Die Distanzskala – Teil 2/4: Alle patriarchalen Dynamiken oder: Treffen sich zwei im Patriarchat erzogene Menschen…

Sobald zwei Ausprägungen der Distanzskala aufeinander treffen, entfalten sie zusammen ein Rollenreaktions-Bullshit-Bingo (Zitat von Oligotropos).

Eine Dynamik der Distanzskala wird losgetreten, wenn:

  1. Eine Seite ein unfaires sexuelles oder romantisches Interesse hat: Ein Mensch stellt Sex oder Liebe in Aussicht, und bekommt dafür Aufmerksamkeit, ohne davon etwas einzulösen. Dabei ist es egal, „wer angefangen hat“. Es reicht, wenn lediglich eine Seite das Spielchen fährt, und die andere Seite damit nur in Kontakt kommt. Allerdings läuft die Dynamik natürlich schneller, wenn beide Seiten von vorneherein ein solches unfaires Interesse haben.
  2. Entgegengesetzte Rollen aufeinander treffen: Es braucht einen Menschen in der Rolle „Frau“ und einen Menschen in der Rolle „Mann“. Das liegt daran, dass ein sexuelles oder romantisches Interesse generell nur zwischen Yin und Yang entstehen kann. Die patriarchalen Rollen sind in dieser Betrachtung eine historisch entstandene toxische Kopie dieses Zusammenspiels: Die Rolle „Frau“ ist ein toxisches Yin (ohne den Yang-Punkt), und die Rolle „Mann“ ist ein toxisches Yang (ohne den Yin-Punkt).

Aus den beiden Bedingungen ergeben sich dann 10 verschiedene Dynamiken: (vier mal die gleichen vier, minus Duplikate). Diese zehn Situationen entsprechen dann vielzitierten „typischen“ Konflikten und Klischees zwischen Frauen und Männern, die aus eigenen Erfahrungen, Erzählungen anderer und der Popkultur bekannt sein werden.

Dabei stimmt die Rolle zwar oft mit dem Geschlecht überein, jedoch können die Rollen genauso:

  • „vertauscht“ sein: die Frau verhält sich in der Rolle „Mann“, und der Mann in der Rolle „Frau“,
  • zwischen zwei Frauen vorkommen: eine Frau verhält sich in der Rolle „Frau“, ihre Partnerin in der Rolle „Mann“,
  • zwischen zwei Männern vorkommen: ein Mann verhält sich in der Rolle „Mann“, sein Partner in der Rolle „Frau“,
  • und überhaupt kann die Dynamik alle Geschlechter treffen.
Das Patriarchat in der Popkultur

Da die patriarchalen Rollen in jeder patriarchalen Gesellschaft allgegenwärtig sind, sind es ebenso die Ausprägungen der Distanzskala. Daher kommen die typischen Konflikte zwischen zwei Menschen jeder Stufe in den meisten Serien, Filmen und Liedern vor, deren Handlung Probleme zwischen Menschen abbildet, die Sex anbahnen, miteinander Sex haben, eine romantische Beziehung anbahnen, oder in einer Beziehung sind.

Im Folgenden habe ich daher einige Lieder zusammengetragen, deren Liedtexte und Stimmungen das Aufeinandertreffen der jeweiligen Stufen ziemlich gut beschreiben. Auch fiktive Charaktere, egal ob aus einem Buch, einem Film oder einer Serie, eignen sich für eine solche Zuordnung. Da die Distanzskala ein Modell über toxische Dynamiken ist, handeln natürlich auch die Lieder, die diese Dynamiken besingen, von Menschen, die Andere ausnutzen, einer unglücklichen Verliebtheit oder Beziehung, oder einer hässlichen Beziehungstrennung.

Alle Lieder gibt es auch als Playlist auf Spotify:

Wissenswertes über Stufe 1:
Fiktive Entitlement Girls:

The Big Bang Theory: Penny

Friends: Phoebe Buffay

The L Word: Tina Kennard

Entitlement Girl singt über sich selbst:

Christina Aguilera – Genie In a Bottle

Spice Girls – Wannabe

Fiktive Entitlement Guys:

The Big Bang Theory: Howard Wolowitz

Entitlement Guy singt über sich selbst:

Aus der Serie „American Dad!“, Staffel 1, Episode 12: Stan (Seth MacFarlane) – I Want A Wife (Not A Partner)

Stufe 1 trifft auf Stufe 1:

Hier trifft eine typische Frau auf einen typischen Mann, also ein Entitlement Girl auf einen Entitlement Guy (oder umgekehrt). Beide fahren jeweils eine anerzogene Doppelmoral: Jede Seite hat für die eigene Rolle typische, unfaire Erwartungen an das Gegenüber, das diese sofort, ohne Gegenleistung, und am besten noch freudig erfüllen soll. Das Entitlement Girl erwartet etwa, dass ihr der Mann jedes ihrer Bedürfnisse von den Augen abliest und sofort erfüllt, noch bevor sie etwas sagen müsste. Der Entitlement Guy möchte hingegen, dass sich die Frau jede seiner häufigen Beschwerden und Jammertiraden vollständig anhört, und dann den Grund der Beschwerden sofort erleichtert. Dies sind nur zwei häufig vorkommende Werthaltungen aus vielen – von diesen Entitlements, also ungerechtfertigten, unfairen Erwartungen, hat sowohl ein Entitlement Girl als auch ein Entitlement Guy wahrscheinlich hunderte, mit noch einmal hunderten Variationen je nach Kultur, sozialer Schicht, und Lebensgeschichte.

Entitlement Girl singt über Entitlement Guy:

Barbara Schöneberger – Das bisschen Haushalt

Aretha Franklin – Respect

Entitlement Guy singt über Entitlement Girl:

Robin Thicke, Pharrell Williams – Blurred Lines

Wissenswertes über Stufe 2:

Ein Material Girl oder Frauenversteher auf Stufe 2 hat unbewusst die eigenen Prioritäten verlagert. Während auf Stufe 1 noch Aufmerksamkeit und Anerkennung des sexuellen Interesses oder Beziehungspartners am wichtigsten sind, geht es auf Stufe 2 aufgrund der Enttäuschungen zu zweit hauptsächlich um die Anerkennung von möglichst vielen anderen Menschen. Daraus erklären sich alle typischen Verhaltensweisen der Stufe 2: Die unbedingte Anpassung an die Erwartungen der Mehrheit des sozialen Umfelds, sowie die Tendenz zu heimlichen Flirts oder einer heimlichen Affäre:

  • viel Anerkennung auf einmal des neuen Menschen,
  • Rache für die fehlende Anerkennung des_der Beziehungspartner_in,
  • die Möglichkeit, Menschen zu „testen“, die für dieselbe Anpassung mehr Aufmerksamkeit „bezahlen“ – als Reserve, falls die vorhandene Beziehung nicht mehr genügend liefert,
  • Heimlichkeit, damit die Anerkennung der (sexuell geschlossenen) Mehrheit weiterhin passiert.
Fiktive Material Girls:

The Big Bang Theory: Amy Farrah Fowler

Friends: Monica Geller, Rachel Green

The L Word: Alice Pieszecki

Material Girl singt über sich selbst:

Madonna – Material Girl

Fiktive Frauenversteher:

The Big Bang Theory: Leonard Hofstadter

Friends: Chandler Bing, Ross Geller

How I Met Your Mother: Marshall Eriksen

The L Word: Bette Porter, Helena Peabody

Frauenversteher singt über sich selbst:

Udo Jürgens – Ich war noch niemals in New York

Fettes Brot – Jein

Stufe 1 trifft auf Stufe 2:

Ein Mensch hat die Entitlements des Gegenübers langsam satt. Ständig herrscht schlechte Stimmung oder hagelt es Vorwürfe – nie kann er_sie es Recht machen. Um auch mal Ruhe zu haben, beginnt der Mensch, immer öfter nachzugeben, also dem Entitlement Girl / Entitlement Guy nicht mehr zu widersprechen, und „für einen netten Abend“ oder „für den Hausfrieden“ zu tun, was gerade eben verlangt wird – und rutscht damit auf Stufe 2, wird also zu einem Material Girl oder Frauenversteher.

