachbarn, Kindergarten, Schule, Serien, Filme, Bücher, Comics, Werbung, usw.) Einfluss auf die soziale Rolle des Kindes. Die erlernten Verhaltensmuster zeigen sich bereits deutlich im Laufe der Kindheit, und entfalten sich vollständig mit dem Erwachen der eigenen Sexualität, also während der Pubertät. Danach sind sie ein zentraler Teil der Identität, und beeinflussen unbewusst den Großteil der Gedanken, Werthaltungen und Handlungen jedes erwachsenen Menschen.

Die beschriebenen sozialen Rollen werden gerne mit Geschlechtern gleichgesetzt. Menschen, die diesen Glaubenssatz vertreten, behaupten, es gäbe exakt zwei Geschlechter, die biologisch, genetisch, oder „natürlich“ vorgegebenen wären. Diese Denkweise heißt die binäre Geschlechterordnung und ist ein patriarchales Lügenkonstrukt. In Wahrheit wird die soziale Rolle Menschen je nach ihrem sichtbaren Geschlechtsorgan bei der Geburt zugewiesen:

  • Menschen mit Vulva wird die Rolle „Frau“ zugeordnet: „Es ist ein Mädchen!“
  • Menschen mit Penis wird die Rolle „Mann“ zugeordnet: „Es ist ein Bub!“

Sofort nach der Zuordnung beginnt das gesamte Umfeld des Kindes, es im Sinne der Rolle anzusprechen: „Bist du aber ein hübsches Mädchen!“, „Oh, was für ein starker Bub du schon bist!“. Dass kaum jemand kleine Mädchen „stark“ oder kleine Buben „hübsch“ findet, obwohl es viele starke Mädchen und viele hübsche Buben gibt, ist bereits ein gutes Beispiel für die Ungleichbehandlung und Ungerechtigkeit, die aus patriarchalen Geschlechterrollen hervorgeht.

Doch damit nicht genug: Es gibt ganz faktisch mehr als zwei Geschlechter, nämlich Menschen, die mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren werden. Diese passen bereits mit ihrem Körper in keine dieser Vorstellungen. Hier richtet die binäre Geschlechterordnung den größten Schaden an, denn sie bewirkt, dass die Existenz solcher Menschen vertuscht wird, indem diese „eher“ einer der beiden Rollen zugeordnet werden. Diese Menschen haben dadurch ein erhöhtes Risiko, bei Erkrankungen keine passende Behandlung zu bekommen, weil von einem typischen Körperbau ausgegangen wird, den sie nicht haben, oder sogar zwangsoperiert zu werden, um den körperlichen Vorstellungen von Eltern oder Ärzt_innen zu entsprechen.

Die meisten Menschen behalten das anerzogene Verhaltensmuster ihr Leben lang bei. Bei der Mehrheit der erwachsenen Menschen nehmen daher Menschen mit Vulva meistens die Rolle „Frau“ sowie Menschen mit Penis meistens die Rolle „Mann“ ein. Trans-Menschen und weitere Geschlechter sind jedoch genauso Mitwirkende der patriarchalen Rollenverteilung: Auch sie wurden in einer sozialen Rolle erzogen, und fallen durch ihr unbewusstes Verhalten entweder überwiegend in die Rolle „Frau“ oder „Mann“.

Wer sich wie die letztgenannnten Menschen bewusster mit der Wahrnehmung von geschlechtstypischem Verhalten beschäftigt, und beginnt, die eigene Rolle als eingeprägtes Muster zu bemerken, kann unbewusst oder bewusst unabhängig von Erziehung oder empfundenem Geschlecht in die jeweils andere Rolle wechseln. Alternative Subkulturen kennen das Phänomen und haben für Menschen, die zeitweise oder völlig in eine andere als die traditionelle Rolle schlüpfen, eigene Bezeichnungen entwickelt: Butch, Dyke, Tomboy, Tunte, Döschen, Transvestit, Crossdresser, usw.

Die Orientierung hat mit der sozialen Rolle übrigens gar nichts zu tun: So kann eine lesbische genauso wie eine Hetero-Frau verhaltensgleich die Rolle „Frau“ einnehmen, lediglich die erotischen und romantischen Wünsche sind an ein anderes Geschlecht gerichtet.

