Die Distanzskala: Vorstellung des Modells

Ich habe ein Modell entworfen, welches zahlreiche Missverständnisse und Konflikte zwischen zwei Menschen erklärt, die

  • Sex anbahnen,
  • miteinander Sex haben,
  • eine romantische Beziehung anbahnen,
  • oder in einer romantischen Beziehung sind.

Ich nenne das Modell die Distanzskala.

Während es auf der Näheskala darum geht, wie Menschen Vertrauen aufbauen und ehrlich miteinander kommunizieren können, bildet die Distanzskala das Gegenteil ab. Menschen auf der Distanzskala kommunizieren meistens in hässlichen Spielchen und Racheaktionen – je höher die Stufe, desto härter. Ihr gemeinsames Merkmal ist der Glaubenssatz, dass nur stark sein kann, wer (vermeintlich) schwächeren Mitmenschen etwas wegnimmt. Wer diesem Glaubenssatz folgt, bringt immer mehr Distanz und soziale Kälte zwischen sich und alle anderen Menschen.

Die Liebe ist ein seltsames Spiel

Tatsächlich zerlegt die Distanzskala das Patriarchat nach der Transaktionsanalyse in eine Sammlung aus destruktiven Spielen. Die Transaktionsanalyse ist eine Disziplin der Psychologie, die der kanadische Psychotherapeut Eric Berne begründet und in den 1960ern in seinem Buch Spiele der Erwachsenen (im englischen Original Games People Play) veröffentlicht hat.

Ein Spiel, oder besser übersetzt, ein Spielchen, hat den Zweck, Anerkennung oder Aufmerksamkeit von anderen Menschen zu bekommen, ohne dafür eine Gegenleistung zu bringen. Dazu deutet Mensch A eine Gegenleistung an, oder täuscht sogar eine vor, und bekommt dafür eine bestimmte Form von Aufmerksamkeit oder Anerkennung von Mensch B. Will Mensch B diese Gegenleistung dann einlösen, kommt von Mensch A nichts mehr. Diese Art der Kommunikation ist per Definition unfair. Das ist auch ihr Zweck, denn Spielchen dienen der Vermeidung von ehrlicher Kommunikation und echter, energiegebender Nähe. Vor Ehrlichkeit und Nähe hat der_die Spielende nämlich Angst: Das bekannte Unglück fühlt sich einfach sicherer an als das unbekannte Glück.

Die Distanzskala basiert auf den traditionellen Geschlechterrollen, also Sammlungen an un- und halbbewussten Annahmen, Überzeugungen und Verhaltensmustern, die Menschen in einer patriarchalen Kultur anerzogen bekommen. Die gegenwärtige feministische Literatur geht davon aus, dass es genau zwei solche Verhaltensmuster gibt, in denen Frauen und Männer jeweils erzogen werden – diese bezeichne ich als die Rolle „Frau“ und die Rolle „Mann“. Wenn ein Mensch eine dieser Rollen im Alltag un- oder halbbewusst anwendet, produziert das ein von außen deutlich sichtbares Verhalten:

  • Überzeugungen der Rolle „Frau“ produzieren problematische / toxische Weiblichkeit (toxic femininity).
  • Überzeugungen der Rolle „Mann“ produzieren problematische / toxische Männlichkeit (toxic masculinity).

Durch genaue Alltagsbeobachtungen habe ich allerdings festgestellt, dass in diesem Zusammenhang nicht zwei, sondern acht unterschiedliche Verhaltensmuster existieren. Jede Rolle zerfällt nämlich in vier Ausprägungen:

Die vier Verhaltensmuster der Rolle „Frau“ nenne ich:

  • Entitlement Girl,
  • Material Girl,
  • Bitch(prinzessin),
  • Missbrauchstäterin.

Die vier Verhaltensmuster der Rolle „Mann“ nenne ich:

  • Entitlement Guy,
  • Frauenversteher,
  • Traumprinz,
  • Missbrauchstäter.

Die Namen der Stufen sind bewusst plakativ gewählt. Sie folgen der Konvention der Transaktionsanalyse, mit möglichst kolloquialen, „drastischen“ Begriffen einen hohen Erkennungswert beim betroffenen Menschen auszulösen. Darin liegt die Stärke der Distanzskala: Die meisten der beschriebenen Verhaltensweisen sind den betroffenen Menschen großteils unbewusst (was sie nicht weniger destruktiv macht), und können so viel eher bewusst (gemacht) werden. Daraus ergibt sich im Umkehrschluss, welche Überzeugungen und Verhaltensweisen einer schönen, energiegebenden Liebesbeziehung im Weg stehen.

Wie die meisten Spielchen hat die Distanzskala mehrere Härtestufen, die dasselbe Ziel durch eine andere, destruktivere Strategie verfolgen. Daher kommen diese Muster kommen nicht lose vor, sondern bauen als Stufen aufeinander auf.

Die Distanzskala beginnt dort, wo auch das Patriarchat seinen Anfang nimmt: in der Erziehung.

Wenn Eltern und Umfeld eines Kindes sagen, sie erziehen ihr Kind „als Mädchen“ oder „als Bub“, meint das bei den Allermeisten, dass sie das Kind für bestimmte Verhaltensweisen belohnen, andere jedoch bestrafen, mit der einzigen Begründung „weil du ein Mädchen bist“ / „weil das Mädchen nicht machen“ bzw. „weil du ein Bub bist“ / „weil das nichts für Buben ist“. Diese patriarchale Einteilung ist unter dem Begriff Sexismus besser bekannt.

Ein Kind, welches als „Mädchen“ angesprochen wird, entwickelt sich somit über Zeit zu einem Menschen in der Rolle „Frau“. Ein Kind, welches „als Bub“ angesprochen wird, wird hingegen über Zeit zu einem Mensch in der Rolle „Mann“.

Was die Allermeisten allerdings nicht wissen, ist, dass eine solche vollkommen willkürliche Zweiteilung aufgrund des Geschlechts Entitlement, also ungerechtfertigte, unfaire Erwartungen hervorbringt. Weil nämlich ein bestimmtes Geschlecht etwas „darf“, was das andere wiederum „nicht darf“, erhalten die Geschlechter nicht nur unterschiedliche unfaire Nachteile / Pflichten, sondern auch unterschiedliche unfaire Vorteile / Frechheiten. Wenn nun eine Seite gegenüber einem anderen Menschen auf dieser Verteilung mit allen unfairen Vor- und Nachteilen besteht, hat diese Seite eine unfaire Erwartung.

Aus diesem Grund heißt die Stufe 1 der Distanzskala Entitlement Girl bzw. Entitlement Guy.

Die Distanzskala nach Stufe oder: Was Frau und Mann im Patriarchat gemeinsam haben

Die zahlreichen, emotional aufgeladenen Diskussionen über „die Frauen“ und „die Männer“ in den Medien präsentieren regelmäßig, dass deren Sichtweisen absolute Gegenteile wären. Die Distanzskala zeigt jedoch, dass die Geschlechterrollen aus der Vogelperspektive gar nicht so verschieden sind. Im Endeffekt haben sie dasselbe Ziel. Jene Ziele bildet die die Distanzskala als Abfolge von vier Stufen ab:

Die Distanzskala nach Stufe
Schweregrad Grobe Einteilung Motivation und Ziel des Spielchens Gemeinsamer Nenner im Verhalten gegenüber anderen Menschen Ausprägung der Rolle „Frau“ Ausprägung der Rolle „Mann“
1. Stufe Die Unbewussten Anerkennung ohne Gegenleistung von Menschen, die sexuell und/oder romantisch interessant sind Anstrengend, unfair, jammert, ist ständig beleidigt Entitlement Girl Entitlement Guy
2. Stufe Anerkennung ohne Gegenleistung von Menschen, die sexuell und/oder romantisch interessant sind, und der Mehrheit des sozialen Umfelds Vorne zuvorkommend, redet hinterrücks schlecht und betrügt Material Girl Frauenversteher
3. Stufe Die Vampire Anerkennung ohne Gegenleistung der Mehrheit des sozialen Umfelds, und von Menschen, wo sie sich einfach erschleichen lässt Sagt oder macht genau das, was ein ausnutzbarer Mensch hören will, hält nichts, was er_sie verspricht Bitch Traumprinz
4. Stufe Anerkennung ohne Gegenleistung von Menschen, wo sie sich einfach erschleichen lässt, sowie von jedem erreichbaren Menschen, sofort, und mit Gewalt Misshandelt alle erreichbaren Menschen. Je intelligenter, desto gezielter die Opfer und desto versteckter die Übergriffe. Missbrauchstäterin Missbrauchstäter
Die Distanzskala nach Rolle oder: Was Frau und Mann im Patriarchat unterscheidet

Während die Ziele also dieselben sind, gibt es sehr wohl einen gravierende Unterschied: Die Strategie ans Ziel zu kommen, also die Umsetzung einer Stufe, ist je nach Rolle verschieden:

  • Die Rolle „Frau“ täuscht Sex vor, um unfaire Liebe zu bekommen,
  • Die Rolle „Mann“ täuscht Liebe vor, um unfairen Sex zu bekommen.

Der wesentliche Punkt ist unfaire Liebe und unfairer Sex: Damit möchte ich betonen, dass das wirkliche Ziel der ausführenden Menschen ein Machtspielchen ist. Es geht darum, das Gegenüber anstatt als Menschen als Automaten zu behandeln, welche_r ein gerade vorhandenes Bedürfnis befriedigen soll, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten.

Die Distanzskala für die Rolle „Frau“

Hier gibt es die volle Distanzskala für die Rolle „Frau“.

Die Distanzskala für die Rolle „Mann“

Und hier die volle Distanzskala für die Rolle „Mann“.

Die Stufen oder: Wie das Patriarchat Menschen kaputtmacht

Die meisten Menschen behalten das anerzogene Verhaltensmuster ihr Leben lang bei. Dieses verinnerlichte Patriarchat verhindert jedoch, Sex und Liebe gesund auszuleben. Daher sind die meisten Menschen mit einem patriarchalen Verhaltensmuster bereits als Jugendliche zahlreichen Lebenssituationen ausgesetzt, die ihre sexuellen und/oder romantischen Wünsche immer wieder beschneiden. Als Erwachsene fühlen sich diese Menschen dann von ähnlichen Situationen angezogen, welche sie wieder unbefriedigt und frustriert zurücklassen.

Da sie bei Sex und Liebe kaum Qualität erlebt haben, setzen sie nun auf Quantität. Daher versuchen viele Menschen an dieser Stelle, das Loch mit mehr Aufmerksamkeit anderer Menschen zu füllen. Die Distanzskala bildet einen solchen Schritt ab, indem der betreffende Mensch entlang der Distanzskala hinaufwandert. Ein Entitlement Girl wird dann zum Material Girl, und ein Entitlement Guy zum Frauenversteher. Das Wechseln von einer Stufe zur nächsten dauert üblicherweise mehrere Jahre. Dabei probiert der betreffende Mensch unbewusst und schleichend Ignoranzen, Spielchen, und Täuschungsmanöver aus der patriarchalen Umgebung aus, bis die neue Stufe im Verhalten sichtbar wird.

