Die Distanzskala – Teil 1/6: Vorstellung des Modells

Ich habe ein Modell entworfen, welches zahlreiche Missverständnisse und Konflikte zwischen zwei Menschen erklärt, die

  • Sex anbahnen,
  • miteinander Sex haben,
  • eine romantische Beziehung anbahnen,
  • oder in einer romantischen Beziehung sind.

Ich nenne das Modell die Distanzskala.

Während es auf der Näheskala darum geht, wie Menschen Vertrauen aufbauen und ehrlich miteinander kommunizieren können, bildet die Distanzskala das Gegenteil ab. Menschen auf der Distanzskala kommunizieren meistens in hässlichen Spielchen und Racheaktionen – je höher die Stufe, desto härter. Ihr gemeinsames Merkmal ist der Glaubenssatz, dass nur stark sein kann, wer (vermeintlich) schwächeren Mitmenschen etwas wegnimmt. Wer diesem Glaubenssatz folgt, bringt immer mehr Distanz und soziale Kälte zwischen sich und alle anderen Menschen.

Die Liebe ist ein seltsames Spiel

Tatsächlich zerlegt die Distanzskala das Patriarchat nach der Transaktionsanalyse in eine Sammlung aus destruktiven Spielen. Die Transaktionsanalyse ist eine Disziplin der Psychologie, die der kanadische Psychotherapeut Eric Berne begründet und in den 1960ern in seinem Buch Spiele der Erwachsenen (im englischen Original Games People Play) veröffentlicht hat.

Ein Spiel, oder besser übersetzt, ein Spielchen, hat den Zweck, Anerkennung oder Aufmerksamkeit von anderen Menschen zu bekommen, ohne dafür eine Gegenleistung zu bringen. Dazu deutet Mensch A eine Gegenleistung an, oder täuscht sogar eine vor, und bekommt dafür eine bestimmte Form von Aufmerksamkeit oder Anerkennung von Mensch B. Will Mensch B diese Gegenleistung dann einlösen, kommt von Mensch A nichts mehr. Diese Art der Kommunikation ist per Definition unfair. Das ist auch ihr Zweck, denn Spielchen dienen der Vermeidung von ehrlicher Kommunikation und echter, energiegebender Nähe. Vor Ehrlichkeit und Nähe hat der_die Spielende nämlich Angst: Das bekannte Unglück fühlt sich einfach sicherer an als das unbekannte Glück.

Die Distanzskala basiert auf den traditionellen Geschlechterrollen, also Sammlungen an un- und halbbewussten Annahmen, Überzeugungen und Verhaltensmustern, die Menschen in einer patriarchalen Kultur anerzogen bekommen. Die gegenwärtige feministische Literatur geht davon aus, dass es genau zwei solche Verhaltensmuster gibt, in denen Frauen und Männer jeweils erzogen werden – diese bezeichne ich als die Rolle „Frau“ und die Rolle „Mann“. Wenn ein Mensch eine dieser Rollen im Alltag un- oder halbbewusst anwendet, produziert das ein von außen deutlich sichtbares Verhalten:

  • Überzeugungen der Rolle „Frau“ produzieren problematische / toxische Weiblichkeit (toxic femininity).
  • Überzeugungen der Rolle „Mann“ produzieren problematische / toxische Männlichkeit (toxic masculinity).

Durch genaue Alltagsbeobachtungen habe ich allerdings festgestellt, dass in diesem Zusammenhang nicht zwei, sondern zehn unterschiedliche Verhaltensmuster existieren. Jede Rolle zerfällt nämlich in fünf Ausprägungen:

Die fünf Verhaltensmuster der Rolle „Frau“ nenne ich:

  • Entitlement Girl,
  • Damsel in Distress (im österreichischen Hochdeutsch: „Hascherl“),
  • Material Girl (oder Junge Bitch),
  • Bitch,
  • Missbrauchstäterin.

Die fünf Verhaltensmuster der Rolle „Mann“ nenne ich:

  • Entitlement Guy,
  • Frauenversteher,
  • Junger Drachentöter (oder unerfahrener Traumprinz),
  • Drachentöter (oder erfahrener Traumprinz),
  • Missbrauchstäter.

Die Namen der Stufen sind bewusst plakativ gewählt. Sie folgen der Konvention der Transaktionsanalyse, mit möglichst kolloquialen, „drastischen“ Begriffen einen hohen Erkennungswert beim betroffenen Menschen auszulösen. Darin liegt die Stärke der Distanzskala: Die meisten der beschriebenen Verhaltensweisen sind den betroffenen Menschen großteils unbewusst (was sie nicht weniger destruktiv macht), und können so viel eher bewusst (gemacht) werden. Daraus ergibt sich im Umkehrschluss, welche Überzeugungen und Verhaltensweisen einer schönen, energiegebenden Liebesbeziehung im Weg stehen.

Wie die meisten Spielchen hat die Distanzskala mehrere Härtestufen, die dasselbe Ziel durch eine andere, destruktivere Strategie verfolgen. Daher kommen diese Muster kommen nicht lose vor, sondern bauen als Stufen aufeinander auf.

Die Distanzskala beginnt dort, wo auch das Patriarchat seinen Anfang nimmt: in der Erziehung.

Wenn Eltern und Umfeld eines Kindes sagen, sie erziehen ihr Kind „als Mädchen“ oder „als Bub“, meint das bei den Allermeisten, dass sie das Kind für bestimmte Verhaltensweisen belohnen, andere jedoch bestrafen, mit der einzigen Begründung „weil du ein Mädchen bist“ / „weil das Mädchen nicht machen“ bzw. „weil du ein Bub bist“ / „weil das nichts für Buben ist“. Diese patriarchale Einteilung ist unter dem Begriff Sexismus besser bekannt.

Ein Kind, welches „als Mädchen“ angesprochen wird, entwickelt sich somit über Zeit zu einem Menschen in der Rolle „Frau“. Ein Kind, welches „als Bub“ angesprochen wird, wird hingegen über Zeit zu einem Mensch in der Rolle „Mann“.

Was die Allermeisten allerdings nicht wissen, ist, dass eine solche vollkommen willkürliche Zweiteilung aufgrund des Geschlechts Entitlement, also ungerechtfertigte, unfaire Erwartungen hervorbringt. Weil nämlich ein bestimmtes Geschlecht etwas „darf“, was das andere wiederum „nicht darf“, erhalten die Geschlechter nicht nur unterschiedliche unfaire Nachteile / Pflichten, sondern auch unterschiedliche unfaire Vorteile / Frechheiten. Wenn nun eine Seite gegenüber einem anderen Menschen auf dieser Verteilung mit allen unfairen Vor- und Nachteilen besteht, hat diese Seite eine unfaire Erwartung.

Aus diesem Grund heißt die Stufe 1 der Distanzskala Entitlement Girl bzw. Entitlement Guy.

Die Distanzskala für die Rolle „Frau“

Hier gibt es die volle Distanzskala für die Rolle „Frau“.

Die Distanzskala für die Rolle „Mann“

Und hier die volle Distanzskala für die Rolle „Mann“.

Die Stufen oder: Wie das Patriarchat Menschen kaputtmacht

Die meisten Menschen behalten das anerzogene Verhaltensmuster ihr Leben lang bei. Dieses verinnerlichte Patriarchat verhindert jedoch, Sex und Liebe gesund auszuleben. Daher sind die meisten Menschen mit einem patriarchalen Verhaltensmuster bereits als Jugendliche zahlreichen Lebenssituationen ausgesetzt, die ihre sexuellen und/oder romantischen Wünsche immer wieder beschneiden. Als Erwachsene fühlen sich diese Menschen dann von ähnlichen Situationen angezogen, welche sie wieder unbefriedigt und frustriert zurücklassen.

Da sie bei Sex und Liebe kaum Qualität erlebt haben, setzen sie nun auf Quantität. Daher versuchen viele Menschen an dieser Stelle, das Loch mit mehr Aufmerksamkeit anderer Menschen zu füllen. Die Distanzskala bildet einen solchen Schritt ab, indem der betreffende Mensch entlang der Distanzskala hinaufwandert. Ein Entitlement Girl wird dann zur Damsel in Distress, und ein Entitlement Guy zum Frauenversteher. Das Wechseln von einer Stufe zur nächsten dauert üblicherweise mehrere Jahre. Dabei probiert der betreffende Mensch unbewusst und schleichend Ignoranzen, Spielchen, und Täuschungsmanöver aus der patriarchalen Umgebung aus, bis die neue Stufe im Verhalten sichtbar wird.

Da die gewünschte Aufmerksamkeit nun einfacher „verfügbar“ ist, bringt der Schritt auf die nächste Stufe erst einmal eine Erleichterung. Das Hässliche an dieser Weiterentwicklung ist jedoch, dass sich durch Spielchen nur kurzfristig Aufmerksamkeit erschleichen lässt. Aufmerksamkeit, die alle Beteiligten auch tatsächlich wollen und meinen, also echte, energiegebende Nähe zu anderen Menschen, entsteht dadurch nicht. Im Gegenteil, die energiefressenden Spielchen verstärken das Grundproblem sogar, bis ein erneutes Raufwandern passiert, um mit der unverändert unglücklichen Situation umzugehen.

Jede neue Stufe entsteht also aus den Erfahrungen, Enttäuschungen und Verletzungen der vorherigen. Deshalb ist es nicht möglich, eine Stufe zu überspringen: Jeder Frauenversteher war einmal ein Entitlement Guy, und jede Bitch einmal ein Material Girl. In ausgeprägt patriarchalen Umgebungen können Menschen jedoch besonders schnell die Distanzskala hinaufwandern, sodass sie weniger als ein Jahr auf einer Stufe verbringen. Das kann etwa ein kirchentreues Dorf am Land sein, aber auch ein Stadtbezirk mit Menschen aus Kulturen, welche mehr Patriarchat als die eurozentrische/westliche haben.

Wenn diese Veränderung extrem verläuft, kommt am Ende ein Missbrauchstäter oder eine Missbrauchstäterin heraus. Um ihre unmittelbaren Bedürfnisse zu befriedigen, versuchen diese Typen von Menschen nicht einmal mehr zu kommunizieren. Stattdessen setzen sie jede gerade verfügbare Gewalt ein – physische Gewalt wie Drohungen, Nötigungen, Prügeln, Übergriffe oder psychische Gewalt wie Erpressung, Scapegoating (= das Gegenüber zum Sündenbock erklären und für erfundene Taten bestrafen), Gaslighting (= dem Gegenüber hartnäckig dessen schmerzvolles Erleben wegerklären), und Victimblaming (= Täter-Opfer-Umkehr). Diese Endstufe zeigt: Indem Geschlechterrollen bis zur letzten Konsequenz gelebt werden, bringt das Patriarchat ungefiltert „das Böse“ im Menschen hervor.

Solange die Situation weder großartig besser noch schlechter wird, oder sogar minimale Verbesserungen erfährt, sodass der betreffende Mensch nicht mehr so akut unglücklich ist, stoppt das die Dynamik, und der Mensch verbleibt auf der jeweiligen Stufe.

Ändert derjenige Mensch den eigenen Lebensentwurf hingegen drastisch und erlebt infolge dessen, dass sexuelle und romantische Wünsche immer wieder erfüllt werden, kann dies sogar bewirken, dass der betreffende Mensch die Distanzskala langsam hinunterwandert: aus einem Material Girl wird wieder eine Damsel in Distress und aus einem Jungen Drachentöter wieder ein Frauenversteher.

