Die Poly-Szene – Teil 1/4: Was ist das überhaupt?

Wenn ein Mensch neben einer Liebesbeziehung gleichzeitig noch andere Verbindungen mit Sex pflegt, ist es im Mainstream üblich, diese zusätzlichen Verhältnisse zu verheimlichen. Dagegen steht die Grundregel eines polyamoren Lebensstils: Jede_r Partner_in weiß von allen anderen. Heimlichkeit ist tabu.

Nun gibt es in Österreich die sogenannte Poly-Szene mit regelmäßigen Treffen, Themen-Stammtischen, Veranstaltungen, Facebook-Gruppen, und ein bis zwei Stammlokalen pro Großstadt. Die Szene selbst entstand Anfang der 1990er-Jahre in den USA, und wurde im Laufe der 2010er-Jahre nach Europa importiert. Aus diesem Grund gelangen auch im Jahr 2020 die meisten Ideen und Überzeugungen über Bücher und das Internet aus der US-amerikanischen Szene in europäische Städte.

Hier wie dort ist es dieselbe soziale Schicht, die sich die Poly-Philosophie freudig aneignet: Akademiker_innen in ihren 20ern oder 30ern, mit eigenem Einkommen, die experimentierfreudig sind, und in ihrer „Blase“ bisher wenig Konsequenzen ihrer eigenen Handlungen erfahren mussten – also hauptsächlich (angehende) Bobos.

Österreich ist weitgehend ländlich und konservativ geprägt, weswegen die Angehörigen dieses Bildungsbürgertums (und jene, die es werden wollen) in das selbstständigere Leben der Städte ausweichen, in die Hauptstadt Wien und nach Graz, die Orte mit den meisten Studierenden. Deswegen hat die Poly-Szene Wiens die meisten Mitglieder – und eine hervorragende Vernetzung mit der Szene in Graz. Da dieselben Menschen ebenso anderen alternativen Subkulturen offen sind, laufen sich Poly-Interessierte in solch verhältnismäßig kleinen Städten bei Veranstaltungen anderer kreativer Subkulturen (Aktivismus linker Parteien, Poetry Slams, queere Szene, Gothic-/Schwarze Szene, Goa-Festivals, BDSM) leicht über den Weg.

Nachdem ich allerdings etwas mehr als ein Jahr meines Lebens (August 2014 – Dezember 2015) fast jedes Wochenende in der Poly-Szene Wiens verbracht habe, unter der Woche bei vielen Aktivitäten mitgemacht, und zum Schluss auch mitorganisiert habe, kann ich als Meinung darüber lediglich weitergeben: Ignoriert diese Szene, wenn euch eure emotionale Gesundheit am Herzen liegt!

Die Poly-Szene präsentiert sich als ein geradezu rebellischer Gegenentwurf zum Mainstream: Die Menschen und die Szene bezeichnen sich als liberal, tolerant, sexpositiv, offen für neue Ideen, und vor allem offen für einen ehrlichen Umgang mit alternativen Formen von Sex und Liebe, welche die meisten Menschen im heteronormativen Mainstream verleugnen, insbesondere den namensgebenden mehrfachen Liebesbeziehungen.

Unter dieser liberalen Oberfläche entpuppte sich jedoch allmählich ein ganz anderes Bild.

Entgegen ihres Kredos hat die Poly-Szene nicht einmal den Furz einer Ahnung, wie eine ernsthafte Liebesbeziehung mit mehr als einem Menschen gleichzeitig gelingen kann. Schlimmer noch, denn die am häufigsten vertretenen Meinungen und Überzeugungen sind destruktive Strategien: Sie wirken in ihrer Umsetzung nicht etwa als Unterstützung für Beziehungen, sondern als Beschleunigung von Beziehungstrennungen, egal ob zu zweit, zu dritt oder zu mehrt. Ich nenne diese Glaubenssätze Herzgespinste, welche in ihrer Gesamtheit die Poly-Ideologie ergeben.

Dazu kommen höchst problematische Gruppendynamiken:

Die Ziele der Veranstaltungen werden auf polyamory.at, einer zentralen Website für die Poly-Szene in Österreich, folgendermaßen erklärt:

Wozu Treffen für Polyamore und Neulinge dienen:

  1. um ähnlich Gesinnte kennenzulernen und sich mit ihnen auszutauschen
  2. um einen polyamoren Freundeskreis aufzubauen
  3. um einander gegenseitig Unterstützung bei Fragen zu Polyamorie bieten zu können, z.B. in Form von Gesprächen.