Wer jetzt meint, dass auch mal nachgeben zu können wichtig für eine Beziehung ist, hat Recht. Doch hier gibt immer nur der Mensch auf der Stufe 2 nach, während der Mensch auf Stufe 1 die völlige Erfüllung seiner (von vorneherein unfairen) Erwartungen bekommt. Dadurch hat Stufe 2 zwar kurzfristig Ruhe, weil Stufe 1 ausnahmsweise mal zufrieden ist, mittelfristig wird Stufe 2 jedoch immer unzufriedener, da die eigenen Bedürfnisse dauernd zu kurz kommen. Stufe 2 beginnt daher, eine Gegenleistung zu erpressen, indem er_sie das zentrale Bedürfnis des Gegenübers nur gegen „Bezahlung“ im Voraus erfüllt: Ein Material Girl hat nur dann Sex, wenn er ihr etwas Schönes gekauft hat, oder sie zusammen einen romantischen Film gesehen haben. Ein Frauenversteher geht nur dann auf ein Date, oder kuschelt ausgiebig, wenn sie mal wieder einen Blowjob springen ließ.

Material Girl singt über Entitlement Guy:

Tammy Wynette – Stand By Your Man

Barbara Schöneberger – Männer muss man loben

Frauenversteher singt über Entitlement Girl:

Reinhard Mey – Noch’n Lied

Revolverheld – Ich lass für dich das Licht an

Bodo Wartke – Ja, Schatz! (Inhaltswarnung: graphische Schilderung einer Mordfantasie)

Für Stufe 1 erscheint Stufe 2 vorerst als ein angenehmer, netter Mensch, der Bedürfnisse sofort erfüllt, im Gegensatz zu anderen Menschen auf Stufe 1, die ständig die Wünsche des Gegenübers ignorieren, und ihre eigenen in den Vordergrund stellen. Deshalb fühlen sich Menschen auf Stufe 1 sexuell und romantisch eher zu Menschen auf Stufe 2 als zu ihrer eigenen Stufe hingezogen. Nach einiger Zeit begreift Stufe 1 jedoch, dass die eigenen Wünsche nur dann erfüllt werden, wenn er_sie einen Vorschuss auf ein „Konto“ eingezahlt hat (in Form von Zeit, Sex, Rechnungen bezahlen, etc.).

Wenn Stufe 1 genügend gesunde Anteile hat, konfrontiert er_sie an dieser Stelle bald den Menschen auf Stufe 2 – wodurch nicht selten dessen Heimlichkeiten bis hin zu einer heimlichen Affäre auffliegen. Wenn Stufe 2 einen Menschen an der Angel hat, der_die mehr Vorschuss für dieselbe Anpassung liefert, verlässt Stufe 2 an dieser Stelle Stufe 1 „für die Affäre“.

Entitlement Guy singt über Material Girl:

Kanye West, Jamie Foxx – Gold Digger

CeeLo Green – F*ck you

Entitlement Girl singt über Frauenversteher:

JoJo – Leave (Get Out)

Rihanna – Take a Bow

Haben Stufe 1 und Stufe 2 hingegen weiter Sex oder eine Beziehung, versucht Stufe 1, den Misstand auszugleichen, indem er_sie ebenfalls nur gegen einen Vorschuss Aufmerksamkeit hergibt – und wandert dadurch ebenfalls auf Stufe 2.

Stufe 2 trifft auf Stufe 2:

Beide Menschen haben in der Beziehung als wichtigstes Ziel die Anerkennung der Mehrheit ihres sozialen Umfelds. Daher befinden sich zwei Menschen auf Stufe 2 in einem ständigen Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit anderer Menschen: Ein Material Girl setzt Sex ein, damit er ihr etwas Schönes kauft, das sie dann ihren neidischen Freundinnen, Arbeitskolleginnen oder Nachbarn stolz präsentieren kann. Ein Frauenversteher setzt romantische Aufmerksamkeit und Geld ein, damit sie sich genauso kleidet und verhält, damit ihn seine Kumpels, Arbeitskollegen, oder Nachbarn um seinen „Fang“ beneiden. Natürlich eignet sich dafür jedes andere Statussymbol, wie der tolle Job, den er haben muss, oder das schöne Haus, das sie einrichtet, etc. Um die persönlichen Bedürfnisse der beteiligten Menschen geht es fast nie.

Material Girl singt über Frauenversteher:

Black Eyed Peas – My Humps

Peggy Lee – Big $pender

Frauenversteher singt über Material Girl:

Die Prinzen – Alles Nur Geklaut

Frauenversteher und Material Girl singen übereinander:

Big Brovaz – Favourite Things

Aus der Serie „Buffy the Vampire Slayer“, Staffel 6, Episode 7 (die Musical-Folge):
Xander (Nicholas Brendon) and Anya (Emma Caulfield) – I’ll Never Tell

So steigt die Frustration, bis die Beteiligten mehr nebeneinander als miteinander leben, oder sogar bis das scheinbar perfekte Paar, dessen Beteiligte aus Sicht der Umgebung „alles (erreicht) haben“, entweder aufgrund einer aufgeflogenen Affäre, oder eines heftigen Beziehungskrachs über all die verschwiegenen Bedürfnisse, in einer hässlichen Beziehungstrennung endet.

Lieder über eine Beziehungstrennung von zwei Menschen auf Stufe 2:
Material Girl singt über Frauenversteher:

Gitte Haenning – Ich hab geglaubt, du bist verliebt

Frauenversteher singt über Material Girl:

Sunrise Avenue – Fairytale Gone Bad

Frauenversteher und Material Girl singen übereinander:

Gotye and Kimbra – Somebody That I Used To Know

Wissenswertes über Stufe 3:

Einem Menschen auf der Stufe 3, also einer Bitch oder einem Traumprinzen, geht es zwar immer noch um die Anerkennung möglichst vieler Menschen, jedoch gestalten diese die Suche nach Anerkennung „effizienter“: Die Meinung der Mehrheit des sozialen Umfelds ist nur solange wichtig, bis sich ein Opfer findet, welches sich durch Manipulationen leicht ausbeuten lässt, also für möglichst wenig Aufwand möglichst viel Aufmerksamkeit zur Verfügung stellt.

Für ihre Manipulationen tragen sowohl Bitch als auch Traumprinz im sozialen Umgang eine „Maske“: Sie sagen oder machen ganz genau das, was das Gegenüber ihrer Meinung nach hören will, und bekommen damit im Vergleich zu den unteren Stufen schnell viel Aufmerksamkeit. Dabei ist die „Maske“ gar keine künstliche Persönlichkeit, sondern vielmehr eine leere „Leinwand“, auf die ein unbefriedigtes, unglückliches Gegenüber die Erfüllung der dringendsten eigenen sexuellen oder romantischen Wünsche projeziert.

Bei einem anfälligen Gegenüber äußert sich diese Projektion als Idealisierungsfantasie: Der Mensch auf der Stufe 3 ist dann plötzlich „sooo toll“ oder „sooo interessant“, ohne dass dieser Mensch irgendetwas Tolles oder Interessantes getan hätte – wenn sich die Menschen bereits kennen, lassen sich bei Stufe 3 sogar Reaktionen mit dem exakten Gegenteil finden (langweilig, ungut, verletzend) – die sich der betroffene Mensch mit der Idealisierung üblicherweise wegerklärt. Je kompatibler die Menschen hinsichtlich Erziehung und Werthaltungen sind, desto konkreter kann die Idealisierungsfantasie werden. Deshalb haben für Idealisierungen anfällige Menschen üblicherweise einen „Typ“, und „verfallen“ nicht automatisch jedem Menschen auf Stufe 3.