Diese Entwicklung kann sogar soweit gehen, dass der Mensch die Distanzskala weitgehend verlässt. Dies ermöglicht dem betreffenden Menschen einen völlig neuen Charakter: einen gesunden Menschen ohne Geschlechterrolle, welcher unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen den Ausdruck des eigenen Geschlechts und der eigenen Sexualität aktiv genau so gestaltet, wie sie, er, oder sier das wirklich will.

Wie funktioniert das Patriarchat?

Wie bereits in Sex und Liebe: Der große Unterschied! angesprochen, vertrete ich, dass das größte Problem des sozialen Miteinanders der eurozentrischen/westlichen Gesellschaft und ihrer alternativen Szenen folgendes ist: die Verwechslung von Sex und Liebe. Diese Verwechslung kann mithilfe von unterscheidender Sprache in der Praxis aufgehoben werden.

Doch mit einer Sprachänderung alleine ist es nicht getan: Auf der erwähnten Verwirrung baut nämlich ein ganzes Gesellschaftssystem auf, das alle Lebensbereiche durchzieht – das Patriarchat.

Wikipedia definiert es so:

Patriarchat (wörtlich „Väterherrschaft“) beschreibt in der Soziologie, der Politikwissenschaft und verschiedenen Gesellschaftstheorien ein System von sozialen Beziehungen, maßgebenden Werten, Normen und Verhaltensmustern, das von Vätern und Männern geprägt, kontrolliert und repräsentiert wird.

Nun ergänze ich um ein paar Hintergrundinformationen:

Die Rollen „Frau“ und „Mann“ werden allen Menschen in patriarchalen Gesellschaften von Geburt an anerzogen. Jede Rolle ist eine Sammlung von bestimmten Verhaltensmustern rund um die Auslebung der sexuellen und romantischen Bedürfnisse.

Die Eigenschaften dieser Rollen sind nahezu jedem bekannt:

  • Eine typische Frau ist fürsorglich, geduldig, hört gerne zu, und stellt ihre eigenen Bedürfnisse hintenan. Sie kleidet sich feminin, redet gerne über Gefühle und Mode, und interessiert sich nicht für Technik.
  • Ein typischer Mann gibt den Ton an, ist konkurrenzgeil, erklärt gerne Anderen die Welt, und setzt seine Interessen durch. Er kleidet sich maskulin, redet gerne über Technik oder Sport, und macht ungern Hausarbeit.

Die beschriebenen sozialen Rollen werden gerne mit Geschlechtern gleichgesetzt. Menschen, die diesen Glaubenssatz vertreten, behaupten, es gäbe exakt zwei Geschlechter, die biologisch, genetisch, oder natürlich vorgegeben wären. Diese Denkweise heißt die binäre Geschlechterordnung und ist ein patriarchales Lügenkonstrukt, da es ganz faktisch mehr als zwei Geschlechter gibt, nämlich Menschen, die mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren werden.

Diese erleiden durch die binäre Geschlechterordnung den größten Schaden, da sie bewirkt, dass die Existenz solcher Menschen vertuscht wird, indem diese entweder als männlich oder weiblich ausgegeben werden – je nach dem, was ihrem Körperbau „eher“ entspricht. Dadurch haben sie ein erhöhtes Risiko, bei Erkrankungen keine passende Behandlung zu bekommen, weil von einem typischen Körperbau ausgegangen wird, den sie nicht haben, oder werden sogar zwangsoperiert, um den Vorstellungen von Eltern oder Ärzt_innen zu entsprechen, was bei den Betroffenen oft langfristig körperliche und psychische Probleme verursacht.

In Wahrheit ist hier gar nichts natürlich: Die soziale Rolle wird Menschen je nach ihrem sichtbaren Geschlechtsorgan bei der Geburt zugewiesen:

  • Menschen mit Vulva wird die Rolle „Frau“ zugeordnet: „Es ist ein Mädchen!“
  • Menschen mit Penis wird die Rolle „Mann“ zugeordnet: „Es ist ein Bub!“

Sofort nach der Zuordnung beginnt das gesamte Umfeld des Kindes, es im Sinne der Rolle anzusprechen: „Bist du aber ein liebes Mädchen!“, „Oh, was für ein starker Bub du schon bist!“. Dass kaum jemand kleine Mädchen „stark“ oder kleine Buben „lieb“ findet, obwohl es viele starke Mädchen und viele liebe Buben gibt, ist bereits ein gutes Beispiel für die Ungerechtigkeit, die aus patriarchalen Geschlechterrollen hervorgeht. Dieselbe Ungleichbehandlung passiert als Reaktion auf hunderte andere Verhaltensweisen des Kindes: Wenn sich ein Mädchen und ein Bub in derselben Situation exakt gleich verhalten, wird die Umgebung je nach den Erwartungen der Rolle beim einen loben, beim anderen ignorieren oder ärgerlich werden.

Da Kinder hauptsächlich durch Vorleben und Nachahmen lernen, nehmen nicht nur die Eltern oder andere Bezugspersonen, sondern auch die gesamte Lebensumgebung eines Kindes (Verwandte, Nachbarn, Kindergarten, Schule, Serien, Filme, Bücher, Comics, Werbung, usw.) Einfluss auf die soziale Rolle des Kindes. Die erlernten Verhaltensmuster zeigen sich bereits deutlich im Laufe der Kindheit, und entfalten sich vollständig mit dem Erwachen der eigenen Sexualität, also während der Pubertät. Danach sind sie ein zentraler Teil der Identität, und beeinflussen unbewusst den Großteil der Gedanken, Werthaltungen und Handlungen jedes erwachsenen Menschen.

Die meisten Menschen behalten das anerzogene Verhaltensmuster ihr Leben lang bei. Bei der Mehrheit der erwachsenen Menschen nehmen daher Menschen mit Vulva meistens die Rolle „Frau“ sowie Menschen mit Penis meistens die Rolle „Mann“ ein. Trans-Menschen und weitere Geschlechter sind jedoch genauso Mitwirkende der patriarchalen Rollenverteilung: Auch sie wurden in einer sozialen Rolle erzogen, und fallen durch ihr unbewusstes Verhalten entweder überwiegend in die Rolle „Frau“ oder „Mann“.

Wer sich wie die letztgenannnten Menschen bewusster mit der Wahrnehmung von geschlechtstypischem Verhalten beschäftigt, und beginnt, die eigene Rolle als eingeprägtes Muster zu bemerken, kann unbewusst oder bewusst unabhängig von Erziehung oder empfundenem Geschlecht in die jeweils andere Rolle wechseln. Alternative Subkulturen kennen das Phänomen und haben für Menschen, die zeitweise oder völlig in eine andere als die traditionelle Rolle schlüpfen, eigene Bezeichnungen entwickelt: Butch, Dyke, Tomboy, Tunte, Döschen, Transvestit, Crossdresser, usw.

Die Orientierung hat mit der sozialen Rolle übrigens gar nichts zu tun: So kann eine lesbische genauso wie eine Hetero-Frau verhaltensgleich die Rolle „Frau“ einnehmen, lediglich die erotischen und romantischen Wünsche sind an ein anderes Geschlecht gerichtet.

Für alle Geschlechter lässt sich das Patriarchat auf eine einfache Verleugnung zusammenkürzen:

Frauen wollen keinen Sex, sondern nur Liebe.
Männer wollen keine Liebe, sondern nur Sex.

Das ist die große patriarchale Lüge, die verpackt in den sozialen Rollen „Frau“ und „Mann“ in den patriarchalen Mehrheitsgesellschaften (der eurozentrischen/westlichen, der muslimischen und der russischen/asiatischen Gesellschaft) ständig als Wahrheit verkauft wird.

Diese Lüge mag so direkt aufgeschrieben als bekannter Unfug erscheinen. Da sie allerdings in den meisten Menschen immer noch unbewusst fest verankert ist, ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig, um diese falsche Idee zu entfernen. Mein Blog soll seinen Teil zu dieser Aufklärungsarbeit beitragen.

Wie sieht die patriarchale Lüge genau aus?

An wen richtet sich der Artikel?

Welche Orientierungen, Rollen, oder Geschlechter der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): alle
Romantische Orientierung(en): alle
Geschlecht(er): alle
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“,
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“
Erweiterbar auf:

In der Praxis bewirkt die aktive patriarchale Lüge, dass Frauen ihre Sexualität unterdrücken, da sie angeblich nur Liebe wollen. Nur in einer angebahnten oder bestehenden Liebesbeziehung werden diese Bedürfnisse ausgelebt. Die sexuelle Anziehung gegenüber anderen Menschen, die nur auf der Ebene Lust existiert, wird jedoch vor sich selbst und vor Anderen abgelehnt, um die falsche Idee, Sex nur in Kombination mit Liebe zu wollen, aufrechtzuerhalten.

Die Ebene Lust ist allerdings die direkte Standleitung zur eigenen Lebensenergie. Die Unterdrückung dieser bewirkt, dass Frauen im Vergleich zu Männern eine gewisse soziale „Trägheit“ aufweisen: So tendieren Frauen eher als Männer dazu, sich den Werten Anderer anzupassen und starre Systeme aufrechtzuerhalten; ebenso gibt es viel weniger weibliche als männliche Kunstschaffende (was nicht nur an den besseren Karrieremöglichkeiten für Männer liegt).

Männer handeln in der aktiven patriarchalen Lüge umgekehrt. Sie unterdrücken ihren Wunsch nach Fairness, Liebe und Zärtlichkeiten, um typischen Eigenschaften der Rolle „Mann“ wie „hart, unnahbar, allzeit sexuell bereit“ zu entsprechen. Sie leben die Ebene Lust daher aktiv aus, lehnen aber die Ebene Liebe vor sich selbst und vor Anderen ab, um so wiederum ihre falsche Idee aufrechtzuerhalten.

Die Unterdrückung der Ebene Liebe hat zur Folge, dass auch Wahrnehmungen und Handlungen auf Ebenen, wo es überhaupt nicht um Romantik geht, gedämpft sind oder gar ganz ausbleiben. Ein typisches Beispiel dafür sind Männer, die ihre Ebene Liebe so sehr unterdrücken, dass sie sogar auf der Ebene Freundschaft ihren besten männlichen Freund nicht so umarmen können, wie sie das gerade gerne tun würden. Auf allen Ebenen leidet die Fähigkeit, Empathie gegenüber Mitmenschen zu spüren und zu zeigen, sei es im Arbeitsumfeld oder bei der Anbahnung oder Auslebung eines sexuellen Interesses.

Eine akkurate Beschreibung und gleichzeitig Parodie der Rolle „Mann“ bietet das Lied „Männer sind Schweine“ von den Ärzten.

Kleine Wiederholung:

Die Ebene Liebe schließt die Ebene Lust mit ein.
Die Ebene Lust existiert aber auch unabhängig ohne die Ebene Liebe.

Für Sex braucht es eine menschliche Grundhygiene, sich gegenseitig attraktiv und sympathisch genug zu finden, sowie Konsens und Fairness von allen Beteiligten.

Für eine Liebesbeziehung braucht es alles, was für Sex notwendig ist – und zusätzlich Kennenlernen, zusammenpassende Interessen, Vertrauen, Verliebtheit und den Wunsch, möglichst viel vom eigenen Leben miteinander zu teilen.

Eine Liebesbeziehung ist also viel voraussetzungsvoller als ungezwungener Sex.

