Was ist Polyamorie?

Polyamorie bezeichnet, obwohl sie immer wieder in diesem falschen Kontext genannt wird, keine alternative Sexualität, sondern ein alternatives Modell über romantische Beziehungen. Die Adjektive sind polyamor, polyamourös oder (abgekürzt) poly.

Sprachlich besteht das Wort aus poly (= altgriech. mehr als eine_r, viele) und amor (= lat. Liebe). Damit werden Menschen benannt, die Verliebtheit/Beziehungswunsch/Partnerschaftsleben/Liebe auf der Ebene Liebe mit mehr als einem Menschen gleichzeitig leben wollen. Die zentrale Eigenschaft ist dabei, dass alle Beteiligten im Beziehungsgeflecht von der gegenseitigen Existenz wissen und diese im Konsens leben.

Der Lebensentwurf benötigt von vorneherein mehr Zeit, Energie und emotionale Arbeit als eine geschlossene Liebesbeziehung zu zweit, ganz einfach weil sich mehr als zwei Menschen regelmäßig auf gemeinsame Dinge einigen müssen. Außerdem gibt es in Mehrfachbeziehungen Fragen und Problemstellungen, die zu zweit gar nicht vorkommen, z. B. „Wer liegt in der Mitte?“ oder „Könntest du zwischen uns vermitteln?“.

Da unsere bisherige Sprache für Polyamorie keine Bilder hat, braucht es für diese Art von Beziehung neue Begriffe. Die Vorlage des Mainstreams ist, dass eine Liebesbeziehung aus zwei Menschen besteht. Das spiegelt die Sprache wider: Für Bekannte und Freunde gibt es unbestimmte Mehrzahlworte (wie Bekannten- oder Freundeskreis), die Begriffe Paar oder Pärchen weisen hingegen auf die Zahl Zwei hin (ein Paar Schuhe = zwei Schuhe), genau wie Zweierbeziehung.

Polyamorie braucht hingegen mehr als eine Liebesbeziehung, also mindestens drei Menschen. Für ein Beziehungsgeflecht aus mehr als zwei Menschen wurde dafür aus der Chemie das Molekül entlehnt: So entstand polycule aus Überschneidung zwischen polyamory und molecule. Dessen deutsche Übersetzung ist analog dazu Polykül.

Sobald mehr als zwei Menschen auf der Ebene Liebe verbunden sind, steigt auch die Komplexität – und zwar mit jedem weiteren Menschen um einen bestimmten Faktor. Der Vergleich mit einem Molekül ist daher passend: Ebenso wie in der Chemie alles auf die nächste stabile Einheit mit dem geringsten Aufwand zurückfällt, orientieren sich Polyküle an der geringsten Komplexität, also der Mindestanzahl. Daher bilden sich die häufigsten längerfristig stabilen Polyküle aus drei Menschen. Ein Polykül zu dritt kann in zwei verschiedenen Varianten auftreten; diese werden dann nach ihrer sichtbaren Struktur benannt.

Nachfolgend stehen die Buchstaben für die beteiligten Menschen und die Linien mit Herz für das Vorhandensein einer Liebesbeziehung:

Triade

Eine Triade oder poly triad bezeichnet ein geschlossenes Dreieck mit den jeweiligen Liebesbeziehungen A+B, B+C, A+C. Ein weiterer Begriff ist throuple, eine Kombination von three (= engl. drei) und couple (= engl. Paar).

V

Ein V oder vee enthält Liebesbeziehungen zwischen A+B, B+C, aber nicht A+C. Für das Verhältnis zwischen Mensch A und Mensch C wurde der Begriff metamour erfunden: über die Meta-Ebene (lateinisch meta = zwischen) eines geliebten Menschen (französisch amours = Liebende), in diesem Fall Mensch B, verbundene Menschen. Welche Nähe die Metamours zueinander haben, ist bis auf die Abwesenheit einer Liebesbeziehung nicht definiert und unterscheidet sich im Einzelfall: Das Spektrum reicht von der besten Freundschaft bis zu sich kaum zu kennen.

Ich, die Verfasserin dieses Blogs, bin biamor und lebe selbst polyamor: Ich habe eine Lebensgefährtin und einen Lebensgefährten, die beide ebenfalls ein Pärchen sind. Zusammen bilden wir eine romantisch geschlossene Triade (= Wir sind drei Menschen, und wir wünschen uns alle keine weiteren Liebesbeziehungen).

Für alle Konstellationen, die aus mehr als drei Menschen bestehen, gibt es außer dem Oberbegriff Polykül keine speziellen Begriffe, zumindest keine mir bekannten. Da viele Polyamorie-Interessierte eine Vorliebe für wissenschaftliche Notation haben, werden Polyküle allerdings gerne mit einem „eckigen“ Buchstaben im lateinischen oder griechischen Alphabet beschrieben.

Ansonsten gibt es keinen einheitlichen Weg, Polyamorie zu leben, was allerdings nicht heißt, dass alle Arten von Polyamorie funktionieren, also stabile, liebevolle Beziehungen hervorbringen. Einige Strategien produzieren sogar nie mehr als parallele Kurzzeitbeziehungen.

Die Poly-Szene – Teil 1/4: Was ist das überhaupt?

Wenn ein Mensch neben einer Liebesbeziehung gleichzeitig noch andere Verbindungen mit Sex pflegt, ist es im Mainstream üblich, diese zusätzlichen Verhältnisse zu verheimlichen. Dagegen steht die Grundregel eines polyamoren Lebensstils: Jede_r Partner_in weiß von allen anderen. Heimlichkeit ist tabu.

