Die Distanzskala – Teil 1/4: Vorstellung des Modells

Ich habe ein Modell entworfen, das die Ursprünge zahlreicher Missverständnisse und Konflikte zwischen zwei Menschen aufdeckt, die Sex anbahnen, miteinander Sex haben, eine romantische Beziehung anbahnen, oder in einer romantischen Beziehung sind. Ich nenne das Modell die Distanzskala.

Während es auf der Näheskala darum geht, wie Menschen Vertrauen aufbauen und ehrlich miteinander kommunizieren können, bildet die Distanzskala das Gegenteil ab. Menschen auf der Distanzskala kommunizieren meistens in hässlichen Spielchen und Racheaktionen – je höher die Stufe, desto härter. Ihr gemeinsames Merkmal ist der Glaubenssatz, dass nur stark sein kann, wer (vermeintlich) schwächeren Mitmenschen etwas wegnimmt. Wer diesem Glaubenssatz folgt, bringt immer mehr Distanz und soziale Kälte zwischen sich und alle anderen Menschen.

Tatsächlich ist die Distanzskala nach der Transaktionsanalyse eine Gruppe aus Spielen, die in gegenseitiger Interaktion wiederum weitere Spiele hervorbringen. Die Transaktionsanalyse ist eine Disziplin der Psychologie, die der kanadische Psychotherapeut Eric Berne begründet und in den 1960ern in seinem Buch Spiele der Erwachsenen (im englischen Original Games People Play) veröffentlicht hat.

Die Distanzskala basiert auf den traditionellen Geschlechterrollen, also Sammlungen an un- und halbbewussten Annahmen, Überzeugungen und Verhaltensmustern, die Menschen in einer patriarchalen Kultur anerzogen bekommen. Die gegenwärtige feministische Literatur geht davon aus, dass es genau zwei solche Verhaltensmuster gibt, in denen Frauen und Männer jeweils erzogen werden – diese bezeichne ich als die Rolle „Frau“ und die Rolle „Mann“. Durch genaue Alltagsbeobachtungen habe ich allerdings festgestellt, dass in diesem Zusammenhang nicht zwei, sondern acht unterschiedliche Verhaltensmuster existieren – und zwar vier Ausprägungen der Rolle „Frau“, und vier der Rolle „Mann“.

Die vier Verhaltensmuster der Rolle „Frau“ nenne ich:

  • Entitlement Girl,
  • Material Girl,
  • Bitch(prinzessin),
  • Missbrauchstäterin.

Die vier Verhaltensmuster der Rolle „Mann“ nenne ich:

  • Entitlement Guy,
  • Frauenversteher,
  • Traumprinz,
  • Missbrauchstäter.

Wenn ich sage, dass Menschen in der Rolle „Frau“ erzogen werden, meine ich damit: Bezugspersonen und Umgebung bringen dem Kind oder dem_der Jugendlichen durch Vorleben, Belohnung von erwünschtem Verhalten und Bestrafung von unerwünschtem Verhalten das Verhaltenmuster Entitlement Girl bei. Genauso ist es mit der Rolle „Mann“, mit dem Unterschied, dass hier das Verhaltensmuster Entitlement Guy übrigbleibt.

Die Namen der Stufen sind bewusst plakativ gewählt, und folgen damit der Konvention der Transaktionsanalyse, mit möglichst kolloquialen, „drastischen“ Begriffen einen hohen Erkennungswert beim betroffenen Menschen auszulösen. Darin liegt jedoch die Stärke der Distanzskala: Die meisten der beschriebenen Verhaltensweisen sind den betroffenen Menschen großteils unbewusst (was sie nicht weniger destruktiv macht), und können so viel eher bewusst (gemacht) werden.

Diese Muster kommen jedoch nicht lose vor, sondern bauen aufeinander auf:

Wie die meisten Spielchen hat die Distanzskala mehrere Härtestufen, in diesem Fall vier, die dasselbe Ziel durch eine andere, destruktivere Strategie verfolgen. Jede dieser Stufen gibt es in zwei Ausprägungen – eine in der Rolle „Frau“ und eine in der Rolle „Mann“:

  • Die Rolle „Frau“ täuscht Sex vor, um unfaire Liebe zu bekommen,
  • Die Rolle „Mann“ täuscht Liebe vor, um unfairen Sex zu bekommen.

Der wesentliche Punkt ist unfaire Liebe und unfairer Sex – denn das wirkliche Ziel der ausführenden Menschen ist ein Machtspielchen, bei dem es darum geht, das Gegenüber anstatt als Menschen als Automaten zu behandeln, der ein gerade vorhandenes Bedürfnis befriedigen soll, ohne dafür eine Gegenleistung geben zu müssen.