Jemanden geil zu finden ist demnach einfach, jemanden als ganzen Menschen ehrlich gemeint (!) so anziehend zu finden, dass Verliebtheit/Beziehungswunsch möglich ist, schon schwerer.

Daher tritt das Bedürfnis nach Handlungen der Ebene Liebe generell seltener auf als das Bedürfnis nach Sex – ganz einfach weil auf der Ebene Liebe weniger Menschen zu einem passen, als auf der Ebene Lust.

Treffen nun die sozialen Rollen „Frau“ und „Mann“ mit ihren jeweiligen Unterdrückungsmechanismen und falschen Ideen aufeinander, fällt ein Unterschied sofort ins Auge:

Frauen scheinen in der Anbahnung von sozialem Kontakt mit neuen Menschen passiver: Ihr Bedürfnis nach Liebe, das die inneren Grenzen ungehindert passieren darf, findet einfach seltener einen Resonanzmenschen als ihr Bedürfnis nach Sex, das ja unterdrückt wird. Diese Unterdrückung bewirkt, dass Resonanzmenschen auf der Ebene Lust gar nicht erst wahrgenommen werden. Daher haben Frauen Schwierigkeiten, Resonanzmenschen rein auf der Ebene Lust zu erkennen („Es gibt echt kaum hübsche Männer!“) oder – falls doch einmal einer über die Schwelle ins Bewusstsein schwappt – aktiv auf solche zuzugehen („Ich finde ihn nicht geil – ich schau weg. Ich finde ihn geil – ich schau weg.“). Bleibt das Ganze unbewusst, kann sich ein Umweg über die patriarchale Lüge bilden: Dann verliebt sich die Frau sekundärmotiviert, weil sie einen Sex-Resonanzmenschen fälschlicherweise als Resonanzmenschen auf der Ebene Liebe einordnet.

Bei Männern ist wieder das Gegenteil der Fall; sie scheinen raumeinnehmend: Ihr Bedürfnis nach Sex darf ihre inneren Grenzen ungehindert passieren, ihr Bedürfnis nach Liebe wird hingegen unterdrückt. So können sie ständig Resonanzmenschen auf der Ebene Lust wahrnehmen und ansprechen. Die Anzahl der Resonanzmenschen ist im Vergleich zur scheinbaren Auswahl aus der Sicht von Frauen natürlich mehr, denn die Ebene Lust beinhaltet von vorneherein mehr mögliche Kandidat_innen als die Ebene Liebe. Männer haben dann aber, weil sie die Ebene Liebe unterdrücken, Schwierigkeiten, mit einem Gegenüber empathisch und fair umzugehen, also u. A. das Gegenüber nicht zu überfahren – womit sie sowohl bei der Anbahnung eines One-Night-Stands als auch bei der Anbahnung einer Liebesbeziehung dafür ungeeignete Menschen anziehen, denen als Reaktion dann die Wünsche des betreffenden Mannes ebenso egal sind.

Ein Mann hat in diesem System höhere Erfolgschancen, sein Bedürfnis nach Sex auszuleben, wenn er durch Nähehandlungen wie Küssen, Streicheln oder Kuscheln die Ebene Liebe bei einer Frau anspricht. Denn die Ebene Liebe muss in der Rolle „Frau“ erst eingeschalten werden, um die Ebene Lust freizuschalten.

Damit ziehen auf der Highscore-Liste der patriarchalen Lüge Menschen, die die Rolle „Frau“ einnehmen, automatisch den Kürzeren:

Stimmt die Frau einer sexuellen Interaktion zu, bekommt der Mann wenigstens die Erfüllung seines Bedürfnisses nach Sex. Eine Frau bekommt weder das eine, noch das andere, da ihr Fokus auf der Erfüllung ihres Nähe-Bedürfnisses auf der Ebene Liebe liegt, das durch die „leeren“ Handlungen des Mannes von vorneherein nicht inkludiert war.

Aus einer größeren Entfernung verlieren allerdings beide Rollen/alle Geschlechter:

Denn natürlich wünschen sich Frauen Liebe und geilen Sex.
Und natürlich wünschen sich Männer geilen Sex und Liebe.

Und zwar sowohl als Ebene Liebe und Ebene Lust kombiniert (= Verliebtheit/Liebesbeziehung), als auch auf der Ebene Lust an sich (= Sex zum Spaß).

Im Endeffekt erlebt also niemand, was sier sich wünscht.

Die Einzementierung der patriarchalen Lüge – Teil 1/2: Im Mainstream oder: Warum stehen Frauen auf Arschlöcher?

An wen richtet sich der Artikel?

Welche Orientierungen, Rollen, oder Geschlechter der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): heterosexuell, heterosexuell lebend wenn bisexuell
Romantische Orientierung(en): heteroamor, heteroamor lebend wenn biamor
Geschlecht(er): alle
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“,
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“
Erweiterbar auf:
  • Mensch in der Rolle „Frau“ wünscht sich Liebe von einem Menschen in der Rolle „Mann“,
  • Mensch in der Rolle „Mann“ wünscht sich Sex von einem Menschen in der Rolle „Frau“,
  • alle sexuellen und romantischen Orientierungen.

Die patriarchale Lüge behauptet:

Frauen wollen keinen Sex, sondern nur Liebe.
Männer wollen keine Liebe, sondern nur Sex.

Wenn diese beiden Rollen aufeinander treffen, haben wir einen Mann, der seinen Wunsch nach Sex direkt an eine Frau richtet – und eine Frau, die angewidert ablehnt, da Sex nur gemeinsam mit der Ebene Liebe existieren darf – und die ist nicht Teil vom Paket.

Die angeborene ehrliche Kommunikation zwischen den Geschlechtern wird dadurch abgeschnitten. An ihre Stelle tritt mit den anerzogenen Rollen eine Kommunikation voller Sekundärmotivationen und „Spielchen“ – von Frauen und Männern gleichermaßen. Das setzt die folgende Kettenreaktion in Gang:

Um sein Bedürfnis nach Sex trotzdem zu befriedigen, fängt ein Mann, der diese Interaktionen durchschaut hat, ganz bewusst an, Frauen die Ebene Liebe vorzuspielen, um Sex zu bekommen. Dadurch verschafft er sich einen Vorteil unter allen Interessenten auf der Ebene Lust: Er übertrumpft alle, die die Ebene Lust ehrlich kommunizieren, da die begehrte Frau nur auf die Männer, die ihr die Ebene Liebe anbieten, positiv reagiert.

Weil Frauen ihre eigene sexuelle Aktivität unterdrücken, Männer diese aber ausleben, sieht aus dem Blickwinkel einer Frau die Männerwelt wie eine endlose Schlange an sexuellen Interessenten aus: Kaum wird dem ersten ein „Nein“ erteilt, steht der nächste bereit. Sehr gut ist das in jeder Online-Kontaktbörse ersichtlich, wo eine Frau von Anschreiben und Anfragen von Männern förmlich bombardiert wird, Frauen jedoch kaum Männer anschreiben.

Würden Frauen ihre sexuellen Wünsche nicht unterdrücken, sondern zulassen, und als Folge davon aktive Anbahnung betreiben, sähe die Anzahl und Häufigkeit der Interessent_innen und Anfragen bei allen Geschlechtern in etwa gleich aus: Männer würden genauso viele Sexangebote von Frauen bekommen, wie Frauen aktuell von Männern.

Ein Mann, der nun gelernt hat, seine Energie darin zu investieren, die Ebene Liebe vorzutäuschen, um so an Sex zu gelangen, sticht aus dieser schier endlosen Auswahl hervor. Der Trick ist nämlich, die Ebene Liebe so perfekt vorzuspielen, dass im Vergleich zu Interessenten, die ihre Persönlichkeit ehrlich mit Ecken und Kanten zeigen, eine Kunstperson übrigbleibt, die scheinbar keine Fehler mehr hat und sich als „Traumprinz“ verkauft.

Dabei ist die Kunstperson des Traumprinzen gar keine ausgeklügelte neue Persönlichkeit, sondern sogar die komplette Abwesenheit einer solchen – im Wesentlichen eine leere „Leinwand“, auf der eine Frau die Erfüllung ihrer Sehnsüchte zu sehen glaubt: Ihre eigenen unerfüllten Wünsche auf der Ebene Liebe, als auch ihre sexuellen Wünsche auf der Ebene Lust, die sie durch die Rolle “Frau” unterdrückt: “Endlich ein interessanter Mann, in den ich mich verlieben kann, und der mich richtig verführen wird!”

Dagegen wirken auf den ersten Blick nicht nur ehrliche Interessenten auf der Ebene Lust, sondern sogar ehrliche Interessenten auf der Ebene Liebe unscheinbar, die tatsächliche Liebesbeziehungen werden könnten. Daher entsteht der Eindruck, Frauen würden Arschlöcher sexuell und romantisch bevorzugen: Diese bekommen an Sex und an einer Liebesbeziehung interessierte Frauen, während Männer, die ehrlich kommunizieren, auf beiden Ebenen leer ausgehen.

Nun nimmt die Kettenreaktion eine exponentielle Geschwindigkeit an:

Immer mehr Männer, die diese Interaktion durchschauen, stellen resigniert fest, dass eh nur Arschlöcher Erfolg bei Frauen haben. Daraufhin lernen sie, selbst genauso eine Maske aufzusetzen, um an Sex zu kommen.

Und was ist daran jetzt ein Arschloch?

Ganz einfach: Hinter der Maske des Traumprinzen versteckt sich immer ein Mensch, dessen Charakter sich am treffendsten mit „Arschloch“ beschreiben lässt. Darunter kommt nämlich ein Mann zum Vorschein, der von der ständigen Ablehnung seiner ehrlichen Kommunikationsversuche auf der Ebene Lust oder der Ebene Liebe so frustriert ist, dass er nun mit einer gehörigen Portion Frauenverachtung und „Halt endlich her, du Scheiß-Frau“ an die Auslebung seiner sexuellen Bedürfnisse herangeht.

Setzt dieses Arschloch seine „Maske“ auf, haben wir einen Mann, der sexuelle und romantische Erfüllung zu versprechen scheint. In Wirklichkeit sind dies aber nur die exakten Worte, die die angesprochene Frau hören will. Immer wieder sogar nicht einmal das, denn ein geschicktes Arschloch verneint an ihn gerichtete Wünsche einfach nicht, sodass (für ihn) ständig so viele Optionen wie möglich offen bleiben.

Nach Einwilligung zu einem sexuellen Akt seitens der Frau, der ja das Ziel dieses ganzen Spielchens ist, geht die Gleichung für eine beteiligte Frau nicht auf:

Sie bekommt nicht einmal den Furz einer Erfüllung auf der Ebene Liebe – die war, entgegen aller Andeutungen und Versprechungen, von vorneherein nicht inkludiert. Außerdem meistens auch keine Erfüllung auf der Ebene Lust. Denn kein Arschloch ist daran interessiert, einer Frau großartig etwas zu geben oder große Sorgfalt auf ihre Befriedigung zu verschwenden. Denn eigentlich verachtet das Arschloch die von ihm verführte Frau – stellvertretend für alle Frauen, die ihn früher abgelehnt oder gar nicht erst bemerkt haben, als er noch ehrlich kommunizierte, weil ein anderes Arschloch ihn überstrahlte.

Menschen in der Rolle „Frau“, die auf diese Taktik der Arschlöcher in der Rolle „Mann“ hereinfallen, sammeln also haufenweise sexuelle und emotionale Enttäuschungen – und unterdrücken ihr eigenes sexuelles Bedürfnis daraufhin noch mehr, da die Auslebung dessen immer in negativen Konsequenzen endet.