Nun gibt es in Österreich die sogenannte Poly-Szene mit regelmäßigen Treffen, Themen-Stammtischen, Veranstaltungen, Facebook-Gruppen, und ein bis zwei Stammlokalen pro Großstadt. Die Szene selbst entstand Anfang der 1990er-Jahre in den USA, und wurde im Laufe der 2010er-Jahre nach Europa importiert. Aus diesem Grund gelangen auch im Jahr 2019 die meisten Ideen und Überzeugungen über Bücher und das Internet aus der US-amerikanischen Szene in europäische Städte.

Hier wie dort ist es dieselbe soziale Schicht, die sich die Poly-Philosophie freudig aneignet: Akademiker_innen in ihren 20ern oder 30ern, mit eigenem Einkommen, die experimentierfreudig sind, und in ihrer „Blase“ bisher wenig Konsequenzen ihrer eigenen Handlungen erfahren mussten – also hauptsächlich (angehende) Bobos.

Österreich ist weitgehend ländlich und konservativ geprägt, weswegen die Angehörigen dieses Bildungsbürgertums (und jene, die es werden wollen) in das selbstständigere Leben der Städte ausweichen, in die Hauptstadt Wien und nach Graz, die Orte mit den meisten Studierenden. Deswegen hat die Poly-Szene Wiens die meisten Mitglieder – und eine hervorragende Vernetzung mit der Szene in Graz. Da dieselben Menschen ebenso anderen alternativen Subkulturen offen sind, laufen sich Poly-Interessierte in solch verhältnismäßig kleinen Städten bei Veranstaltungen anderer kreativer Subkulturen (Aktivismus linker Parteien, Poetry Slams, queere Szene, Gothic-/Schwarze Szene, Goa-Festivals, BDSM) leicht über den Weg.

Nachdem ich allerdings etwas mehr als ein Jahr meines Lebens (August 2014 – Dezember 2015) fast jedes Wochenende in der Poly-Szene Wiens verbracht habe, unter der Woche bei vielen Aktivitäten mitgemacht, und zum Schluss auch mitorganisiert habe, kann ich als Meinung darüber lediglich weitergeben: Ignoriert diese Szene, wenn euch eure emotionale Gesundheit am Herzen liegt!

Die Poly-Szene präsentiert sich als ein geradezu rebellischer Gegenentwurf zum Mainstream: Die Menschen und die Szene bezeichnen sich als liberal, tolerant, sexpositiv, offen für neue Ideen, und vor allem offen für einen ehrlichen Umgang mit alternativen Formen von Sex und Liebe, welche die meisten Menschen im heteronormativen Mainstream verleugnen, insbesondere den namensgebenden mehrfachen Liebesbeziehungen.

Unter dieser liberalen Oberfläche entpuppte sich jedoch allmählich ein ganz anderes Bild.

Entgegen ihres Kredos hat die Poly-Szene nicht einmal den Furz einer Ahnung, wie eine ernsthafte Liebesbeziehung mit mehr als einem Menschen gleichzeitig gelingen kann. Schlimmer noch, denn die am häufigsten vertretenen Meinungen und Überzeugungen sind destruktive Strategien: Sie wirken in ihrer Umsetzung nicht etwa als Unterstützung für Beziehungen, sondern als Beschleunigung von Beziehungstrennungen, egal ob zu zweit, zu dritt oder zu mehrt.

Dazu kommen höchst problematische Gruppendynamiken:

Die Ziele der Veranstaltungen werden auf polyamory.at, einer zentralen Website für die Poly-Szene in Österreich, folgendermaßen erklärt:

Wozu Treffen für Polyamore und Neulinge dienen:

  1. um ähnlich Gesinnte kennenzulernen und sich mit ihnen auszutauschen
  2. um einen polyamoren Freundeskreis aufzubauen
  3. um einander gegenseitig Unterstützung bei Fragen zu Polyamorie bieten zu können, z.B. in Form von Gesprächen.

Wozu die Treffen nicht dienen:
Sie dienen nicht zum Aufriss und nicht zur krampfhaften Beziehungspartner*innen-Suche.

Quelle: Richard und Sky (2019) Polyamory.at – Treffen, Stammtische, Gruppen [Online]. Verfügbar auf http://polyamory.at/in-kontakt-treten/treffenstammtischegruppen (Abgerufen am 29. Oktober 2019).

Aber hier liegt das Problem: Während alle Beteiligten behaupten, dass es auf den Treffen um Austausch, Freundschaft und Unterstützung ginge, und nicht um Aufriss oder krampfhafte Beziehungspartner_innen-Suche, geht es in Wirklichkeit die ganze Zeit um Letzteres. Jetzt kann man sich natürlich fragen, was daran schlimm sei, denn ein Aufriss oder ein_e neue Beziehungspartner_in sind ja etwas Schönes. Das Problem ist nämlich die unbedingte Verheimlichung und Verschleierung dieser Tatsache, wodurch beinahe jede Poly-Veranstaltung zu einem Ort voller unfairer, hinterfotziger und zeitweise sogar übergriffiger Umgangsweisen wird.

Beispiele:

Erkennbar ist das am verbreiteten Slutshaming, das alle Geschlechter gleichermaßen verwenden: Die meisten Menschen in der Szene, die sich als „poly“ identifizieren, grenzen sich bei jeder Gelegenheit scharf von „Swingern“ ab. Dabei muss sich das Gespräch nicht einmal konkret darum drehen – es reicht, wenn jemand über ein cooles erotisches Erlebnis zum Spaß oder nicht ausgelebte sexuelle Wünsche redet, aber mit dem oder den beteiligten Menschen in keiner romantischen Beziehung sein möchte – in einer „sexpositiven“ Subkultur für alternative Formen von Sex und Liebe, eigentlich ein akzeptiertes Gesprächsthema, sollte man meinen.