Wozu die Treffen nicht dienen:
Sie dienen nicht zum Aufriss und nicht zur krampfhaften Beziehungspartner*innen-Suche.

Quelle: Richard und Sky (2019) Polyamory.at – Treffen, Stammtische, Gruppen [Online]. Verfügbar auf http://polyamory.at/in-kontakt-treten/treffenstammtischegruppen (Abgerufen am 29. Oktober 2019).

Aber hier liegt das Problem: Während alle Beteiligten behaupten, dass es auf den Treffen um Austausch, Freundschaft und Unterstützung ginge, und nicht um Aufriss oder krampfhafte Beziehungspartner_innen-Suche, geht es in Wirklichkeit die ganze Zeit um Letzteres. Jetzt kann man sich natürlich fragen, was daran schlimm sei, denn ein Aufriss oder ein_e neue Beziehungspartner_in sind ja etwas Schönes. Das Problem ist nämlich die unbedingte Verheimlichung und Verschleierung dieser Tatsache, wodurch beinahe jede Poly-Veranstaltung zu einem Ort voller unfairer, hinterfotziger und zeitweise sogar übergriffiger Umgangsweisen wird.

Beispiele:

Erkennbar ist das am verbreiteten Slutshaming, das alle Geschlechter gleichermaßen verwenden: Die meisten Menschen in der Szene, die sich als „poly“ identifizieren, grenzen sich bei jeder Gelegenheit scharf von „Swingern“ ab. Dabei muss sich das Gespräch nicht einmal konkret darum drehen – es reicht, wenn jemand über ein cooles erotisches Erlebnis zum Spaß oder nicht ausgelebte sexuelle Wünsche redet, aber mit dem oder den beteiligten Menschen in keiner romantischen Beziehung sein möchte – in einer „sexpositiven“ Subkultur für alternative Formen von Sex und Liebe, eigentlich ein akzeptiertes Gesprächsthema, sollte man meinen.

Das ist es aber offensichtlich nicht. Üblicherweise bringt nämlich prompt ein_e Zuhörer_in den Hinweis, dass es bei Polyamorie (und speziell hier auf diesem Treffen!) nicht um Sex gehen würde, begleitet von zustimmendem Nicken oder sogar empörten Reaktionen der Umstehenden – was erfolgreich das Thema der erzählenden Person abwürgt und sie in den Augen der Gruppe abwertet.

Wer den Fehler macht und über Swingen konkret redet oder Fragen dazu stellt, bekommt die Abwertung ganz offen zu spüren, in Form von allseits bekannten sexnegativen Kommentaren: “Swingerclubs sind eklig”, „Igitt, da gehst du hin?“, „Wäh!“, etc. – natürlich ohne jemals einen besucht zu haben, ganz genau wie Menschen im Mainstream.

Menschen, die sich einfach Sex zum Spaß wünschen, werden damit als minderwertig hingestellt, mit der oft zitierten Begründung, dass es bei Polyamorie nur um Liebe gehen würde.

Jetzt kann man anmerken, dass zwar die Art, wie es kommuniziert wird, wertschätzender laufen könnte – aber Menschen, die nur Sex und keine Beziehung wollen, sind doch in einer Szene, die sich nach mehrfachen Liebesbeziehungen benannt hat, wirklich falsch, oder?

Nicht wirklich.

Im Laufe jeder Poly-Veranstaltung baggern die meisten der Hetero-Männer nämlich alle anwesenden Frauen der Reihe nach an, und immer wieder auch erfolgreich, sodass fremde Menschen am Ende des Abends mit ihrem Aufriss „zu mir oder zu dir“ gehen. Und nein, daraus entsteht in den meisten Fällen keine neue Beziehung. Während die Beteiligten also genau das machen, was unter Swingern offen und ehrlich passiert und positiv bewertet wird, wird dasselbe Verhalten in der Poly-Szene nicht nur negativ bewertet, sondern sogar aktiv abgestritten, während es unter aller Augen passiert.