Da die gewünschte Aufmerksamkeit nun einfacher „verfügbar“ ist, bringt der Schritt auf die nächste Stufe erst einmal eine Erleichterung. Das Hässliche an dieser Weiterentwicklung ist jedoch, dass sich durch Spielchen nur kurzfristig Aufmerksamkeit erschleichen lässt. Aufmerksamkeit, die alle Beteiligten auch tatsächlich wollen und meinen, also echte, energiegebende Nähe zu anderen Menschen, entsteht dadurch nicht. Im Gegenteil, die energiefressenden Spielchen verstärken das Grundproblem sogar, bis ein erneutes Raufwandern passiert, um mit der unverändert unglücklichen Situation umzugehen.

Jede neue Stufe entsteht also aus den Erfahrungen, Enttäuschungen und Verletzungen der vorherigen. Deshalb ist es nicht möglich, eine Stufe zu überspringen: Jeder Frauenversteher war einmal ein Entitlement Guy, und jede Bitch einmal ein Material Girl. In ausgeprägt patriarchalen Umgebungen können Menschen jedoch besonders schnell die Distanzskala hinaufwandern, sodass sie weniger als ein Jahr auf einer Stufe verbringen. Das kann etwa ein kirchentreues Dorf am Land sein, aber auch ein Stadtbezirk mit Menschen aus Kulturen, welche mehr Patriarchat als die eurozentrische/westliche haben.

Wenn diese Verändung extrem verläuft, kommt am Ende ein Missbrauchstäter oder eine Missbrauchstäterin heraus. Um ihre unmittelbaren Bedürfnisse zu befriedigen, versuchen diese Typen von Menschen nicht einmal mehr zu kommunizieren. Stattdessen setzen sie jede gerade verfügbare Gewalt ein – physische Gewalt wie Drohungen, Nötigungen, Prügeln, Übergriffe oder psychische Gewalt wie Scapegoating, Gaslighting, Victimblaming und Erpressung. Diese Endstufe zeigt: Indem Geschlechterrollen bis zur letzten Konsequenz gelebt werden, bringt das Patriarchat ungefiltert „das Böse“ im Menschen hervor.

Solange die Situation weder großartig besser noch schlechter wird, oder sogar minimale Verbesserungen erfährt, sodass der betreffende Mensch nicht mehr so akut unglücklich ist, stoppt das die Dynamik, und der Mensch verbleibt auf der jeweiligen Stufe.

Ändert derjenige Mensch den eigenen Lebensentwurf hingegen drastisch und erlebt infolge dessen, dass sexuelle und romantische Wünsche befriedigt werden, kann dies sogar bewirken, dass der betreffende Mensch die Distanzskala langsam hinunterwandert: aus einem Material Girl wird wieder ein Entitlement Girl und aus einem Frauenversteher wieder ein Entitlement Guy.

Diese Entwicklung kann sogar soweit gehen, dass der Mensch die Distanzskala weitgehend verlässt. Die „Stufe 0“ ermöglicht dem betreffenden Menschen einen völlig neuen Charakter: einen gesunden Menschen ohne Geschlechterrolle, welcher unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen das Leben aktiv gestaltet, das sie, er oder sier wirklich will.

Die Distanzskala – Teil 2/4: Alle patriarchalen Dynamiken oder: Treffen sich zwei im Patriarchat erzogene Menschen…

Sobald zwei Ausprägungen der Distanzskala aufeinander treffen, entfalten sie zusammen ein Rollenreaktions-Bullshit-Bingo (Zitat von Oligotropos).

Eine Dynamik der Distanzskala wird losgetreten, wenn:

  1. Eine Seite ein unfaires sexuelles oder romantisches Interesse hat: Ein Mensch stellt Sex oder Liebe in Aussicht, und bekommt dafür Aufmerksamkeit, ohne davon etwas einzulösen. Dabei ist es egal, „wer angefangen hat“. Es reicht, wenn lediglich eine Seite das Spielchen fährt, und die andere Seite damit nur in Kontakt kommt. Allerdings läuft die Dynamik natürlich schneller, wenn beide Seiten von vorneherein ein solches unfaires Interesse haben.
  2. Entgegengesetzte Rollen aufeinander treffen: Es braucht einen Menschen in der Rolle „Frau“ und einen Menschen in der Rolle „Mann“. Das liegt daran, dass ein sexuelles oder romantisches Interesse generell nur zwischen Yin und Yang entstehen kann. Die patriarchalen Rollen sind in dieser Betrachtung eine historisch entstandene toxische Kopie dieses Zusammenspiels: Die Rolle „Frau“ ist ein toxisches Yin (ohne den Yang-Punkt), und die Rolle „Mann“ ist ein toxisches Yang (ohne den Yin-Punkt).

Aus den beiden Bedingungen ergeben sich dann 10 verschiedene Dynamiken: (vier mal die gleichen vier, minus Duplikate). Diese zehn Situationen entsprechen dann vielzitierten „typischen“ Konflikten und Klischees zwischen Frauen und Männern, die aus eigenen Erfahrungen, Erzählungen anderer und der Popkultur bekannt sein werden.

Dabei stimmt die Rolle zwar oft mit dem Geschlecht überein, jedoch können die Rollen genauso:

  • „vertauscht“ sein: die Frau verhält sich in der Rolle „Mann“, und der Mann in der Rolle „Frau“,
  • zwischen zwei Frauen vorkommen: eine Frau verhält sich in der Rolle „Frau“, ihre Partnerin in der Rolle „Mann“,
  • zwischen zwei Männern vorkommen: ein Mann verhält sich in der Rolle „Mann“, sein Partner in der Rolle „Frau“,
  • und überhaupt kann die Dynamik alle Geschlechter treffen.
Das Patriarchat in der Popkultur

Da die patriarchalen Rollen in jeder patriarchalen Gesellschaft allgegenwärtig sind, sind es ebenso die Ausprägungen der Distanzskala. Daher kommen die typischen Konflikte zwischen zwei Menschen jeder Stufe in den meisten Serien, Filmen und Liedern vor, deren Handlung Probleme zwischen Menschen abbildet, die Sex anbahnen, miteinander Sex haben, eine romantische Beziehung anbahnen, oder in einer Beziehung sind.

Im Folgenden habe ich daher einige Lieder zusammengetragen, deren Liedtexte und Stimmungen das Aufeinandertreffen der jeweiligen Stufen ziemlich gut beschreiben. Auch fiktive Charaktere, egal ob aus einem Buch, einem Film oder einer Serie, eignen sich für eine solche Zuordnung. Da die Distanzskala ein Modell über toxische Dynamiken ist, handeln natürlich auch die Lieder, die diese Dynamiken besingen, von Menschen, die Andere ausnutzen, einer unglücklichen Verliebtheit oder Beziehung, oder einer hässlichen Beziehungstrennung.

Alle Lieder gibt es auch als Playlist auf Spotify:

Wissenswertes über Stufe 1:

Die Rollen / Verhaltensmuster Entitlement Girl sowie Entitlement Guy sind in einer patriarchalen Gesellschaft die „Grundeinstellung“ der Geschlechter, welche an Kinder und Jugendliche durch Erziehung vermittelt werden.

Da die unfairen Erwartungen zwischen Geschlechtern verlaufen, treten sie auch genau dort am häufigsten auf, wo das Geschlecht einen tatsächlichen Unterschied macht: beim Sex und in einer romantischen Beziehung. Typisch für Stufe 1 ist daher, dass sich die unfairen Erwartungen zentral an (mögliche) Sexkontakte und (mögliche) Beziehungspartner_innen richten. Diese Eigenschaft strahlt allerdings auch in Lebensbereiche aus, die auf den ersten Blick nicht hineinpassen: So kann ein Arbeitskollege die unbewusst als attraktiv empfundene Arbeitskollegin mit einer unfairen Erwartung (man lese: Sexismus, Ungleichbehandlung einzig und allein aufgrund des Geschlechts) beurteilen. Oder aber eine Frau in einer Freundschaft, aus der sie sich unbewusst „mehr“ erhofft, den Mann vor unfaire, unerfüllbare Aufgaben stellen.

Das Patriachat kennt allerdings kaum eine Eigenschaft ohne Geschlechterzuordnung: erwartetes Essen, Kleidung, Freizeitgestaltung, usw. Daher hat sowohl ein Entitlement Girl als auch ein Entitlement Guy wahrscheinlich hunderte solcher Entitlements, mit noch einmal hunderten Variationen je nach Kultur, sozialer Schicht, und Lebensgeschichte.

Fiktive Entitlement Girls:

The Big Bang Theory: Penny

Friends: Phoebe Buffay

The L Word: Tina Kennard

Entitlement Girl singt über sich selbst:

Christina Aguilera – Genie In a Bottle

Spice Girls – Wannabe

Fiktive Entitlement Guys:

The Big Bang Theory: Howard Wolowitz

Entitlement Guy singt über sich selbst:

Aus der Serie „American Dad!“, Staffel 1, Episode 12: Stan (Seth MacFarlane) – I Want A Wife (Not A Partner)

Stufe 1 trifft auf Stufe 1:

Hier trifft eine typische Frau auf einen typischen Mann, also ein Entitlement Girl auf einen Entitlement Guy (oder umgekehrt). Beide fahren jeweils eine anerzogene Doppelmoral: Jede Seite hat für die eigene Rolle typische, unfaire Erwartungen an das Gegenüber, das diese sofort, ohne Gegenleistung, und am besten noch freudig erfüllen soll.

Ein Entitlement Girl erwartet etwa, dass ihr der Mann jedes ihrer Bedürfnisse von den Augen abliest und sofort erfüllt, noch bevor sie etwas sagen müsste. Ein Entitlement Guy möchte hingegen, dass sich die Frau jede seiner häufigen Jammertiraden vollständig anhört, und dann die Ursache der Beschwerden sofort erleichtert.