Die Maske ist für beide Seiten toxisch

Menschen auf Stufe 3 „verlieren ihre Seele“, bis sie bald selbst nicht mehr wissen, was jetzt Maske, und was sie selbst sind. Solche Menschen suchen dann ausschließlich in anderen Menschen, was sie in sich selbst nicht mehr finden: Selbstwertgefühl, Sinn, Identität, etc. Das macht Menschen auf Stufe 3 völlig abhängig von der „richtigen“ Aufmerksamkeit anderer Menschen, welche sie sich „organisieren“, indem sie ihr soziales Umfeld immer härter kontrollieren.

Da Maske und Machtspielchen viele emotionale Ressourcen fressen, ist Stufe 3 ständig auf der Suche nach einer „billigeren“ Aufmerksamkeitsquelle. Sobald ein Mensch zu „aufwändig“ wird, indem er_sie Stufe 3 hinterfragt, oder gar die Versprechungen der „Maske“ einfordert, verschwindet Stufe 3 schlagartig, um die gesuchte Aufmerksamkeit woanders zu konsumieren. In einer Beziehung versprechen Menschen auf Stufe 3 daher gerne Bindung (das bringt die wertvollste Form von Aufmerksamkeit) und verweigern sie im Anlassfall („Was, du bist krank? Nein, ich hab gerade keine Zeit.“) oder beenden sogar plötzlich die Beziehung, nur um wenig später wieder zurück zu wollen. Solche Aktionen bezeichnen Menschen auf Stufe 3 dann gerne als „erwachsen“, „unabhängig“, oder „Freiheit“.

Fiktive Bitches:

The Big Bang Theory: Bernadette Rostenkowski

How I Met Your Mother: Lily Aldrin, Robin Scherbatsky

The L Word: Jenny Schecter (am Anfang der Serie)

Bitch singt über sich selbst:

Icona Pop – I Love It

Aus dem Musical „Cabaret“: Sally Bowles  – Mein Herr

Ariana Grande – Thank U, Next

Nelly Furtado – I’m Like a Bird

Anouk – Nobody’s Wife

Fiktive Traumprinzen:

Friends: Joey Tribbiani

How I Met Your Mother: Barney Stinson, Ted Mosby

The L Word: Shane McCutcheon, Eva „Papi“ Torres

Traumprinz singt über sich selbst:

The Who / Limp Bizkit – Behind Blue Eyes

David Lee Roth – Just a Gigolo / I Ain’t Got Nobody

Die Dynamik zwischen einer Frau auf Stufe 1 (Entitlement Girl) oder Stufe 2 (Material Girl) und einem Mann auf Stufe 3 (Traumprinz) ist darüber hinaus einer der Grundpfeiler des Patriarchats, weil sie bei Frauen die Unterdrückung von sexuellen, und bei Männern die Unterdrückung von emotionalen Bedürfnissen noch weiter verstärkt. Mehr dazu unter: Warum stehen Frauen auf Arschlöcher?

Stufe 1 trifft auf Stufe 3:

Ein Traumprinz oder eine Bitch kann durch die „Maske“ bei einem anfälligen Menschen auf Stufe 1, also einem Entitlement Girl oder Entitlement Guy, eine Idealisierungsfantasie auslösen. Da Menschen auf Stufe 1 ihre Bedürfnisse zumindest irgendwie mitteilen, wenn auch in einer unfairen Art, bekommen sie diese auch öfter erfüllt. Sie sind daher nicht so unglücklich wie Menschen auf höheren Stufen, wodurch die Idealisierungsfantasie nicht voll anfährt, und die unguten Kontrollspielchen von Stufe 3 das „Bild“ leicht verstören können.

Für Stufe 1 reagiert Stufe 3 durch das typische „Komm her – geh weg“-Spielchen immer wieder unvorhersehbar, und erscheint dadurch als „erfahren“, „interessant“, oder einfach „anders“ – im Gegensatz zu anderen Menschen auf Stufe 1, die immer die gleichen ignoranten Manöver probieren. Dann gibt es aber noch Menschen auf Stufe 2, die nett und angenehm wirken, im Gegensatz zu den „Launen“ von Stufe 3. Deshalb fühlen sich Menschen auf Stufe 1 erst einmal sexuell und romantisch zu Menschen auf Stufe 2 hingezogen. Nach einiger Zeit jedoch langweilt sich Stufe 1 mit Stufe 2, und zwar sobald Stufe 2 durch die immer gleichen „Ja, Schatz“-Reaktionen ebenfalls vorhersehbar wird. An dieser Stelle findet Stufe 1 einen unvorhersehbaren Menschen auf Stufe 3 plötzlich ungeheuer interessant.

Entitlement Girl singt über Traumprinz:

Maria Bill – I mecht landen

Alicia Keys – Fallin‘

Pat Benatar – Treat Me Right

Skunk Anansie – Hedonism (Just Because You Feel Good)

Miley Cyrus – Wrecking Ball

Stufe 3 sieht Stufe 1 einerseits als „Frühstück“, weil Stufe 1 unerfahren ist, und naiv auf die meisten Manipulationen von Stufe 3 hereinfällt.

Traumprinz singt über Entitlement Girl:

Guns N’Roses – It’s So Easy

Georg Danzer – Vorstadtcasanova

EAV – Küss die Hand, schöne Frau (Unzensierte Maxi-Version)

Michael Jackson – Billie Jean

Andererseits jedoch erinnert Stufe 1 den Menschen auf Stufe 3 unbewusst an eine einfachere Zeit – als Stufe 3 noch eine Seele hatte, und an eine bessere Welt glaubte. Deswegen verklärt Stufe 3 gerne Stufe 1 als „Neuanfang“, „unschuldige Jugend“, und dergleichen. So sind männliche Traumprinzen oft von weiblichen „Jungfrauen“ fasziniert, da sie diesen zuschreiben, aufgrund ihrer Unerfahrenheit selbst die unbemühteste und ignoranteste Art Sex (wenig Aufwand) noch beeindruckend zu finden (viel Aufmerksamkeit). Diesen Eindruck enttäuscht Stufe 1 jedoch schnell, indem er_sie nicht „gratis“ ist, sondern wie jeder reale Mensch Wünsche in die Gegenrichtung hat, und/oder die für Stufe 1 typischen unfairen Forderungen stellt.

Damit Stufe 3 unvorhersehbar reagieren (und so auch manipulieren) kann, braucht er_sie jedoch ein vorhersehbares Gegenüber. Die eigene Fehleinschätzung verunsichert Stufe 3 daher völlig, worauf Stufe 3 mit Paranoia reagiert, und hinter jedem indirekten Kommunikationsversuch und jeder aufgeblasenen Geschichte von Stufe 1 ein Manöver nach dem eigenen Stil (auf Stufe 3) vermutet. Um sich weiterhin mächtig zu fühlen, beginnt Stufe 3 daher, Stufe 1 bei jeder Gelegenheit nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ emotional zu attackieren. Auf jeden Gesprächsversuch von Stufe 1 („Was hast du denn?“), reagiert Stufe 3 außerdem mit Gesprächsverweigerung in Form von Verächtlichkeit, Gaslighting oder offener Verachtung.

Wenn Stufe 1 genügend gesunde Anteile hat, verlässt er_sie an dieser Stelle bald den übergriffigen Menschen auf Stufe 3.

Entitlement Girl „am Weg raus“, singt über Traumprinz:

Jennifer Lopez – Qué Hiciste

Taylor Swift – I Knew You Were Trouble

Kelly Clarkson – Since U Been Gone

Gloria Gaynor – I Will Survive

Stefanie Werger – Stoak wie a Felsen

Entitlement Guy „am Weg raus“, singt über Bitch:

The All-American Rejects – Gives You Hell

Wise Guys – Nur für dich (beginnt als Frauenversteher, wechselt mitten im Lied auf Entitlement Guy)

Wünscht sich Stufe 1 hingegen weiter Sex und/oder eine Beziehung von Stufe 3, und hält deswegen Kontakt, wandert er_sie bald auf Stufe 2, um über „Ich mach alles, was du willst“ mehr (positive) Aufmerksamkeit von Stufe 3 zu bekommen. Das Ignorieren der eigenen Bedürfnisse macht den betroffenen Menschen allerdings anfälliger für Idealisierungen, was eine besonders hässliche Dynamik (siehe Stufe 2 trifft auf Stufe 3) in Gang setzt.