Lustigerweise bleiben dabei, trotz der Ausrichtung auf Polyamorie, mehr als zwei Menschen die Ausnahme: Innerhalb eines Jahres habe ich jeden Abend mehrere Aufrisse zwischen einer einzelnen Frau und einem einzelnen Mann mitbekommen, zwei Mal zwei Frauen, ein Mal zwei Männer (obwohl sich ca. ein Drittel der Männer in der Szene als bisexuell beschreiben), sowie drei Mal mehrere Menschen. Obwohl ich natürlich nicht an allen Abenden anwesend war, und nicht jede_n gesehen habe, zeigt bereits dieser Schnitt einer liberalen Subkultur nur wenig Unterschied zum Fortgehen im heteronormativen Mainstream.

Die wenigen, die tatsächlich Gleichgesinnte zum Austausch suchen, ohne hintenrum ein anderes Ziel zu verfolgen, finden sich jedoch nicht gegenseitig, sondern werden ebenfalls enttäuscht:

Die Mehrheit der Menschen, die regelmäßig die Poly-Szene frequentieren, lästert über den Lebensentwurf der Monogamie und den Mainstream im Allgemeinen, was als gemeinsamer Feind verschiedenste Menschen miteinander ins Gespräch bringt. Meistens geht es um vergangene gescheiterte Beziehungen, und nicht ausgelebte Wünsche nach Sex und/oder Verliebtheit mit anderen Menschen. Durch die wechselseitigen Erzählungen von ähnlichen Problemen und Erfahrungen fühlen sich die Gesprächsteilnehmer_innen wahrgenommen und akzeptiert, im Gegensatz zu ihren „monogamen Freunden“, die auf diese Themen immer negativ reagiert haben.

Die „Lösung“ für diese Probleme ist dann – da sind sich alle einig – jetzt „poly“ zu sein, oder dass jemand in Wirklichkeit „immer schon poly war“. Die letztere Begründung erklärt alle Probleme einer unglücklichen Beziehung mit einer grundsätzlichen Inkompatibilität mit einer „Mono“-Person, womit die erzählende Person jede Verantwortung für eventuelles oder eindeutiges Fehlverhalten (wie eine heimliche Affäre) ablehnen kann. Die zahlreichen „Ich bin poly“ und „Wir gegen die Monogamisten“-Deklarationen erzeugen so das schöne Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören, ja sogar, nach den Fehlgriffen im Mainstream endlich eine passende Gemeinschaft gefunden zu haben.

Was „Ich bin poly“ allerdings konkret bedeuten soll, bleibt bis auf die grobe Beschreibung, für mehrere Verbindungen mit Sex gleichzeitig offen zu sein, in allen Gesprächen vage. Der Grund: Fast jede Person meint damit etwas Anderes als ihr Gegenüber.

Der Blogger Oligotropos hat diese Verwirrung in seiner lokalen Poly-Szene in Deutschland ebenfalls beobachtet, und meiner Meinung nach treffend beschrieben:

  • So gab es dort etwa Liebende, die wie in einer geschlossenen Ehe zu Mehreren lebten.
  • Etliche Menschen sahen sich hingegen als Teile weitverzweigter und offener Beziehungsnetzwerke an.
  • Einige wiederum lebten jedoch nahezu ausschließlich allein und verbanden sich mit jeweils ausgewählten Partner*innen nur auf Festivals, Seminaren oder an besonders gestalteten Wochenenden. Teilweise wurde dazu die unbedingte Deckungsgleichheit mit freier oder universeller Liebe postuliert.
  • Andere Polyamoristen schienen indessen etwas zu leben, was Swingen nicht unähnlich war,
  • und eine Anzahl führte sogar serielle oder parallele Affären im Namen der Viel-Liebe,
  • und überhaupt schien die Betonung persönlicher sexueller Aspekte und Freiheiten vielerorts im Vordergrund zu stehen.

Aber dem ungeachtet nannten sich alle stolz Praktizierende der Lebensweise „Polyamory“ – und behaupteten dies besonders vehement und laut in Abgrenzung zu ihren nächsten Nachbarn, die mit entsprechender Leidenschaftlichkeit exakt das Gleiche wiederum für sich in Anspruch nahmen… Die überall hervortretenden Meinungsverschiedenheiten schienen dadurch die verheißenen Merkmale von Transparenz, Verantwortung und Verbindlichkeit […] auf jederzeit verhandelbare Fußnoten zu reduzieren.

Daran ist erkennbar, dass Menschen in der Poly-Szene keine eindeutige Definition von Polyamorie verwenden.