Entitlement Girl singt über Entitlement Guy:

Barbara Schöneberger – Das bisschen Haushalt

Aretha Franklin – Respect

Entitlement Guy singt über Entitlement Girl:

Robin Thicke, Pharrell Williams – Blurred Lines

Wissenswertes über Stufe 2:

Ein Material Girl oder Frauenversteher auf Stufe 2 hat unbewusst die eigenen Prioritäten verlagert. Während auf Stufe 1 noch Aufmerksamkeit und Anerkennung des sexuellen Interesses oder Beziehungspartners am wichtigsten sind, geht es auf Stufe 2 aufgrund der Enttäuschungen zu zweit hauptsächlich um die Anerkennung von möglichst vielen anderen Menschen. Daraus erklären sich alle typischen Verhaltensweisen der Stufe 2: Die unbedingte Anpassung an die Erwartungen der Mehrheit des sozialen Umfelds, sowie die Tendenz zu heimlichen Flirts oder einer heimlichen Affäre:

  • viel Anerkennung auf einmal des neuen Menschen,
  • Rache für die fehlende Anerkennung des_der Beziehungspartner_in,
  • die Möglichkeit, Menschen zu „testen“, die für dieselbe Anpassung mehr Aufmerksamkeit „bezahlen“ – als Reserve, falls die vorhandene Beziehung nicht mehr genügend liefert,
  • Heimlichkeit, damit die Anerkennung der (sexuell geschlossenen) Mehrheit weiterhin passiert.
Fiktive Material Girls:

The Big Bang Theory: Amy Farrah Fowler

Friends: Monica Geller, Rachel Green

The L Word: Alice Pieszecki

Material Girl singt über sich selbst:

Madonna – Material Girl

Fiktive Frauenversteher:

The Big Bang Theory: Leonard Hofstadter

Friends: Chandler Bing, Ross Geller

How I Met Your Mother: Marshall Eriksen

The L Word: Bette Porter, Helena Peabody

Frauenversteher singt über sich selbst:

Udo Jürgens – Ich war noch niemals in New York

Fettes Brot – Jein

Stufe 1 trifft auf Stufe 2:

Ein Mensch hat die Entitlements des Gegenübers langsam satt. Ständig herrscht schlechte Stimmung oder hagelt es Vorwürfe – nie kann er_sie es Recht machen. Um auch mal Ruhe zu haben, beginnt der Mensch, immer öfter nachzugeben, also dem Entitlement Girl / Entitlement Guy nicht mehr zu widersprechen, und „für einen netten Abend“ oder „für den Hausfrieden“ zu tun, was gerade eben verlangt wird – und rutscht damit auf Stufe 2, wird also zu einem Material Girl oder Frauenversteher.

Wer jetzt meint, dass auch mal nachgeben zu können wichtig für eine Beziehung ist, hat Recht. Doch hier gibt immer nur der Mensch auf der Stufe 2 nach, während der Mensch auf Stufe 1 die völlige Erfüllung seiner (von vorneherein unfairen) Erwartungen bekommt. Dadurch hat Stufe 2 zwar kurzfristig Ruhe, weil Stufe 1 ausnahmsweise mal zufrieden ist, mittelfristig wird Stufe 2 jedoch immer unzufriedener, da die eigenen Bedürfnisse dauernd zu kurz kommen. Stufe 2 beginnt daher, eine Gegenleistung zu erpressen, indem er_sie das zentrale Bedürfnis des Gegenübers nur gegen „Bezahlung“ im Voraus erfüllt: Ein Material Girl hat nur dann Sex, wenn er ihr etwas Schönes gekauft hat, oder sie zusammen einen romantischen Film gesehen haben. Ein Frauenversteher geht nur dann auf ein Date, oder kuschelt ausgiebig, wenn sie mal wieder einen Blowjob springen ließ.

Material Girl singt über Entitlement Guy:

Tammy Wynette – Stand By Your Man

Barbara Schöneberger – Männer muss man loben

Frauenversteher singt über Entitlement Girl:

Reinhard Mey – Noch’n Lied

Revolverheld – Ich lass für dich das Licht an

Bodo Wartke – Ja, Schatz! (Inhaltswarnung: graphische Schilderung einer Mordfantasie)

Für Stufe 1 erscheint Stufe 2 vorerst als ein angenehmer, netter Mensch, der Bedürfnisse sofort erfüllt, im Gegensatz zu anderen Menschen auf Stufe 1, die ständig die Wünsche des Gegenübers ignorieren, und ihre eigenen unfair einfordern. Deshalb fühlen sich Menschen auf Stufe 1 sexuell und romantisch eher zu Menschen auf Stufe 2 als zu ihrer eigenen Stufe hingezogen. Nach einiger Zeit begreift Stufe 1 jedoch, dass die eigenen Wünsche nur dann erfüllt werden, wenn er_sie einen Vorschuss auf ein „Konto“ eingezahlt hat (in Form von Zeit, Sex, Rechnungen bezahlen, etc.).

Wenn Stufe 1 genügend gesunde Anteile hat, konfrontiert er_sie an dieser Stelle bald den Menschen auf Stufe 2 – wodurch nicht selten dessen Heimlichkeiten bis hin zu einer heimlichen Affäre auffliegen. Wenn Stufe 2 einen Menschen an der Angel hat, der_die mehr Vorschuss für dieselbe Anpassung liefert, verlässt Stufe 2 an dieser Stelle Stufe 1 „für die Affäre“.

Entitlement Guy singt über Material Girl:

Kanye West, Jamie Foxx – Gold Digger

CeeLo Green – F*ck you

Entitlement Girl singt über Frauenversteher:

JoJo – Leave (Get Out)

Rihanna – Take a Bow

Haben Stufe 1 und Stufe 2 hingegen weiter Sex oder eine Beziehung, versucht Stufe 1, den Misstand auszugleichen, indem er_sie ebenfalls nur gegen einen Vorschuss Aufmerksamkeit hergibt – und wandert dadurch ebenfalls auf Stufe 2.

Stufe 2 trifft auf Stufe 2:

Beide Menschen haben in der Beziehung als wichtigstes Ziel die Anerkennung der Mehrheit ihres sozialen Umfelds. Daher befinden sich zwei Menschen auf Stufe 2 in einem ständigen Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit anderer Menschen: Ein Material Girl setzt Sex ein, damit er ihr etwas Schönes kauft, das sie dann ihren neidischen Freundinnen, Arbeitskolleginnen oder Nachbarn stolz präsentieren kann. Ein Frauenversteher setzt romantische Aufmerksamkeit und Geld ein, damit sie sich genauso kleidet und verhält, damit ihn seine Kumpels, Arbeitskollegen, oder Nachbarn um seinen „Fang“ beneiden. Natürlich eignet sich dafür jedes andere Statussymbol, wie der tolle Job, den er haben muss, oder das schöne Haus, das sie einrichtet, etc. Um die persönlichen Bedürfnisse der beteiligten Menschen geht es fast nie.

Material Girl singt über Frauenversteher:

Black Eyed Peas – My Humps

Peggy Lee – Big $pender

Frauenversteher singt über Material Girl:

Die Prinzen – Alles Nur Geklaut

Frauenversteher und Material Girl singen übereinander:

Big Brovaz – Favourite Things

Aus der Serie „Buffy the Vampire Slayer“, Staffel 6, Episode 7 (die Musical-Folge):
Xander (Nicholas Brendon) and Anya (Emma Caulfield) – I’ll Never Tell

So steigt die Frustration, bis die Beteiligten mehr nebeneinander als miteinander leben, oder sogar bis das scheinbar perfekte Paar, dessen Beteiligte aus Sicht der Umgebung „alles (erreicht) haben“, entweder aufgrund einer aufgeflogenen Affäre, oder eines heftigen Beziehungskrachs über all die verschwiegenen Bedürfnisse, in eine Beziehungskrise schlittert.

Der häufigste Ausgang dieser Beziehungskrise ist eine hässliche Beziehungstrennung, weshalb es genau über dieses Szenario bekannte Lieder gibt:

Material Girl singt über Frauenversteher:

Gitte Haenning – Ich hab geglaubt, du bist verliebt

Frauenversteher singt über Material Girl:

Sunrise Avenue – Fairytale Gone Bad

Frauenversteher und Material Girl singen übereinander:

Gotye and Kimbra – Somebody That I Used To Know

Haben Stufe 1 und Stufe 2 hingegen weiter Sex oder eine Beziehung, kann das in zwei Dynamiken münden:

Wenn beide Menschen auf Stufe 2 genügend gesunde Anteile haben, kann eine solche Krise eine Auseinandersetzung mit den eigenen Wünschen bewirken, etwa in eine Paartherapie nach einer Affäre und eine bessere Kommunikation über eigene Wünsche in der Beziehung. Dadurch wandern beide Beteiligte üblicherweise zurück auf Stufe 1.

Gefährlich wird es jedoch, wenn eine Seite von dem Konflikt emotional so enttäuscht ist, dass er_sie davon ausgeht, dass Liebe eh immer schlecht endet, und dass „alle so sind“ und „es immer so läuft“. So ein Mensch trennt sich dann nicht, arbeitet aber gleichzeitig auch nicht an der Beziehung – wozu denn, man wird doch eh nur ausgenutzt.

Wenn sich eine Seite nicht damit auseinandersetzen will, was die Krise verursacht hat, und nichts an den eigenen Verhaltensweisen ändern will,

versucht Stufe 1, den Misstand auszugleichen, indem er_sie ebenfalls nur gegen einen Vorschuss Aufmerksamkeit hergibt – und wandert dadurch ebenfalls auf Stufe 2.

Wissenswertes über Stufe 3:

Einem Menschen auf der Stufe 3, also einer Bitch oder einem Traumprinzen, geht es zwar immer noch um die Anerkennung möglichst vieler Menschen, jedoch gestalten diese die Suche nach Anerkennung „effizienter“: Die Meinung der Mehrheit des sozialen Umfelds ist nur solange wichtig, bis sich ein Opfer findet, welches sich durch Manipulationen leicht ausbeuten lässt, also für möglichst wenig Aufwand möglichst viel Aufmerksamkeit zur Verfügung stellt.

Für ihre Manipulationen tragen sowohl Bitch als auch Traumprinz im sozialen Umgang eine „Maske“: Sie sagen oder machen ganz genau das, was das Gegenüber ihrer Meinung nach hören will, und bekommen damit im Vergleich zu den unteren Stufen schnell viel Aufmerksamkeit. Dabei ist die „Maske“ gar keine künstliche Persönlichkeit, sondern vielmehr eine leere „Leinwand“, auf die ein unbefriedigtes, unglückliches Gegenüber die Erfüllung der dringendsten eigenen sexuellen oder romantischen Wünsche projeziert.

Bei einem anfälligen Gegenüber äußert sich diese Projektion als Idealisierungsfantasie: Der Mensch auf der Stufe 3 ist dann plötzlich „sooo toll“ oder „sooo interessant“, ohne dass dieser Mensch irgendetwas Tolles oder Interessantes getan hätte – wenn sich die Menschen bereits kennen, lassen sich für Außenstehende bei Stufe 3 sogar eindeutig ungute und verletzende Reaktionen erkennen – die sich der betroffene Mensch mit der Idealisierung üblicherweise wegerklärt. Je kompatibler die Menschen hinsichtlich Erziehung und Werthaltungen sind, desto konkreter kann die Idealisierungsfantasie werden. Deshalb haben für Idealisierungen anfällige Menschen üblicherweise einen „Typ“, und „verfallen“ nicht automatisch jedem Menschen auf Stufe 3.

