Im Mainstream – Teil 1/4: Wir sind monogam!

Der Mainstream bezeichnet eine Gruppe von Menschen in der eurozentrischen/westlichen Gesellschaft (und weiteren Gesellschaften), die durch ihre Anpassung an soziale Erwartungen die Unterdrückung von (insbesondere weiblicher) Sexualität befeuern. Da sie die Mehrheit an der Gesamtbevölkerung stellen, sind sie die Hauptquelle für die Entstehung und Aufrechterhaltung der patriarchalen Irrglauben und Lügen – also des Patriarchats.

Die gegenwärtige feministische Literatur hat für diese Gruppe die neutrale Bezeichnung heteronormativer Mainstream oder heteronormative Mehrheitskultur entwickelt:

  • Hetero, weil die bevorzugte Orientierung in dieser Mehrheitskultur heterosexuell und heteroromantisch ist, weswegen Menschen mit einer homosexuellen und homoromantischen Orientierung negative Reaktionen erfahren.
  • Normativ, weil sich die betreffenden Menschen an den Werthaltungen der Mehrheit – den Normen – orientieren, um ihr Leben daran anzupassen, und dies auch von ihrer Umgebung verlangen.
  • Mainstream (engl. Strömung), weil die Mehrheit der Menschen wie Wasser in einem Fluss in dieselbe Richtung treibt.

Seit es einen solchen Mainstream gibt, haben Menschen andere Lebensweisen angestrebt und ausprobiert – zahlenmäßig waren diese jedoch immer der Mehrheit unterlegen. Wenn genügend Menschen mit ähnlichen Interessen aufeinander treffen, entsteht oft eine Subkultur (lateinisch sub = unter) oder alternative Szene (lateinisch alter = anders), wo bereits die Wortherkunft darauf zeigt, dass die Menschen, die sich hier treffen, eine Minderheit innerhalb einer Mehrheitskultur sind. Aktuelle Beispiele für diese Lebensweisen sind alternative Sexualität in Form von Swingen oder BDSM, und das alternative Beziehungsmodell Polyamorie.

Menschen mit Lebensweisen, die so zentrale Themen wie Sex und Liebe anders handhaben, stellen damit den Mainstream selbst infrage, und stoßen dadurch bei Menschen, die ihr Leben den Meinungen der Mehrheit angepasst haben, meistens auf negative Reaktionen: Unverständnis und Unsichtbarmachung sorgen dafür, dass sich alternative Menschen als „die einzigen“ vorkommen, sich einsam fühlen, und keine Sprache und Möglichkeiten haben, über ihre Bedürfnisse zu reden oder Gleichgesinnte zu finden. Je nach Aufenthaltsort können auch Diskriminierung, alltägliche Gewalt oder sogar Verfolgung hinzukommen.

Wenn sich dann Menschen mit ähnlichen Interessen in einer Subkultur zusammengefunden haben, sind diese oftmals wütend über ihre Erfahrungen im Mainstream. Nicht wenige wurden nach dem Versuch, ihre Lebensweise offen zu leben von ihrem vorigen Freundeskreis fallen gelassen, andere mussten als Reaktion sogar Gewalt von ihren eigenen Eltern oder ihren Verwandten erfahren. Aus diesem Grund möchten sich viele Menschen in einer Subkultur auch in der Sprache bewusst von der Mehrheitskultur abgrenzen. Daher hat fast jede Subkultur abwertende Bezeichnungen für den Mainstream hervorgebracht, die oftmals auch die – im Vergleich zur Subkultur – einschränkenden Denkmuster betonen: Spießbürger, Spießer, Kleinbürger, Establishment, Normalos, Muggel (wie die nicht-magischen Menschen der Harry Potter-Geschichten), oder Stinos (ein_e Stino, mehrere Stinos, steht für stinknormale Menschen).

Auf meinem Blog verwende ich allerdings die neutrale Bezeichnung – also heteronormativer Mainstream, oder einfach Mainstream.

Innerhalb des Mainstreams ist monogam ein allgegenwärtiges Schlagwort. Es wird als Aussage über die eigene Identität gebraucht:

„Ich bin monogam“.

Etymologisch besteht monogam aus mono (altgr. eins) und gam (altgr. Sexualpartner). Davon kommt auch Gameten, der Fachbegriff für Keimzellen, also Ei- und Samenzellen. Im eigentlichen Wortsinn sollte monogam also „einen einzigen Sexualpartner habend“ bedeuten. Das stimmt aber schon im Tierreich nicht. So gehen Vögel, die sich zum Brüten einen lebenslangen Partner suchen, ein paar Mal im Jahr sexuell fremd (Männchen und Weibchen!), werden aber trotz dieses Paarungsverhaltens als „monogame Tiere“ bezeichnet und oftmals als Vorbild für eine monogame Liebesbeziehung zwischen Menschen zitiert.