Nun kann man fragen, was daran das Problem sei, denn wie viele alternative Begriffe kann Polyamorie als ein Überbegriff (engl. umbrella term) verwendet werden, um aus verschiedenen Lebensweisen über gemeinsame Anliegen eine Gemeinschaft zu formen, die sich ohne ein solches gemeinsames Wort nur schwer als eine soziale Gruppe verstanden und einen Teamgeist hervorgebracht hätten.

Damit die positiven Effekte eines Überbegriffs auch tatsächlich passieren, müssen jedoch drei Schritte durchlaufen werden:

  1. Alle Beteiligten müssen wissen, inwiefern sich ihre Definition vom Gegenüber unterscheidet.
  2. Es muss eine offene Diskussion über verschiedene Formen geben. Aus dieser Diskussion können die Beteiligten dann
  3. gemeinsame Ziele formulieren, welche wiederum einen Teamgeist ausbilden, der eine Gemeinschaft mit Zusammengehörigkeitsgefühl und gegenseitiger Hilfsbereitschaft herstellt.

Doch bereits der erste notwendige Schritt passiert in der Poly-Szene überhaupt nicht. Die meisten Menschen nehmen einfach an, dass ihre Gegenüber das gleiche Verständnis von Polyamorie wie sie selbst haben, sodass kaum jemand über vorhandene Bedeutungsunterschiede redet – die meisten in der Szene wissen nicht einmal, dass sie existieren. Dadurch werden Interessent_innen und Anhänger_innen der Poly-Philosophie im Unklaren über ihre eigene Identität gelassen. Mit der entstehenden Verwirrung lassen sich dann alle möglichen Glaubenssätze begründen oder zumindest nicht widerlegen – es ist ja nie klar, von welchem Wunsch genau die Rede ist.

Beispiele:

Wenn sich ein zusammenstehendes Grüppchen angeregt über Erfahrungen im Mainstream unterhält, ist nie ersichtlich, ob jemand mit monogam “Sex mit ausschließlich einem Menschen” oder “eine Liebesbeziehung mit ausschließlich einem Menschen” meint. Dass eine solche Unklarheit ein Problem produziert, ist bisweilen an geradezu absurden Aussagen erkennbar: So wurden wir zu dritt, als sehr sichtbare polyamore Triade, bereits von drei “Polys” (unabhängig voneinander) naserümpfend als “monogam” bezeichnet, als wir erklärten, dass keine_r von uns weitere romantische Verbindungen eingehen möchte.

Der zweite Schritt, also eine offene Diskussion über Polyamorie, ist dadurch von Anfang an blockiert. Wer dennoch versucht, durch Nachfragen im Gespräch Unklarheiten herauszufinden und eine Diskussion anzustoßen, wird ebenfalls abgewürgt: Als Reaktion auf „Was meinst du damit?“ oder „Was genau verstehst du darunter?“ erhält ein austauschwilliger Mensch nur überforderte Gesichtsausdrücke und fallweise sogar verärgerte Reaktionen – egal ob es um monogame oder polyamore Themen geht. Hineinfragen wird nämlich als Gesprächsstörung empfunden, weil es aufdeckt, dass es gar nicht so viel Gemeinschaft gibt, wie alle Beteiligten glauben möchten.

Aufgrund von unvereinbaren Wünschen und Zielen – und deren Verschleierung – ist das Gemeinschaftsgefühl der Poly-Szene in den meisten Fällen nämlich nur Oberfläche. Wer die tatsächlichen Leistungen einer Gemeinschaft wie Unterstützung für eine strauchelnde Beziehung oder ein ernsthaftes Gespräch unter Freund_innen sucht, trifft beim vorher ach so sympathischen Gegenüber schnell auf Desinteresse und Ablehnung – die betreffende Person hatte wahrscheinlich die ganze Zeit ein anderes Interesse an Polyamorie, was durch die undifferenzierte, zu inklusive Sprache jedoch lang genug verborgen bleiben konnte.

Oligotropos kommt zum selben Schluss:

Was mir aber besonders deutlich wurde war das Dilemma, daß der bloße Begriff der Polyamorie zu Beginn des 21. Jahrhunderts von den Nutzer*innen nicht mehr konsistent verwendet wurde – und also auch nicht mehr in der Kommunikation zum Zusammenfinden Gleichgesinnter und zur Gemeinschaftsbildung taugte.

Quelle: Oligotropos (2019) Eintrag 1 [Online]. Verfügbar auf http://www.oligoamory.org/2019/03/09/blog (Abgerufen am 29. Oktober 2019).