Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 7/7: Negativspiralen in Polykülen oder: Das geht, aber es geht selten gut

Wie instabile Paarbeziehungen das Energie-Gleichgewicht zwischen Paaren in Polykülen steuern, habe ich bereits im gleichnamigen Artikel beschrieben.

Wenn an eine instabile Paarbeziehung weitere Beziehungen angehängt werden, ist die häufigste Folge das Prinzip der verschobenen Grenzen. Dabei bekommt die Beziehung, die in einer energiefressenden Dynamik festhängt, die Energie der neuen Verliebtheit und wirkt dadurch scheinbar nicht mehr so belastend. Sobald das Gleichgewicht kippt, erhält die neue Beziehung dafür anstatt der aus ihr entstehenden Verliebtheit destruktive Konflikte. Diese wurden unbewusst aus der Beziehung mit der energiefressenden Dynamik weggeschoben und brechen sich nun in der neuen Beziehung ihre Bahn.

Leider verläuft dies in der Praxis jedoch nicht so linear, wie hier beschrieben, sondern wird noch von weiteren Faktoren beeinflusst. Die wichtigsten davon sind:

  • Die Fähigkeit zu konstruktiven Konflikten: „Wir reden das jetzt ordentlich aus!“ vs. „Dir zahl ich’s heim!“
  • Unaufgearbeitete negative Erfahrungen mit einer Ex-Beziehung: „Das ist ein anderer Mensch als mein_e Ex. Ich frag lieber nach Wünschen und Ängsten anstatt mir etwas Unüberprüftes einzubilden.“ vs. „Genau wie meine Ex!! Nur dass ich diesmal nicht die Blöde sein werde…“

Um eine destruktive Dynamik loszutreten, reicht es bereits, wenn sich eine Seite destruktiv verhält und sich weigert, die Sachverhalte konstruktiv anzuschauen. Verständlicherweise wird es noch schwieriger, wenn beide Seiten ein solches Verhalten zeigen. Für das (meistens Ursprungs-)Paar, das die energiefressende Dynamik aufweist, kann es daher in einigen Fällen besonders schwer sein, aus dem Prinzip der verschobenen Grenzen auszusteigen.

Beispiele:

Das Ursprungspaar besteht aus Mensch A und Mensch B. Mensch A verliebt sich in Mensch C und beginnt daraufhin mit Mensch C eine weitere Paarbeziehung. Mit Mensch B wurde der Beginn dieser neuen Beziehung im Vorfeld entweder gar nicht oder nur unzureichend besprochen – mit Mensch B gibt es also keinen ausdrücklichen Konsens.

Am Anfang kommt Mensch B damit klar, dass Mensch A und Mensch C zusammen sind – schließlich profitiert er_sie von der Energie, die aus dieser Verliebtheit in die eigene Beziehung fließt. Dann aber beginnt sich Mensch A mehr für Mensch C zu interessieren, als Mensch B Recht ist. Mensch B ist daraufhin eifersüchtig, verletzt und/oder beginnt Angst um die Beziehung mit Mensch A zu haben. Die Folge sind (wieder aufflammende) Konflikte zwischen Mensch A und Mensch B.

Angenommen, Mensch A sieht daraufhin ein, dass zu viel Zeit mit Mensch C die Beziehung zu Mensch B in Gefahr bringt. Daher schränkt Mensch A den Kontakt mit Mensch C ein. Mensch C ist deshalb verletzt und beendet die Beziehung zu Mensch A. Mensch A und Mensch B sind jetzt wieder zu zweit.

Da es aber nun keine Verliebtheit von außerhalb mehr gibt, deren frische Energie die energiefressende Beziehung ausbalanciert, brechen die alten Konflikte zwischen Mensch A und Mensch B wieder aus. Dies begünstigt, dass die Dynamik umschlägt:

Mensch B ist von den zurückkehrenden Konflikten frustriert, da er_sie sich aus der Beendigung der Beziehung zwischen Mensch A und Mensch C eine schöne Zeit mit Mensch A erhofft hat – die jetzt nicht eingetroffen ist. Daher investiert Mensch B seine_ihre Zeit nun in Mensch D, verliebt sich, und beginnt bald darauf eine Beziehung mit Mensch D. Mit Mensch A wurde der Beginn dieser neuen Beziehung im Vorfeld entweder gar nicht oder nur unzureichend besprochen – mit Mensch A gibt es also keinen ausdrücklichen Konsens. Am Anfang kommt Mensch A damit klar, dass Mensch B und Mensch D zusammen sind – schließlich profitiert er_sie von der Energie, die aus dieser Verliebtheit in die eigene Beziehung fließt. Dann aber beginnt sich Mensch B mehr für Mensch D zu interessieren, als Mensch A Recht ist, usw.

Die einzige Möglichkeit, aus dieser Negativspirale auszusteigen, ist, den Ursprung der Konflikte zwischen Mensch A und Mensch B anzuschauen und gemeinsam zu lösen. Solange die Beziehung romantisch offen ist, also jederzeit neue Menschen an das Beziehungsgeflecht drangehängt werden können, ist dafür allerdings nicht genügend Zeit und Energie vorhanden. Die neuen Verliebtheiten können nämlich sowohl räumlich und zeitlich als auch emotional als „Ausweichmöglichkeit“ vor dem eigentlichen Konflikt benutzt werden.

Die Lösung wäre der Ausstieg aus der polyamoren Lüge. Das geschieht durch die Vereinbarung, romantisch geschlossen zu werden und zu bleiben. Diese muss im Konsens erfolgen und kann temporär oder vollständig sein:

  • Temporär:
    „Wir bleiben für eine bestimmte Zeit romantisch geschlossen und versuchen währenddessen herauszufinden, ob unser Wunsch nach Polyamorie primär- oder sekundärmotiviert ist.“
  • Vollständig:
    „Wir wollen ab jetzt romantisch geschlossen unsere Leben miteinander verbringen. Solange wir zusammen sind, wollen wir an dieser Vereinbarung nie wieder etwas ändern.“