Stufe 2 trifft auf Stufe 3:

Menschen auf Stufe 2 sind besonders anfällig für eine Idealisierungsfantasie, da sie ständig mit der Wunscherfüllung von anderen beschäftigt sind (den Entitlements der Stufe 1 oder den Erwartungen der Mehrheit auf Stufe 2), und in der Idealisierungsfantasie einen Menschen sehen, der endlich ihnen ihre tiefsten Wünsche erfüllt (wenigstens im Traum…).

Material Girl singt über Traumprinz:

Boney M – Daddy Cool

Connie Francis – Schöner Fremder Mann (über eine Idealisierungsfantasie)

Carly Rae Jepsen – Call Me Maybe

Duffy – Mercy

Britney Spears – Toxic

Agnes – Release Me

The Cardigans – My Favourite Game

Frauenversteher singt über Bitch:

James Blunt – You’re Beautiful (über eine Idealisierungsfantasie)

Radiohead – Creep

Xavier Naidoo – Sie sieht mich nicht

Hozier – Take Me To Church

Alice Cooper – Poison

Soft Cell – Tainted Love

Maroon 5 – This Love

Dies ist jedoch eine Falle. Denn Stufe 3 erfüllt von den angedeuteten oder versprochenen Dingen der „Maske“ nur den Bruchteil, der gerade bequem ist. Sobald Stufe 3 sich genügend Aufmerksamkeit (in Form von Sex, Freundschaft, Liebe, etc.) geholt hat, verliert er_sie bald das Interesse am Gegenüber. Wie lange dieses Interesse anhält, ist manchmal ein geplantes Machtspielchen, meistens jedoch ganz einfach unklar, bis eine Gelegenheit für mehr Aufmerksamkeit die Sache kurzfristig entscheidet. Gerne hält sich Stufe 3 daher Stufe 2 mit gelegentlichen kurzen Kontaktaufnahmen für die nächste Aufmerksamkeitslieferung warm.

So sind zahlreiche Begriffe, welche als „Dating-Vokabular“ in den 2010er-Jahren populär wurden, in Wirklichkeit toxische Verhaltensmuster von Menschen auf Stufe 3: Stashing, Breadcrumbing, Benching, und schließlich Ghosting.

Geht eine solche Manipulation über Monate oder Jahre, produziert sie auf Stufe 2 emotional zutiefst verletzte und enttäuschte Menschen, die oft Jahre brauchen, um Misstrauen gegenüber neuen Menschen abzustellen, und sich (wieder) auf etwas Ernsthaftes einzulassen. Auf Stufe 3 bleiben getriebene Menschen übrig, die weder eine bedeutungsvolle soziale Verbindung zu einem anderen Menschen, noch alleine zu sein lange ertragen, weil sie „nicht mehr in den Spiegel schauen können“, und nur mehr für den „nächsten Schuss“ Aufmerksamkeit leben.

Traumprinz singt über Material Girl:

Mark Ronson & Bruno Mars – Uptown Funk

EAV – Märchenprinz

Roger Cicero – Kein Mann für eine Frau

Die Ärzte – Zu Spät (beginnt als Frauenversteher, wechselt im Refrain auf Traumprinz)

Bitch singt über Frauenversteher:

Carrie Underwood – Before He Cheats

Meredith Brooks – Bitch

Britney Spears – Oops!…I Did It Again

Marshmello & Anne-Marie – FRIENDS (was nach „Oops!…I Did It Again“ üblicherweise passiert)

Stufe 3 trifft auf Stufe 3:

Hier treffen eine Bitch und ein Traumprinz aufeinander. Beide handeln nach dem Motto:

„Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt“.

Und tatsächlich ähnelt ein sexuelles oder romantisches Interesse zwischen beiden einem strategisch geführten Krieg. Beide Seiten versuchen sich gegenseitig zu manipulieren, mit dem Ziel, möglichst wenig Aufmerksamkeit, also Interesse am und Zeit mit dem Gegenüber, herzugeben.

Hat eine Seite „zu viel“ Bedürftigkeit gezeigt, und droht dadurch das Spielchen zu verlieren, wird mit Manipulationen anderer Menschen (siehe Stufe 1 trifft auf Stufe 3 und Stufe 2 trifft auf Stufe 3) der eigene „Punktestand“ aufgebessert.

Wenn eine Seite schon länger auf Stufe 3 ist, die andere jedoch gerade erst die Stufe erreicht hat, bewundert der unerfahrene Mensch oftmals, dass der erfahrene auf Manipulationen nicht reagiert, und lässt sich darum mit ihm_ihr ein. Der erfahrene profitiert dabei von der billigen Aufmerksamkeit des unerfahrenen.

Treffen zwei sexuell inkompatible Menschen auf Stufe 3 aufeinander, „adoptiert“ der erfahrene nicht selten den unerfahrenen Menschen, und versorgt diese_n mit Tipps, wie Manipulationen gelingen. Natürlich wendet der unerfahrene Menschen die gelernten Spielchen sofort auf den erfahrenen an, sollte der_die einmal einen schwachen Moment haben.

Traumprinz singt über Bitch:

Justin Timberlake – Cry Me A River

Blackstreet ft. Dr. Dre, Queen Pen – No Diggity (ein unerfahrener Traumprinz über eine erfahrene Bitch)

Wolfgang Ambros – Die Blume aus dem Gemeindebau (ein unerfahrener Traumprinz über eine erfahrene Bitch)

Rammstein – Du Hast

Bitch singt über Traumprinz:

Gitte Haenning – Freu dich bloß nicht zu früh

Lady Gaga – Poker Face

Katy Perry – Hot N Cold

Taylor Swift – We Are Never Ever Getting Back Together

Britney Spears – …Baby One More Time

Genau diese „schwachen Momente“ werden einer Bitch oder einem Traumprinzen zum Verhängnis: Beide erleben immer wieder, dass sie sich auf den Anderen nicht verlassen können – schon gar nicht, wenn sie gerade Unterstützung oder echte Nähe brauchen würden: Nach einigen tiefen Enttäuschungen und hässlichen Trennungen ist Stufe 3 völlig gebrochen.

Wissenswertes über Stufe 4:

Menschen auf der Stufe 4, also Missbrauchstäter und -innen, wissen sehr genau, dass sie mit ihrem Verhalten ihren Opfern schweren Schaden zufügen und/oder kriminell sind. Da sie im Laufe ihrer Lebensgeschichte auf der Distanzskala hinaufgewandert sind, denken sie jedoch, dass dies der einzige Weg sei, um garantiert Bedürfniserfüllung und Aufmerksamkeit von anderen Menschen zu bekommen: „Die anderen würden mich auch einfach sterben lassen!“ / „Der Mensch ist des Menschen Wolf.“

Daher wählt Stufe 4 das eigene Umfeld mit Bedacht aus – es muss genügend Opfer haben, die sich nicht wehren, damit Stufe 4 Aufmerksamkeit bekommt, sowie verlässliche Mitläufer_innen, die Missstände gegenüber den Opfern sowie Außenstehenden wegerklären.

