Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 6/7: Das Energie-Gleichgewicht zwischen Paaren in einem Polykül

Inwiefern eine Paarbeziehung energiefressend sein kann, habe ich in Das Energie-Gleichgewicht innerhalb einer Paarbeziehung beschrieben.

Weist ein beteiligter Mensch ein energiefressendes Verhalten auf und/oder befindet sich die Paarbeziehung in einem energiefressenden Zustand, hat dies in Polykülen eine Auswirkung, die in Zweierbeziehungen gar nicht vorkommt. Von jenen Menschen, die Polyamorie anstreben oder leben, kennen zwar viele das emotionale Phänomen, wissen aber zu wenig darüber, um ihre Empfindungen entsprechend zuzuordnen.

Bei einer Zweierbeziehung ist die Gesamtanzahl aller beteiligten Menschen gleich groß wie das Paar: Es geht an der Basis immer um zwei Menschen. Ist die Paarbeziehung instabil, sind also nur zwei Menschen direkt betroffen – und möglicherweise noch eventuell vorhandene Kinder.

Die Situation in einem Polykül ist jedoch eine vollkommen andere: Jedes Polykül besteht aus mindestens zwei Paarbeziehungen – das Minimum sind also drei Menschen. Ist eine Paarbeziehung davon instabil, beeinflusst das über Energieaustausch auch die weitere(n) Paarbeziehung(en) oder Metamour-Verhältnisse negativ, selbst wenn diese für sich alleine sehr gut, also überwiegend energiegebend, funktionieren (würden).

Dieser Energieaustausch findet, ähnlich der Osmose in der Chemie, an allen Verbindungspunkten statt. Bei den in Das Poly-Zeitproblem vorgestellten Abbildungen von verschiedenen Polykülen sind das alle Eckpunkte, wo sich zwei oder mehr Linien berühren, wo also ein Mensch mehr als eine romantische Verbindung betreibt.

Wenn nun ein Mensch zur selben Zeit in einer energiefressenden und einer anderen, energieproduzierenden Verbindung ist, erzeugt das eine eigene unbewusste (!) Dynamik, die ich das Prinzip der verschobenen Grenzen nenne.

Beispiele:

Mensch A und Mensch B haben miteinander eine instabile Paarbeziehung. Sie öffnen diese romantisch, allerdings nicht aus einer Primärmotivation für Polyamorie, sondern aus einer Sekundärmotivation.

Angenommen, dieses romantisch offene Paar lernt einen geeigneten dritten Menschen, Mensch C, kennen. Zwischen Mensch B im Ursprungspaar und dem neuen Mensch C funkt es und sie beginnen, sich regelmäßig zu küssen, zu kuscheln oder liebevolle Aufmerksamkeit(en) zu teilen, also romantische Verhaltensweisen zu zeigen. Damit gibt es auf einmal eine neue Verbindung auf der Ebene Liebe. Gemäß der Näheskala reichen für den Energieaustausch übrigens Verliebtheitsgefühle und romantische Handlungen. Sex oder eine offizielle Paarbeziehung sind nicht notwendig, verstärken jedoch das Phänomen, sobald vorhanden.

Wir haben also das energiefressende Ursprungspaar EF (= Energiefresser) aus Mensch A und Mensch B sowie die neue romantische Verbindung EG (= Energiegeber) aus Mensch B und Mensch C, deren frische Verliebtheit Energie produziert.

Das entstandene V-Polykül sieht dann so aus:

Wie bei kommunizierenden Gefäßen wandert nun die Energie vom energieproduzierenden zum energiefressenden Paar. Das setzt das Prinzip der verschobenen Grenzen in Gang:

Aus der Sicht von Mensch B, der sowohl Teil von EG als auch von EF ist, wirkt auf einmal der Anteil von Mensch A am Energieminus von EF, also Verhaltensweisen, die vorher dauernervig, unfair oder grenzüberschreitend waren, auf die erste Einschätzung gar nicht mehr so schlimm. Denn Mensch B hat nun mehr als seine eigene Energie zur Verfügung, nämlich die Energie von EG, um das Energieminus in EF auszugleichen. Bewusst äußert sich dies durch weniger Genervtheit, Erschöpfung oder destruktive Konflikte (auch unausgesprochene!) innerhalb EF und dass Mensch B bisher störende Situationen und Verhaltensweisen uminterpretiert – zu „Passt eh“ oder gar „tolle Eigenheit von Mensch A“. Subjektiv gesehen scheint die EF-Beziehung zwischen Mensch A und Mensch B also plötzlich besser zu funktionieren, obwohl alle energiefressenden Dynamiken natürlich weiterlaufen.

