Herzgespinste – Teil 4/7: Seriell-parallele Polyamorie oder: Le chien qui miaule

Ein Mensch, der „poly ist“, betreibt mehrere Verliebtheiten gleichzeitig und teilt die eigene Zeit unter diesen auf. Da aber immer wieder (üblicherweise mit einem Abstand von mehreren Monaten) eine neue Verliebtheit an das Beziehungsgeflecht angehängt wird, bleibt für die chronologisch älteren Verliebtheiten irgendwann nicht mehr genug Zeit und Platz, um die tiefe Nähe einer ernstgemeinten Liebesbeziehung aufrechtzuerhalten.

Da es für die daraus entstehenden Dynamiken noch keine eigenen Bezeichnungen gibt, haben mein Lebensgefährte Nemo und ich eigene erfunden: der miauende Hund und der seriell-parallele Durchlauferhitzer.

Der miauende Hund

Wenn die chronologisch ältere Beziehung keine Vereinbarungen hat, wann und wie Zeit miteinander verbracht wird, und einfach aus einem „Wir sehen uns eh“ eine neue Verliebtheit anhängt, wird die chronologisch ältere Beziehung langsam zum miauenden Hund: Dadurch, dass der neue Mensch ebenfalls Zeit benötigt, verbringen die Beteiligten des Ursprungspaares schlagartig weniger Zeit miteinander, oder sind in einem gemeinsamen Haushalt einfach „weniger da“. Die gemeinsame Nähe sinkt so von der tiefen Nähe einer Liebesbeziehung graduell auf die Nähe einer entfernten Bekanntschaft mit Sex.

Die Beteiligten sehen ihre Verbindung allerdings immer noch als „Beziehung“, oder sich selbst als „Paar“, obwohl die gegenseitigen Wünsche und Handlungen nicht mehr viel damit zu tun haben: So kann einem Menschen in einer solchen „Liebesbeziehung“ dann passieren, dass das angeblich verliebte Gegenüber bevorzugt, Zeit mit der neuen Verliebtheit zu verbringen, anstatt sich um den Menschen in der Ursprungsbeziehung zu kümmern, wenn diese_r krank ist, oder emotionale Unterstützung benötigt. Die Katze wird also mit „Hund“ angesprochen, miaut aber trotzdem, anstatt zu bellen.

Der nicht mehr erfüllbare Beziehungswunsch erzeugt zutiefst frustrierte Menschen, welche dann destruktive Konflikte ausfahren – das Erkennungsmerkmal eines instabilen Zwischenzustands auf der Näheskala, ähnlich dem einer Nebenbeziehung.

Der miauende Hund besteht solange, wie die Beteiligten Worte und Handlungen der Ebene 6 trotzdem verwenden. Dazu gehört bei der Beziehungsform die (öffentliche und private) Bezeichnung als „Beziehung“ oder „Paar“, und natürlich Nähehandlungen (Küssen, Kuscheln, Miteinander einschlafen). Alle diese Verhaltensweisen befeuern im Unbewussten die Sehnsucht nach der tiefen Nähe einer Liebesbeziehung mit dem betreffenden Menschen weiter. Wie Tantalos hat ein Mensch, der in einem miauenden Hund lebt, ständig die Hoffnung auf eine echte Liebesbeziehung vor Augen, welche aber, sobald er_sie diese leben will, auf ein (zeitlich und emotional) kaum anwesendes, kaltes Gegenüber trifft.

Der seriell-parallele Durchlauferhitzer

Bleibt das Beziehungsgeflecht weiterhin romantisch offen, und kommen neue Verliebtheiten hinzu, beginnt der seriell-parallele Durchlauferhitzer: Die chronologisch älteren Verbindungen fallen nach und nach zugunsten einer neuen (meistens sekundärmotivierten) Verliebtheit, einer neuen „Hitze“ also, aus dem Beziehungsgeflecht. Entweder weil sie sich selbst lieber in neue Verliebtheiten investieren oder weil das Gegenüber keine Zeit mehr und/oder geringeres Interesse an Verbindungen hat, bei denen der miauende Hund aktiv ist und daher die anfängliche Verliebtheit weniger geworden oder verschwunden ist.

Interessanterweise gibt es in der amerikanischen Poly-Szene bereits ein eigenes Wort für die nie endenwollende Frustration und destruktive Gefühlsachterbahn, die eine längere romantisch offene Lebenweise mit sich bringt: polyagony, ein Portmanteau aus polyamory und agony (engl. Seelenqualen).

Die enttäuschten Hoffnungen aus dem miauenden Hund und Liebeskummer aus den Trennungen im seriell-parallelen Durchlauferhitzer sind dabei eine deutliche Folge der energiefressenden Zustände. Bei jenen beteiligten Menschen, die mehrere solcher (ehemaliger) Verliebtheiten gleichzeitig betreiben, und sich daher in mehreren energiefressenden Dauerzuständen befinden, verstärkt das den energiefressenden Effekt drastisch, welcher dann bei allen Beteiligten psychische Probleme verursacht. Letztendlich führt eine ständig romantisch offene Lebensweise zu chronischen psychischen Erkrankungen wie einer Depression oder einer Persönlichkeitsstörung.