Das ist es aber offensichtlich nicht. Üblicherweise bringt nämlich prompt ein_e Zuhörer_in den Hinweis, dass es bei Polyamorie (und speziell hier auf diesem Treffen!) nicht um Sex gehen würde, begleitet von zustimmendem Nicken oder sogar empörten Reaktionen der Umstehenden – was erfolgreich das Thema der erzählenden Person abwürgt und sie in den Augen der Gruppe abwertet.

Wer den Fehler macht und über Swingen konkret redet oder Fragen dazu stellt, bekommt die Abwertung ganz offen zu spüren, in Form von allseits bekannten sexnegativen Kommentaren: “Swingerclubs sind eklig”, „Igitt, da gehst du hin?“, „Wäh!“, etc. – natürlich ohne jemals einen besucht zu haben, ganz genau wie Menschen im Mainstream.

Menschen, die sich einfach Sex zum Spaß wünschen, werden damit als minderwertig hingestellt, mit der oft zitierten Begründung, dass es bei Polyamorie nur um Liebe gehen würde.

Jetzt kann man anmerken, dass zwar die Art, wie es kommuniziert wird, wertschätzender laufen könnte – aber Menschen, die nur Sex und keine Beziehung wollen, sind doch in einer Szene, die sich nach mehrfachen Liebesbeziehungen benannt hat, wirklich falsch, oder?

Nicht wirklich.

Im Laufe jeder Poly-Veranstaltung baggern die meisten der Hetero-Männer nämlich alle anwesenden Frauen der Reihe nach an, und immer wieder auch erfolgreich, sodass fremde Menschen am Ende des Abends mit ihrem Aufriss „zu mir oder zu dir“ gehen. Und nein, daraus entsteht in den meisten Fällen keine neue Beziehung. Während die Beteiligten also genau das machen, was unter Swingern offen und ehrlich passiert und positiv bewertet wird, wird dasselbe Verhalten in der Poly-Szene nicht nur negativ bewertet, sondern sogar aktiv abgestritten, während es unter aller Augen passiert.

Lustigerweise bleiben dabei, trotz der Ausrichtung auf Polyamorie, mehr als zwei Menschen die Ausnahme: Innerhalb eines Jahres habe ich jeden Abend mehrere Aufrisse zwischen einer einzelnen Frau und einem einzelnen Mann mitbekommen, zwei Mal zwei Frauen, ein Mal zwei Männer (obwohl sich ca. ein Drittel der Männer in der Szene als bisexuell beschreiben), sowie drei Mal mehrere Menschen. Obwohl ich natürlich nicht an allen Abenden anwesend war, und nicht jede_n gesehen habe, zeigt bereits dieser Schnitt einer liberalen Subkultur nur wenig Unterschied zum Fortgehen im heteronormativen Mainstream.

Die wenigen, die tatsächlich Gleichgesinnte zum Austausch suchen, ohne hintenrum ein anderes Ziel zu verfolgen, finden sich jedoch nicht gegenseitig, sondern werden ebenfalls enttäuscht:

Die Mehrheit der Menschen, die regelmäßig die Poly-Szene frequentieren, lästert über den Lebensentwurf der Monogamie und den Mainstream im Allgemeinen, was als gemeinsamer Feind verschiedenste Menschen miteinander ins Gespräch bringt. Meistens geht es um vergangene gescheiterte Beziehungen, und nicht ausgelebte Wünsche nach Sex und/oder Verliebtheit mit anderen Menschen. Durch die wechselseitigen Erzählungen von ähnlichen Problemen und Erfahrungen fühlen sich die Gesprächsteilnehmer_innen wahrgenommen und akzeptiert, im Gegensatz zu ihren „monogamen Freunden“, die auf diese Themen immer negativ reagiert haben.

Die „Lösung“ für diese Probleme ist dann – da sind sich alle einig – jetzt „poly“ zu sein, oder dass jemand in Wirklichkeit „immer schon poly war“. Die letztere Begründung erklärt alle Probleme einer unglücklichen Beziehung mit einer grundsätzlichen Inkompatibilität mit einer „Mono“-Person, womit die erzählende Person jede Verantwortung für eventuelles oder eindeutiges Fehlverhalten (wie eine heimliche Affäre) ablehnen kann. Die zahlreichen „Ich bin poly“ und „Wir gegen die Monogamisten“-Deklarationen erzeugen so das schöne Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören, ja sogar, nach den Fehlgriffen im Mainstream endlich eine passende Gemeinschaft gefunden zu haben.

Was „Ich bin poly“ allerdings konkret bedeuten soll, bleibt bis auf die grobe Beschreibung, für mehrere Verbindungen mit Sex gleichzeitig offen zu sein, in allen Gesprächen vage. Der Grund: Fast jede Person meint damit etwas Anderes als ihr Gegenüber.