Unter Menschen wird es sogar noch ungenauer. Je nachdem, welche Person gefragt wird, kann monogam verschiedene Bedeutungen haben:

  • Sex nur mit einem Menschen zu wollen
  • Eine Liebesbeziehung nur mit einem Menschen zu wollen
  • In einer Liebesbeziehung nur Sex mit diesem einen Menschen zu wollen

Die meisten Menschen verstehen heute unter Monogamie den dritten Punkt: in einer Liebesbeziehung keinen Sex mit anderen Menschen als dem_der Beziehungspartner_in zu wollen. Allerdings entspricht dies nicht der Natur der meisten Menschen, sondern ist eine falsche Idee des Mainstreams.

Ob eine Idee falsch ist, ist daran ersichtlich, ob sich beim Aufeinandertreffen der Idee und ihrer Umsetzung in der Wirklichkeit Widersprüche finden lassen. In diesem Fall werden wir schnell fündig: Heimliche sexuelle Affären oder Trennungen aufgrund von Fremdgehen (= Sex mit jemand Anderem als dem Menschen in Liebesbeziehung zu haben) sind tief in das kollektive Gedächtnis der eurozentrischen/westlichen Gesellschaft eingegraben: Sowohl jahrhundertealte Geschichten als auch die moderne Popkultur greifen diese immer wieder auf. Daraus ist also ableitbar, dass die meisten Menschen, egal ob Frau, Mann oder weiteres Geschlecht, sehr wohl das Bedürfnis haben, nicht nur mit dem Menschen in ihrer Liebesbeziehung, sondern auch mit anderen Menschen außerhalb davon Sex zu haben.

Dass hier etwas gewaltig nicht zusammenpasst, zeigt sich allerdings nicht nur in der Tatsache, dass Menschen überhaupt fremdgehen, sondern auch im Versuch, Verhaltensweisen in monogam und nicht-monogam einzuteilen:

Beispiele:

Ein Hetero-Pärchen, das sich selbst als „monogam“ sieht, ist gemeinsam mit seinem besten Hetero-Freund auf Urlaub und sitzt zu dritt am Strand. Der beste Freund cremt der Frau des Pärchens den Rücken mit Sonnenschutz ein.

Wo ist nun die Grenze zum „Fremdgehen“?

  • Eine gute Rückenmassage, die beide ein bisschen antörnt?
  • Ein Gespräch, wo miteinander geflirtet wird?
  • Wenn sie ihr Bikini-Top auszieht und er ihre Brüste ebenso mit eincremt?
  • Wenn alle FKK sind und das gegenseitig antörnend finden, sodass eine kurze sexuelle Stimmung entsteht, wo beide Männer eine sichtbare Erektion bekommen?

Jedes Pärchen hat dazu seine eigene Meinung und, im Idealfall, Spielregeln: Für manche ist bereits Flirten mit anderen attraktiven Menschen eine Todsünde, andere ziehen nur bei Sex mit einem Menschen außerhalb der Beziehung eine Grenze. Dabei beginnt der Sex für manche beim Gegenseitig-anfassen, für andere „gelten“ erst Handlungen an den Geschlechtsorganen, und wiederum andere bezeichnen ausschließlich Penis-in-Scheide-Geschlechtsverkehr als Sex (Lesben haben ja bekanntlich keinen Sex).

Das Wort monogam, wie es im Alltag verwendet wird, ist also vieldeutig, und ergibt daher keinen Sinn:

  • Entweder ist es schwammig definiert: Jedes Pärchen macht sich seine konkrete Bedeutung neu aus. Als Folge davon verstehen sich verschiedene Pärchen gegenseitig nicht, wenn sie den Begriff monogam verwenden. Und tatsächlich kann eine ernsthafte Diskussion über die Frage, was denn nun wirklich monogam sei, eine abendfüllende Streitdiskussion produzieren, und sogar einen Freundeskreis spalten.
  • Oder es ist ganz einfach falsch: Denn die Definition, die die meisten verstehen, nämlich in einer Liebesbeziehung nur Sex mit diesem einen Menschen zu wollen, ist eine falsche Idee über die Menschheit.

Diese falsche Idee nenne ich die monogame Lüge.