Die Maske ist für beide Seiten toxisch

Menschen auf Stufe 3 „verlieren ihre Seele“, bis sie bald selbst nicht mehr wissen, was jetzt Maske, und was sie selbst sind. Solche Menschen suchen dann ausschließlich in anderen Menschen, was sie in sich selbst nicht mehr finden: Selbstwertgefühl, Sinn, Identität, etc. Das macht Menschen auf Stufe 3 völlig abhängig von der „richtigen“ Aufmerksamkeit anderer Menschen, welche sie sich „organisieren“, indem sie ihr soziales Umfeld immer härter kontrollieren.

Da Maske und Machtspielchen viele emotionale Ressourcen fressen, ist Stufe 3 ständig auf der Suche nach einer „billigeren“ Aufmerksamkeitsquelle. Sobald ein Mensch zu „aufwändig“ wird, indem er_sie Stufe 3 hinterfragt, oder gar die Versprechungen der „Maske“ einfordert, verschwindet Stufe 3 schlagartig, um die gesuchte Aufmerksamkeit woanders zu konsumieren. In einer Beziehung versprechen Menschen auf Stufe 3 daher gerne Bindung (das bringt die wertvollste Form von Aufmerksamkeit) und verweigern sie im Anlassfall („Was, du bist krank? Nein, ich hab gerade keine Zeit.“) oder beenden sogar plötzlich die Beziehung, nur um wenig später wieder zurück zu wollen. Solche Aktionen bezeichnen Menschen auf Stufe 3 dann gerne als „erwachsen“, „unabhängig“, oder „Freiheit“.

Fiktive Bitches:

The Big Bang Theory: Bernadette Rostenkowski

How I Met Your Mother: Lily Aldrin, Robin Scherbatsky

The L Word: Jenny Schecter (am Anfang der Serie)

Bitch singt über sich selbst:

Icona Pop – I Love It

Aus dem Musical „Cabaret“: Sally Bowles  – Mein Herr

Ariana Grande – Thank U, Next

Nelly Furtado – I’m Like a Bird

Anouk – Nobody’s Wife

Fiktive Traumprinzen:

Friends: Joey Tribbiani

How I Met Your Mother: Barney Stinson, Ted Mosby

The L Word: Shane McCutcheon, Eva „Papi“ Torres

Traumprinz singt über sich selbst:

Genesis – I Can’t Dance

Bob Seger – Turn the Page

The Who / Limp Bizkit – Behind Blue Eyes

David Lee Roth – Just a Gigolo / I Ain’t Got Nobody

Die Dynamik zwischen einer Frau auf Stufe 1 (Entitlement Girl) oder Stufe 2 (Material Girl) und einem Mann auf Stufe 3 (Traumprinz) ist darüber hinaus einer der Grundpfeiler des Patriarchats, weil sie bei Frauen die Unterdrückung von sexuellen, und bei Männern die Unterdrückung von emotionalen Bedürfnissen noch weiter verstärkt. Mehr dazu unter: Warum stehen Frauen auf Arschlöcher?

Stufe 1 trifft auf Stufe 3:

Ein Traumprinz oder eine Bitch kann durch die „Maske“ bei einem anfälligen Menschen auf Stufe 1, also einem Entitlement Girl oder Entitlement Guy, eine Idealisierungsfantasie auslösen. Da Menschen auf Stufe 1 ihre Bedürfnisse zumindest irgendwie mitteilen, wenn auch in einer unfairen Art, bekommen sie diese auch öfter erfüllt. Sie sind daher nicht so unglücklich wie Menschen auf höheren Stufen, wodurch die Idealisierungsfantasie nicht voll anfährt, und die unguten Kontrollspielchen von Stufe 3 das „Bild“ leicht verstören können.

Für Stufe 1 reagiert Stufe 3 durch das typische „Komm her – geh weg“-Spielchen immer wieder unvorhersehbar, und erscheint dadurch als „erfahren“, „interessant“, oder einfach „anders“ – im Gegensatz zu anderen Menschen auf Stufe 1, die immer die gleichen ignoranten Manöver probieren. Dann gibt es aber noch Menschen auf Stufe 2, die nett und angenehm wirken, im Gegensatz zu den „Launen“ von Stufe 3. Deshalb fühlen sich Menschen auf Stufe 1 erst einmal sexuell und romantisch zu Menschen auf Stufe 2 hingezogen. Nach einiger Zeit jedoch langweilt sich Stufe 1 mit Stufe 2, und zwar sobald Stufe 2 durch die immer gleichen „Ja, Schatz“-Reaktionen ebenfalls vorhersehbar wird. An dieser Stelle findet Stufe 1 einen unvorhersehbaren Menschen auf Stufe 3 plötzlich ungeheuer interessant.

Entitlement Girl singt über Traumprinz:

Maria Bill – I mecht landen

Alicia Keys – Fallin‘

Pat Benatar – Treat Me Right

Skunk Anansie – Hedonism (Just Because You Feel Good)

Miley Cyrus – Wrecking Ball

Stufe 3 sieht Stufe 1 einerseits als „Frühstück“, weil Stufe 1 unerfahren ist, und naiv auf die meisten Manipulationen von Stufe 3 hereinfällt.

Traumprinz singt über Entitlement Girl:

Guns N’Roses – It’s So Easy

Georg Danzer – Vorstadtcasanova

EAV – Küss die Hand, schöne Frau (Unzensierte Maxi-Version)

Michael Jackson – Billie Jean

Andererseits jedoch erinnert Stufe 1 den Menschen auf Stufe 3 unbewusst an eine einfachere Zeit – als Stufe 3 noch eine Seele hatte, und an eine bessere Welt glaubte. Deswegen verklärt Stufe 3 gerne Stufe 1 als „Neuanfang“, „unschuldige Jugend“, und dergleichen. So sind männliche Traumprinzen oft von weiblichen „Jungfrauen“ fasziniert, da sie diesen zuschreiben, aufgrund ihrer Unerfahrenheit selbst die unbemühteste und ignoranteste Art Sex (wenig Aufwand) noch beeindruckend zu finden (viel Aufmerksamkeit). Diesen Eindruck enttäuscht Stufe 1 jedoch schnell, indem er_sie nicht „gratis“ ist, sondern wie jeder reale Mensch Wünsche in die Gegenrichtung hat, und/oder die für Stufe 1 typischen unfairen Forderungen stellt.

Damit Stufe 3 unvorhersehbar reagieren (und so auch manipulieren) kann, braucht er_sie jedoch ein vorhersehbares Gegenüber. Die eigene Fehleinschätzung verunsichert Stufe 3 daher völlig, worauf Stufe 3 mit Paranoia reagiert, und hinter jedem indirekten Kommunikationsversuch und jeder aufgeblasenen Geschichte von Stufe 1 ein Manöver nach dem eigenen Stil (auf Stufe 3) vermutet. Um sich weiterhin mächtig zu fühlen, beginnt Stufe 3 daher, Stufe 1 bei jeder Gelegenheit nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ emotional zu attackieren. Auf jeden Gesprächsversuch von Stufe 1 („Was hast du denn?“), reagiert Stufe 3 außerdem mit Gesprächsverweigerung in Form von Verächtlichkeit, Gaslighting oder offener Verachtung.

Wenn Stufe 1 genügend gesunde Anteile hat, verlässt er_sie an dieser Stelle bald den übergriffigen Menschen auf Stufe 3.

Entitlement Girl „am Weg raus“, singt über Traumprinz:

Nancy Sinatra – These Boots Are Made For Walking

Jennifer Lopez – Qué Hiciste

Taylor Swift – I Knew You Were Trouble

Kelly Clarkson – Since U Been Gone

Gloria Gaynor – I Will Survive

Stefanie Werger – Stoak wie a Felsen

Entitlement Guy „am Weg raus“, singt über Bitch:

Jack Johnson – Sitting, Waiting, Wishing

The All-American Rejects – Gives You Hell

Wise Guys – Nur für dich (beginnt als Frauenversteher, wechselt mitten im Lied auf Entitlement Guy)

Wünscht sich Stufe 1 hingegen weiter Sex und/oder eine Beziehung von Stufe 3, und hält deswegen Kontakt, wandert er_sie bald auf Stufe 2, um über „Ich mach alles, was du willst“ mehr (positive) Aufmerksamkeit von Stufe 3 zu bekommen. Das Ignorieren der eigenen Bedürfnisse macht den betroffenen Menschen allerdings anfälliger für Idealisierungen, was eine besonders hässliche Dynamik (siehe Stufe 2 trifft auf Stufe 3) in Gang setzt.

Stufe 2 trifft auf Stufe 3:

Menschen auf Stufe 2 sind besonders anfällig für eine Idealisierungsfantasie, da sie ständig mit der Wunscherfüllung von anderen beschäftigt sind (den Entitlements der Stufe 1 oder den Erwartungen der Mehrheit auf Stufe 2), und in der Idealisierungsfantasie einen Menschen sehen, der endlich ihnen ihre tiefsten Wünsche erfüllt (wenigstens im Traum…).

Material Girl singt über Traumprinz:

Boney M – Daddy Cool

Connie Francis – Schöner Fremder Mann (über eine Idealisierungsfantasie)

Carly Rae Jepsen – Call Me Maybe

Duffy – Mercy

Britney Spears – Toxic

Agnes – Release Me

The Cardigans – My Favourite Game

Frauenversteher singt über Bitch:

James Blunt – You’re Beautiful (über eine Idealisierungsfantasie)

Radiohead – Creep

Xavier Naidoo – Sie sieht mich nicht

Hozier – Take Me To Church

Alice Cooper – Poison

Soft Cell – Tainted Love

Maroon 5 – This Love

Dies ist jedoch eine Falle. Denn Stufe 3 erfüllt von den angedeuteten oder versprochenen Dingen der „Maske“ nur den Bruchteil, der gerade bequem ist. Sobald Stufe 3 sich genügend Aufmerksamkeit (in Form von Sex, Freundschaft, Liebe, etc.) geholt hat, verliert er_sie bald das Interesse am Gegenüber. Wie lange dieses Interesse anhält, ist manchmal ein geplantes Machtspielchen, meistens jedoch ganz einfach unklar, bis eine Gelegenheit für mehr Aufmerksamkeit die Sache kurzfristig entscheidet. Gerne hält sich Stufe 3 daher Stufe 2 mit gelegentlichen kurzen Kontaktaufnahmen für die nächste Aufmerksamkeitslieferung warm.

So sind zahlreiche Begriffe, welche als „Dating-Vokabular“ in den 2010er-Jahren populär wurden, in Wirklichkeit toxische Verhaltensmuster von Menschen auf Stufe 3: Stashing, Breadcrumbing, Benching, und schließlich Ghosting.

Geht eine solche Manipulation über Monate oder Jahre, produziert sie auf Stufe 2 emotional zutiefst verletzte und enttäuschte Menschen, die oft Jahre brauchen, um Misstrauen gegenüber neuen Menschen abzustellen, und sich (wieder) auf etwas Ernsthaftes einzulassen. Auf Stufe 3 bleiben getriebene Menschen übrig, die weder eine bedeutungsvolle soziale Verbindung zu einem anderen Menschen, noch alleine zu sein lange ertragen, weil sie „nicht mehr in den Spiegel schauen können“, und nur mehr für den „nächsten Schuss“ Aufmerksamkeit leben.