Der Blogger Oligotropos hat diese Verwirrung in seiner lokalen Poly-Szene in Deutschland ebenfalls beobachtet, und meiner Meinung nach treffend beschrieben:

  • So gab es dort etwa Liebende, die wie in einer geschlossenen Ehe zu Mehreren lebten.
  • Etliche Menschen sahen sich hingegen als Teile weitverzweigter und offener Beziehungsnetzwerke an.
  • Einige wiederum lebten jedoch nahezu ausschließlich allein und verbanden sich mit jeweils ausgewählten Partner*innen nur auf Festivals, Seminaren oder an besonders gestalteten Wochenenden. Teilweise wurde dazu die unbedingte Deckungsgleichheit mit freier oder universeller Liebe postuliert.
  • Andere Polyamoristen schienen indessen etwas zu leben, was Swingen nicht unähnlich war,
  • und eine Anzahl führte sogar serielle oder parallele Affären im Namen der Viel-Liebe,
  • und überhaupt schien die Betonung persönlicher sexueller Aspekte und Freiheiten vielerorts im Vordergrund zu stehen.

Aber dem ungeachtet nannten sich alle stolz Praktizierende der Lebensweise „Polyamory“ – und behaupteten dies besonders vehement und laut in Abgrenzung zu ihren nächsten Nachbarn, die mit entsprechender Leidenschaftlichkeit exakt das Gleiche wiederum für sich in Anspruch nahmen… Die überall hervortretenden Meinungsverschiedenheiten schienen dadurch die verheißenen Merkmale von Transparenz, Verantwortung und Verbindlichkeit […] auf jederzeit verhandelbare Fußnoten zu reduzieren.

Daran ist erkennbar, dass Menschen in der Poly-Szene keine eindeutige Definition von Polyamorie verwenden.

Nun kann man fragen, was daran das Problem sei, denn wie viele alternative Begriffe kann Polyamorie als ein Überbegriff (engl. umbrella term) verwendet werden, um aus verschiedenen Lebensweisen über gemeinsame Anliegen eine Gemeinschaft zu formen, die sich ohne ein solches gemeinsames Wort nur schwer als eine soziale Gruppe verstanden und einen Teamgeist hervorgebracht hätten.

Damit die positiven Effekte eines Überbegriffs auch tatsächlich passieren, müssen jedoch drei Schritte durchlaufen werden:

  1. Alle Beteiligten müssen wissen, inwiefern sich ihre Definition vom Gegenüber unterscheidet.
  2. Es muss eine offene Diskussion über verschiedene Formen geben. Aus dieser Diskussion können die Beteiligten dann
  3. gemeinsame Ziele formulieren, welche wiederum einen Teamgeist ausbilden, der eine Gemeinschaft mit Zusammengehörigkeitsgefühl und gegenseitiger Hilfsbereitschaft herstellt.

Doch bereits der erste notwendige Schritt passiert in der Poly-Szene überhaupt nicht. Die meisten Menschen nehmen einfach an, dass ihre Gegenüber das gleiche Verständnis von Polyamorie wie sie selbst haben, sodass kaum jemand über vorhandene Bedeutungsunterschiede redet – die meisten in der Szene wissen nicht einmal, dass sie existieren. Dadurch werden Interessent_innen und Anhänger_innen der Poly-Philosophie im Unklaren über ihre eigene Identität gelassen. Mit der entstehenden Verwirrung lassen sich dann alle möglichen Glaubenssätze begründen oder zumindest nicht widerlegen – es ist ja nie klar, von welchem Wunsch genau die Rede ist.

Beispiele:

Wenn sich ein zusammenstehendes Grüppchen angeregt über Erfahrungen im Mainstream unterhält, ist nie ersichtlich, ob jemand mit monogam “Sex mit ausschließlich einem Menschen” oder “eine Liebesbeziehung mit ausschließlich einem Menschen” meint. Dass eine solche Unklarheit ein Problem produziert, ist bisweilen an geradezu absurden Aussagen erkennbar: So wurden wir zu dritt, als sehr sichtbare polyamore Triade, bereits von drei “Polys” (unabhängig voneinander) naserümpfend als “monogam” bezeichnet, als wir erklärten, dass keine_r von uns weitere romantische Verbindungen eingehen möchte.

Der zweite Schritt, also eine offene Diskussion über Polyamorie, ist dadurch von Anfang an blockiert. Wer dennoch versucht, durch Nachfragen im Gespräch Unklarheiten herauszufinden und eine Diskussion anzustoßen, wird ebenfalls abgewürgt: Als Reaktion auf „Was meinst du damit?“ oder „Was genau verstehst du darunter?“ erhält ein austauschwilliger Mensch nur überforderte Gesichtsausdrücke und fallweise sogar verärgerte Reaktionen – egal ob es um monogame oder polyamore Themen geht. Hineinfragen wird nämlich als Gesprächsstörung empfunden, weil es aufdeckt, dass es gar nicht so viel Gemeinschaft gibt, wie alle Beteiligten glauben möchten.

Aufgrund von unvereinbaren Wünschen und Zielen – und deren Verschleierung – ist das Gemeinschaftsgefühl der Poly-Szene in den meisten Fällen nämlich nur Oberfläche. Wer die tatsächlichen Leistungen einer Gemeinschaft wie Unterstützung für eine strauchelnde Beziehung oder ein ernsthaftes Gespräch unter Freund_innen sucht, trifft beim vorher ach so sympathischen Gegenüber schnell auf Desinteresse und Ablehnung – die betreffende Person hatte wahrscheinlich die ganze Zeit ein anderes Interesse an Polyamorie, was durch die undifferenzierte, zu inklusive Sprache jedoch lang genug verborgen bleiben konnte.

Oligotropos kommt zum selben Schluss:

Was mir aber besonders deutlich wurde war das Dilemma, daß der bloße Begriff der Polyamorie zu Beginn des 21. Jahrhunderts von den Nutzer*innen nicht mehr konsistent verwendet wurde – und also auch nicht mehr in der Kommunikation zum Zusammenfinden Gleichgesinnter und zur Gemeinschaftsbildung taugte.