Das Grundschema sieht so aus:

Die Distanzskala für alle Menschen
Schweregrad Motivation und Ziel des Spielchens Gemeinsamer Nenner im Verhalten gegenüber anderen Menschen Ausprägung der Rolle „Frau“ Ausprägung der Rolle „Mann“
1. Stufe Anerkennung ohne Gegenleistung von Menschen, die sexuell und/oder romantisch interessant sind Anstrengend, unfair, jammert, ist ständig beleidigt Entitlement Girl Entitlement Guy
2. Stufe Anerkennung ohne Gegenleistung von Menschen, die sexuell und/oder romantisch interessant sind, und der Mehrheit des sozialen Umfelds Vorne zuvorkommend, redet hinterrücks schlecht und betrügt. Material Girl Frauenversteher
3. Stufe Anerkennung ohne Gegenleistung der Mehrheit des sozialen Umfelds, und von Menschen, wo sie sich einfach erschleichen lässt Sagt oder macht genau das, was ein ausnutzbarer Mensch hören will, hält nichts, was er_sie verspricht Bitch Traumprinz
4. Stufe Anerkennung ohne Gegenleistung von Menschen, wo sie sich einfach erschleichen lässt, sowie von jedem erreichbaren Menschen, sofort, und mit Gewalt Misshandelt alle erreichbaren Menschen. Je intelligenter, desto gezielter die Opfer und desto versteckter die Übergriffe. Missbrauchstäterin Missbrauchstäter

Um die Ausprägungen sowohl der Rolle „Frau“ als auch der Rolle „Mann“ mit möglichst vielen Alltagsbeispielen zu beschreiben, habe ich jedes Verhaltensmuster zusätzlich in

  • Ablauf des Spielchens (in der Transaktionsanalyse Manöver genannt),
  • Verhalten gegenüber Männern (= Menschen in der Rolle „Mann“, und allen, die mehr Rolle „Mann“ als Rolle „Frau“ zeigen),
  • Verhalten gegenüber Frauen (= Menschen in der Rolle „Frau“, und allen, die dafür gehalten werden).

unterteilt.

Die vollständige Distanzskala für beide Rollen steht am Ende des Artikels.

Die meisten Menschen behalten das anerzogene Verhaltensmuster ihr Leben lang bei. Wenn solche Menschen jedoch als Jugendliche einer Lebenssituation ausgesetzt sind, oder sich als Erwachsene eine solche aussuchen, die ihre sexuellen und/oder romantischen Wünsche immer wieder beschneidet, und sie unbefriedigt und frustriert zurücklässt, kann der betreffende Mensch entlang der Distanzskala hinaufwandern. Ein Entitlement Girl wird dann zum Material Girl, und ein Entitlement Guy zum Frauenversteher. Das Wechseln von einer Stufe zur nächsten dauert üblicherweise mehrere Jahre, während denen der betreffende Mensch unbewusst und schleichend aus der patriarchalen Umgebung übernommene Ignoranzen, Spielchen, und Täuschungsmanöver ausprobiert, bis die neue Stufe im Verhalten sichtbar wird.

Jedes Verhaltensmuster auf der nächsten Stufe bringt erst einmal eine Erleichterung, da die gesuchte Aufmerksamkeit anderer Menschen einfacher „verfügbar“ ist. Das Hässliche an dieser Weiterentwicklung ist jedoch, dass sich durch Spielchen nur kurzfristig Anerkennung erschleichen lässt – Aufmerksamkeit, die alle Beteiligten auch tatsächlich wollen und meinen, also echte, energiegebende Nähe zu anderen Menschen, entsteht dadurch nicht. Im Gegenteil, die energiefressenden Spielchen verstärken das Grundproblem sogar, bis ein erneutes Raufwandern passiert, um mit der unverändert unglücklichen Situation umzugehen.

Übrigens ist es nicht möglich, eine Stufe zu überspringen, da jede neue Stufe immer aus den Erfahrungen und Verletzungen der vorherigen entsteht. Jeder Frauenversteher war einmal ein Entitlement Guy, und jede Bitch einmal ein Material Girl. In besonders patriarchalen Umgebungen (ein kirchentreues Dorf am Land, oder ein Stadtbezirk mit Menschen aus Kulturen, die mehr Patriarchat als die eurozentrische/westliche haben) können Menschen jedoch besonders schnell die Distanzskala hinaufwandern, sodass sie weniger als ein Jahr auf einer Stufe verbringen.

Wenn diese Verändung extrem verläuft, kommt am Ende ein Missbrauchstäter oder eine Missbrauchstäterin heraus. Um ihre unmittelbaren Bedürfnisse zu befriedigen, versuchen diese Typen von Menschen nicht einmal mehr zu kommunizieren, sondern setzen jede gerade verfügbare Gewalt ein – physische Gewalt wie Drohungen, Prügeln, Nötigungen, Übergriffe oder psychische Gewalt wie Tone Policing, Gaslighting, Victimblaming und Erpressung. Diese Endstufe zeigt: Indem Geschlechterrollen bis zur letzten Konsequenz gelebt werden, bringt das Patriarchat ungefiltert „das Böse“ im Menschen hervor.

Solange die Situation allerdings weder großartig besser noch schlechter wird, oder sogar minimale Verbesserungen erfährt, sodass der betreffende Mensch nicht mehr so akut unglücklich ist, stoppt das die Dynamik, und der Mensch verbleibt auf der jeweiligen Stufe.

Ändert derjenige Mensch den eigenen Lebensentwurf hingegen drastisch und erlebt infolge dessen, dass sexuelle und romantische Wünsche befriedigt werden, kann dies sogar bewirken, dass der betreffende Mensch die Distanzskala langsam hinunterwandert: aus einem Material Girl wird wieder ein Entitlement Girl und aus einem Frauenversteher wieder ein Entitlement Guy. Diese Entwicklung kann sogar soweit gehen, dass der Mensch die Distanzskala weitgehend verlässt und einen völlig neuen Charakter entwickelt: einen gesunden Menschen ohne Geschlechterrolle, der unabhängig von den gesellschaftlichen Erwartungen das Leben aktiv gestaltet, das sie, er oder sier wirklich will.

Hier gibt es die volle Distanzskala für die Rolle „Frau“.

Und hier die volle Distanzskala für die Rolle „Mann“.