Für alle Geschlechter lässt sich das Patriarchat auf eine einfache Verleugnung zusammenkürzen:

Frauen wollen keinen Sex, sondern nur Liebe.
Männer wollen keine Liebe, sondern nur Sex.

Das ist die große patriarchale Lüge, die verpackt in den sozialen Rollen „Frau“ und „Mann“ in den patriarchalen Mehrheitsgesellschaften (der eurozentrischen/westlichen, der muslimischen und der russischen/asiatischen Gesellschaft) ständig als Wahrheit verkauft wird.

Diese Lüge mag so direkt aufgeschrieben als bekannter Unfug erscheinen. Da sie allerdings in den meisten Menschen immer noch unbewusst fest verankert ist, ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig, um diese falsche Idee zu entfernen. Mein Blog soll seinen Teil zu dieser Aufklärungsarbeit beitragen.

Wie sieht die patriarchale Lüge genau aus?

An wen richtet sich der Artikel?
Welche Geschlechter und Orientierungen der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): alle
Romantische Orientierung(en): alle
Geschlecht(er): alle
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“,
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“
Erweiterbar auf:

In der Praxis bewirkt die aktive patriarchale Lüge, dass Frauen ihre Sexualität unterdrücken, da sie angeblich nur Liebe wollen. Nur in einer angebahnten oder bestehenden Liebesbeziehung werden diese Bedürfnisse ausgelebt. Die sexuelle Anziehung gegenüber anderen Menschen, die nur auf der Ebene Lust existiert, wird jedoch vor sich selbst und vor Anderen abgelehnt, um die falsche Idee, Sex nur in Kombination mit Liebe zu wollen, aufrechtzuerhalten.

Die Ebene Lust ist allerdings die direkte Standleitung zur eigenen Lebensenergie. Die Unterdrückung dieser bewirkt, dass Frauen im Vergleich zu Männern eine gewisse soziale „Trägheit“ aufweisen: So tendieren Frauen eher als Männer dazu, sich den Werten Anderer anzupassen und starre Systeme aufrechtzuerhalten; ebenso gibt es viel weniger weibliche als männliche Kunstschaffende (was nicht nur an den besseren Karrieremöglichkeiten für Männer liegt).

Männer handeln in der aktiven patriarchalen Lüge umgekehrt. Sie unterdrücken ihren Wunsch nach Fairness, Liebe und Zärtlichkeiten, um typischen Eigenschaften der Rolle „Mann“ wie „hart, unnahbar, allzeit sexuell bereit“ zu entsprechen. Sie leben die Ebene Lust daher aktiv aus, lehnen aber die Ebene Liebe vor sich selbst und vor Anderen ab, um so wiederum ihre falsche Idee aufrechtzuerhalten.

Die Unterdrückung der Ebene Liebe hat zur Folge, dass auch Wahrnehmungen und Handlungen auf Ebenen, wo es überhaupt nicht um Romantik geht, gedämpft sind oder gar ganz ausbleiben. Ein typisches Beispiel dafür sind Männer, die ihre Ebene Liebe so sehr unterdrücken, dass sie sogar auf der Ebene Freundschaft ihren besten männlichen Freund nicht so umarmen können, wie sie das gerade gerne tun würden. Auf allen Ebenen leidet die Fähigkeit, Empathie gegenüber Mitmenschen zu spüren und zu zeigen, sei es im Arbeitsumfeld oder bei der Anbahnung oder Auslebung eines sexuellen Interesses.

Eine akkurate Beschreibung und gleichzeitig Parodie der Rolle „Mann“ bietet das Lied „Männer sind Schweine“ von den Ärzten.

Kleine Wiederholung:

Die Ebene Liebe schließt die Ebene Lust mit ein.
Die Ebene Lust existiert aber auch unabhängig ohne die Ebene Liebe.

Für Sex braucht es eine menschliche Grundhygiene, sich gegenseitig attraktiv und sympathisch genug zu finden, sowie Konsens und Fairness von allen Beteiligten.

Für eine Liebesbeziehung braucht es alles, was für Sex notwendig ist – und zusätzlich Kennenlernen, zusammenpassende Interessen, Vertrauen, Verliebtheit und den Wunsch, möglichst viel vom eigenen Leben miteinander zu teilen.