Quelle: Oligotropos (2019) Eintrag 1 [Online]. Verfügbar auf http://www.oligoamory.org/2019/03/09/blog (Abgerufen am 29. Oktober 2019).

Die Poly-Szene – Teil 2/4: Die polyamore Lüge

Fast alle Menschen im Mainstream fördern die monogame Lüge. Der wichtigste Punkt dabei ist, dass Sex und Liebe nur in einer geschlossenen Paarbeziehung stattfinden sollen. Hat sich dort ein Pärchen gefunden, ist es automatisch sexuell und romantisch geschlossen. Das heißt ebenso automatisch „Stopp“ für weitere Interessenten an einer Person dieses Pärchens, sexuell und romantisch.

Soweit zum Mainstream. Die Poly-Szene ist jedoch aus einer Rebellion gegen den Mainstream hervorgegangen. Absolut alle Rebellionen beginnen mit einer bestimmten Psychodynamik: Wenn der konforme Mainstream nach rechts geht, geht die rebellische Subkultur unter allen Umständen nach links. Wenn also der Mainstream ständig sinnlos erscheinende Grenzen gegen die meisten Formen von Sex und Liebe aufrechterhält, und nur einen winzigen Ausschnitt akzeptabel findet, ist die Strategie der Subkultur daher das exakte Gegenteil: Alle Grenzen weg! Freie Liebe! Nie mehr Schule…äh…Unterdrückung! etc.

Deswegen lehnt die Poly-Szene nicht nur die problematischen, sondern überhaupt alle Überzeugungen und Ideen ab, die ihren Ursprung im Mainstream haben.

Nun ist ein Teil schon richtig: Es gibt beim Thema Sex und Liebe sehr wohl viele sinnlose Grenzen. So ist etwa das Verbot von Homosexualität eine sinnlose Grenze, die erst seit kurzem und nur in wenigen Teilen der Welt von der Mehrheit der Bevölkerung als solche erkannt wird.

Im Eifer des Gefechts hat die Poly-Szene wie fast jede rebellische Subkultur jedoch übersehen, dass am Ende der Hinterfragung von Grenzen immer noch einige sinnvolle Grenzen und Regeln übrig bleiben, die für einen konstruktiven Umgang miteinander zwingend notwendig sind. Das wichtigste Beispiel dafür sind Verhaltensregeln zur Herstellung von Konsens und Fairness.

Genauso verhält es sich mit romantischen Beziehungen: Der Automatismus sexuell geschlossen des Mainstreams ist eine sinnlose Grenze, da er tatsächlich immer und egal wo ein Problem macht, indem er die Ebene Lust unterdrückt, was die Lügenkonstrukte des Patriarchats hervorbringt. Die automatische Einführung von romantisch geschlossen ist hingegen eine sinnvolle Grenze, da ein frisches Pärchen auf der Ebene Liebe nur so unter sich bleibt und die Zeit und Energie zur Verfügung hat, um gemeinsam eine stabile und vertrauensvolle, also gesunde, Paarbeziehung zu entwickeln.

Aus diesem Logikfehler hat sich innerhalb der Poly-Szene ein komplett neues Lügenkonstrukt entwickelt: Ich nenne es die polyamore Lüge. Es ist eine Abwandlung der monogamen Lüge – was, verglichen mit der Vehemenz, mit der sich regelmäßige Besucher_innen von Poly-Veranstaltungen von „der Monogamie“ abgrenzen, eine interessante Verwandschaft darstellt.

Zum Vergleich:

Die monogame Lüge behauptet:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.
  2. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.
  3. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, jemand Anderen sexuell begehrenswert zu finden.
  4. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.

Die polyamore Lüge teilt nun die ersten zwei Punkte mit der monogamen Lüge als gemeinsame Lügen. Lediglich ihr dritter Punkt ist eine neue Erfindung.

Die polyamore Lüge behauptet:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.
  2. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.
  3. Wenn sich jemand innerhalb einer Liebesbeziehung in einen neuen Menschen verliebt, muss daraus zwingend eine neue, zusätzliche Liebesbeziehung entstehen. Der Mensch in der Ursprungsbeziehung hat diese Entwicklung unter allen Umständen gutzuheißen und zu fördern.

Die Anwendung der polyamoren Lüge in einer Liebesbeziehung sieht nun folgendermaßen aus:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.

Ein Mensch in der Liebesbeziehung findet andere Menschen geil und würde mit diesen gerne sexuelle Erlebnisse anstreben.

  1. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.

Dieser Mensch verschwurbelt nun – meistens unbewusst (!) – aufgrund der gemeinsamen Lügen sein eigenes Bedürfnis:

Um Sex allein kann es nicht gehen. Denn einen sexuellen Wunsch zu haben bedeutet ja, automatisch auch einen romantischen Nähewunsch auszudrücken…

Außerdem nervt die ständige Notwendigkeit zur Verheimlichung. Warum können wir nicht „einfach so“ … ?

Damit beginnt der Mensch, der andere Menschen außerhalb der Liebesbeziehung sexuell begehrt, sich in einen neuen Menschen, den er_sie gerade geil findet, zu verlieben.

Die Begründung dieser Lüge ist dabei kreativer als im heteronormativen Mainstream:
Sex zum Spaß (= Swingen) ist nicht einfach nur „grauslig“, sondern „emotional kalt“ oder „mechanisch“. Nur Sex mit Nähehandlungen wie in einer Liebesbeziehung wäre „wirklich“ erfüllend.

Mit der dritten Lüge unterscheidet sich die polyamore Lüge von der monogamen Lüge.