Traumprinz singt über Material Girl:

Mark Ronson & Bruno Mars – Uptown Funk

EAV – Märchenprinz

Roger Cicero – Kein Mann für eine Frau

Die Ärzte – Zu Spät (beginnt als Frauenversteher, wechselt im Refrain auf Traumprinz)

Bitch singt über Frauenversteher:

Carrie Underwood – Before He Cheats

Meredith Brooks – Bitch

Britney Spears – Oops!…I Did It Again

Marshmello & Anne-Marie – FRIENDS (was nach „Oops!…I Did It Again“ üblicherweise passiert)

Stufe 3 trifft auf Stufe 3:

Hier treffen eine Bitch und ein Traumprinz aufeinander. Beide handeln nach dem Motto:

„Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt“.

Und tatsächlich ähnelt ein sexuelles oder romantisches Interesse zwischen beiden einem strategisch geführten Krieg. Beide Seiten versuchen sich gegenseitig zu manipulieren, mit dem Ziel, möglichst wenig Aufmerksamkeit, also Interesse am und Zeit mit dem Gegenüber, herzugeben.

Hat eine Seite „zu viel“ Bedürftigkeit gezeigt, und droht dadurch das Spielchen zu verlieren, wird mit Manipulationen anderer Menschen (siehe Stufe 1 trifft auf Stufe 3 und Stufe 2 trifft auf Stufe 3) der eigene „Punktestand“ aufgebessert.

Wenn eine Seite schon länger auf Stufe 3 ist, die andere jedoch gerade erst die Stufe erreicht hat, bewundert der unerfahrene Mensch oftmals, dass der erfahrene auf Manipulationen nicht reagiert, und lässt sich darum mit ihm_ihr ein. Der erfahrene profitiert dabei von der billigen Aufmerksamkeit des unerfahrenen.

Treffen zwei sexuell inkompatible Menschen auf Stufe 3 aufeinander, „adoptiert“ der erfahrene nicht selten den unerfahrenen Menschen, und versorgt diese_n mit Tipps, wie Manipulationen gelingen. Natürlich wendet der unerfahrene Menschen die gelernten Spielchen sofort auf den erfahrenen an, sollte der_die einmal einen schwachen Moment haben.

Traumprinz singt über Bitch:

Justin Timberlake – Cry Me A River

Blackstreet ft. Dr. Dre, Queen Pen – No Diggity (ein unerfahrener Traumprinz über eine erfahrene Bitch)

Wolfgang Ambros – Die Blume aus dem Gemeindebau (ein unerfahrener Traumprinz über eine erfahrene Bitch)

Rammstein – Du Hast

Bitch singt über Traumprinz:

Gitte Haenning – Freu dich bloß nicht zu früh

La Roux – Bulletproof

Lady Gaga – Poker Face

Katy Perry – Hot N Cold

Taylor Swift – We Are Never Ever Getting Back Together

Britney Spears – …Baby One More Time

Genau diese Strategie, „schwache Momente“ als Angriffsmöglichkeit zu sehen, wird einer Bitch oder einem Traumprinzen jedoch mittelfristig zum Verhängnis: Beide erleben immer wieder, dass sie sich auf den Anderen nicht verlassen können – schon gar nicht, wenn sie gerade Unterstützung oder echte Nähe brauchen würden. Nach einigen tiefen Enttäuschungen und hässlichen Trennungen ist Stufe 3 daher völlig gebrochen. Stufe 3 schwört sich, dass er_sie nie wieder anderen Menschen vertrauen, und jedes tatsächliche oder vermutete Spielchen in Zukunft mit Gewalt lösen wird. Dadurch wandert Stufe 3 auf Stufe 4 – wird also zum Missbrauchtäter oder zur Missbrauchstäterin.

Wissenswertes über Stufe 4:

Menschen auf der Stufe 4, also Missbrauchstäter und -innen, wissen sehr genau, dass sie mit ihrem Verhalten ihren Opfern schweren Schaden zufügen und/oder kriminell sind. Da sie im Laufe ihrer Lebensgeschichte auf der Distanzskala hinaufgewandert sind, denken sie jedoch, dass dies der einzige Weg sei, um garantiert Bedürfniserfüllung und Aufmerksamkeit von anderen Menschen zu bekommen: „Die anderen würden mich auch einfach sterben lassen!“ / „Der Mensch ist des Menschen Wolf.“

Daher wählt Stufe 4 das eigene Umfeld mit Bedacht aus – es muss genügend Opfer haben, die sich nicht wehren, damit Stufe 4 Aufmerksamkeit bekommt, sowie verlässliche Mitläufer_innen, die Missstände gegenüber den Opfern sowie Außenstehenden wegerklären.

Dazu benutzt Stufe 4 die „Maske“, die er_sie auf Stufe 3 gelernt hat, und setzt sie gezielt ein, um bei misstrauisch gewordenen Gegenübern eine Idealisierungsfantasie auszulösen, und damit sowohl Opfer als auch Mitläufer_innen zu steuern. Damit kann ein prügelnder Lebensgefährte lange genug gegenüber seiner Frau beteuern, dass es ihm sooo Leid tut, bis sie ihn zurücknimmt, oder eine Frau, die ihre Erpressungen zu weit getrieben hat, die arme, treusorgende Ehefrau spielen, die ja „nur das Beste“ für ihren Mann wollte.

Fiktive Missbrauchstäterinnen:

The L Word: Jenny Schecter (am Ende der Serie)

Missbrauchstäter singt über sich selbst:

Die Toten Hosen – Alles aus Liebe

Stufe 1 trifft auf Stufe 4:

Ein Mensch auf der Stufe 1 (Entitlement Girl oder -Guy) findet einen kompatiblen Menschen auf Stufe 4 (Missbrauchstäter_in) ähnlich „anders“ oder „interessant“ wie Stufe 3, und zwar wenn die geübte „Maske“ von Stufe 4 eine Idealisierungsfantasie auslöst. Diese Fantasie ist auf Stufe 1 allerdings noch leicht verstörbar. Das passiert, sobald sich Stufe 4 in Sicherheit wähnt, die Maske daher weglässt, und das Gegenüber misshandelt. Dann gibt es für Stufe 1 zwei Möglichkeiten, zu reagieren:

Wenn Stufe 1 genügend gesunde Anteile hat, verlässt er_sie an dieser Stelle bald den übergriffigen Menschen auf Stufe 4.

Wünscht sich Stufe 1 hingegen weiter Sex und/oder eine Beziehung von Stufe 4, und hält deswegen Kontakt, wandert er_sie bald auf Stufe 2, um über „Ich mach alles, was du willst“ Stufe 4 keinen Grund für Misshandlungen zu geben. Das Ignorieren der eigenen Bedürfnisse macht den betroffenen Menschen allerdings anfälliger für Idealisierungen, was die Dynamik von Gewalt in der Beziehung (siehe Stufe 2 trifft auf Stufe 4) in Gang setzt.

Stufe 2 trifft auf Stufe 4:

Sobald ein Material Girl oder Frauenversteher auf Stufe 2, und eine Missbrauchstäterin oder ein Missbrauchstäter auf Stufe 4 ausreichend kompatibel sind, beginnt die Katastrophe:

Stufe 2 ist durch sein Verhalten sowohl das perfekte Opfer, weil am anfälligsten für Idealisierungsfantasien, als auch der perfekte Mitläufer, wegen der unbedingten Anerkennung des sozialen Umfelds. Stufe 4 „organisiert“ sich daher mithilfe der „Maske“ einen möglichst hilflosen Menschen auf Stufe 2. Seine Spielchen betreibt Stufe 4 so lange, bis Stufe 2 entweder hündisch ergeben ist, und/oder existenziell abhängig, indem er_sie kein eigenes Geld mehr verwaltet, und / oder von allen anderen bedeutsamen Menschen abgeschnitten ist. Ist das eingezogen, lässt Stufe 4 der eigenen Gewalt freie Bahn, und bedient nur dann die „Maske“, wenn sich das Opfer durch andere Mittel nicht kontrollieren lässt.

Stufe 2 versteht hingegen die Welt nicht mehr:

„Als wir uns kennengelernt haben, war er_sie ganz anders.“

Um möglichst wenig Gewalt abzubekommen, fügt sich Stufe 2 jeder Regung von Stufe 4, und versucht jede Kleinigkeit Recht zu machen – und holt sich fehlende Anerkennung anderswo. Stufe 4 findet jedoch, dass jegliche Aufmerksamkeit und Anerkennung von Stufe 2 ihm_ihr „allein gehört“, und befürchtet, dass Stufe 2 durch Kontakt zu anderen Menschen jemand Besseren finden könnte. Deswegen veranstalten Menschen auf Stufe 4 regelmäßig paranoide Eifersuchtsdramen, und halten ihre Opfer durch Drohungen oder Wegsperren von anderen Menschen fern. Wenn Stufe 4 durch dieses Verhalten auffliegen würde, lässt Stufe 4 zwar Kontaktpersonen zu, allerdings nur solange diese völlige Mitläufer_innen (mehr auf Stufe 2 als das Opfer, oder Stufe 3) sind.

Währenddessen versucht Stufe 2 die Dramen und die Gewalt von Stufe 4 nach außen hin so gut wie möglich zu verstecken, und hält krampfhaft das Bild der „heilen Familie“ aufrecht, um nicht auch noch die Anerkennung des sozialen Umfelds zu verlieren.

Missbrauchstäter und Material Girl singen übereinander:

Eminem ft. Rihanna – Love the Way You Lie

Stufe 3 trifft auf Stufe 4:

Manipulationen, die bleibenden Schaden hinterlassen, hat der Mensch auf Stufe 3 bisher vermieden. Die waren ihm_ihr dann doch nicht ganz geheuer. Doch da Menschen auf Stufe 3 nichts wichtiger ist als Status, und geschickte Missbrauchstäter_innen in einer patriarchalen Gesellschaft oftmals einen hohen Status haben, blickt ein Mensch auf Stufe 3 bald bewundernd auf einen skrupellosen Menschen auf der Stufe 4: Diese Menschen schrecken vor nichts zurück, und bekommen dadurch jederzeit alles, was sie sich gerade einbilden. Also möchte Stufe 3 unbedingt Aufmerksamkeit von Stufe 4 bekommen, um dadurch im Status befördert zu werden – und um bei dessen Opfern nachzutreten.

Bitch singt über Missbrauchstäter:

Lady Gaga – Bad Romance

Für Stufe 4 ist Stufe 3 natürlich ein willkommener Trottel, den er_sie genauso wie alle Anderen in seiner Umgebung ausbeuten kann. Im Gegensatz zu den unteren Stufen ist Stufe 3 jedoch praktisch, da dessen ständige Manipulationen unerwünschte Menschen verwirren oder fernhalten, welche sonst die Machenschaften des_der Missbrauchstäter_in aufdecken würden.