Dazu benutzt Stufe 4 die „Maske“, die er_sie auf Stufe 3 gelernt hat, und setzt sie gezielt ein, um bei misstrauisch gewordenen Gegenübern eine Idealisierungsfantasie auszulösen, und damit sowohl Opfer als auch Mitläufer_innen zu steuern. Damit kann ein prügelnder Lebensgefährte lange genug gegenüber seiner Frau beteuern, dass es ihm sooo Leid tut, bis sie ihn zurücknimmt, oder eine Frau, die ihre Erpressungen zu weit getrieben hat, die arme, treusorgende Ehefrau spielen, die ja „nur das Beste“ für ihren Mann wollte.

Fiktive Missbrauchstäterinnen:

The L Word: Jenny Schecter (am Ende der Serie)

Missbrauchstäter singt über sich selbst:

Die Toten Hosen – Alles aus Liebe

Stufe 1 trifft auf Stufe 4:

Ein Mensch auf der Stufe 1 (Entitlement Girl oder -Guy) findet einen kompatiblen Menschen auf Stufe 4 (Missbrauchstäter_in) ähnlich „anders“ oder „interessant“ wie Stufe 3, und zwar wenn die geübte „Maske“ von Stufe 4 eine Idealisierungsfantasie auslöst. Diese Fantasie ist auf Stufe 1 allerdings noch leicht verstörbar. Das passiert, sobald sich Stufe 4 in Sicherheit wähnt, die Maske daher weglässt, und das Gegenüber misshandelt. Dann gibt es für Stufe 1 zwei Möglichkeiten, zu reagieren:

Wenn Stufe 1 genügend gesunde Anteile hat, verlässt er_sie an dieser Stelle bald den übergriffigen Menschen auf Stufe 4.

Wünscht sich Stufe 1 hingegen weiter Sex und/oder eine Beziehung von Stufe 4, und hält deswegen Kontakt, wandert er_sie bald auf Stufe 2, um über „Ich mach alles, was du willst“ Stufe 4 keinen Grund für Misshandlungen zu geben. Das Ignorieren der eigenen Bedürfnisse macht den betroffenen Menschen allerdings anfälliger für Idealisierungen, was die Dynamik von Gewalt in der Beziehung (siehe Stufe 2 trifft auf Stufe 4) in Gang setzt.

Stufe 2 trifft auf Stufe 4:

Sobald ein Material Girl oder Frauenversteher auf Stufe 2, und eine Missbrauchstäterin oder ein Missbrauchstäter auf Stufe 4 ausreichend kompatibel sind, beginnt die Katastrophe:

Stufe 2 ist durch sein Verhalten sowohl das perfekte Opfer, weil am anfälligsten für Idealisierungsfantasien, als auch der perfekte Mitläufer, wegen der unbedingten Anerkennung des sozialen Umfelds. Stufe 4 „organisiert“ sich daher mithilfe der „Maske“ einen möglichst hilflosen Menschen auf Stufe 2. Seine Spielchen betreibt Stufe 4 so lange, bis Stufe 2 entweder hündisch ergeben ist, und/oder existenziell abhängig, indem er_sie kein eigenes Geld mehr verwaltet, und / oder von allen anderen bedeutsamen Menschen abgeschnitten ist. Ist das eingezogen, lässt Stufe 4 der eigenen Gewalt freie Bahn, und bedient nur dann die „Maske“, wenn sich das Opfer durch andere Mittel nicht kontrollieren lässt.

Stufe 2 versteht hingegen die Welt nicht mehr:

„Als wir uns kennengelernt haben, war er_sie ganz anders.“

Um möglichst wenig Gewalt abzubekommen, fügt sich Stufe 2 jeder Regung von Stufe 4, und versucht jede Kleinigkeit Recht zu machen – und holt sich fehlende Anerkennung anderswo. Stufe 4 findet jedoch, dass jegliche Aufmerksamkeit und Anerkennung von Stufe 2 ihm_ihr „allein gehört“, und befürchtet, dass Stufe 2 durch Kontakt zu anderen Menschen jemand Besseren finden könnte. Deswegen veranstalten Menschen auf Stufe 4 regelmäßig paranoide Eifersuchtsdramen, und halten ihre Opfer durch Drohungen oder Wegsperren von anderen Menschen fern. Wenn Stufe 4 durch dieses Verhalten auffliegen würde, lässt Stufe 4 zwar Kontaktpersonen zu, allerdings nur solange diese völlige Mitläufer_innen (mehr auf Stufe 2 als das Opfer, oder Stufe 3) sind.

Währenddessen versucht Stufe 2 die Dramen und die Gewalt von Stufe 4 nach außen hin so gut wie möglich zu verstecken, und hält krampfhaft das Bild der „heilen Familie“ aufrecht, um nicht auch noch die Anerkennung des sozialen Umfelds zu verlieren.

Missbrauchstäter und Material Girl singen übereinander:

Eminem ft. Rihanna – Love the Way You Lie

Stufe 3 trifft auf Stufe 4:

Manipulationen, die bleibenden Schaden hinterlassen, hat der Mensch auf Stufe 3 bisher vermieden. Die waren ihm_ihr dann doch nicht ganz geheuer. Doch da Menschen auf Stufe 3 nichts wichtiger ist als Status, und geschickte Missbrauchstäter_innen in einer patriarchalen Gesellschaft oftmals einen hohen Status haben, blickt ein Mensch auf Stufe 3 bald bewundernd auf einen skrupellosen Menschen auf der Stufe 4: Diese Menschen schrecken vor nichts zurück, und bekommen dadurch jederzeit alles, was sie sich gerade einbilden. Also möchte Stufe 3 unbedingt Aufmerksamkeit von Stufe 4 bekommen, um dadurch im Status befördert zu werden – und um bei dessen Opfern nachzutreten.

Bitch singt über Missbrauchstäter:

Lady Gaga – Bad Romance

Für Stufe 4 ist Stufe 3 natürlich ein willkommener Trottel, den er_sie genauso wie alle Anderen in seiner Umgebung ausbeuten kann. Im Gegensatz zu den unteren Stufen ist Stufe 3 jedoch praktisch, da dessen ständige Manipulationen unerwünschte Menschen verwirren oder fernhalten, welche sonst die Machenschaften des_der Missbrauchstäter_in aufdecken würden.

Missbrauchstäter singt über Bitch:

The Police – Every Breath You Take

Bob Dylan – All Over You

Stufe 4 trifft auf Stufe 4:

Zwei Menschen auf Stufe 4, die miteinander Sex haben, oder in einer Beziehung sind, wissen beide, dass ihr Gegenüber ohne Hemmungen jede erdenkliche Gewalt anwenden wird. Daher halten sie ihren Zustand durch ein „Gleichgewicht des Schreckens“ aufrecht. Dazu gestehen sich beide ein eigenes Netzwerk aus Opfern zu, an denen sie sich abreagieren können. Die Stimmung schwankt dabei zwischen Auflauern zum Selbstschutz und Bewunderung, wenn dem Gegenüber ein besonders guter „Coup“ gelungen ist.

Missbrauchstäter singt über Missbrauchstäterin:

Scissor Sisters – I Can’t Decide

Die Distanzskala – Teil 2/4, Ergänzung: Menschen, fiktive Charaktere oder Lieder einordnen

Der Abschnitt Die Distanzskala – Teil 2/4: Alle patriarchalen Dynamiken oder: Treffen sich zwei im Patriarchat erzogene Menschen… erklärt die „typischen“ Konflikte und Verletzungen zwischen Frauen und Männern – und allen Menschen, die sich überwiegend nach einer patriarchalen Rolle verhalten – anhand fiktiver Charaktere in Serien, sowie Liedern aus der Popkultur (Hier geht es zur Playlist auf Spotify). Sogar Handlungen von formulaischen Filmen, etwa Romcoms, folgen mit ihren Hauptcharakteren üblicherweise einer Dynamik der Distanzskala.

Wozu Menschen nach toxischen Verhaltensweisen einteilen?