Das wiederum vertreibt noch mehr ehrlich kommunizierende Männer, die über Zeit ebenfalls zu Arschlöchern werden, und die nächsten Frauen manipulieren, usw.

Und damit sind wir bei der Entstehung von Rape Culture gelandet.

Die Einzementierung der patriarchalen Lüge – Teil 2/2: In der queeren Szene oder: Das Patriarchat ist tot. Es lebe das Patriarchat!

An wen richtet sich der Artikel?

Welche Orientierungen, Rollen oder Geschlechter der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): homosexuell, homosexuell lebend wenn bisexuell
Romantische Orientierung(en): lesbisch, schwul, homoamor lebend wenn biamor
Geschlecht(er): alle
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“,
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“
Erweiterbar auf:
  • Mensch in der Rolle „Frau“ wünscht sich Sex mit einem weiteren Menschen in der Rolle „Frau“,
  • Mensch in der Rolle „Mann“ wünscht sich Sex mit einem weiteren Menschen in der Rolle „Mann“,
  • alle sexuellen und romantischen Orientierungen.

Diverse alternative Szenen auf der ganzen Welt, z. B. die linkspolitische oder queere Szene, behaupten gerne, das Patriarchat erfolgreich zu bekämpfen. Nachdem ich drei Jahre lang Feldforschung in der queeren Szene betrieben habe, kann ich zwar bestätigen, dass es tatsächlich einige vielversprechende Konzepte gibt, die die patriarchale Struktur zumindest aufweichen. Doch die Idee, das Patriarchat innerhalb der Szene erfolgreich zu bekämpfen, ist ganz einfach falsch.

Die sozialen Rollen „Frau“ und „Mann“ sind genauso wie im heteronormativen Mainstream präsent. Dabei hat die sexuelle Orientierung mit der sozialen Rolle gar nichts zu tun: So kann eine lesbische genauso wie eine Hetero-Frau verhaltensgleich die Rolle „Frau“ einnehmen, lediglich die erotischen und amoren Wünsche sind an ein anderes Geschlecht gerichtet.

In der Lesben- oder FLINT-Szene

In der Lesben-Szene nehmen meistens lesbische (= homoamore) oder biamore Frauen die Rolle „Frau“ ein. Ein biamorer Trans-Mann, eine lesbische Trans-Frau oder ein lesbisch-homoamores weiteres Geschlecht können sich aber genauso in der Rolle „Frau“ verhalten.

In der Rolle „Frau“ unterdrücken diese Menschen ihr Bedürfnis nach der Ebene Lust, da Sex ja nur in Kombination mit der Ebene Liebe erlaubt ist.

Die Ebene Lust ist allerdings die direkte Standleitung zur eigenen Lebensenergie. Die Unterdrückung dieser führt dann zu FLINT-Umgebungen, in denen viele passive Frauen herumstehen und keine großartige soziale Interaktion zustande kommt. Die einzige Ausnahme bilden bestehende Pärchen, die zumindest untereinander eine aktive Ebene Lust haben.

Das Bedürfnis nach der Ebene Lust mit verschiedenen Menschen zu unterdrücken bleibt allerdings niemals ohne Konsequenzen.

So hat sich in fast allen Lesbenszenen der westlichen Gesellschaft ein typisches unbewusstes Verhaltensmuster herausgebildet: Da die Rolle „Frau“ Sex nur in einer Verliebtheit oder Liebesbeziehung zulässt – und das auf beiden Seiten! – sind unter Frauen und weiteren Geschlechtern in der queeren Szene sekundärmotivierte Verliebtheiten so weit verbreitet, dass es viele Kurzzeitbeziehungen, extreme serielle Monogamie und damit verbundenes Drama gibt. Dieses Verhalten tritt so häufig auf, dass es in Lesbenszenen bereits ein Klischee darstellt, und Menschen als der Szene zugehörig kennzeichnet, wenn sie darüber Witze machen.

Ein anderer Weg ist der folgende: Sexuelle Anbahnung zum Spaß wird im heteronormativen Mainstream meistens von Hetero-Männern in der Rolle „Mann“ erfüllt, was unter mehrheitlich Lesben und Schwulen natürlich ausbleibt. Also rutschen anwesende Frauen in diese Rolle: Dykes oder Butches betreiben im Vergleich zur Umgebung oft aktiv sexuelle Anbahnung. Durch Vorspielen der Ebene Liebe „knacken“ sie die Unterdrückung der sexuellen Bedürfnisse des Gegenübers in der Rolle „Frau“ und können so ihre Ebene Lust ausleben.

Da sie sich aber in der Rolle „Mann“ befinden, unterdrücken sie ihrerseits ihre eigene Ebene Liebe. Das dämpft die Fähigkeit, Empathie gegenüber Mitmenschen und deren Gefühlen zu empfinden. Damit fällt es leichter, eine „Traumprinz(essin)“-Maske aufzusetzen. Ein passendes Beispiel dafür ist der Charakter „Shane“ in der Serie „The L Word“. Um Sex zu haben, sagt sie genau das, was ihr Gegenüber in der Rolle „Frau“ hören will. Meistens macht sie sogar gar nichts, und verneint Wünsche, die ihr Gegenüber an sie richtet, einfach nicht. Erst später im Handlungsverlauf stellt sich heraus, dass sie nichts davon wollte, sondern es einfach passieren ließ, solange sie damit im Vorteil war.

Hier möchte ich betonen, dass selbstverständlich nicht alle Dykes oder Butches so tief in der Rolle „Mann“ gefangen sind, dass sie ein Arschloch mit Traumprinz(essin)-Maske werden. Geschieht die Einnahme von beiden Rollen jedoch oft genug, um eine exponentielle Kettenreaktion in Gang zu setzen, kann auch in einer FLINT-Umgebung Rape Culture mit sexuellen Nötigungen und Übergriffen entstehen.

In der schwulen Szene

In der schwulen Szene hingegen herrscht ein konträres Bild: Die Rolle „Mann“ wird dort meistens von schwulen (= homoamoren) oder biamoren Männern angenommen. Ein biamorer Trans-Mann oder ein schwul-homoamores weiteres Geschlecht kann sich aber genauso in der Rolle „Mann“ verhalten.

Diese Menschen lassen dann ihr sexuelles Bedürfnis der Ebene Lust durch; ihr Bedürfnis nach Empathie und Liebe auf der Ebene Liebe hingegen unterdrücken sie vor sich selbst und vor anderen. Dadurch entsteht ein sexuell recht offener Raum, in dem Berichte über One-Night-Stands, sexuelle Anbahnungen, Anspielungen oder Scherze mit genitalem Inhalt zum Small Talk gehören. Hat die Mehrheit der Gruppe enthemmende Drogen konsumiert (z. B. Alkohol), tritt dieses Verhalten noch deutlicher auf.

In Beziehung lebende Menschen begegnen dieser sexuellen Offenheit und Promiskuität allerdings mit Distanziertheit und Skepsis. Sind sie als Pärchen unterwegs, halten sie bewusst Abstand und sind eher aufeinander als auf die Gemeinschaft konzentriert. Die Singles beklagen indessen, dass es so schwer ist, einen geeigneten Partner für eine romantische Beziehung zu finden, oder eine solche längerfristig zu halten. Gemeinsames Schauen von Online-Dating-Seiten und Besprechen der jeweiligen (gescheiterten) Beziehungserfahrungen inbegriffen.

Das sind direkte Folgen der Unterdrückung der Ebene Liebe: Wenn in einer Liebesbeziehung beide Seiten ihre Ebene Liebe unterdrücken, gibt es keine Verbindungsmöglichkeit zwischen den Gefühlsebenen, die für eine erfolgreiche Liebesbeziehung zwingend notwendig ist.

Einige Schwule oder Bi-Männer, insbesondere wenn diese als „weiblich“ besetzte Persönlichkeitsanteile ausleben, geraten durch das Überangebot der Rolle „Mann“ als unbewussten Ausgleich in die Rolle „Frau“. Dann lehnen sie die sexuellen Anspielungen der Gegenüber pikiert ab. Dadurch geraten sie zusätzlich in die Rolle des „Spielverderbers“ und ziehen negative Aufmerksamkeit von bestimmten Menschen in der Rolle „Mann“ auf sich. Diese haben eine eingeschränkte Wahrnehmung von Fairness gegenüber Mitmenschen und erkennen daher die nonverbalen Signale nicht, die die Grenze zwischen Anbahnung und Übergriffigkeit markieren – oder ignorieren solche Signale sogar bewusst. Dieses Verhalten ist dann eine Form von Rape Culture.

Im Marketing:

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die queere Szene demnach kein Ort ist, an dem das Patriarchat überwunden wurde, sondern sogar ein besonders genauer Filter. Er kommt durch die stärkere Geschlechtertrennung als im Mainstream zustande und erlaubt einen guten Blick auf die Anwendung der patriarchalen Lüge:

Die FLINT-Szene auf der einen Seite verstärkt die Verhaltensweisen der Rolle „Frau“ bis ins Absurde, die schwule Szene auf der anderen Seute tut dasselbe mit den Verhaltensweisen der Rolle „Mann“.

Ein interessantes Beispiel dafür sind die Empfehlungen zur LGBT-Kultur Wiens des Unternehmens Wien-Tourismus. So wird für Lesben und Bi-Frauen eine Liste an Cafés und Clubbings angeboten. Die typischen Tätigkeiten dort sind: Miteinander reden, Netzwerken für die queere Szene, Lesen (wenn das Café Bücher hat) und auf Clubbings Tanzen. Für Schwule und Bi-Männer hingegen gibt es eine eigene Liste an Schwulensaunas: Die typischen Tätigkeiten dort sind: Swingen (= Sex zum Spaß) und Thermenbesuch. Zitat eines Schwulen darüber zu mir: „Wenn du dort eine Frau für Sex zum Spaß suchst, musst du sie dir mitbringen!“

Warum gibt es keine „Lesbensauna“, wo ausschließlich Frauen und andere Menschen mit Vulva miteinander geilen Sex zum Spaß haben können? Und kein nettes Büchercafé für ausschließlich Schwule, wo diese in Ruhe sitzen, miteinander reden, netzwerken und lesen können?

Genau: Weil die patriarchale Lüge aktiv ist. Frauen wollen schließlich nur Freundschaft und Liebe und Männer nur Sex.

Rape Culture – Teil 3/3: Auf Kontaktbörsen im Internet

Auf Kontaktbörsen wie Dating- oder Swinger-Websites zeigt sich Rape Culture in belästigenden (= ein „Nein“ ignorierenden) Kontaktaufnahmen und Nachrichten. Wieder sind die Täter_innen Menschen in der Rolle „Mann“, die allem, was weiblich genug erscheint, die Rolle „Frau“ aufprojizieren, egal ob der angesprochene Mensch diese Rolle tatsächlich eingenommen hat. Meistens schlüpfen auch hier wieder Männer in die Rolle „Mann“ und Frauen in die Rolle „Frau“. Die meisten Trans-Menschen und weiteren Geschlechter nehmen je nach ihrer sozialen Prägung und Lebensgeschichte ebenfalls eine der beiden Rollen ein.

Um diese Reaktionen zu erfahren, reicht es aus, sich als Frau, oder weiblich auf einer Online-Kontaktbörse oder Online-Dating-Webseite zu registrieren. Es muss nicht einmal ein Foto hochgeladen sein oder ein einziges Wort im Profil stehen.