Monogame Lüge:

  1. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, jemand Anderen sexuell begehrenswert zu finden.
  2. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.

Diese Lügen wurden dekonstruiert: Es ist nämlich nicht nur in einer kriselnden, sondern auch in einer schönen, gesunden Liebesbeziehung sehr wohl möglich:

  • jemand Anderes geil zu finden (was jeder Mensch, der_die Pornos oder Sexszenen schaut, oder Erotika liest, auch ständig tut),
  • oder sich in jemand Anderes zu verlieben.

Diese Gefühle haben nichts mit der Existenzberechtigung der bestehenden Liebesbeziehung zu tun – sie zeigen einfach an, dass ein weiterer für das Bedürfnis (möglicherweise!) kompatibler Mensch vorhanden ist – genau wie wenn der betroffene Mensch Single wäre.

Anstatt mit einem funktionierenden Konstrukt wurden diese Lügen allerdings durch eine neue Lüge ersetzt:

Polyamore Lüge:

  1. Wenn sich jemand innerhalb einer Liebesbeziehung in einen neuen Menschen verliebt, muss daraus zwingend eine neue, zusätzliche Liebesbeziehung entstehen. Der Mensch in der Ursprungsbeziehung hat diese Entwicklung unter allen Umständen gutzuheißen und zu fördern.

Die Grundstimmung ist also im Gegensatz zum Mainstream romantisch offen: Alles ist möglich; Beziehungsgeflechte können mit jeder neuen Verliebtheit um einen neuen Menschen erweitert werden. Manche definieren als Grenze für die Anzahl der Beziehungspartner_innen wieviele sie in der eigenen Freizeit unterbringen können, während andere nach dem Motto je mehr, je besser zusätzliche Beziehungen eingehen.

Ein weiterer Ausdruck sind die sogenannten Kuschelhaufen: Mehrere Menschen, die sich spontan kennengelernt haben, beginnen, Nähehandlungen auszutauschen. Sie umarmen, kuscheln, streicheln und küssen sich. Das kann stundenlang so gehen. Ab und zu wird rotiert, damit jede_r im Kuschelhaufen einmal mit allen gekuschelt hat. Nicht selten schlafen dabei alle aufeinander ein. Diese Handlungen (inklusive miteinander eingekuschelt einzuschlafen), vermitteln auf einer unbewussten Ebene die größte Nähe, die zwischen Menschen möglich ist – die einer Liebesbeziehung.

Wie gesagt, diese Menschen haben sich aber gerade erst kennengelernt und wissen oft nicht einmal den Vornamen voneinander. Bewusst sind sich alle also nahezu fremd, unbewusst wird die größtmögliche Nähe kommuniziert. Dass aufgrund der Inkompatibilität der gleichzeitigen Handlungen da mal ein Kabel im Gehirn durchbrennt, ist nicht verwunderlich. Diese Menschen haben dadurch nämlich ein erhöhtes Risiko, chronische psychische Probleme zu bekommen.

Die Poly-Szene – Teil 3/4: Rape Culture innerhalb der Szene

Die Unterdrückung und Abwertung der Ebene Lust an sich (Ablehnung von Swinger_innen, die gemeinsamen Punkte der monogamen und polyamoren Lüge) trifft also auf eine weit offene Ebene Liebe (romantisch offenes Sozialverhalten, Kuschelhaufen).

Die Ebene Lust kann also wieder einmal nur durch die Öffnung der Ebene Liebe freigeschalten werden. Das setzt die Einzementierung der patriarchalen Lüge in Gang und produziert in weiterer Folge eine eigene Rape Culture (!):

Auf einer Poly-Veranstaltung sieht das dann folgendermaßen aus:

Ein Pärchen oder Polykül besucht gemeinsam eine Veranstaltung. Nun gehen alle Anwesenden davon aus, dass alle Personen dieses Paares oder Polyküls romantisch offen und außerdem jetzt gerade auf der Suche sind. Obwohl die allermeisten Paare im Hetero-Mainstream geschlossen sind, und es auch viele Poly-Konstellationen gibt, die teilweise oder ganz geschlossen sind, kommt niemand auf die Idee, dass ein bestehendes Pärchen oder Polykül romantisch geschlossen sein könnte, oder nur unter bestimmten Bedingungen für bestimmte Handlungen offen sein könnte.

Diese Situation könnte einfach, schnell und fair geklärt werden, und zwar indem ein interessierter Mensch erst mal nachfragt, bevor er, sie oder sier jemanden anbaggert.

Aber das passiert aufgrund der obigen Annahme natürlich nicht. Stattdessen spielt sich folgendes ab: Ist ein Mensch an einem_r der Neuankömmlinge interessiert, fängt er_sie an, die gewünschte Person anzuflirten. Die Beziehung(en) dieser Person werden dabei bestenfalls ignoriert, schlimmstenfalls durch Mikroaggressionen und soziale Manöver (Wegdrängen, Dazwischenstellen) auf die Seite geschoben.

Das führt dazu, dass – obwohl die Poly-Szene ständig über Polyküle und mehrfache Beziehungsanbahnung redet – keine Polyküle und kaum Pärchen auf den Treffen vorhanden sind: Verständlicherweise will sich kaum ein Paar oder Beziehungsgeflecht dieser sozialen Situation (öfter) aussetzen.

Hinter ihren Glaubenssätzen funktioniert die Poly-Szene dann folgendermaßen:

Menschen in der Rolle „Frau“, vorrangig Frauen, aber auch Männer und weitere Geschlechter, betreten die Szene, da sie von den Behauptungen über die Ebene Liebe mit mehr als einem Menschen angezogen werden.