Energiefressende Verhaltensweisen – wie jene, welche die Distanzskala beschreibt – haben gemeinsam, dass sie meistens versteckt ablaufen: Die Leidtragenden fühlen sich missachtet, beleidigt, oder verletzt, können jedoch oft nicht die konkrete Ursache benennen. Das ermöglicht dem ausführenden Menschen, weiter Schaden anzurichten, bzw. sogar bei den Leidtragenden toxische Verhaltensweisen auszulösen, wodurch sich das ganze System in einem energiefressenden Zustand hält.

Wer Menschen auf der Distanzskala einordnet, kann danach einige der energiefressenden Verhaltenweisen konkret benennen bzw. korrekt vorhersagen, und Maßnahmen ergreifen, welche den Schaden verringern: Der leidtragende Mensch kann den ausführenden Menschen darauf ansprechen, und andere Verhaltensweisen vorschlagen. Und der ausführende Mensch kann erkennen, dass er_sie gerade Schaden anrichtet, sich fragen, ob er_sie das wirklich will, und selbst eine Verhaltensänderung beginnen.

Außerdem hilft die Distanzskala dabei, die Schwere des Schadens einzuschätzen. Das ist wichtig, denn viel aktuelle Kritik von patriarchalen Verhaltensweisen geht daran schief, dass dabei alle Menschen, die sich irgendwie unfair verhalten haben, in einen Topf geworfen werden. In Folge werden eindeutig unfaire Menschen, die jedoch keine Gewalt ausüben, mit derselben Ablehnung wie Gewaltverbrecher behandelt. Das Schlimme an diesem Herangang ist, dass damit einerseits Gewalt verharmlost wird, und dass andererseits Opfer solcher Verbrechen sich nicht nur durch ihr eigenes Trauma, sondern auch noch eine verwirrende Sprache wühlen müssen, um ihre Anliegen durchzusetzen. Die Distanzskala ermöglicht durch ihre verschiedenen Stufen eine bessere Einordnung, und kann dadurch sowohl Menschen, die Alltagssexismus erfahren, als auch Opfern von Gewalttäter_innen gleichermaßen zu einer verständlicheren Sprache verhelfen.

Fiktive Charaktere auf der Distanzskala einzuordnen kann bei der Beurteilung eines „guten Films“ oder einer „guten Geschichte“ helfen: Wenn der Film eine toxische Dynamik abbildet, sollte er eher als abschreckendes Beispiel oder „Anleitung zum Unglücklichsein“ geschaut werden – und nicht als Vorbild für sexuelle Abenteuer und/oder romantische Beziehungen im echten Leben dienen.

Sowohl fiktive Charaktere als auch Lieder auf der Distanzskala einzuordnen kann wiederum ermöglichen, Menschen einzuschätzen: Wer die meisten Entscheidungen einer Bitch in einem Film gut findet, und diese in Diskussionen verteidigt, ist höchstwahrscheinlich selbst eine Bitch. Wer bei einem Lied, das den Innenzustand eines Frauenverstehers schildert, sehr mitfühlt, oder es „zwar problematisch, aber doch die Wahrheit“ findet, ist höchstwahrscheinlich selbst ein Frauenversteher. Und wenn das Lied eine Dynamik zwischen zwei Stufen der Distanzskala abbildet, hat derselbe Mensch entweder eine unverarbeitete Ex-Beziehung mit dieser Dynamik, was in nachfolgende Verliebtheiten oder Beziehungen hineinstören wird, oder lebt sogar in einer Beziehung, in der ebenjene Dynamik gerade läuft.

Ein paar Tipps zum Einordnen auf der Distanzskala
Die passende Rolle

Wie ich entdeckt habe, ist die Rollenverteilung in Medien für den Mainstream erschreckend klassisch: Männliche Sänger / Charaktere sind auf der Distanzskala der Rolle „Mann“, und weibliche Sängerinnen / Charaktere auf der Distanzskala der Rolle „Frau“. Diese Vorannahme funktioniert daher meistens.

Wer sich bei der Rolle unsicher ist, kann:

  1. Das Spielchen nachvollziehen:
    • Mensch täuscht sexuelle Verfügbarkeit vor -> Rolle „Frau“
    • Mensch täuscht emotionale Verfügbarkeit vor -> Rolle „Mann“
  1. Oder wenn eine Rolle bereits bekannt ist, für die zweite Rolle einfach das Gegenstück annehmen (weil es für die Distanzskala eine Rolle „Frau“ und eine Rolle „Mann“ braucht).

Wer „vertauschte“ Rollen oder Rollen bei lesbischen oder schwulen Interaktionen sucht, findet diese am ehesten bei queeren Künstler_innen.

Im Mainstream öfters zu finden sind Rollenwechsler – also Menschen, die sich zuerst entsprechend ihrer Rolle verhalten, aber dann plötzlich in der gegensätzlichen, „unpassenden“ Rolle auftreten: Das kann etwa eine Frau sein, die zuerst als Befehlsempfängerin von Männern auftritt, aber dann plötzlich die Führung übernimmt, oder ein Mann, der zuerst unnahbar erscheint, aber plötzlich zum Fangirly wird. Solche Charaktere verhalten sich nicht „wie erwartet“ und eignen sich daher gut für Situationskomik, sowie Verwirrungen in der Handlung. Aus demselben Grund werden sie jedoch zur Zielscheibe homophober Witze, oder dienen generell als negative Darstellung von Menschen abseits einer heteronormativen Lebensweise.

Ein konkretes Beispiel eines Rollenwechslers ist der Charakter Raj Koothrappali in der Sitcom The Big Bang Theory: Gegenüber seinen weiblichen Dates verhält er sich in der Rolle „Mann“ als Entitlement Guy. Mit seinen Freunden, speziell Howard, wechselt er jedoch in die Rolle „Frau“ und verhält sich wie ein Entitlement Girl, was die homoerotische Anziehung zwischen Howard und ihm aufrecht erhält.

Die passende Stufe

Um die richtige Stufe zu finden, empfehle ich, die Distanzskala von der höchsten zur niedrigsten Stufe durchzugehen – weil Stufe 4 am schrecklichsten, und somit am leichtesten zu erkennen ist.

Menschen auf Stufe 4 (Missbrauchstäter_in) benutzen physische (Verprügeln, Drohungen, etc.) oder psychische Gewalt (Erpressung, Gaslighting, etc.)., um damit die gewünschte Aufmerksamkeit zu erzwingen.

Stufe 3 (Bitch oder Traumprinz):

  • findet sich selbst „zu gut für diese Welt“,
  • erzählt über die Gefühle „hinter der Maske“ („Behind Blue Eyes“),
  • schildert, wie er_sie ein Interesse vortäuscht, um sich damit etwas völlig Anderes zu erschleichen,
  • liefert offene, teilweise geplante Manipulationen / Racheaktionen.

Stufe 2 (Material Girl oder Frauenversteher):

  • verbiegt sich völlig für die Beziehung („Ja, Schatz!“),
  • hat ein schlechtes Selbstwertgefühl und idealisiert andere Menschen („I’m a creep“),
  • möchte unbedingt allen Erwartungen der eigenen sozialen Schicht, des Freundeskreises, etc. entsprechen und dafür bewundert werden,
  • liefert impulsive, heimliche Racheaktionen.
  • Wenn Stufe 2 finanzielle Zuwendungen erwartet („zahl mir das Getränk / das Haus / mein Leben“), ist es ein Material Girl.

Stufe 1 (Entitlement Girl / Guy) bleibt meistens nach Ausschluss der obigen Punkte übrig. Direkt erkennbar ist Stufe 1 daran, dass er_sie eigentlich ganz nett wirkt, aber dann plötzlich eine ungute oder unfaire Bemerkung über das jeweils andere Geschlecht macht.

Ich freue mich über Liedvorschläge und Anfragen, etwas auf der Distanzskala einzuordnen, und werde diese ggf. in den Originaltext aufnehmen! Kommentare willkommen!