Ist eine Frau grundsätzlich an Hetero-Kontaktaufnahmen interessiert, und passieren diese in einer freundlichen oder höflichen Form – kein Problem, darauf beziehe ich mich nicht. Mein Erleben stammt davon, dass ich einige Jahre lang über das Internet Frauen kennenlernen wollte, die mein bisexuelles oder biamores Interesse erwidern würden. Unter Kontaktbörsen für Frau sucht Frau habe ich einige Webseiten aufgelistet, die dafür gut geeignet sind.

Nun wollte ich im Internet keine Männer kennenlernen; ich hatte im Alltag des Mainstreams bereits genügend Anfragen von Hetero-Männern, die meisten davon ungeeignet. Also gab ich das auf jedem meiner Internetprofile an: Frau sucht Frau, Frau sucht lesbisch/bi, lesbisches Interesse, usw. Worauf mich sehr oft Männer anschrieben. Das ist an und für sich kein Problem, es passiert ja, dass jemand nicht genau liest, gerade im Internet. Ein Übergriff und somit Rape Culture wird es in dem Moment, wenn ein „Nein“ oder ein Ignorieren der Kontaktaufnahme vom anschreibenden Mann nicht akzeptiert wird.

Am Anfang antwortete ich noch höflich mit „Kein Interesse, lies bitte mein Profil“. Daraufhin wurde meine Absage aber nicht akzeptiert, im Gegenteil, es ging in 90% der Fälle das gleiche Gespräch los:

Nachfolgend gebe ich die häufigsten Antworten auf mein „Nein“ von ignoranten Männern wieder. Als Kommentar steht eine Auswahl meiner Gedanken, die ich beim Lesen derartiger Nachrichten hatte.

„Warum willst du keine Männer? Hast du schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht?“

Ja, zum Beispiel jetzt gerade mit dir. Und vor fünf Minuten mit dem Kerl, der mir die gleiche Frage gestellt hat.

„Aber möchtest du MICH nicht kennenlernen?“

Hast du eine Muschi? Und Brüste? Und bist du eine Frau? Nein? Dann halt die Klappe.

„Wir könnten doch einfach nur reden und uns besser kennenlernen…“

Du bist auf einer Webseite registriert, wo es vorrangig darum geht, jemanden für Sex zu finden. Du willst weder mit mir reden, noch mich besser kennenlernen. Glaub mir.

(einige Zeit nach einer Absage)
„Du antwortest nicht mehr, hast du das Interesse verloren?“

Nein, ich hatte nie Interesse an dir, du Pfosten! Ein Profil oder einen Nachrichtenverlauf wirst du ja noch lesen können, oder kannst du das auch nicht?

Und wie ich bereits in Was ist Rape Culture und was sind ihre Ursachen? beschrieben habe, schreckten mich die vielen belästigenden Nachrichten so sehr ab, dass ich begann, alle Nachrichten, die nicht von meiner Zielgruppe gesendet wurden, zu ignorieren, und von Männern auf Kontaktbörsen ganz grundsätzlich als „feindliches Lager“ auszugehen.

Und was kann ich gegen Rape Culture auf Kontaktbörsen tun?

Hier ist es einfacher, Grenzen zu ziehen, als in der Öffentlichkeit.

Belästigende User_innen kannst du einfach auf die Ignorier- oder Blockier-Liste setzen, die jede vernünftige Kontaktbörse registrierten User_innen bereitstellt. Je nach Webseite kann dich dann der gesperrte User entweder nicht mehr kontaktieren, oder sogar deine ganze Anwesenheit nicht mehr wahrnehmen, da er dein Profil nicht mehr findet.

Solltest du es mit jemandem zu tun haben, der sich daraufhin immer neue Profile erstellt und dich trotz deiner Absagen oder Nicht-Reaktionen nochmals anschreibt, melde den User mit der Begründung Belästigung den Admin_as der Webseite.

Ich würde empfehlen, auch User zu melden, von denen du mehrmals einen wortgleichen Text erhältst. Hier liegt zwar keine akute persönliche Belästigung vor (wie 1x im Monat derselbe doofe Text als Nachricht), aber du reduzierst damit das Belästigungspotential gegenüber anderen User_innen, da solche Menschen zwar keine Arschlöcher, aber zumindest Idioten sind, die die Website zuspammen.

Hat jemand Daten von dir (Name, Adresse, Kreditkartennummer) oder kennt dich als reale Person, und nutzt das Internet, um dir immer wieder belästigende Nachrichten oder Bedrohungen zu senden, speichere den Verlauf in eine Datei und geh damit zur Polizei. Dieses Verhalten fällt unter „Stalking“ mit eindeutiger gesetzlicher Regelung und kann daher als Straftat angezeigt werden.

Durch Zufall kam ich jedoch auf einen einfachen Trick, um belästigende Anschreiben zu reduzieren.

Bei rein heterosexuellen Männern ging mir bereits im Alltag die Doppelmoral gegenüber Homosexualität (schwule Männer waren abstoßend, lesbische Frauen geil) auf die Nerven. Irgendwann fiel mir auf, dass jeder einzelne heterosexuelle Mann, der in meiner Gegenwart eine herablassende Bemerkung über Schwule gemacht hatte, ignorant und besitzergreifend gegenüber mir (oder anderen Frauen) wurde, sobald auch nur ansatzweise Sex als Thema im Raum stand.

Um diesen Zusammenhang zu testen, mischte ich auf dem Portal Websingles.at unter meine Profilangaben folgende (erfundene) Aussage:

Liebe Männer: Hetero-Männer finde ich fad, sry Jungs! Bi- oder bi-neugierige Männer – schreibt mich an, das könnte spannend werden 😉

Mit dem Erfolg hatte ich nicht gerechnet. Was einfach dazu dienen sollte, mir weniger nervige Nachrichten zu bescheren, beendete die Sache völlig: Über Nacht fiel die Quote der belästigenden Nachrichten von ein bis zwei pro Tag auf etwa vier solcher Nachrichten im folgenden Jahr.

Dabei stand dieser Text nicht einmal oben in meinem Profil, sondern mitten in meiner Beschreibung. Das war der Beweis: Arschlöcher im Internet lesen tatsächlich Profile! Sie entscheiden sich offenbar dann nur dagegen, den Inhalt irgendwie ernst zu nehmen.

Meine Erklärung dafür ist, dass Männer, die gegenüber Frauen homophob sind (= die Angabe „lesbisch“ oder „Frau sucht Frau“ ignorieren), ganz einfach immer homophob sind, also auch gegenüber Männern und letztendlich sich selbst. Mich anzuschreiben, würde sie dann als bisexuell kennzeichnen, und, wuaaah, das geht gar nicht, denn echte Männer stehen ja bekanntlich niemals auf andere Männer…

Wie geht guter Sex? – Teil 2/4: Organische Chemie

An wen richtet sich der Artikel?

Welche Orientierungen, Rollen, oder Geschlechter der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): heterosexuell, heterosexuell lebend wenn bisexuell
Romantische Orientierung(en): heteroamor, heteroamor lebend wenn biamor
Geschlecht(er): alle
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“
Erweiterbar auf: alle sexuellen und romantischen Orientierungen

Manche behaupten, dass jeder Mensch andere sexuelle Vorlieben hat und daher allgemeine Prinzipien für „guten Sex“ nicht definiert werden könnten. Dieser Ansicht bin ich nicht. Während es richtig ist, dass kaum zwei Menschen die exakt gleichen Vorlieben in exakt der gleichen Stärke haben, gibt es sehr wohl einige Grundlagen, wie eine Vulva oder ein Penis beim Sex funktioniert, und was in weiterer Folge guten Sex ausmacht. Da in einer patriarchalen Mehrheitsgesellschaft die Ebene Lust von Frauen wesentlich mehr unterdrückt wird, als die von Männern (deren Unterdrückung betrifft stattdessen die Ebene Liebe), drehen sich die folgenden Artikel mehr um die sexuelle Funktion einer Muschi.

Jeder Körper, der sexuelle Lust empfindet, macht unwillkürlich Kontraktionen mit den Muskeln rund um den Genitalbereich. Viele Menschen spüren das als plötzliche Bewegungen am ganzen Körper, die sie nur mit Mühe unterdrücken können, wenn sie sich selbst befriedigen oder Sex haben.

Bei einem weiblichen Körper funktioniert das so: Wenn ein Dildo, Finger oder Penis in der Scheide hin- und herbewegt werden, und sich das für die Frau lustvoll anfühlt, ziehen sich die Muskeln rund um die Scheide zusammen und entspannen sich wieder. Je mehr Lust die Frau empfindet, desto stärker und schneller. Am stärksten sind diese Kontraktionen während dem weiblichen Orgasmus.

Beim Hetero-Sex, konkret beim Geschlechtsverkehr, nützen die Muskelbewegungen aber nicht nur der Frau, sondern sie massieren auch einen in der Scheide steckenden Penis mit. Das ist für den Mann üblicherweise ebenfalls lustvoll. Beim Ficken bedeutet das für einen Mann: Je mehr Lust die Frau empfindet, desto besser wird sein Penis massiert, und desto mehr Lust wird er selbst empfinden. Daher verhält sich ein Mann, dem die Lust der Frau beim Hetero-Sex „zu viel Arbeit“ ist, eigentlich dumm: Er nimmt sich selbst eine richtig geile Penismassage weg.

Dieses Prinzip ist auf gleichgeschlechtlichen Sex direkt übertragbar:

Bei lesbischem Sex, sei es durch Fingern, Lecken oder einen Dildo, sind die Muskelbewegungen der Frau, die dadurch Lust empfindet, auch für die aktive Frau lustvoll, die so direkt spüren kann, wie ihr Gegenüber ihre Handlungen genießt.

Die Muskeln rund um den After funktionieren genauso wie die rund um die Vulva (bei einem weiblichen und einem männlichen Körper). Bei schwulem Analverkehr, den der passive Mensch lustvoll findet, massieren seine Muskelbewegungen daher den Penis des aktiven Menschen auf die gleiche Weise mit.

Wie geht guter Sex? – Teil 4/4: Wie kann ich als Frau den Sex mit einem Mann genießen?

An wen richtet sich der Artikel?

Welche Orientierungen, Rollen, oder Geschlechter der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): heterosexuell, heterosexuell lebend wenn bisexuell
Romantische Orientierung(en): heteroamor, heteroamor lebend wenn biamor
Geschlecht(er): Frau
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“
Erweiterbar auf:
  • alle Menschen in der Rolle „Frau“
  • alle sexuellen und romantischen Orientierungen

Viele Hetero- oder Bi-Männer in einer Hetero-Beziehung klagen das folgende Leid:

„Ich glaube, dass meiner Freundin/Frau Sex nicht so gefällt wie mir. Sie wirkt meistens ziemlich teilnahmslos und auch mir macht es immer weniger Spaß. Außerdem muss fast immer ich sie nach Sex fragen – sie vermisst es anscheinend nicht.“

Eine Frau, die beim Sex nur wenige oder keine Lustsignale zeigt, wirkt auf den Mann so, als ob sie ihn grundsätzlich sexuell nicht interessant findet.

Dass die Frau so wenig mitmacht, liegt allerdings fast immer daran, dass sie mit Sex unerfahren ist. Entweder hat sie noch nicht oft Sex gehabt, oder ihre vergangenen Sex-Erlebnisse und/oder Ex-Beziehungen waren mit Männern, die ebenfalls unerfahren waren und mit denen sie nicht viel erlebt hat, was sie geil fand.