Die andere Seite bleibt davon nicht unbeeinflusst: Die Energie von EG wird schließlich angezapft. Am Anfang kann dies unbemerkt bleiben, da nur die überschüssige Energie abgezogen wird, und EG wenigstens noch die benötigte Energie, um gut zu funktionieren, aufrecht erhalten kann. Wenn aber daraus ein Energieminus entstanden ist (= EF sogar die benötigte Energie von EG abzieht), äußert sich dies in plötzlichen Konflikten zwischen Mensch B und Mensch C, den ursprünglichen Energiegebern. Diese Konflikte wurden von Mensch B unbewusst aus der Beziehung mit Mensch A „verschoben“ und brechen sich nun bei dem nächsten geeigneten Menschen ihre Bahn. Die EG-Paarbeziehung leidet in Folge unter Genervtheit, Erschöpfung und ebenjenen destruktiven Konflikten und wird dadurch ebenfalls zu einer instabilen Paarbeziehung.

Der einzige Weg, diese Spirale zu durchbrechen, ist, die Ursachen für das Energieminus innerhalb EF zu finden und zu beheben. Die Themen der plötzlichen Konflikte zwischen Mensch B und Mensch C sind dabei ein guter Hinweis – genau diese Themen sind höchstwahrscheinlich das Problem zwischen Mensch A und Mensch B. Die EF-Paarbeziehung muss dann so angeschaut werden, als ob EF eine Zweierbeziehung ohne weitere dranhängende Beziehung(en) wäre:

  1. Wurde die polyamore Erweiterung aus einer Sekundärmotivation eingegangen?
    (Siehe dazu das Flowchart: Ist Polyamorie etwas für mich?)
  2. Trifft einer oder mehrere der Gründe für eine instabile Paarbeziehung zu?
  3. Wie können wir unsere Situation gemeinsam Schritt für Schritt ändern, sodass unsere Beziehung stabil wird?

Wenn hingegen über keines dieser Themen eine konstruktive Kommunikation (mehr) möglich ist oder eine Liebesbeziehung von vorneherein nicht die passende Verbindung war, bleibt als einzige Lösung, dass sich Mensch A und B trennen.

Die Poly-Szene hat für solche Fälle eine eigene Philosophie entwickelt: New relationship energy, abgekürzt NRE, – die Energie einer neuen, frischen Verliebtheit.

Viele Szenegänger_innen der Poly-Szene sind der Meinung, dass die NRE einer neuen Verliebtheit einer vorher vorhandenen Beziehung nicht nur nutzt, sondern bei den Beteiligten sogar, anstatt Eifersucht, Mitfreude hervorbringt: Mensch B freut sich, dass seine Verliebtheit von Mensch C erwidert wird, und Mensch A und Mensch B freuen sich gemeinsam, weil die Ursprungsbeziehung besser funktioniert. Alle können mithilfe der schönen Energie ihr Leben genießen.

Wie ich beobachtet habe, beschreibt das Phänomen der NRE auf eine bereits vorhandene Beziehung allerdings genau den Effekt, dass eine energiefressende Beziehung durch die Energie einer neuen romantischen Verbindung eine scheinbare Verbesserung erfährt. Was das Ganze kompliziert macht, ist, dass die erwähnte Mitfreude leider kein „Herzgespinst“ darstellt, sondern der Tatsache entspringt, dass die Beteiligten nicht zuordnen können, woher die plötzliche Energie kommt, und ihre positiven Gefühle – in einer linken Subkultur wie der Poly-Szene zugegeben naheliegend – als eine Art Solidarität für das Gegenüber missverstehen.

Falls nicht schon im Vorfeld Grenzüberschreitungen passiert sind („Ich teile dir mit, mit wem ich außer dir noch etwas habe, aber ob du das ok findest, ist mir wurscht!“), kann die vorhandene Beziehung tatsächlich das als Mitfreude bezeichnete positive Gefühl empfinden – allerdings nur für die ersten paar Wochen. Dann kippt das Gleichgewicht, und auch die EG-Beziehung fällt wie die EF-Beziehung ins Energieminus. An diesem Punkt muss natürlich eine neue EG-Beziehung her, die wiederum NRE bereitstellt, usw.

Die jeweilige EG-Beziehung wird also angezapft: Anstatt die Energie der Verliebtheit dem jeweiligen Paar zu lassen (wofür sie eigentlich gedacht ist), fließt diese in eine oder mehrere fremde, energiefressende Struktur(en) und verschwindet darin wie in einem schwarzen Loch. Unbearbeitet bewegt sich das gesamte Beziehungsgeflecht im Laufe von ein paar Monaten über den miauenden Hund und/oder den seriell-parallelen Durchlauferhitzer auf einen emotionalen Atompilz zu, in dem es schlussendlich hochgeht.