Die Distanzskala – Teil 3/4: Der Sexismus des Entitlement Girls oder: Wie Frauen die netten Männer vertreiben

Die Dynamiken der Distanzskala werden also mit jeder höheren Stufe härter und traumatischer. Alle diese Verhaltensweisen haben jedoch „klein angefangen“ – und zwar in der traditionellen Rolle „Frau“ und der traditionellen Rolle „Mann“, die Menschen je nach Geschlechtsmerkmalen bei der Geburt zugeteilt bekommen. Menschen mit Vulva werden dabei in ein Verhaltensmuster erzogen, das ich Entitlement Girl nenne, und Menschen mit Penis in ein Verhaltensmuster, das ich als Entitlement Guy bezeichne.

Sobald im Patriarchat (v)erzogene Menschen in die Pubertät kommen, und ihre sexuellen und romantischen Bedürfnisse voll ausfalten, geschieht das mithilfe der anerzogenen toxischen Verhaltensweisen. Diese sind auf Stufe 1 fast ausschließlich unbewusst, und daher mit der wenigen Lebenserfahrung der meisten Jugendlichen oder jungen Erwachsenen kaum zu durchschauen.

Allerdings beginnt bereits hier das Bullshit-Bingo, mit dem Menschen auf Stufe 1 die Menschen wegschicken, die sie sich eigentlich als Sex- oder Beziehungspartner_in wünschen würden. Dadurch bleiben bald nur ungeeignete Menschen für Sex oder eine Beziehung übrig, was eine toxische Fortgehkultur und unglückliche Beziehungen hervorbringt. Das Verhalten eines Menschen auf Stufe 1 ist dabei so perfid, dass es alle Menschen abstößt, die weniger Patriarchat haben – egal es um Menschen geht, die überwiegend gesund sind, oder solche, die einfach weniger unfaire Erwartungen / Entitlement haben.

So schicken Frauen die netten Männer weg:

Ein Entitlement Girl hat einen Mann kennengelernt, den sie interessant findet und dessen Aufmerksamkeit sie haben möchte. Also probiert sie mit Verhaltensweisen, die sie aus ihrer sozialen Umgebung oder aus der Popkultur (Filmen, Serien, …) kennt, den Mann auf sich aufmerksam zu machen und dazu zu bringen, ihr zuzuhören und Gefallen zu tun, was, so hofft sie, irgendwann zu einer Freundschaft oder zu romantischer Aufmerksamkeit in Form einer Liebesbeziehung führen wird. Im eurozentrischen Kulturkreis lernt ein Entitlement Girl schon früh, dass ihr Körper ein begehrtes Gut ist, und dass sie mit freizügiger Kleidung, sexuellen Anspielungen und Flirten am ehesten die Aufmerksamkeit von Hetero-Männern auf sich zieht. Genau das tritt aber eine Spirale los, die effektiv verhindert, dass die Frau eine ehrliche Freundschaft oder eine Liebesbeziehung bekommt. Nicht weil sexuelle Anspielungen falsch wären – ganz im Gegenteil – sondern weil alle diese Handlungen nichts Freundschaftliches oder Liebevolles kommunizieren! Sie sind anregend und eventuell geil, führen die Aufmerksamkeit des Mannes jedoch auf den Körper der Frau, nicht auf ihr Gehirn und ihre Gedanken und Gefühle, worum es in einer Freundschaft und Liebesbeziehung geht.

Wenn das Entitlement Girl nun mit einem Mann flirtet, reagiert dieser unterschiedlich:

1) Der Mann ist ein völliger Entitlement Guy:

Er reagiert vorerst tatsächlich mit Nettigkeiten auf ihre sexuellen Andeutungen. Allerdings meint er nichts davon ernst, sondern wartet nur ab, bis sie endlich die Beine breit macht. Dauert es ihm zu lange – und viel Geduld hat ein Entitlement Guy nicht – äußert er beleidigende Wortmeldungen und slutshamed die Frau. Ist sie daraufhin enttäuscht, weil die Nettigkeiten vorbei sind, fordert er Sex als „Bezahlung“ für seine Anwesenheit und erfolgte Aufmerksamkeit ein, und stellt damit das alleinige Recht der Frau auf ihren Körper infrage. Wenn die Frau an dieser Stelle die Begegnung nicht abbricht, versucht er durch Herumjammern, Schmollen, Erpressung oder einem kleinkindartigen Trotzanfall die Frau doch noch zu Sex zu „überreden“. Dadurch verhindert er eine Konsensverhandlung – behandelt die Frau also übergriffig.

2) Der Mann ist noch ein Entitlement Guy, hat jedoch bereits begonnen, sein eigenes Entitlement infrage zu stellen:

Die Handlungen der Frau kommunizieren ein sexuelles Angebot, und darauf steigt er ein. Er ist sich jedoch bewusst, dass er kein Anrecht auf den Körper der Frau hat und dass Sex nur vielleicht passieren wird. Da er aber noch unbewusst die patriarchale Lüge der Rolle „Mann“ laufen hat, die seine Empathiefähigkeit unterdrückt, verhält er sich in vielen Belangen der Frau gegenüber ignorant und misst „mit zweierlei Maß“: Beispielsweise sieht er es als selbstverständlich, dass er die Frau beim Reden jederzeit unterbrechen kann, wenn sie ihn jedoch in der selben Art unterbricht, ist er beleidigt.

3) Der Mann ist weitgehend gesund und hat auch die patriarchale Lüge der Rolle „Mann“ durchschaut:

Er überprüft, ob er an der Frau nur sexuell interessiert ist, oder ob es auch genügend Gemeinsamkeiten für eine Bekanntschaft, eine Freundschaft oder gar Resonanz auf der Ebene Liebe gibt (und er in einer Lebenssituation ist, in der das passt). Wenn ja, beginnt er von sich aus die jeweilige Näheebene durch passende Handlungen anzustreben (Bekanntschaft: Unterhaltungen über gemeinsame Themen, Freundschaft: Vorschläge zu gemeinsamen Unternehmungen, Liebesbeziehung: romantische Gesten). Wenn er zusätzlich oder ausschließlich Sex zum Spaß möchte, macht er eine (unmissverständliche) sexuelle Anbahnung. Er achtet in allen sozialen Situationen darauf, mit demselben Maß zu messen, und der Frau dieselben Rechte zuzugestehen, die er für sich selbst einfordern würde. Wenn er gar nichts möchte, kommuniziert er einfach höflich sein Desinteresse.

Nun fühlt sich das Entitlement Girl aber durch jede dieser Verhaltensweisen in ihrer schlechten Meinung über Männer bestätigt:

1) Entitlement Guy:

Während für sie klar ist, dass sie nur wegen der Aufmerksamkeit ein bisschen flirtet und nett ist, hält der Entitlement Guy ihr Verhalten bereits für einen unterschriebenen Vertrag, laut dessen sie ihm von dem Moment an, wo er sie geil findet, Sex schuldet. Sie hat sich extra hübsch gemacht und bemüht sich, attraktiv und nett rüberzukommen – und der Scheißkerl beleidigt und slutshamed sie dafür. Sie fühlt sich daher (zurecht) ausgenutzt und ist wütend auf den ignoranten, rücksichtslosen Typen. Falls der Entitlement Guy auch noch versucht, sie zum Sex emotional zu erpressen, geht sie mit einer gehörigen Portion Rest-Wut aus der Begegnung, welche dann zukünftige Männer – egal ob Entitlement Guy oder gesund – ausbaden werden. So wird sie einen der nächsten Männer schon bei dessen Erwähnung von Sex mit Slutshaming attackieren, um damit eine Belästigung wie die Einforderung von Sex gleich im Keim zu ersticken.