Missbrauchstäter singt über Bitch:

The Police – Every Breath You Take

Bob Dylan – All Over You

Stufe 4 trifft auf Stufe 4:

Zwei Menschen auf Stufe 4, die miteinander Sex haben, oder in einer Beziehung sind, wissen beide, dass ihr Gegenüber ohne Hemmungen jede erdenkliche Gewalt anwenden wird. Daher halten sie ihren Zustand durch ein „Gleichgewicht des Schreckens“ aufrecht. Dazu gestehen sich beide ein eigenes Netzwerk aus Opfern zu, an denen sie sich abreagieren können. Die Stimmung schwankt dabei zwischen Auflauern zum Selbstschutz und Bewunderung, wenn dem Gegenüber ein besonders guter „Coup“ gelungen ist.

Missbrauchstäter singt über Missbrauchstäterin:

Scissor Sisters – I Can’t Decide

Die Distanzskala – Teil 2/4, Ergänzung: Menschen, fiktive Charaktere oder Lieder einordnen

Der Abschnitt Die Distanzskala – Teil 2/4: Alle patriarchalen Dynamiken oder: Treffen sich zwei im Patriarchat erzogene Menschen… erklärt die „typischen“ Konflikte und Verletzungen zwischen Frauen und Männern – und allen Menschen, die sich überwiegend nach einer patriarchalen Rolle verhalten – anhand fiktiver Charaktere in Serien, sowie Liedern aus der Popkultur (Hier geht es zur Playlist auf Spotify). Sogar Handlungen von formulaischen Filmen, etwa Romcoms, folgen mit ihren Hauptcharakteren üblicherweise einer Dynamik der Distanzskala.

Wozu Menschen nach toxischen Verhaltensweisen einteilen?

Energiefressende Verhaltensweisen – wie jene, welche die Distanzskala beschreibt – haben gemeinsam, dass sie meistens versteckt ablaufen: Die Leidtragenden fühlen sich missachtet, beleidigt, oder verletzt, können jedoch oft nicht die konkrete Ursache benennen. Das ermöglicht dem ausführenden Menschen, weiter Schaden anzurichten, bzw. sogar bei den Leidtragenden toxische Verhaltensweisen auszulösen, wodurch sich das ganze System in einem energiefressenden Zustand hält.

Wer Menschen auf der Distanzskala einordnet, kann danach einige der energiefressenden Verhaltenweisen konkret benennen bzw. korrekt vorhersagen, und Maßnahmen ergreifen, welche den Schaden verringern: Der leidtragende Mensch kann den ausführenden Menschen darauf ansprechen, und andere Verhaltensweisen vorschlagen. Und der ausführende Mensch kann erkennen, dass er_sie gerade Schaden anrichtet, sich fragen, ob er_sie das wirklich will, und selbst eine Verhaltensänderung beginnen.

Außerdem hilft die Distanzskala dabei, die Schwere des Schadens einzuschätzen. Das ist wichtig, denn viel aktuelle Kritik von patriarchalen Verhaltensweisen geht daran schief, dass dabei alle Menschen, die sich irgendwie unfair verhalten haben, in einen Topf geworfen werden. In Folge werden eindeutig unfaire Menschen, die jedoch keine Gewalt ausüben, mit derselben Ablehnung wie Gewaltverbrecher behandelt. Das Schlimme an diesem Herangang ist, dass damit einerseits Gewalt verharmlost wird, und dass andererseits Opfer solcher Verbrechen sich nicht nur durch ihr eigenes Trauma, sondern auch noch eine verwirrende Sprache wühlen müssen, um ihre Anliegen durchzusetzen. Die Distanzskala ermöglicht durch ihre verschiedenen Stufen eine bessere Einordnung, und kann dadurch sowohl Menschen, die Alltagssexismus erfahren, als auch Opfern von Gewalttäter_innen gleichermaßen zu einer verständlicheren Sprache verhelfen.

Fiktive Charaktere auf der Distanzskala einzuordnen kann bei der Beurteilung eines „guten Films“ oder einer „guten Geschichte“ helfen: Wenn der Film eine toxische Dynamik abbildet, sollte er eher als abschreckendes Beispiel oder „Anleitung zum Unglücklichsein“ geschaut werden – und nicht als Vorbild für sexuelle Abenteuer und/oder romantische Beziehungen im echten Leben dienen.

Sowohl fiktive Charaktere als auch Lieder auf der Distanzskala einzuordnen kann wiederum ermöglichen, Menschen einzuschätzen: Wer die meisten Entscheidungen einer Bitch in einem Film gut findet, und diese in Diskussionen verteidigt, ist höchstwahrscheinlich selbst eine Bitch. Wer bei einem Lied, das den Innenzustand eines Frauenverstehers schildert, sehr mitfühlt, oder es „zwar problematisch, aber doch die Wahrheit“ findet, ist höchstwahrscheinlich selbst ein Frauenversteher. Und wenn das Lied eine Dynamik zwischen zwei Stufen der Distanzskala abbildet, hat derselbe Mensch entweder eine unverarbeitete Ex-Beziehung mit dieser Dynamik, was in nachfolgende Verliebtheiten oder Beziehungen hineinstören wird, oder lebt sogar in einer Beziehung, in der ebenjene Dynamik gerade läuft.

Ein paar Tipps zum Einordnen auf der Distanzskala
Die passende Rolle

Wie ich entdeckt habe, ist die Rollenverteilung in Medien für den Mainstream erschreckend klassisch: Männliche Sänger / Charaktere sind auf der Distanzskala der Rolle „Mann“, und weibliche Sängerinnen / Charaktere auf der Distanzskala der Rolle „Frau“. Diese Vorannahme funktioniert daher meistens.

Wer sich bei der Rolle unsicher ist, kann:

  1. Das Spielchen nachvollziehen:
    • Mensch täuscht sexuelle Verfügbarkeit vor -> Rolle „Frau“
    • Mensch täuscht emotionale Verfügbarkeit vor -> Rolle „Mann“
  1. Oder wenn eine Rolle bereits bekannt ist, für die zweite Rolle einfach das Gegenstück annehmen (weil es für die Distanzskala eine Rolle „Frau“ und eine Rolle „Mann“ braucht).

Wer „vertauschte“ Rollen oder Rollen bei lesbischen oder schwulen Interaktionen sucht, findet diese am ehesten bei queeren Künstler_innen.

Im Mainstream öfters zu finden sind Rollenwechsler – also Menschen, die sich zuerst entsprechend ihrer Rolle verhalten, aber dann plötzlich in der gegensätzlichen, „unpassenden“ Rolle auftreten: Das kann etwa eine Frau sein, die zuerst als Befehlsempfängerin von Männern auftritt, aber dann plötzlich die Führung übernimmt, oder ein Mann, der zuerst unnahbar erscheint, aber plötzlich zum Fangirly wird. Solche Charaktere verhalten sich nicht „wie erwartet“ und eignen sich daher gut für Situationskomik, sowie Verwirrungen in der Handlung. Aus demselben Grund werden sie jedoch zur Zielscheibe homophober Witze, oder dienen generell als negative Darstellung von Menschen abseits einer heteronormativen Lebensweise.

Ein konkretes Beispiel eines Rollenwechslers ist der Charakter Raj Koothrappali in der Sitcom The Big Bang Theory: Gegenüber seinen weiblichen Dates verhält er sich in der Rolle „Mann“ als Entitlement Guy. Mit seinen Freunden, speziell Howard, wechselt er jedoch in die Rolle „Frau“ und verhält sich wie ein Entitlement Girl, was die homoerotische Anziehung zwischen Howard und ihm aufrecht erhält.

Die passende Stufe

Um die richtige Stufe zu finden, empfehle ich, die Distanzskala von der höchsten zur niedrigsten Stufe durchzugehen – weil Stufe 4 am schrecklichsten, und somit am leichtesten zu erkennen ist.

Menschen auf Stufe 4 (Missbrauchstäter_in) benutzen physische (Verprügeln, Drohungen, etc.) oder psychische Gewalt (Erpressung, Gaslighting, etc.)., um damit die gewünschte Aufmerksamkeit zu erzwingen.

Stufe 3 (Bitch oder Traumprinz):

  • findet sich selbst „zu gut für diese Welt“,
  • erzählt über die Gefühle „hinter der Maske“ („Behind Blue Eyes“),
  • schildert, wie er_sie ein Interesse vortäuscht, um sich damit etwas völlig Anderes zu erschleichen,
  • liefert offene, teilweise geplante Manipulationen / Racheaktionen.

Stufe 2 (Material Girl oder Frauenversteher):

  • verbiegt sich völlig für die Beziehung („Ja, Schatz!“),
  • hat ein schlechtes Selbstwertgefühl und idealisiert andere Menschen („I’m a creep“),
  • möchte unbedingt allen Erwartungen der eigenen sozialen Schicht, des Freundeskreises, etc. entsprechen und dafür bewundert werden,
  • liefert impulsive, heimliche Racheaktionen.
  • Wenn Stufe 2 finanzielle Zuwendungen erwartet („zahl mir das Getränk / das Haus / mein Leben“), ist es ein Material Girl.

Stufe 1 (Entitlement Girl / Guy) bleibt meistens nach Ausschluss der obigen Punkte übrig. Direkt erkennbar ist Stufe 1 daran, dass er_sie eigentlich ganz nett wirkt, aber dann plötzlich eine ungute oder unfaire Bemerkung über das jeweils andere Geschlecht macht.

Ich freue mich über Liedvorschläge und Anfragen, etwas auf der Distanzskala einzuordnen, und werde diese ggf. in den Originaltext aufnehmen! Kommentare willkommen!

Die Distanzskala – Teil 3/4: Der Sexismus des Entitlement Girls oder: Wie Frauen die netten Männer vertreiben

Die Dynamiken der Distanzskala werden also mit jeder höheren Stufe härter und traumatischer. Alle diese Verhaltensweisen haben jedoch „klein angefangen“ – und zwar in der traditionellen Rolle „Frau“ und der traditionellen Rolle „Mann“, die Menschen je nach Geschlechtsmerkmalen bei der Geburt zugeteilt bekommen. Menschen mit Vulva werden dabei in ein Verhaltensmuster erzogen, das ich Entitlement Girl nenne, und Menschen mit Penis in ein Verhaltensmuster, das ich als Entitlement Guy bezeichne.

Sobald im Patriarchat (v)erzogene Menschen in die Pubertät kommen, und ihre sexuellen und romantischen Bedürfnisse voll ausfalten, geschieht das mithilfe der anerzogenen toxischen Verhaltensweisen. Diese sind auf Stufe 1 fast ausschließlich unbewusst, und daher mit der wenigen Lebenserfahrung der meisten Jugendlichen oder jungen Erwachsenen kaum zu durchschauen.