Allerdings helfen viele Frauen, ohne es zu merken, fleißig dabei mit, dass sie sogar nach mehreren Sexpartnern keine nennenswerte Erfahrung gesammelt haben, wodurch der Sex auch in Zukunft lauwarm oder unbefriedigend bleibt: So gut wie keine Frau hat mit Menschen Sex, die sie überhaupt nicht attraktiv findet. Die meisten Frauen finden daher ihren gewählten Sexpartner / Freund / Mann sehr wohl sexuell interessant. Der Grund ihrer Teilnahmslosigkeit ist vielmehr toxische Weiblichkeit (das Gegenstück zu toxischer Männlichkeit). In patriarchalen Gesellschaften werden die meisten Frauen in ein bestimmtes Verhaltensmuster – die Rolle „Frau“ – erzogen. Sobald ein Mensch die Verhaltensregeln dieser Rolle alltäglich umsetzt, entsteht toxische Weiblichkeit.

Die folgenreichste Überzeugung der Rolle „Frau“ lautet:

„Frauen haben keine eigenen sexuellen Wünsche.“

Sie bewirkt, dass die meisten Frauen bereits früh lernen, allzu sinnliche und sexuelle Gefühle unbewusst zu unterdrücken, und „brav zu sein“, um nicht dauernd negative Reaktionen (auch Slutshaming genannt) ihrer Umgebung zu bekommen.

Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, sind physische Unterdrückungsmechanismen. Frauen sollen „ihre Beine zusammenhalten“, was nicht nur eine Redewendung ist. Jede Person, die beim Sitzen oder Stehen fast immer ihre Beine zusammenstellt oder -presst, entwickelt ständig verspannte Muskeln in den Füßen und Oberschenkeln, welche dann die Nervenbahnen einklemmen, die sexuelle Lust transportieren. Eine andere typische Haltung von Frauen ist ein Bein über das Knie des anderen zu schlagen, um „Bein zu zeigen“ und so eine attraktive Pose zu präsentieren. Dies verstärkt die Unterdrückung zusätzlich, indem es die Nervenbahnen im unteren Rücken einklemmt, sodass der Genitalbereich praktisch taub wird (und in späteren Jahren Rückenschmerzen hinzukommen). Eine Frau, die bereits als Kind in diese Haltungen erzogen wurde, spürt als Erwachsene daher nicht mehr, wenn sie sexuell erregt ist – sie nimmt Lustgefühle erst wahr, wenn sie bereits sehr geil ist.

An diesem Punkt kommt der psychische Unterdrückungsmechanismus hinzu. Eine Frau, die ehrlich kommuniziert, dass sie gerade Sex will, erhält üblicherweise sofort negative Reaktionen: Von patriarchalen Männern, die durch das Selbstbewusstsein der Frau Versagensängste bekommen, oder patriarchalen Frauen, die sexuelle Verfügbarkeit gegen Aufmerksamkeit einhandeln und daher nie „einfach so mitgehen“ wie eine Frau, die Sex für ihre eigene Lust hat.

Dadurch lernen Frauen bereits in der Pubertät, nicht direkt zu sagen, wenn sie Lust auf Sex haben, sondern stattdessen auf eine andere Person zu warten, die Sex initiiert, die dann hoffentlich den richtigen Moment aussucht, wenn sie selbst gerade ebenfalls in Stimmung sind. Dies führt auch dazu, dass Frauen Spielchen und soziale Codes benutzen, die sich darum drehen, Sex zu bekommen, aber Slutshaming zu vermeiden. Die Regel scheint zu sein: Stell genug ins Schaufenster, damit der Richtige aufmerksam wird, aber nicht so viel, dass du das Gesprächsthema der ganzen Einkaufsstraße wirst.

Im Laufe der Zeit produzieren beide Unterdrückungsmechanismen zusammen ein Phänomen, das responsives Verlangen oder responsive Lust genannt wird. Eine Frau mit responsivem Verlangen spürt überhaupt keine eigene sexuelle Erregung (mehr), sondern empfindet nur dann körperliche Lust, sobald eine andere Person sie sexuell berührt. Dies unterscheidet sich von Asexualität dadurch, dass eine asexuelle Frau sogar nach sexuellen Berührungen keine sexuelle Erregung spürt.

Zusammenfassend gesagt: Meistens spürt sie die eigene Lust einfach nicht, und wenn doch, sagt sie es nur indirekt, in einer für das Gegenüber meistens unverständlichen Art. Wenn sie responsives Verlangen hat, wirkt sie sogar so, als würde sie Sex generell uninteressant finden, obwohl sie eigentlich in Stimmung wäre.

Doch damit nicht genug: Die eigene Lust zu unterdrücken erzeugt schlechte Laune(n). Eine Frau, die ihre Sexualität unterdrückt, wird sich daher oft müde, ambivalent, traurig, depressiv, frustriert oder verärgert fühlen, ohne eine Ursache für ihre Gefühle nennen zu können (wenn ihr innerhalb einer Minute ein Grund einfällt, sind ihre Gefühle eine Reaktion darauf, und haben nichts mit ihrem Bedürfnis nach Sex zu tun): „Ich weiß nicht, ich habe irgendwie einen schlechten Tag“. Ein klischeehaftes Beispiel ist die nervöse Hausfrau der 1950er-Jahre. Unglücklicherweise erzeugt dies einen Teufelskreis: Ihre schlechte Laune erstickt endgültig jede sexuelle Erregung, die es irgendwie an den körperlichen und psychischen Unterdrückungsmechanismen vorbeigeschafft hat, was natürlich eine noch schlechtere Laune erzeugt.

Aufgrund dieser Unterdrückungsmechanismen experimentieren Frauen weniger mit ihrem Körper und ihren sexuellen Fantasien als die meisten Männer, und erreichen eine gute Kenntnis ihrer eigenen sexuellen Vorlieben erst in ihren Dreißigern oder später, darunter Erkenntnisse über ihre Lust, die den meisten Männern seit Anfang der eigenen Pubertät klar sind, etwa, welche Berührung wo im eigenen Genitalbereich angenehm ist und welche nicht. Das wiederum führt dazu, dass eine Frau sogar während dem Sex ihre sexuellen Wünsche eher nicht mitteilt – entweder weil sie diese selbst nicht weiß, oder weil sie in voreiliger Annahme oder aus leidvoller Erfahrung Slutshaming seitens des Mannes befürchtet.

Insgesamt schafft die Frau mit ihrem Verhalten eine zutiefst unfaire Situation: Damit Sex stattfindet, muss der Mann fast immer Sex initiieren. Für den Mann bedeutet dies häufige Ablehnung (Wenn sie sich gerade nicht spürt, und daher nicht auf seine Annährungsversuche einsteigt, oder ihr Interesse nur so halb ausdrückt, was der Mann als Desinteresse missversteht) und ständige Selbstzweifel (Wenn es zwar zu Sex kommt, aber er alle Berührungen und Anregungen macht, während sie immer ambivalent bleibt). Er weiß nie genau, warum sie ihn dieses Mal rangelassen hat, oder ob sie wirklich mag, was er tut. Da es die meisten Frauen gewöhnt sind, ständig angeflirtet zu werden und sexuelle Angebote zu erhalten – manchmal in einem Ausmaß, dass es schon nervt – können viele Frauen nicht nachvollziehen, wie zurückweisend und verletzend kein eindeutiges Angebot zu bekommen auf Dauer ist. Sie verstehen dann nicht, warum sich der Mann über ihr fehlendes Interesse beschwert, oder warum er sich emotional zurückzieht, weil er sich unerwünscht oder ungeliebt fühlt.

Alle diese Verhaltensweisen gehen darauf zurück, dass die Frau in der patriarchalen Rolle „Frau“ erzogen wurde, weswegen die meisten der beschriebenen Handlungen unbewusst und keine Absicht sind. Allerdings setzen leider viele Frauen ihre destruktiven Ansichten aktiv fort, indem sie vom jeweiligen Mann erwarten, dass er bereits weiß, was sie sich wünscht, weil er ja (mehr) Pornos schaut, und scheinbar mehr sexuelle Erfahrung hat. Dieses Vorurteil ist nicht völlig falsch – in der Rolle „Mann“ erzogen zu werden, hat seine Sexualität großteils intakt gelassen – allerdings hat er nur mit seinem eigenen Körper mehr sexuelle Erfahrung gesammelt. Mit einem weiblichen Körper ist er höchstwahrscheinlich noch ahnungsloser als die Frau selbst.

Wenn sie das herausfindet, ist sie im häufigsten Fall enttäuscht, weil der Mann ihr nichts Interessantes zeigen kann. Daher lässt sie den Sex halt über sich ergehen, und täuscht Lustsignale, oder sogar ihren Orgasmus vor, um „es“ schneller hinter sich zu haben. Insgeheim ist sie jedoch wütend auf den Mann und projiziert diese Wut auf andere Stellen im Beziehungsleben, wodurch sie außerdem perfekt ihre schlechte Laune abreagieren kann. Der Mann muss dann ohne Information über ihre Bedürfnisse und Wünsche, oder nur mit (völlig unbrauchbarem) Halbwissen aus Pornos auskommen, was natürlich (weiterhin) schlechten Sex garantiert.

Als Frau kannst du aus dieser Spirale folgendermaßen aussteigen:

Beginne mit einem Gedankenexperiment: Denke an jemanden, mit dem du immer wieder Sex hast oder hattest, und such dir eine Zeitspanne aus (letzte Woche, einen Monat, etc.). Erinnere dich an die Male, die ihr Sex hattet. Wie hat der Sex angefangen? Wer hat einen eindeutig zweideutigen Scherz gemacht? Wer hat wen gefragt, ob er_sie Lust hat? Wer hat wen als Erstes angefasst? Da ambivalente Reaktionen ein Problem erzeugen, zähle nur die eindeutigen Kontaktaufnahmen. Stell dir dazu vor, dass eine dritte Person neben euch gestanden wäre. Hätte dieser Mensch ebenfalls mitbekommen, wie du Sex anbahnst? Wenn ja, war die Kontaktaufnahme eindeutig.

Wenn du 40% oder mehr eurer sexuellen Begegnungen eindeutig angebahnt hast (mindestens 4 von 10 Malen), dann ist alles in Ordnung. Du kannst zur Verantwortung für deine Bedürfnisse während dem Sex (Punkt 3) springen. Wenn aber die Verteilung in Richtung deines Partners größer ist, weil du viel seltener Sex initiierst als er, dann hast du unbewusst toxische Weiblichkeit laufen, die wahrscheinlich bereits eure Verbindung / Beziehung herunterzieht, was über Zeit noch schlimmer werden wird, wenn du nichts änderst.

1. Körperliche Unterdrückungsmechanismen

Fang damit an, dir deine körperlichen Unterdrückungsmechanismen aktiv abzugewöhnen: Sobald du irgendwo sitzt, egal wo, überprüfe deine Beine. Hast du ein Bein über das andere geschlagen und sitzt mit überkreuzten Beinen? Wickle deine Beine sofort auseinander und stell beide Füße auf den Boden. Und wenn du schon dabei bist, strecke deinen Rücken, sodass du aufrecht sitzt. Dadurch können die Nervenbahnen in deinem unteren Rücken wieder sexuelle Erregung weiterleiten. Als Nächstes achte darauf, wenn du mit beiden Füßen auf dem Boden stehst, aber dabei die Knie oder Oberschenkel zusammendrückst. Stell dann deine Beine auseinander, und sitze erst einmal mit leicht geöffneten Oberschenkeln. Mach das immer weiter, bis du so oft wie möglich mit entspannten, offenen Beinen sitzt. Solange gerade niemand den Platz neben dir braucht, manspreade sogar. Dadurch reduzierst du die Verspannungen in deinen Füßen und Oberschenkeln.

