Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung? – Teil 1/4: Die Ebene 6 auf der Näheskala

Die Nähe, die in Liebesbeziehungen ausgetauscht wird, ist die größte menschenmögliche Nähe. Davon zeugen die zahlreichen Liebesgeschichten, sei es in Form von Heldenepen, Legenden, Liedern oder Erzählungen, in allen vergangenen und gegenwärtigen Kulturen der Menschheit. Die eurozentrische/westliche Gesellschaft bildet das in ihrer Popkultur ab – in Liedern, Filmen, Serien und Werbung.

Der Ritualsatz einer Hochzeit „In guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod uns scheidet“ steht für eine/mehrere erfüllte Liebesbeziehung/en, die kein Ablaufdatum hat/haben. Die elementare Sehnsucht besteht darin, das Leben miteinander zu teilen, was die größtmögliche Nähe und gemeinsame persönliche Entwicklung möglich macht.

Die anfängliche Verliebtheit in frischen Beziehungen scheint „einfach so“ zu entstehen – und hält üblicherweise zwischen einigen Wochen und Monaten an. Die allermeisten Beziehungen erleben jedoch nach dieser Zeitspanne, dass das Gefühl der Verliebtheit versiegt – und entweder ständigen Konflikten, Langeweile, oder einem „Immerhin bin ich nicht allein. Vielleicht wird’s ja wieder?“ Platz macht. Viele machen an dieser Stelle Schluss, andere bleiben unglücklich zusammen.

Die stabile Ebene Liebe steht allerdings entgegen populären Überzeugungen nicht für die Umwandlung der anfänglichen Verliebtheit in ein „anderes“ Liebesgefühl. Im Gegenteil, ein betreffendes Paar mit einer stabilen Ebene Liebe empfindet auch nach Monaten und Jahren Verliebtheitsgefühle füreinander, und wirkt auf Außenstehende oftmals wie ein frisch verliebtes Pärchen. Dadurch produziert eine stabile Ebene Liebe überwiegend Energie.

Das Geheimnis hinter dieser Entwicklung?

Verliebtheit kann zwar „einfach so“ entstehen – sie kann jedoch aus den richtigen Zutaten auch absichtlich hergestellt werden. Alle Menschen in einer schönen Langzeitbeziehung wissen das, oder handeln zumindest instinktiv danach. Es braucht einerseits zwei romantisch kompatible Menschen sowie andererseits gemeinsame, geteilte Erlebnisse, über die sich beide Beteiligte freuen. Dazu gehören:

  • guter Sex innerhalb der Beziehung (Ebene 3),
  • eine schöne gemeinsame Unternehmung oder eine gelungene Umsetzung eines gemeinsamen Hobbys (Ebene 4),
  • als Haushalt / Haustierhalter / Eltern ein eingespieltes Team zu sein (ebenfalls Ebene 4),
  • empathische Gespräche über Gedanken und Gefühle (Ebene 5),
  • und natürlich Nähehandlungen (Küssen, Kuscheln, miteinander einschlafen) auf der Ebene 6 selbst.

Damit alle diese Ebenen als Beziehung gelingen, müssen alle Beteiligten zu etwa gleichen Anteilen die benötigte Zeit, Energie und Beziehungsarbeit in die Beziehung(en) investieren. Insbesondere die Beziehungsarbeit kann natürlich auch anstrengende Tage bedeuten, in denen Verliebtheitsgefühle nicht unmittelbar zu spüren sind.

Dieser Aufwand zahlt sich jedoch vielfach aus: Denn durch die Klärung der unteren Ebenen können die Beteiligten ihre Verliebtheit stabilisieren, sodass diese auch nach einem heftigen Konflikt verlässlich zurückkommt, bzw. durch die größere Nähe über Zeit sogar noch mehr wird. Solange die Ebene Liebe stabil bleibt, kann die Verliebtheit ein ganzes gemeinsames Leben lang anhalten.

Mitbestimmung ist dabei ein fundamentales Recht von allen Beteiligten innerhalb einer Liebesbeziehung. Denn um das Leben miteinander zu teilen, müssen mit Konsens und Fairness alle Bereiche davon gemeinsam besprechbar sein. Es müssen sich durch Diskussion Vereinbarungen finden lassen, mit denen alle Beteiligten zufrieden sind. Bei Änderung von Bedürfnissen ist natürlich eine Anpassung der Vereinbarungen unter gegenseitiger Mitbestimmung mit Konsens und Fairness erforderlich. Besonders geht es dabei um Lebensentscheidungen, also um Entscheidungen, die auf das gesamte weitere Leben einen Einfluss haben. Dazu gehören:

  • das Sexleben zu zweit
  • die sexuelle Offenheit der Beziehung (= ob und wie die Beteiligten mit anderen Menschen Sex haben)
  • der Wohnort
  • ob Haustiere oder Kinder gewünscht sind, und wenn ja, wie viele
  • die romantische Offenheit der Beziehung (= ob und wie die Beteiligten Polyamorie anstreben)

Beispiele:

Menschen, mit denen ich eine andere Ebene als die Ebene 6 teile, haben kein Mitbestimmungsrecht, wenn es um Lebensentscheidungen geht: Gute Freunde werden zwar traurig sein, wenn ich den Wohnort so wechsle, dass Kontakt schwerer möglich ist, gemeinsam mit ihnen darüber verhandeln muss ich jedoch nicht. Wenn ein_e (angebliche) Freundschaft dennoch bei einer meiner Lebensentscheidungen mitbestimmen möchte (etwa wo ich wohnen möchte oder mit wem ich Sex habe), ist er_sie vermutlich auch in anderen Situationen ein schlechter Freund, da diese Person offensichtlich nicht versteht oder verstehen will, was eine echte Freundschaft ausmacht.

Mein/e Bezugsmensch/en auf der Ebene 6 hat/haben bei diesem Thema aber sehr wohl ein Mitbestimmungsrecht: Wenn ich will, dass unsere Ebene Liebe stabil ist und bleibt, muss ich darüber verhandeln und zu einem Ergebnis kommen, das für alle Beteiligten zufriedenstellend ist. Bei einer Diskussion über einen Wechsel des Wohnortes wären die Möglichkeiten:

  • Liebesbeziehung zieht mit
  • Ich wechsle den Wohnort doch nicht
  • Die Distanz des neuen Wohnortes ist für alle Beteiligten akzeptabel