Allerdings beginnt bereits hier das Bullshit-Bingo, mit dem Menschen auf Stufe 1 die Menschen wegschicken, die sie sich eigentlich als Sex- oder Beziehungspartner_in wünschen würden. Dadurch bleiben bald nur ungeeignete Menschen für Sex oder eine Beziehung übrig, was eine toxische Fortgehkultur und unglückliche Beziehungen hervorbringt. Das Verhalten eines Menschen auf Stufe 1 ist dabei so perfid, dass es alle Menschen abstößt, die weniger Patriarchat haben – egal es um Menschen geht, die überwiegend gesund sind, oder solche, die einfach weniger unfaire Erwartungen / Entitlement haben.

So schicken Frauen die netten Männer weg:

Ein Entitlement Girl hat einen Mann kennengelernt, den sie interessant findet und dessen Aufmerksamkeit sie haben möchte. Also probiert sie mit Verhaltensweisen, die sie aus ihrer sozialen Umgebung oder aus der Popkultur (Filmen, Serien, …) kennt, den Mann auf sich aufmerksam zu machen und dazu zu bringen, ihr zuzuhören und Gefallen zu tun, was, so hofft sie, irgendwann zu einer Freundschaft oder zu romantischer Aufmerksamkeit in Form einer Liebesbeziehung führen wird. Im eurozentrischen Kulturkreis lernt ein Entitlement Girl schon früh, dass ihr Körper ein begehrtes Gut ist, und dass sie mit freizügiger Kleidung, sexuellen Anspielungen und Flirten am ehesten die Aufmerksamkeit von Hetero-Männern auf sich zieht. Genau das tritt aber eine Spirale los, die effektiv verhindert, dass die Frau eine ehrliche Freundschaft oder eine Liebesbeziehung bekommt. Nicht weil sexuelle Anspielungen falsch wären – ganz im Gegenteil – sondern weil alle diese Handlungen nichts Freundschaftliches oder Liebevolles kommunizieren! Sie sind anregend und eventuell geil, führen die Aufmerksamkeit des Mannes jedoch auf den Körper der Frau, nicht auf ihr Gehirn und ihre Gedanken und Gefühle, worum es in einer Freundschaft und Liebesbeziehung geht.

Wenn das Entitlement Girl nun mit einem Mann flirtet, reagiert dieser unterschiedlich:

1) Der Mann ist ein völliger Entitlement Guy:

Er reagiert vorerst tatsächlich mit Nettigkeiten auf ihre sexuellen Andeutungen. Allerdings meint er nichts davon ernst, sondern wartet nur ab, bis sie endlich die Beine breit macht. Dauert es ihm zu lange – und viel Geduld hat ein Entitlement Guy nicht – äußert er beleidigende Wortmeldungen und slutshamed die Frau. Ist sie daraufhin enttäuscht, weil die Nettigkeiten vorbei sind, fordert er Sex als „Bezahlung“ für seine Anwesenheit und erfolgte Aufmerksamkeit ein, und stellt damit das alleinige Recht der Frau auf ihren Körper infrage. Wenn die Frau an dieser Stelle die Begegnung nicht abbricht, versucht er durch Herumjammern, Schmollen, Erpressung oder einem kleinkindartigen Trotzanfall die Frau doch noch zu Sex zu „überreden“. Dadurch verhindert er eine Konsensverhandlung – behandelt die Frau also übergriffig.

2) Der Mann ist noch ein Entitlement Guy, hat jedoch bereits begonnen, sein eigenes Entitlement infrage zu stellen:

Die Handlungen der Frau kommunizieren ein sexuelles Angebot, und darauf steigt er ein. Er ist sich jedoch bewusst, dass er kein Anrecht auf den Körper der Frau hat und dass Sex nur vielleicht passieren wird. Da er aber noch unbewusst die patriarchale Lüge der Rolle „Mann“ laufen hat, die seine Empathiefähigkeit unterdrückt, verhält er sich in vielen Belangen der Frau gegenüber ignorant und misst „mit zweierlei Maß“: Beispielsweise sieht er es als selbstverständlich, dass er die Frau beim Reden jederzeit unterbrechen kann, wenn sie ihn jedoch in der selben Art unterbricht, ist er beleidigt.

3) Der Mann ist weitgehend gesund und hat auch die patriarchale Lüge der Rolle „Mann“ durchschaut:

Er überprüft, ob er an der Frau nur sexuell interessiert ist, oder ob es auch genügend Gemeinsamkeiten für eine Bekanntschaft, eine Freundschaft oder gar Resonanz auf der Ebene Liebe gibt (und er in einer Lebenssituation ist, in der das passt). Wenn ja, beginnt er von sich aus die jeweilige Näheebene durch passende Handlungen anzustreben (Bekanntschaft: Unterhaltungen über gemeinsame Themen, Freundschaft: Vorschläge zu gemeinsamen Unternehmungen, Liebesbeziehung: romantische Gesten). Wenn er zusätzlich oder ausschließlich Sex zum Spaß möchte, macht er eine (unmissverständliche) sexuelle Anbahnung. Er achtet in allen sozialen Situationen darauf, mit demselben Maß zu messen, und der Frau dieselben Rechte zuzugestehen, die er für sich selbst einfordern würde. Wenn er gar nichts möchte, kommuniziert er einfach höflich sein Desinteresse.

Nun fühlt sich das Entitlement Girl aber durch jede dieser Verhaltensweisen in ihrer schlechten Meinung über Männer bestätigt:

1) Entitlement Guy:

Während für sie klar ist, dass sie nur wegen der Aufmerksamkeit ein bisschen flirtet und nett ist, hält der Entitlement Guy ihr Verhalten bereits für einen unterschriebenen Vertrag, laut dessen sie ihm von dem Moment an, wo er sie geil findet, Sex schuldet. Sie hat sich extra hübsch gemacht und bemüht sich, attraktiv und nett rüberzukommen – und der Scheißkerl beleidigt und slutshamed sie dafür. Sie fühlt sich daher (zurecht) ausgenutzt und ist wütend auf den ignoranten, rücksichtslosen Typen. Falls der Entitlement Guy auch noch versucht, sie zum Sex emotional zu erpressen, geht sie mit einer gehörigen Portion Rest-Wut aus der Begegnung, welche dann zukünftige Männer – egal ob Entitlement Guy oder gesund – ausbaden werden. So wird sie einen der nächsten Männer schon bei dessen Erwähnung von Sex mit Slutshaming attackieren, um damit eine Belästigung wie die Einforderung von Sex gleich im Keim zu ersticken.

2) Entitlement Guy, der sein eigenes Entitlement hinterfragt:

Da er hauptsächlich auf ihre sexuellen Andeutungen einsteigt, und sie sonst immer wieder ignorant behandelt, findet dadurch keine echte bekanntschaftliche, freundschaftliche oder romantische Aufmerksamkeit statt. Ihr eigentlicher Wunsch wurde also frustriert. Die Frau ist daher unbewusst wütend auf den Mann, wovon sie bewusst nur einen diffusen Ärger über ihn, den sie sich selbst nicht ganz erklären kann, mitbekommt. Jenen Ärger muss sie aber irgendwo abreagieren, weswegen dieser schließlich in Form von Missachtung und Slutshaming des Mannes herausbricht: Sie behandelt dann seine Gefallen als selbstverständlich, wurscht oder sogar als „nicht gut genug“, und macht beleidigende oder abwertende Kommentare bei jeder Gelegenheit, die sie an den eigentlichen Wunsch erinnern – Gefallen anderer Männer, die der Kerl nicht macht, verliebte Pärchen auf der Straße, usw. Anstatt ihre Wünsche dem Mann mitzuteilen, verleumdet sie ihn vor ihren weiblichen Freundinnen, die sie durch ähnliche Erfahrungen mit Männern dabei unterstützen.

3) Gesunder Mann:

Das Entitlement Girl rechnet nicht damit, einen gesunden Mann vor sich zu haben, der ihr tatsächlich ihre bekanntschaftlichen, freundschaftlichen oder romantischen Wünsche erfüllt. Für sie gleicht er einem „gefundenen Fressen“: Anfangs ist sie überrascht und geschmeichelt. Bald ist sie jedoch der Meinung, dass er ihr nur gibt, was ihr ja schon seit langem zugestanden wäre. Sie hält ihre Anwesenheit und Zeit bereits für ihre Leistung, wofür der Mann mit seiner Aufmerksamkeit „bezahlt“. Dem Mann gegenüber ist dies natürlich ein gewaltig ignorantes Verhalten: Er ruft sie an, um zu erfahren, wie es ihr geht, sie nur dann, wenn sie etwas von ihm braucht oder (meistens über andere Männer) jammern will. Er schlägt gemeinsame Unternehmungen vor, sie macht jedoch nur mit, wenn es ganz nach ihrem Kopf geht – was ihm gefällt, ist ihr ziemlich egal.

Der Mann empfindet die soziale Verbindung bald nicht mehr als Bekanntschaft, Freundschaft, oder erfüllende Liebesbeziehung, sondern als ein ausbeuterisches Verhältnis. Falls er mit ihr ein Gespräch darüber sucht, reagiert sie auf Änderungswünsche seinerseits entweder genervt oder übergeht diese einfach. Das bewirkt, dass er den Kontakt einschränkt oder ganz abbricht und sich eine geeignetere Frau sucht, die seine Wünsche ebenso berücksichtigt wie er die ihren. Das Entitlement Girl reagiert dann mit Unverständnis und Wut auf diese Maßnahme – aus ihrer Sicht gibt es schließlich keinen Grund, warum sie seine Aufmerksamkeit nicht mehr „verdient“ hätte. Damit ist sie wieder in der Ausgangssituation gelandet.

Die Distanzskala – Teil 4/4: Der Sexismus des Entitlement Guys oder: Wie Männer die aufregenden Frauen vertreiben

Die Dynamiken der Distanzskala werden also mit jeder höheren Stufe härter und traumatischer. Alle diese Verhaltensweisen haben jedoch „klein angefangen“ – und zwar in der traditionellen Rolle „Frau“ und der traditionellen Rolle „Mann“, die Menschen je nach Geschlechtsmerkmalen bei der Geburt zugeteilt bekommen. Menschen mit Vulva werden dabei in ein Verhaltensmuster erzogen, das ich Entitlement Girl nenne, und Menschen mit Penis in ein Verhaltensmuster, das ich als Entitlement Guy bezeichne.

Sobald im Patriarchat (v)erzogene Menschen in die Pubertät kommen, und ihre sexuellen und romantischen Bedürfnisse voll ausfalten, geschieht das mithilfe der anerzogenen toxischen Verhaltensweisen. Diese sind auf Stufe 1 der Distanzskala fast ausschließlich unbewusst, und daher mit der wenigen Lebenserfahrung der meisten Jugendlichen oder jungen Erwachsenen kaum zu durchschauen.