Um in einem patriarchalen Umfeld keine unerwünschte Aufmerksamkeit zu bekommen, musst du eventuell deine Kleiderwahl mitbedenken. Trägst du oft etwas, das einen guten Blick auf deine Unterwäsche ermöglicht, sobald du mit geöffneten Beinen sitzt? Lass es für die Arbeit oder andere Erledigungen in der Öffentlichkeit weg, und trage es nur, wenn du jemanden für Sex kennenlernen willst. Gut geeignet sind Röcke oder Kleider, die über das Knie gehen, sowie dunkle Leggings und Hosen. Praktischerweise trägt dieses Experiment sogar dazu bei, dass dich weniger Männer in der Öffentlichkeit blöd anquatschen, weil übergriffige Männer von einer Frau eingeschüchtert sind, die gerade sitzt („Ich verbiege mich nicht für dich“) und ihren Platz einnimmt („Das ist mein Platz, nicht deiner“), und sich lieber eine Frau, die „damenhaft“ sitzt, als ihr nächstes Opfer aussuchen.

Sich diese Art des Sitzens völlig abzugewöhnen, dauert Jahre. Wenn du diese Änderungen jedoch täglich anwendest, wirst du nach einigen Wochen positive Ergebnisse bemerken: Du wirst feststellen, dass du weniger „schlechte Tage“ hast, dass du dich besser auf etwas konzentrieren kannst, und so Vorhaben besser umsetzen kannst.

Wenn du zusätzlich deine Füße, Oberschenkel, und deinen Rücken mit regelmäßigen Massagen versorgst, welche die verbleibenden verspannten Muskeln lockern, wird dieser Effekt noch spürbarer. Du kannst dich selbst aufmassieren, jemand Anderes fragen / bezahlen, und / oder deinen Sexpartner bitten, Massagen ins Vorspiel einzubauen.

Dies ist auch der Grund, warum Sportarten wie Gymnastik, Yoga, und Pilates gerade bei Frauen so beliebt sind: Sie öffnen und dehnen genau jene verspannten Muskeln. Wenn du eine solche Sportart im Sinne dieser Anleitung nutzen willst, musst du allerdings dein Training machen und dir die Art des Sitzens abgewöhnen. Sonst verbringst du eine Trainingseinheit damit, deine Muskeln zu öffnen, aber die gesamte restliche Zeit bis zum nächsten Training, um sie erneut zu verspannen.

Du wirst auch feststellen, dass du häufiger Lust auf Sex hast, manchmal sogar in unpassenden Situationen. Wenn du über die Häufigkeit überrascht bist, denke daran: Du hattest immer schon so oft Lust auf Sex. Du hast einfach aufgehört, das Gefühl zu erkennen, und hattest stattdessen schlechte Laune.

Wenn andere Menschen auf deine neue Art zu sitzen aufmerksam werden, und dich darauf blöd anreden („Eine Frau sitzt nicht so.“, „Nicht gerade elegant…“, etc.), hör nicht darauf, insbesondere, wenn es Familienmitglieder oder Freund_innen sind. Diese haben damit nämlich verraten, dass sie Fans des Patriarchats sind, und dass sie dein Vorhaben, eine gesunde Frau zu werden, nicht nur nicht unterstützen, sondern sogar erschweren werden. Bereite daher einige Sätze vor, indem du sie vor dem Spiegel übst: „Ich finde es bequem so.“, „Kennen wir uns?! Lassen Sie mich in Ruhe!“, „Na und? *Ich* sitze aber so.“, oder was dir Passendes einfällt. Lass dich mit Fremden nicht weiter auf ein Gespräch ein (geh am besten einfach kommentarlos weg) und verlange mit Familie oder Freunden einen Themenwechsel. Wenn dich bestimmte Menschen immer wieder darauf ansprechen, obwohl du bereits gesagt hast, dass du das nicht magst, überlege, wie oft du diese Menschen wirklich treffen willst, und reduziere den Kontakt entsprechend.

2. Psychische Unterdrückungsmechanismen

Als Nächstes schau dir den psychischen Unterdrückungsmechanismus an. Hast du jemanden, mit dem_der du regelmäßig Sex haben kannst? Wenn du in einer Beziehung oder verheiratet bist, und ihr miteinander sexuell seid oder wart, ist das klar. Wenn du Single bist, wende die gleichen Techniken auf deinen nächsten Aufriss, Sexbekanntschaft oder Date an. Und völlig egal, was gerade dein Beziehungsstatus ist: Befriedige dich regelmäßig selbst. Selbstbefriedigung wirkt wie eine gründliche Dusche für deine Seele, und beugt dadurch vielen psychischen und psychosomatischen Krankheiten vor. Betrachte einen Orgasmus oder lustvolle Berührungen daher als Teil deiner Routine für die Körperpflege.

Sobald du spürst, dass du Lust bekommst, kontaktiere deinen Sexpartner bei der nächsten Gelegenheit, und sag ihm in unmissverständlichen Worten, dass du Sex haben möchtest. Wenn du dich bei der Vorstellung unsicher fühlst, übe erst einmal vor dem Spiegel: „Ich hätte gerne jetzt Sex“, „Du siehst gerade heiß aus. Was hältst du von Sex?“, etc. Wenn du weißt, dass du dein Gegenüber einfach sexuell berühren kannst, tu das, und warte auf die Reaktion. Du wirst die ersten paar Male eine Art inneren Widerstand oder eine unlogische Angst (etwas wie „Mein Gesicht sieht gerade sicher seltsam aus.“) spüren. Das ist dein verinnerlichtes Patriarchat. Schieb diese Gedanken und Gefühle zur Seite, und konzentrier dich auf das, was du tun wolltest. Solche gefühlten Widerstände werden mit der Zeit weniger, und verschwinden mit mehr Erfahrung schließlich völlig.

Wenn all dies zu direkt für dich klingt, denk dir nonverbale Botschaften aus, mit denen du eindeutig und unmissverständlich deinen Wunsch nach Sex deinem Gegenüber mitteilen kannst. Gibt es ein spezielles Kleidungsstück, das du anziehen könntest? Ein Buch, das du auf den Tisch legst? Ein Meme, das du per Handy schicken könntest? Einen kodierten Satz, den du sagen könntest? Sammle ein paar Ideen, und schreib sie auf.

Nimm als Nächstes deine Notizen zur Hand, und rede mit deinem Sexpartner: „Ich versuche, beim Sex mehr Initiative zu zeigen. Ich könnte das anziehen / sagen / tun, um zu zeigen, dass ich gerade Lust habe, und dass ich will, dass du mich anfasst. Was gefällt dir davon am besten?“ Einigt euch auf eine Botschaft, die du privat, und eine, die du in der Öffentlichkeit machen kannst. Das Wichtigste ist, dass ihr diese Methode miteinander besprochen habt, bevor du sie ausprobierst, sodass für deinen Sexpartner glasklar ist, was welche Botschaft bedeutet. Wenn ihr diesen Schritt nicht macht, ist die Methode vollkommen nutzlos, da du deine Lust auf Sex immer noch unklar kommunizierst.

Wenn du die Auflösung deiner körperlichen sowie deiner psychischen Unterdrückungsmechanismen monatelang als tägliches Programm verfolgst, wirst du mit langsam intensiver werdenden Lustgefühlen bei der Selbstbefriedigung und beim Sex belohnt, zusammen mit Orgasmen, die du einfacher erreichst, und die dich besser befriedigen.

3. Verantwortung für deine Bedürfnisse

Wenn du deine Lust nun öfter rechtzeitig spürst, und sie auch klar kommunizierst, bleibt noch ein letztes patriarchales Muster übrig: Übernimm Verantwortung für deine sinnlichen und sexuellen Bedürfnisse und Wünsche nicht nur vor, sondern auch während dem Sex.

Erwarte nicht von deinem männlichen Gegenüber, dass er sich mit einem fremden, weiblichen Körper besser auskennt, als du, die du in so einem Körper steckst. Du spürst immer am besten, was sich angenehm und nicht angenehm anfühlt, daher ist es auch deine Aufgabe, diese Wahrnehmungen und Wünsche mitzuteilen. Sag also etwas, wenn du eine seiner Bewegungen zu fest, zu sanft, zu schnell, zu langsam, zu tief oder zu wenig tief findest. Dabei ist wichtig, dass du das mit Worten tust! Verschiedene Stöhn-Lautstärken oder Atemgeräusche wird dein Sexpartner / Freund / Mann entweder nicht bemerken, und wenn, dann nicht wissen, was sie bedeuten, wenn du ihm nicht vorher die Übersetzung erklärt hast.

Ein Trick, um Missverständnisse über deine Wünsche zu verringern, ist der Folgende: Versetze dich in seine Perspektive, und sage ihm so konket zu möglich, was er tun soll:

Beispiele:
Gut: Besser:
„Nicht so schnell!“ „Mach langsamer!“
„Mhm! Ja!“ „Mhm! Mach bitte nochmal … „
„Das tut weh!“ „Das tut weh. Mach bitte kurz Pause!“
„Gnnn…“ „Streichel mich an …“

Gestalte das Vorspiel aktiv mit. Nimm eine Technik, die für dich bei der Selbstbefriedigung gut funktioniert, und wende sie an, während er dich zusätzlich streichelt. Das Vorspiel als alleinige Aufgabe des aktiven Sexpartners zu betrachten, ist nämlich ziemlich unfair, und eine Form von toxischer Weiblichkeit. Teilt das Vorspiel stattdessen 50-50, oder mindestens 40-60 zwischen dir und ihm auf. Das heißt natürlich nicht, dass er seinen Teil weglassen kann. Sag ihm, welche Berührungen du antörnend findest, welche ganz nett sind, aber schnell langweilig werden, und welche du gar nicht magst.

Falls du noch nicht weißt, was dich geil macht – kein Problem: Ihr könnt dadurch, was sich nicht gut anfühlt, langsam entdecken, was übrig bleibt und sich gut anfühlt. Egal ob aus Unerfahrenheit oder weil du etwas Neues ausprobierst – nimm dir Zeit, um deine optimalen Bedingungen zu finden:

  • Positioniere deine Arme, Hände, und Beine solange neu, bis alles bequem liegt.
  • Lege dich mit Kopf, Rücken, Bauch oder Becken auf Pölster oder zusammengerollte Decken.
  • Setze oder kniee dich so hin, dass deine Füße ausbalanciert sind.
  • Stütze deine Füße auf einen Tisch, einen Hocker oder an die Wand.
  • Bitte den Mann deine Beine zu halten, oder lege sie ihm auf die Schultern.

Mach dir dabei selbst keinen Stress: Es ist völlig gesund, wenn dein Körper ein paar Sekunden braucht, um sich nach einer Änderung auf neue Bedingungen einzustellen, und dann darauf Lust zu empfinden. Warte daher nach jeder Änderung ein bisschen, um festzustellen, ob es jetzt bereits passt. Wenn nicht, kannst du die nächste Änderung ausprobieren. Erlaubt ist alles, was sich für euch beide okay anfühlt.