Eine Liebesbeziehung ist also viel voraussetzungsvoller als ungezwungener Sex.

Jemanden geil zu finden ist demnach einfach, jemanden als ganzen Menschen ehrlich gemeint (!) so anziehend zu finden, dass Verliebtheit/Beziehungswunsch möglich ist, schon schwerer.

Daher tritt das Bedürfnis nach Handlungen der Ebene Liebe generell seltener auf als das Bedürfnis nach Sex – ganz einfach weil auf der Ebene Liebe weniger Menschen zu einem passen, als auf der Ebene Lust.

Treffen nun die sozialen Rollen „Frau“ und „Mann“ mit ihren jeweiligen Unterdrückungsmechanismen und falschen Ideen aufeinander, fällt ein Unterschied sofort ins Auge:

Frauen scheinen in der Anbahnung von sozialem Kontakt mit neuen Menschen passiver: Ihr Bedürfnis nach Liebe, das die inneren Grenzen ungehindert passieren darf, findet einfach seltener einen Resonanzmenschen als ihr Bedürfnis nach Sex, das ja unterdrückt wird. Diese Unterdrückung bewirkt, dass Resonanzmenschen auf der Ebene Lust gar nicht erst wahrgenommen werden. Daher haben Frauen Schwierigkeiten, Resonanzmenschen rein auf der Ebene Lust zu erkennen („Es gibt echt kaum hübsche Männer!“) oder – falls doch einmal einer über die Schwelle ins Bewusstsein schwappt – aktiv auf solche zuzugehen („Ich finde ihn nicht geil – ich schau weg. Ich finde ihn geil – ich schau weg.“). Bleibt das Ganze unbewusst, kann sich ein Umweg über die patriarchale Lüge bilden: Dann verliebt sich die Frau sekundärmotiviert, weil sie einen Sex-Resonanzmenschen fälschlicherweise als Resonanzmenschen auf der Ebene Liebe einordnet.

Bei Männern ist wieder das Gegenteil der Fall; sie scheinen raumeinnehmend: Ihr Bedürfnis nach Sex darf ihre inneren Grenzen ungehindert passieren, ihr Bedürfnis nach Liebe wird hingegen unterdrückt. So können sie ständig Resonanzmenschen auf der Ebene Lust wahrnehmen und ansprechen. Die Anzahl der Resonanzmenschen ist im Vergleich zur scheinbaren Auswahl aus der Sicht von Frauen natürlich mehr, denn die Ebene Lust beinhaltet von vorneherein mehr mögliche Kandidat_innen als die Ebene Liebe. Männer haben dann aber, weil sie die Ebene Liebe unterdrücken, Schwierigkeiten, mit einem Gegenüber empathisch und fair umzugehen, also u. A. das Gegenüber nicht zu überfahren – womit sie sowohl bei der Anbahnung eines One-Night-Stands als auch bei der Anbahnung einer Liebesbeziehung dafür ungeeignete Menschen anziehen, denen als Reaktion dann die Wünsche des betreffenden Mannes ebenso egal sind.

Ein Mann hat in diesem System höhere Erfolgschancen, sein Bedürfnis nach Sex auszuleben, wenn er durch Nähehandlungen wie Küssen, Streicheln oder Kuscheln die Ebene Liebe bei einer Frau anspricht. Denn die Ebene Liebe muss in der Rolle „Frau“ erst eingeschalten werden, um die Ebene Lust freizuschalten.

Damit ziehen auf der Highscore-Liste der patriarchalen Lüge Menschen, die die Rolle „Frau“ einnehmen, automatisch den Kürzeren:

Stimmt die Frau einer sexuellen Interaktion zu, bekommt der Mann wenigstens die Erfüllung seines Bedürfnisses nach Sex. Eine Frau bekommt weder das eine, noch das andere, da ihr Fokus auf der Erfüllung ihres Nähe-Bedürfnisses auf der Ebene Liebe liegt, das durch die „leeren“ Handlungen des Mannes von vorneherein nicht inkludiert war.

