Sacribas Definitionen – Teil 4/6: Mein Schreibstil

Mich nervt, dass fast alle Texte im Internet zu feministischen Themen entweder heteronormativ oder übermäßig inklusiv geschrieben sind.

Heteronormativ bedeutet, dass der Text von einer Leserschaft im Hetero-Mainstream ausgeht. Beispiele dafür sind:

  • Frau steht für Hetero-Frau
  • Frau steht für feminines Aussehen
  • Mann steht für Hetero-Mann
  • Mann steht für maskulines Aussehen
  • Sex steht für Penis-in-Scheide-Penetration
  • Familie steht für ein Hetero-Paar mit ein oder zwei Kindern, die der Mann gezeugt, und die Frau ausgetragen hat, usw.

Wer sich hier „Für was soll es denn sonst stehen?“ fragt oder „Na, das heißt es doch!“ findet, zeigt die Notwendigkeit einer inklusiven Sprache auf. Es gibt nämlich ganz schön viele Menschen, die sich in diesen Beschreibungen nicht wiederfinden: Menschen mit Bi- oder Homo-Orientierung, Trans-Menschen, weitere Geschlechter, sowie alternative Lebensweisen wie offene Beziehungen, Polyamorie oder bewusste Kinderlosigkeit. Indem diese gar nicht erwähnt werden, wird der Hetero-Mainstream als einziger (gesunder) Lebensentwurf präsentiert. Alle anderen Lebensweisen „gibt es nicht“ – und wenn, dann sind sie falsch oder krank. Dieser Mechanismus wird erasure (= engl. Unsichtbarmachung) genannt und erzeugt viel Leid bei den Betroffenen: Angefangen bei fehlenden Worten für die eigenen Bedürfnisse, über Ausgrenzung der Umgebung, die so tut, als wäre die abweichende Person die einzige mit diesem Bedürfnis, die sie kennen (was so gut wie immer nicht stimmt), bis hin zu tatsächlicher Diskriminierung, etwa wenn ein homoamores Paar keine eigenen Kinder haben darf, oder wenn nicht alle Menschen eines Polyküls dieselbe Rechtssicherheit wie eine Ehe zu zweit bekommen können.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, warum die meisten Texte immer noch diese unethische Weltsicht verbreiten. Die einfache Antwort lautet: wegen des Patriarchats. Jedoch gibt es noch einen Grund: Diese eingeschränkte Sichtweise hat den Vorteil, dass ein Text über komplexe soziale Bedingungen einfach formuliert und strukturiert werden kann – und eine bessere, genauso einfache Sprache wurde bis jetzt nicht erfunden, oder zumindest nicht genügend verbreitet.

Inklusiv bedeutet, dass der_die Autor_in möglichst alle Minderheiten berücksichtigt und erwähnt, die der Inhalt betrifft. Das hat den Vorteil, dass eben keine oder nur wenig heteronormative Unsichtbarmachung vorkommt, und alle Lebensweisen gleichwertig behandelt werden. Daraus folgt aber der Nachteil, dass die Definition von wer jetzt genau angesprochen wird viel Platz vom Text in Anspruch nimmt, sodass solche Artikel entweder unnötig viel Text für ihre Kernaussage(n) brauchen, die Satzstruktur mühsam zu lesen ist, oder entscheidende Teile des Inhalts unverständlich verkürzt werden müssen.

Auf meinem Blog möchte ich eine Brücke zwischen beiden Ansätzen schlagen. Daher findest du über einigen meiner Artikel eine Tabelle, die auflistet, an welche Orientierung und welches Geschlecht sich dieser Artikel richtet, und was ich mit Geschlechtsbezeichnungen wie Frau oder Mann meine – das kann je nach Zweck des Artikels nämlich unterschiedlich sein! Da ich selbst biamor (also auch bisexuell) bin, und daher sowohl im Hetero-Mainstream, als auch bei den meisten Projekten der queeren Szene Unsichtbarmachung erfahre, ist mir die Sichtbarmachung von Bi-Lebensweisen besonders wichtig, wie in dieser Vorschau:

An wen richtet sich der Artikel?
Welche Orientierungen und Geschlechter der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): heterosexuell, heterosexuell lebend wenn bisexuell
Romantische Orientierung(en): heteroamor, heteroamor lebend wenn biamor
Geschlecht(er): Frau
Wer ist mit Frau und Mann gemeint? Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“

Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“

Erweiterbar auf: Alle sexuellen und romantischen Orientierungen
Alle Menschen in der Rolle „Frau“

Im Alltag bedeutet „in der Rolle Mann“ zu sein, dass die Person erkennbare toxische Männlichkeit (toxic masculinity) ausfährt. Genauso bedeutet „in der Rolle Frau“ zu sein, dass die Person erkennbare toxische Weiblichkeit (toxic femininity) in ihrem Verhalten zeigt.

Die Zeile „Erweiterbar auf“ zeigt auf jene Menschen, die im Artikel zwar nicht explizit erwähnt werden, die jedoch die gleiche Psychodynamik haben können – also die Verhaltenweisen, die im Artikel geschildert werden, ebenfalls haben (können). Wer den Text an die passenden anderen Orientierungen oder Menschen richten möchte, kann etwa „Frau“ im Artikel mit „Mensch, der sich eher wie eine Frau verhält“ ersetzen, und „heteroamor“ mit „homoamor“ oder „lesbisch“, usw.

Beispiele:

In der folgenden Tabelle habe ich alle Zeilen umfassender erklärt. Hierbei ist zu beachten, dass dieses Modell eine absichtliche Verkürzung darstellt. Ich sage über niemanden, dass er / sie / sier „in Wirklichkeit“ eine Frau, ein Mann, etc. wäre. Wer eine bessere Idee hat, wie ich

  • alle (auf Facebook mittlerweile über 100) Geschlechter inkludiere,
  • Mit Begriffen des queeren Diskurses, deren Bedeutung sich ständig verändert, aktuell bleibe,
  • und eine heteronormative Leserschaft ohne Erfahrung mit queerer Sprache verständlich anspreche,

kann mir Anregungen oder ein vollständiges, anderes Modell gerne als Kommentar hinterlassen.

Erklärung: Welche Orientierungen und Geschlechter der Artikel anspricht
Die Tabelle: Erklärung: Der Artikel richtet sich an…
Sexuelle Orientierung(en): heterosexuell, heterosexuell lebend wenn bisexuell Frauen, die mit Männern lustvollen Sex haben (können)

Frauen, die mit einem Mann in einer romantischen Beziehung leben (können)

Romantische Orientierung(en): heteroamor, heteroamor lebend wenn biamor
Geschlecht(er): Frau
Wer ist mit Frau und Mann gemeint? Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“

Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“

Frau meint nicht nur Frauen, die sich selbst so bezeichnen, sondern auch Intersex-Personen und weitere Geschlechter mit einer Vulva. Davon alle, die sich meistens in der Rolle „Frau“ verhalten.

Mann meint nicht nur Männer, die sich selbst so bezeichnen, sondern auch Intersex-Personen und weitere Geschlechter mit einem Penis. Davon alle, die sich meistens in der Rolle „Mann“ verhalten.

Erweiterbar auf: Alle sexuellen und romantischen Orientierungen
Alle Menschen in der Rolle „Frau“
Das Verhalten zeigen nicht nur Hetero-Frauen, sondern auch lesbische und Bi-Frauen, solange sie sich in der Rolle „Frau“ verhalten. Genauso kommt es bei Männern und weiteren Geschlechtern in der Rolle „Frau“ vor.