Dort warten allerdings schon Menschen in der Rolle „Mann“, vorrangig Männer, die diesen im Vergleich zum Mainstream noch verstärkten Glauben an die Ebene Liebe von Menschen in der Rolle „Frau“ ausnutzen, um durch Vorspielen nicht vorhandener Zuneigung Sex zu bekommen, bei dem sie auf die Bedürfnisse der Frau kaum oder gar nicht Rücksicht nehmen (müssen).

Verstärkt sich diese Dynamik noch mehr, ergeben sich übergriffige Menschen in der Rolle „Mann“, die Menschen in der Rolle „Frau“ ganz grundsätzlich als Sexualobjekte ohne eigenen Willen ansprechen und durch diverse Spielchen versuchen, den Konsens des Gegenübers zu umgehen bzw. ihn geradeaus missachten.

Diese Umgangsformen habe ich selbst erlebt und bei Anderen mehrmals beobachtet. Sie sind eine klare Umgehung der Konsenskultur und damit eine Form von Rape Culture. Ein anderer Begriff für dieses Verhalten lautet Lovebombing, eine unbewusst ablaufende Manipulationsstrategie.

„Wenn ständige romantische Offenheit die Arschloch-Dynamik und Rape Culture begünstigt, warum vertritt die Poly-Szene dann dieses Verhalten so unbedingt?“

Die Antwort liegt in der Frage: Weil junge Frauen in der Rolle „Frau“, die sich die Ebene Liebe noch stärker als im Mainstream erwarten, für Arschlöcher in der Rolle „Mann“ reihenweise als leichte Beute für Sex bereitstehen. Einen anderen Grund hat dieser Glaubenssatz tatsächlich nicht!

Keine Liebesbeziehung, weder eine einzelne, und schon gar nicht mehrere gleichzeitig (und ich weiß das aus Erfahrung!), kann stabil existieren, wenn sie über einen gewissen Zeitraum hinaus romantisch offen bleibt. Wie soll da Vertrauen, gemeinsamer Alltag, Liebe, also Commitment, entstehen, wenn der bestehende Platz für tiefe Nähe jederzeit gefährdet oder massiv reduziert werden kann?

Denn jeder neue Mensch, mit dem_der eine Verbindung auf der Ebene Liebe eingegangen wird, reduziert automatisch die vorhandenen Ressourcen, also Zeit und Energie, die benötigt werden, um das Commitment und die Nähe des Ursprungspärchens oder -polyküls aufrecht zu erhalten. Die Nähe wird mit jedem zusätzlichen Menschen weniger, und irgendwann bleiben frustrierte Beziehungen übrig, die hauptsächlich ungesunde, energiefressende Dynamiken produzieren.

Die Poly-Szene – Teil 4/4: Was ist Lovebombing? oder: Verlasst die Poly-Szene!

Ein Mensch ist innerhalb einer Gruppe (Berufsgemeinschaft, Bekanntenkreis, Freundeskreis, Gesellschaft) nicht nur steuerbar, indem alle unerwünschten Verhaltensweisen „bestraft“ werden, bis derjenige Mensch diese unterlässt. Die zweite genauso erfolgreiche Methode ist Lovebombing: Alle erwünschten Verhaltensweisen eines Menschen mit übertriebener Zuneigung und übertrieben positiver Aufmerksamkeit zu „belohnen“. Diese Formen der Zuneigung sind dabei sekundärmotiviert: Das Interesse der ausführenden Menschen ist keine gemeinsame Freundschaft oder gar Liebesbeziehung, was die Zuneigung vermittelt, sondern eine Steuerung und Manipulation des angepeilten Menschen.

Jener Mensch fühlt sich dadurch von der Gruppe aufgehoben und in besonderer Weise angenommen. Über diesen Weg können aber Verhaltensweisen eingeschleust werden, die nur bestimmten Menschen in der Gruppe nützen und dem angepeilten Menschen nichts nützen oder sogar schaden. Wenn nun dieser Mensch eigene Impulse ausleben will, die der Gruppenphilosophie widersprechen, oder ganz einfach Handlungen macht, die für die Ziele der Gruppe nicht ausnutzbar sind, wird die positive Zuwendung als Druckmittel benutzt:

„Wir haben uns alle so lieb. Du uns doch auch, oder?!“

Widerspricht der Mensch den geforderten Verhaltensweisen weiter, wird er_sie ab einem Punkt komplett fallengelassen und es werden absolut alle Formen von positiver Zuwendung – auch die, die nicht manipulativ sind – entzogen. Im Extremfall wird der Mensch dann sogar zum „Feind“ der Gruppe erklärt – eine typische Dynamik von konservativen Religionen und religiösen Sekten.

Hier ist anzumerken, dass Lovebombing innerhalb einer Gruppe meist ein unbewusstes Verhaltensmuster ist. Nur Menschen, die bereits ein fundiertes Wissen in derartigen Psychodynamiken haben, können einen solchen Gruppendruck bewusst und absichtlich erzeugen – welcher freilich nur umgesetzt werden kann, wenn es genug Mitläufer_innen gibt, die so einen „Führer“ unkritisiert walten lassen.

Mein eigenes polyamores Beziehungsleben wurde erst ab dem Zeitpunkt stabil und dauerhaft schön, als wir eine romantisch geschlossene Triade wurden und mit dieser Entscheidung gemeinsam aus der polyamoren Lüge und ihren energiefressenden Dynamiken ausstiegen.