Aus einer größeren Entfernung verlieren allerdings beide Rollen/alle Geschlechter:

Denn natürlich wünschen sich Frauen Liebe und geilen Sex.
Und natürlich wünschen sich Männer geilen Sex und Liebe.

Und zwar sowohl als Ebene Liebe und Ebene Lust kombiniert (= Verliebtheit/Liebesbeziehung), als auch auf der Ebene Lust an sich (= Sex zum Spaß).

Im Endeffekt erlebt also niemand, was sier sich wünscht.

Die Einzementierung der patriarchalen Lüge – Teil 1/2: Im Mainstream oder: Warum stehen Frauen auf Arschlöcher?

An wen richtet sich der Artikel?
Welche Geschlechter und Orientierungen der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): heterosexuell, heterosexuell lebend wenn bisexuell
Romantische Orientierung(en): heteroamor, heteroamor lebend wenn biamor
Geschlecht(er): alle
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“,
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“
Erweiterbar auf:
  • Mensch in der Rolle „Frau“ wünscht sich Liebe von einem Menschen in der Rolle „Mann“,
  • Mensch in der Rolle „Mann“ wünscht sich Sex von einem Menschen in der Rolle „Frau“,
  • alle sexuellen und romantischen Orientierungen.

Die patriarchale Lüge behauptet:

Frauen wollen keinen Sex, sondern nur Liebe.
Männer wollen keine Liebe, sondern nur Sex.

Wenn diese beiden Rollen aufeinander treffen, haben wir einen Mann, der seinen Wunsch nach Sex direkt an eine Frau richtet – und eine Frau, die angewidert ablehnt, da Sex nur gemeinsam mit der Ebene Liebe existieren darf – und die ist nicht Teil vom Paket.

Die angeborene ehrliche Kommunikation zwischen den Geschlechtern wird dadurch abgeschnitten. An ihre Stelle tritt mit den anerzogenen Rollen eine Kommunikation voller Sekundärmotivationen und „Spielchen“ – von Frauen und Männern gleichermaßen. Das setzt die folgende Kettenreaktion in Gang:

Um sein Bedürfnis nach Sex trotzdem zu befriedigen, fängt ein Mann, der diese Interaktionen durchschaut hat, ganz bewusst an, Frauen die Ebene Liebe vorzuspielen, um Sex zu bekommen. Dadurch verschafft er sich einen Vorteil unter allen Interessenten auf der Ebene Lust: Er übertrumpft alle, die die Ebene Lust ehrlich kommunizieren, da die begehrte Frau nur auf die Männer, die ihr die Ebene Liebe anbieten, positiv reagiert.

Weil Frauen ihre eigene sexuelle Aktivität unterdrücken, Männer diese aber ausleben, sieht aus dem Blickwinkel einer Frau die Männerwelt wie eine endlose Schlange an sexuellen Interessenten aus: Kaum wird dem ersten ein „Nein“ erteilt, steht der nächste bereit. Sehr gut ist das in jeder Online-Kontaktbörse ersichtlich, wo eine Frau von Anschreiben und Anfragen von Männern förmlich bombardiert wird, Frauen jedoch kaum Männer anschreiben.

Würden Frauen ihre sexuellen Wünsche nicht unterdrücken, sondern zulassen, und als Folge davon aktive Anbahnung betreiben, sähe die Anzahl und Häufigkeit der Interessent_innen und Anfragen bei allen Geschlechtern in etwa gleich aus: Männer würden genauso viele Sexangebote von Frauen bekommen, wie Frauen aktuell von Männern.

Ein Mann, der nun gelernt hat, seine Energie darin zu investieren, die Ebene Liebe vorzutäuschen, um so an Sex zu gelangen, sticht aus dieser schier endlosen Auswahl hervor. Der Trick ist nämlich, die Ebene Liebe so perfekt vorzuspielen, dass im Vergleich zu Interessenten, die ihre Persönlichkeit ehrlich mit Ecken und Kanten zeigen, eine Kunstperson übrigbleibt, die scheinbar keine Fehler mehr hat und sich als „Traumprinz“ verkauft. Und das ist präzise die Definition eines Arschlochs.