Dabei ist es wichtig zu wissen, dass die männliche Lust eher in einer stetigen exponentiellen Kurve, die weibliche Lust aber eher in größer werdenden Wellen kommt. Mit zunehmender sexueller Erfahrung gleichen sich die Kurven aneinander an, und haben Eigenschaften von beiden. Wenn sich also etwas ein paar Sekunden lang eher lauwarm anfühlt, macht das nichts – die nächste Lustwelle ist höchstwahrscheinlich schon auf ihrem Weg. Wenn sich hingegen etwas länger als eine halbe Minute lauwarm anfühlt und auch nicht besser wird, kannst du je nach deinem Gefühl folgende Lösungen ausprobieren:

  • deine Position geringfügig zu verlagern,
  • Gleitgel zu verwenden oder nachzulegen,
  • zuviel Befeuchtung wegzuwischen (sobald Finger oder Vibrator abrutschen),
  • ihm vorschlagen, das Tempo zu ändern,
  • ihm vorschlagen, die Tiefe zu ändern,
  • in eine andere Stellung zu wechseln,
  • dich selbst zu streicheln, oder an etwas zu reiben, um mehr Lustgefühle auszulösen.

Ein wahrscheinliches Ergebnis deines Herumprobierens wird sein, dass du nicht durch Penetration alleine kommen kannst, sondern nur, wenn deine Klitoris direkte Stimulation bekommt, entweder mit der Hand, oral, mit einem Sexspielzeug, oder indem du dich an etwas reibst. Wenn dich das überrascht, weil du aus Pornos oder Sexszenen in Filmen kennst, dass Frauen durch Penetration allein kommen, und du dich fragst, ob deswegen mit dir oder deinem Sexpartner etwas falsch ist, kannst du beruhigt sein: Du bist einer verbreiteten Aufklärungslüge auf den Leim gegangen:

Frauen können mit ihrer Scheide gar keinen Orgasmus haben – der passiert mithilfe der Klitoris. Die für Lust empfänglichsten Teile der Klitoris liegen außerhalb der Scheide – rund um und unter der sichtbaren Klitorisperle. Nur wenige Frauen können allein durch Penetration kommen, weil ein innerer Teil ihrer Klitoris günstig liegt, sodass dieser durch Penetration genügend stimuliert wird. Und sogar solche Frauen erleben durch zusätzliches Streicheln ihrer Klitorisperle oft intensivere Lustgefühle.

Probiere daher aus, wie du deine Klitoris gut streicheln oder dich an etwas reiben kannst, während dein Gegenüber eine andere Stimulation macht (dich anfasst, vaginal fickt, leckt, dich fingert oder dir anal etwas einführt). Manche Frauen können das am besten mit einer Hand, anderen macht ein Vibrator mehr Spaß. Teste auf jeden Fall verschiedene Vibratoren, mit unterschiedlichen Vibrationsabläufen (durchgehend leicht, durchgehend stark, abwechselnd, usw.), um herauszufinden, womit du am einfachsten kommen kannst. Ziele nicht darauf, den bestmöglichen Orgasmus zu haben, das setzt dich nur unter Druck und vermindert dadurch die Intensität deiner Lust und deines Orgasmus. Folge stattdessen dem Grundprinzip aller Bastler: Finde zuerst etwas, das funktioniert, und danach kannst du immer noch herausfinden, wie es besser funktioniert.

Probiere die Möglichkeiten jedes Mal durch, wenn sich etwas unbequem anfühlt. Bitte den Mann dafür ruhig um eine Pause bei seinen Bewegungen, oder dass er dir mehr Bewegungsfreiheit lässt. Erkläre ihm aber kurz, was du vorhast („Warte, ich muss mich einrichten“ / „Ich brauche …“), damit er sich auskennt, und dir gegebenenfalls helfen kann (Dinge geben, Polster zurechtrücken, usw.)

Wenn ein sexuelles Erlebnis / eine neue Variante nicht so funktioniert hat, wie du dir das vorgestellt hast, probiert es ruhig noch einmal – eventuell unter Bedingungen, bei denen du denkst, dass es dieses Mal besser klappt (mehr Zeit, anderer Ort, mit Sexspielzeug oder Gleitgel, das ihr vorher nicht zur Hand hattet). Es spricht übrigens überhaupt nichts dagegen, dass du dich noch weiterstreichelst, wenn die Penetration vorbei ist, und / oder dass du den Mann bittest, dich noch ein wenig zu verwöhnen. Falls er zu früh gekommen ist, oder du ganz einfach länger Lust hast, ist das außerdem eine gute Methode, um seine Refraktionsperiode zu überbrücken, bis er wieder eine ausreichende Erektion bekommt.
Männer geraten aufgrund ihrer anerzogenen Rolle „Mann“ schnell in die Überzeugung, dass sie gegenüber einer Frau immer perfekt „ihren Mann stehen“ müssen, auch wenn er mit dir einer Frau begegnet ist, auf die das nicht zutrifft. Indem du ihn unmissverständlich um Weitermachen oder eine Wiederholung fragst, weiß er, dass du ihn immer noch attraktiv findest, und ihr habt die Chance auf ein weiteres Mal, das ihr beide ohne Stress genießen könnt.

Ein netter Mann wird auf deine Wünsche und dein Ausprobieren Rücksicht nehmen und dir Zeit lassen, und/oder dir mit vorsichtigen Vorschlägen helfen. Je öfter ihr Sex habt, und dabei herumprobiert, desto eher wirst du herausfinden, welche Berührungen, Anregungen, und Stellungen dir wie gefallen, und desto schneller wirst du dich bei den nächsten Malen darauf einstellen können.

Sobald du eine Idee darüber hast, was dich antörnt, sag ihm nicht nur während dem Sex, sondern auch mal im Alltag, was du dir von ihm (wieder) wünscht – oder was dir nichts gibt, und beim nächsten Mal Zeitverschwendung wäre. Sage ihm wieder so konkret wie möglich, was er tun soll:

Gut: Besser:
„Das war echt gut.“ „Mich törnt unglaublich an, wenn du … Mach das bitte jedes Mal!“
„Du machst nie …“ „Kannst du das nächste Mal … probieren?“
„Na gut, für dich.“ „Mir gibt das nix, aber wenn es dich antörnt, kann ich es ab und zu für dich machen.“
„Ich mag das nicht.“ „Ich mag … nicht. Das törnt mich ab. Lass es bitte in Zukunft weg.“

Nimm dafür nicht nur das, was ihr bereits miteinander gemacht habt, sondern schau dir auch deine Fantasien während der Selbstbefriedigung, Sex-Szenen, erotische Geschichten, und / oder Pornos an –  auch solche, die unbekannte Spielarten beinhalten, etwa BDSM oder Sex zwischen Frauen. Selbst wenn du auf solche Szenarien nicht abfährst, wirst du so auf neue Spielarten, Techniken oder Worte kommen, die dich antörnen.

Der Grund für deine Vorlieben, sofern du diesen überhaupt weißt, ist übrigens nicht relevant: Sex funktioniert wie Essen – jedem Menschen schmeckt etwas Anderes am besten. Was andere heiß macht, kann dich völlig kalt lassen – und umgekehrt. Frage dann deinen Sexpartner / Freund / Mann wiederum auf diese direkte Art, und probiert sie gemeinsam aus.

Auf den ersten Blick ist ein sexuell unerfahrener Mann, der dir Lust machen möchte, aber es einfach nicht besser weiß, nur schwer zu unterscheiden von einem absichtlich ignoranten Mann, dem deine sexuellen Wünsche egal sind und der nur auf seine eigene Befriedigung aus ist. Die Anwendung aller dieser Maßnahmen ermöglicht dir, zweifelsfrei zu erkennen, welchen der beiden Typen du vor dir hast.

Aus diesem Grund ist es ein sehr dummes Verhalten, Lustsignale oder gar deinen Orgasmus vorzutäuschen. Bei einem ungeschickten Mann ist es eine unwirksame Strategie: Er wird sich dann die Techniken merken, die dir in Wirklichkeit keinen Spaß gemacht haben und genau jene beim nächsten Mal Sex wieder verwenden. Und bei einem absichtlich ignoranten Mann ist es wie einen Hund zu loben, der gerade auf den Teppich gekackt hat: Er denkt dann, dass sein gepflegtes Desinteresse eh ausreicht und ist beim nächsten Mal noch rücksichtsloser.

Du hast es dann mit einem absichtlich ignoranten Mann zu tun, wenn er:

  • auf deine Mitteilungen nicht reagiert
  • zwar zustimmt, aber dann unverändert weitermacht
  • wenn er versucht, dich zu bereits besprochenen, unerwünschten Berührungen oder Spielarten zu überreden: „Jetzt stell dich nicht so an…“
  • wenn er unerwünschte Berührungen oder Spielarten einfach macht, obwohl du zuvor schon bei mehreren Gelegenheiten gesagt hast, dass dir das nicht gefällt

Sollte er eine dieser Reaktionen ausfahren, brich den Sex am besten ab und fordere faires Verhalten ein. Wenn er sich nicht auskennt, und nachfragt, erkläre ihm sachlich, und ohne Beleidigungen, was du dir von ihm wünscht. Falls er jedoch keine Lernbereitschaft zeigt und blöd redet, zieh dich an und gehe (Ja, auch wenn der Sexpartner dein Freund / Mann ist. Besser ein Streit, nach dem ihr dann besseren Sex habt, als ein Leben lang schlechten Sex.)

Kleiner medizinischer Exkurs

Wenn du Schmerzen beim Sex hast (wie Jucken, Brennen oder Stechen), ist das ein deutliches Zeichen deines Körpers, dass du eine Infektion im Genitalbereich hast. Lass dir das unbedingt von einem Frauenarzt / einer Frauenärztin anschauen.

Leider gibt es aufgrund Stereotypen gegenüber Frauen in der westlichen Medizin so einige Ärztinnen und Ärzte, die nach nur einer Untersuchung Schmerzen beim Sex als „psychisch“ oder „psychosomatisch“ abstempeln. Falls dir das passiert, wechsle den Arzt! In dieser Situation ist das lediglich Fachärztesprech für „Ich weiß nicht, wo das Problem liegt, aber das kann ich nicht zugeben.“ Schmerzen beim Sex können zwar sehr wohl psychische Ursachen haben, wie unbewusste Ängste oder vergangene traumatische Erfahrungen, diese sind aber erst zweifelsfrei feststellbar, wenn alle körperlichen Ursachen entweder ausschließbar sind oder erfolgreich behandelt wurden.

Kein Arzt kann eine genitale Infektion oder gar ein psychosomatisches Problem auf einen Blick korrekt diagnostizieren! Eine professionelle Gynäkolog_in erkennst du daran, dass sie oder er:

  • mehrere Erkrankungen vermutet,
  • dich zu anderen medizinischen Instituten (ein Labor für Geschlechtskrankheiten, Ärzte mit anderen Fachgebieten) verweist, bevor er_sie die Behandlung als abgeschlossen betrachtet,
  • mehrere Medikamente, auch alternative Medizin, zur Behandlung vorschlägt.

Eine nur wenig beachtete, aber häufige Erkrankung ist übrigens Vulvodynie, also Schmerzen in der Scheide und/oder außen an der genitalen Schleimhaut. ohne dass eine aktuelle Infektion feststellbar ist. Allerdings kann Vulvodynie als Folge von chronischen Infektionen mit Bakterien oder Pilzen auftreten, oder eine Begleiterscheinung einer aktuellen Infektion mit HPV sein. Eine wirkungsvolle Therapie gegen Vulvodynie ist eine Behandlung der Vulva mit Softlaser.