Als ich die Neuigkeit meinen (angeblichen) Freundschaften und (angeblichen) guten Bekanntschaften auf Poly-Veranstaltungen mitteilte, schlug die Stimmung von einer Sekunde auf die andere um: Viele Menschen starrten mich feindselig an, einige zeigten sogar mit dem Finger auf meine Freundin, meinen Freund, und mich, um dann angewidert zu schauen und zu tuscheln. Menschen, die mich zuvor bei jedem Treffen freudig begrüßt hatten, schnitten mich plötzlich, oder gingen mir gleich aus dem Weg.

Teilweise wurden wir sogar offen angefeindet: Menschen versuchten uns in Triaden- oder in Pärchenformation aktiv auseinander zu bringen, um damit wieder die ursprüngliche romantische Offenheit, also unsere Verfügbarkeit für romantische Annäherungen, herzustellen. Dies geschah durch Aufforderung, nicht beieinander zu sitzen, nicht so viel „Pärchen-Getue“ zu zeigen (weil das „triggern“ würde – ja, sicher…), während dieselben Menschen ähnliches Pärchenverhalten bei anderen Menschen nie als Problem gesehen oder sogar „süß“ gefunden hatten.

Meine Freundin und ich bekamen eine Sonderbehandlung von sich als Traumprinzen gerierenden Männern: Sobald unser Freund sich auch nur wenige Meter von uns entfernt hatte, stand sofort einer dieser Männer zwischen uns, in einer Geschwindigkeit, dass er wohl gerannt sein musste. Ein Mann, mit dem ich zuvor in einigen Kuschelhaufen gelegen war, wartete, bis Nemo Getränke holen ging, und schlich sich dann an mich heran, um mich plötzlich von hinten zu umarmen (was er noch nie zuvor getan hatte), offensichtlich als eine „Das ist meins“-Geste an meinen Freund.

Mein Freund wurde von Männern in der Poly-Szene besonders offen angefeindet – nicht nur durch das übliche Wegdrängen, sondern auch durch abwertende Bemerkungen. Offenbar wurde er als der alleinige Grund wahrgenommen, dass ich nicht mehr romantisch ansprechbar war und daher nicht mehr an „Kuschelhaufen“ teilnahm. Dass meine Freundin oder ich uns genauso bewusst für unsere Konstellation und romantisch geschlossene Ausrichtung entschieden haben – was wir immer wieder betonten – das war ganz offensichtlich uninteressant. Der Gedankengang wird aufgrund der (teilweise) unbewussten Frauenverachtung wohl gewesen sein:

„Das sind zwei hübsche Frauen, und auch noch bisexuell. Die sollen nicht so viel reden, sondern für mich angenehm sein.“

Im Laufe meines Jahres in der Poly-Szene waren einige regelmäßige Veranstaltungen und private Zusammenkünfte zusammengekommen, zu denen ich immer eingeladen war, und wo sich Leute im Vorfeld erkundigten, „ob ich eh wieder dabei sei“. Als ich meine Freundin und meinen Freund als meine „plus 2“-Begleitungen mitbringen wollte, und diesbezüglich nachfragte, waren sie nicht eingeladen. Ich erhielt jedoch die Rückmeldung, dass ich alleine gerne kommen könne, zu, richtig, einer Veranstaltung einer Szene über mehrfache Liebesbeziehungen. Von anderen Veranstaltungen erfuhr ich plötzlich keine neuen Termine mehr, weil, wie ich später herausfand, die Gastgeber beschlossen hatten, dass ich „nicht dazupassen würde“.

Aufgrund dieser Erfahrungen zogen wir uns von Poly-Veranstaltungen zur Unterhaltung zurück, und besuchten nur noch eine Selbsterfahrungsgruppe für Polyamorie, an der wir bereits vor unserem Kennenlernen teilgenommen hatten. Doch kurz nachdem wir als Triade auftraten, hatte die Gruppe mit freier Platzwahl plötzlich ein Kartenziehsystem, um Menschen Plätze zuzuteilen. „Damit nicht immer dieselben nebeneinander sitzen“, bemerkte der Leiter mit einem Seitenblick auf uns, der bisher mit den immer nebeneinander sitzenden Paaren nie ein Problem gehabt hatte.

Einige (angebliche) Freunde versuchten mich im Gespräch zu überzeugen, dass mich meine neue geschlossene Beziehungsstruktur in meiner „Freiheit“ einschränken würde, und vermuteten hinter meiner Entscheidung eine Erpressung von Maitri und (vor allem) Nemo. Das war für mich der entlarvenste Moment: Ausgerechnet die Menschen, die mich ein Jahr lang umschwärmt hatten, und jetzt wie eine heiße Kartoffel fallen ließen, wollten mir einreden, dass mich Maitri und Nemo, die meine Gefühle eindeutig erwidert hatten, mich von Anfang an fair behandelt, und mich gepflegt hatten, als ich krank war, unterdrücken und ausnutzen würden.

So wurde sichtbar, dass offensichtlich keine_r der Menschen, die ich aufgrund ihrer vermeintlich freundlichen Handlungen über Wochen und Monate hinweg als gute Bekannte oder sogar Freunde eingestuft hatte, ihr Interesse oder ihre Zuneigung ernst gemeint hatten. Stattdessen war ich auf Lovebombing hereingefallen, wodurch ich als junge, attraktive, tolerante Frau für feige Hetero-Männer Aufmerksamkeit und Sex liefern sollte, ohne dasselbe von ihnen als Gegenleistung zu erhalten.

Ich habe seitdem die Poly-Szene verlassen und kann jedem Menschen nur raten, schleunigst das Weite vor dieser Unglück fördernden Subkultur zu suchen!