Dabei ist die Kunstperson des Traumprinzen gar keine ausgeklügelte neue Persönlichkeit, sondern sogar die komplette Abwesenheit einer solchen – im Wesentlichen eine leere Leinwand, auf der eine Frau die Erfüllung ihrer Sehnsüchte zu sehen glaubt: Ihre eigenen unerfüllten Wünsche auf der Ebene Liebe, als auch ihre sexuellen Wünsche auf der Ebene Lust, die sie durch die Rolle „Frau“ unterdrückt: „Endlich ein interessanter Mann, in den ich mich verlieben kann, und der mich richtig verführen wird!“

Dagegen wirken auf den ersten Blick nicht nur ehrliche Interessenten auf der Ebene Lust, sondern sogar ehrliche Interessenten auf der Ebene Liebe unscheinbar, die tatsächliche Liebesbeziehungen werden könnten. Denn diese Menschen haben, wie alle realen Menschen, Ecken und Kanten, der Traumprinz hat hingegen an seinem Schauspieltalent gearbeitet, seine eigenen unangenehmen Seiten bewusst nicht zu zeigen.

Daher entsteht der Eindruck, Frauen würden Arschlöcher sexuell und romantisch bevorzugen: Diese bekommen an Sex und an einer Liebesbeziehung interessierte Frauen, ehrlich kommunizierende Männer gehen auf beiden Ebenen leer aus.

Nun nimmt die Kettenreaktion eine exponentielle Geschwindigkeit an:

Immer mehr Männer, die diese Interaktion durchschauen, stellen resigniert fest, dass eh nur Arschlöcher Erfolg bei Frauen haben. Daraufhin lernen sie, sich selbst wie Arschlöcher zu verhalten, um an Sex zu kommen.

„Aber wie kann ein so toll wirkender Mann ein Arschloch sein?“

Ganz einfach – weil sich hinter der Maske des Traumprinzen immer ein tatsächliches Arschloch versteckt. Darunter kommt ein Mann zum Vorschein, der von der ständigen Ablehnung seiner ehrlichen Kommunikationsversuche auf der Ebene Lust oder der Ebene Liebe so frustriert ist, dass er nun mit einer gehörigen Portion Frauenverachtung und „Halt endlich her, du Scheiß-Frau“ an die Auslebung seiner sexuellen Bedürfnisse herangeht.

Setzt dieses Arschloch seine „Traumprinz-Maske“ auf, haben wir einen Mann, der sexuelle und romantische Erfüllung zu versprechen scheint. In Wirklichkeit sind dies aber nur die exakten Worte, die die angesprochene Frau hören will. Immer wieder sogar nicht einmal das, denn ein geschicktes Arschloch verneint an ihn gerichtete Wünsche einfach nicht, sodass (für ihn) ständig so viele Optionen wie möglich offen bleiben.

Nach Einwilligung zu einem sexuellen Akt seitens der Frau, der ja das Ziel dieses ganzen Spielchens ist, geht die Gleichung für eine beteiligte Frau nicht auf:

Sie bekommt nicht einmal den Furz einer Erfüllung auf der Ebene Liebe – die war ja von vorneherein nicht inkludiert. Außerdem meistens auch keine Erfüllung auf der Ebene Lust. Denn kein Arschloch ist daran interessiert, einer Frau großartig etwas zu geben oder große Sorgfalt auf ihre Befriedigung zu verschwenden. Denn eigentlich verachtet das Arschloch die von ihm verführte Frau – stellvertretend für alle Frauen, die ihn früher abgelehnt oder gar nicht erst bemerkt haben, als er noch ehrlich kommunizierte, weil ein anderes Arschloch ihn überstrahlte.

Menschen in der Rolle „Frau“, die auf diese Taktik der Arschlöcher in der Rolle „Mann“ hereinfallen, sammeln also haufenweise sexuelle und emotionale Enttäuschungen – und unterdrücken ihr eigenes sexuelles Bedürfnis daraufhin noch mehr, da die Auslebung dessen immer in negativen Konsequenzen endet.

Das wiederum vertreibt noch mehr ehrlich kommunizierende Männer, die dann zu Arschlöchern werden, die nächsten Frauen manipulieren, usw.

Und damit sind wir bei der Entstehung von Rape Culture gelandet.

1 2 3 7