Allerdings beginnt bereits hier das Bullshit-Bingo, mit dem Menschen auf Stufe 1 die Menschen wegschicken, die sie sich eigentlich als Sex- oder Beziehungspartner_in wünschen würden. Dadurch bleiben bald nur ungeeignete Menschen für Sex oder eine Beziehung übrig, was eine toxische Fortgehkultur und unglückliche Beziehungen hervorbringt. Das Verhalten eines Menschen auf Stufe 1 ist dabei so perfid, dass es alle Menschen abstößt, die weniger Patriarchat haben – egal es um Menschen geht, die überwiegend gesund sind, oder solche, die einfach weniger unfaire Erwartungen / Entitlement haben.

So schicken Männer die aufregenden Frauen weg:

Ein Entitlement Guy hat eine Frau kennengelernt, mit der er Sex haben möchte. Also probiert er mit Verhaltensweisen, die er aus seiner sozialen Umgebung oder aus der Popkultur (Filmen, Serien, …) kennt, die Frau zu beeindrucken, was, so hofft er, irgendwann zu Sex führen wird. Im eurozentrischen Kulturkreis sind dies üblicherweise Nettigkeiten und Gefallen der Frau gegenüber, also Gesten wie Tür aufhalten, schwere Sachen tragen, kleine Geschenke ohne Anlass oder Handlungen wie Zuhören, eine gemeinsame Unternehmung, die der Frau gefällt, usw. Genau das tritt aber eine Spirale los, die effektiv verhindert, dass die Frau mit ihm einfach so Sex hat. Nicht weil nette Handlungen falsch wären – ganz im Gegenteil – sondern weil alle diese Handlungen nichts Sexuelles kommunizieren! Sie sind nett, aufmerksam, eventuell sogar lieb – aber nicht aufregend und geil. Diese Tatsache lässt die Frau unterschiedlich reagieren:

1) Die Frau ist ein völliges Entitlement Girl:

Sie freut sich an den Nettigkeiten, sieht aber keine Notwendigkeit darin, die Gefallen des Mannes in irgendeiner Form zu erwidern – ihre Leistung ist doch bereits ihre Anwesenheit, und dass sie Zeit mit ihm verbringt. Sex wird sie nur mit ihm haben, wenn er ihr ausreichend Aufmerksamkeit gegeben hat. Schafft er das Maß nicht, das sie sich vorstellt, waren seine Aufmerksamkeit und Aufwendungen eben gratis – selber schuld, wenn der Kerl sich nicht bemüht. Falls der Entitlement Guy doch eine sexuelle Anspielung macht, die seinen Wunsch klarstellt, und noch nicht mit genügend Aufmerksamkeit dafür „bezahlt“ hat, reagiert das Entitlement Girl mit Empörung und Slutshaming gegenüber dem Mann: „Wie kommst du dazu, mich nach so etwas zu fragen?!“ Hier ist anzumerken, dass es natürlich die alleinige Entscheidung der Frau ist, mit wem sie Sex hat. Allerdings sagt sie nicht einfach „Nein“, was ausreichend wäre, sondern attackiert den Mann grundlos. Dadurch verhindert sie eine Konsensverhandlung – behandelt den Mann also übergriffig.

2) Die Frau ist noch ein Entitlement Girl, hat jedoch bereits begonnen, ihr eigenes Entitlement infrage zu stellen:

Die Handlungen des Mannes kommunizieren nichts Sexuelles, daher steigt sie auf das ein, was sie versteht. Die Handlungen sind auf der Näheskala eindeutig zuordenbar:

Tür aufhalten, schwere Sachen tragen, über ein gemeinsames Thema unterhalten: Ebene 4, Bekanntschaft
Kleine Geschenke ohne Anlass, Zuhören, eine gemeinsame Unternehmung: Ebene 5, Freundschaft

Sie versteht also, dass der betreffende Mann eine platonische Bekanntschaft oder Freundschaft mit ihr beginnen möchte und gibt ihm entsprechende Gefallen zurück: Wenn er ihr bei einem Thema zugehört hat, hört sie ihm bei der nächsten Gelegenheit genauso zu. Wenn er ihr ein kleines Geschenk macht, überlegt sie sich ebenfalls ein kleines Geschenk im selben Wert für ihn, usw.

Da sie selbst noch unbewusst die patriarchale Lüge der Rolle „Frau“ laufen hat, die ihre Sexualität unterdrückt, kommt sie nicht auf die Idee, dass der Hintergrund der Gefallen Sex mit ihr sein könnte, und verbleibt deswegen bei einer Bekanntschaft oder Freundschaft. Falls der Entitlement Guy doch eine sexuelle Anspielung macht, die seinen Wunsch klarstellt, kennt sie sich entweder nicht aus („Ich dachte, wir wären befreundet?“), hält es für einen Scherz, oder empfindet es zwar als Kompliment, lehnt aber höflich ab, da sie den Mann aufgrund der gezeigten Handlungen nie als aufregend erlebt hat, und ihn daher auch nicht sexuell anziehend findet.

3) Die Frau ist weitgehend gesund und hat auch die patriarchale Lüge der Rolle „Frau“ durchschaut:

Sie überprüft, ob sie diesen neuen Mann attraktiv und sympathisch genug für Sex findet. Wenn ja, steigt sie ihm auf eine sexuelle Anspielung ein oder bietet ihm von sich aus bald Sex an. Wenn nein, oder wenn sie in einer Lebenssituation ist, in der das nicht passt, kommuniziert sie ihm höflich ihr Desinteresse. Andere Gefallen lehnt sie entweder ab, weil sie keine Bekanntschaft oder Freundschaft möchte, oder nimmt sie an, und achtet dann darauf, Gefallen im selben Wert zurückzugeben.

Nun fühlt sich der Entitlement Guy aber durch jede dieser Verhaltensweisen in seiner schlechten Meinung über Frauen bestätigt:

1) Entitlement Girl:

Während er sich bemüht, Zeit und Aufmerksamkeit investiert, kommt von der Frau genau gar nichts zurück. Er fühlt sich daher (zurecht) ausgenutzt und ist wütend auf die ignorante, eingebildete Tussi. Falls ihn das Entitlement Girl dann auch noch slutshamed, sobald er nach Sex fragt, geht er mit einer gehörigen Portion Rest-Wut aus der Begegnung, welche dann zukünftige Frauen – egal ob Entitlement Girl oder gesund – ausbaden werden. So wird er bei einer der nächsten Frauen nach einem Gefallen nicht mehr nach Sex fragen, sondern gleich Sex mit ihr einfordern, womit er ihr alleiniges Recht auf ihren Körper infrage stellt. Damit verhindert er eine Konsenverhandlung – behandelt die Frau also übergriffig.

2) Entitlement Girl, die ihr eigenes Entitlement hinterfragt:

Da kein Sex stattfindet, wurde sein Wunsch frustriert. Er ist daher unbewusst wütend auf die Frau, wovon er bewusst nur einen diffusen Ärger über sie, den er sich selbst nicht ganz erklären kann, mitbekommt. Jenen Ärger muss er irgendwo abreagieren, weswegen dieser schließlich in Form von Missachtung und Slutshaming gegenüber der Frau herausbricht: Er behandelt dann ihre Gegengefallen als selbstverständlich, wurscht oder sogar als „nicht gut genug“, und macht beleidigende oder abwertende Kommentare bei jeder Gelegenheit, die ihn an Sex erinnert – ihre Art zu kleiden, Fortgehen, Treffen mit anderen Männern, usw. Diese Situation beschreiben Entitlement Guys üblicherweise mit dem Begriff Friendzone. Die Frau ist verständlicherweise beleidigt, weil er aus ihrer Sicht ihre jeweiligen Gefallen nicht wertschätzt, und verletzt, sobald er sie einige Male slutgeshamed hat. Das bewirkt, dass sie den Kontakt einschränkt oder ganz abbricht. Damit ist für den Entitlement Guy natürlich jegliche Chance auf Sex vertan – und er zieht über die Frau vor seinen männlichen Freunden her, die ihn durch ähnliche Erfahrungen mit Frauen dabei unterstützen.

3) Gesunde Frau:

3a) Sofort:

Der Entitlement Guy rechnet nicht damit, eine gesunde Frau vor sich zu haben, die ihm auf eine sexuelle Anspielung ernsthaft einsteigt oder ihm sogar von sich aus Sex anbietet. Er fühlt sich von der Selbstsicherheit der Frau erniedrigt, da er sie gerne beeindruckt hätte, nicht umgekehrt, wie es der Fall ist. Einerseits steht nun Sex endlich im Angebot, andererseits kommt er überhaupt nicht damit klar, dass die Frau „seine“ Rolle in der Interaktion einnimmt. Wenn die Frau zusätzlich sexuell erfahren ist, also weiß, was sie will und das auch verlangt, zerstört dies sein Weltbild endgültig. Der Entitlement Guy weiß nicht, wie er sich jetzt verhalten soll – und da die patriarchale Lüge der Rolle „Mann“ seine Empathiefähigkeit unterdrückt, fischt er aus seiner eigenen Verunsicherung das eine Gefühl, mit dem er sich auskennt, und das ihn wieder „männlich“ wirken lässt: Aggression. Also lässt er passiv-aggressiv eine möglichst abwertende Slutshaming-Bemerkung vom Stapel. Die gesunde Frau hat aber kein Interesse an einem Männchen, das mit ihr völlig überflüssig um die Rangordnung streitet, sondern hätte sich einen Mann gewünscht, mit dem sie lustvollen, empathischen Sex haben kann. Sie zieht daher ihr Angebot nach dem Motto „Dann halt nicht, du Trottel“ zurück und sucht sich einen anderen, besser geeigneten Mann.

3b) Mit Zeitverzögerung:

Falls der Entitlement Guy trotz seiner gefühlten Erniedrigung höflich und freundlich reagiert, und es tatsächlich zu Sex kommt, wird die gesunde Frau danach kein zweites Mal Sex mit ihm wollen: Der Entitlement Guy ist nämlich der Meinung, dass seine Anwesenheit und Gefallen (egal, ob die Frau diese angenommen hat oder nicht) bereits seine Leistung waren und dass die Frau, indem sie Sex mit ihm hat, dafür „bezahlt“. Daher verhält er sich beim Sex ziemlich ignorant und tut nichts für die Lust der Frau – wozu auch, er hat seine Leistung ja schon längst erbracht. Auf Wünsche der Frau reagiert er genervt oder überhört diese einfach. Die Frau hat dadurch verständlicherweise nicht viel Spaß, und wird sich für das nächste Mal einen geeigneteren Mann suchen, dem ihre Lust genauso wichtig ist wie ihr die seine. Der Entitlement Guy ist dann zwar das eine Mal befriedigt, aber stößt spätestens beim nächsten Mal, wenn er Sex möchte, auf Ablehnung und negatives Feedback der Frau. Darauf reagiert er mit Unverständnis und Wut – aus seiner Sicht gibt es schließlich keinen Grund, warum er Sex mit ihr nicht mehr „verdient“ hätte. Damit ist er wieder in der Ausgangssituation gelandet.