2) Entitlement Guy, der sein eigenes Entitlement hinterfragt:

Da er hauptsächlich auf ihre sexuellen Andeutungen einsteigt, und sie sonst immer wieder ignorant behandelt, findet dadurch keine echte bekanntschaftliche, freundschaftliche oder romantische Aufmerksamkeit statt. Ihr eigentlicher Wunsch wurde also frustriert. Die Frau ist daher unbewusst wütend auf den Mann, wovon sie bewusst nur einen diffusen Ärger über ihn, den sie sich selbst nicht ganz erklären kann, mitbekommt. Jenen Ärger muss sie aber irgendwo abreagieren, weswegen dieser schließlich in Form von Missachtung und Slutshaming des Mannes herausbricht: Sie behandelt dann seine Gefallen als selbstverständlich, wurscht oder sogar als „nicht gut genug“, und macht beleidigende oder abwertende Kommentare bei jeder Gelegenheit, die sie an den eigentlichen Wunsch erinnern – Gefallen anderer Männer, die der Kerl nicht macht, verliebte Pärchen auf der Straße, usw. Anstatt ihre Wünsche dem Mann mitzuteilen, verleumdet sie ihn vor ihren weiblichen Freundinnen, die sie durch ähnliche Erfahrungen mit Männern dabei unterstützen.

3) Gesunder Mann:

Das Entitlement Girl rechnet nicht damit, einen gesunden Mann vor sich zu haben, der ihr tatsächlich ihre bekanntschaftlichen, freundschaftlichen oder romantischen Wünsche erfüllt. Für sie gleicht er einem „gefundenen Fressen“: Anfangs ist sie überrascht und geschmeichelt. Bald ist sie jedoch der Meinung, dass er ihr nur gibt, was ihr ja schon seit langem zugestanden wäre. Sie hält ihre Anwesenheit und Zeit bereits für ihre Leistung, wofür der Mann mit seiner Aufmerksamkeit „bezahlt“. Dem Mann gegenüber ist dies natürlich ein gewaltig ignorantes Verhalten: Er ruft sie an, um zu erfahren, wie es ihr geht, sie nur dann, wenn sie etwas von ihm braucht oder (meistens über andere Männer) jammern will. Er schlägt gemeinsame Unternehmungen vor, sie macht jedoch nur mit, wenn es ganz nach ihrem Kopf geht – was ihm gefällt, ist ihr ziemlich egal.

Der Mann empfindet die soziale Verbindung bald nicht mehr als Bekanntschaft, Freundschaft, oder erfüllende Liebesbeziehung, sondern als ein ausbeuterisches Verhältnis. Falls er mit ihr ein Gespräch darüber sucht, reagiert sie auf Änderungswünsche seinerseits entweder genervt oder übergeht diese einfach. Das bewirkt, dass er den Kontakt einschränkt oder ganz abbricht und sich eine geeignetere Frau sucht, die seine Wünsche ebenso berücksichtigt wie er die ihren. Das Entitlement Girl reagiert dann mit Unverständnis und Wut auf diese Maßnahme – aus ihrer Sicht gibt es schließlich keinen Grund, warum sie seine Aufmerksamkeit nicht mehr „verdient“ hätte. Damit ist sie wieder in der Ausgangssituation gelandet.

Die Distanzskala – Teil 4/4: Der Sexismus des Entitlement Guys oder: Wie Männer die aufregenden Frauen vertreiben

Die Dynamiken der Distanzskala werden also mit jeder höheren Stufe härter und traumatischer. Alle diese Verhaltensweisen haben jedoch „klein angefangen“ – und zwar in der traditionellen Rolle „Frau“ und der traditionellen Rolle „Mann“, die Menschen je nach Geschlechtsmerkmalen bei der Geburt zugeteilt bekommen. Menschen mit Vulva werden dabei in ein Verhaltensmuster erzogen, das ich Entitlement Girl nenne, und Menschen mit Penis in ein Verhaltensmuster, das ich als Entitlement Guy bezeichne.

Sobald im Patriarchat (v)erzogene Menschen in die Pubertät kommen, und ihre sexuellen und romantischen Bedürfnisse voll ausfalten, geschieht das mithilfe der anerzogenen toxischen Verhaltensweisen. Diese sind auf Stufe 1 der Distanzskala fast ausschließlich unbewusst, und daher mit der wenigen Lebenserfahrung der meisten Jugendlichen oder jungen Erwachsenen kaum zu durchschauen.

Allerdings beginnt bereits hier das Bullshit-Bingo, mit dem Menschen auf Stufe 1 die Menschen wegschicken, die sie sich eigentlich als Sex- oder Beziehungspartner_in wünschen würden. Dadurch bleiben bald nur ungeeignete Menschen für Sex oder eine Beziehung übrig, was eine toxische Fortgehkultur und unglückliche Beziehungen hervorbringt. Das Verhalten eines Menschen auf Stufe 1 ist dabei so perfid, dass es alle Menschen abstößt, die weniger Patriarchat haben – egal es um Menschen geht, die überwiegend gesund sind, oder solche, die einfach weniger unfaire Erwartungen / Entitlement haben.

So schicken Männer die aufregenden Frauen weg:

Ein Entitlement Guy hat eine Frau kennengelernt, mit der er Sex haben möchte. Also probiert er mit Verhaltensweisen, die er aus seiner sozialen Umgebung oder aus der Popkultur (Filmen, Serien, …) kennt, die Frau zu beeindrucken, was, so hofft er, irgendwann zu Sex führen wird. Im eurozentrischen Kulturkreis sind dies üblicherweise Nettigkeiten und Gefallen der Frau gegenüber, also Gesten wie Tür aufhalten, schwere Sachen tragen, kleine Geschenke ohne Anlass oder Handlungen wie Zuhören, eine gemeinsame Unternehmung, die der Frau gefällt, usw. Genau das tritt aber eine Spirale los, die effektiv verhindert, dass die Frau mit ihm einfach so Sex hat. Nicht weil nette Handlungen falsch wären – ganz im Gegenteil – sondern weil alle diese Handlungen nichts Sexuelles kommunizieren! Sie sind nett, aufmerksam, eventuell sogar lieb – aber nicht aufregend und geil. Diese Tatsache lässt die Frau unterschiedlich reagieren:

1) Die Frau ist ein völliges Entitlement Girl:

Sie freut sich an den Nettigkeiten, sieht aber keine Notwendigkeit darin, die Gefallen des Mannes in irgendeiner Form zu erwidern – ihre Leistung ist doch bereits ihre Anwesenheit, und dass sie Zeit mit ihm verbringt. Sex wird sie nur mit ihm haben, wenn er ihr ausreichend Aufmerksamkeit gegeben hat. Schafft er das Maß nicht, das sie sich vorstellt, waren seine Aufmerksamkeit und Aufwendungen eben gratis – selber schuld, wenn der Kerl sich nicht bemüht. Falls der Entitlement Guy doch eine sexuelle Anspielung macht, die seinen Wunsch klarstellt, und noch nicht mit genügend Aufmerksamkeit dafür „bezahlt“ hat, reagiert das Entitlement Girl mit Empörung und Slutshaming gegenüber dem Mann: „Wie kommst du dazu, mich nach so etwas zu fragen?!“ Hier ist anzumerken, dass es natürlich die alleinige Entscheidung der Frau ist, mit wem sie Sex hat. Allerdings sagt sie nicht einfach „Nein“, was ausreichend wäre, sondern attackiert den Mann grundlos. Dadurch verhindert sie eine Konsensverhandlung – behandelt den Mann also übergriffig.

2) Die Frau ist noch ein Entitlement Girl, hat jedoch bereits begonnen, ihr eigenes Entitlement infrage zu stellen:

Die Handlungen des Mannes kommunizieren nichts Sexuelles, daher steigt sie auf das ein, was sie versteht. Die Handlungen sind auf der Näheskala eindeutig zuordenbar:

Tür aufhalten, schwere Sachen tragen, über ein gemeinsames Thema unterhalten: Ebene 4, Bekanntschaft
Kleine Geschenke ohne Anlass, Zuhören, eine gemeinsame Unternehmung: Ebene 5, Freundschaft

Sie versteht also, dass der betreffende Mann eine platonische Bekanntschaft oder Freundschaft mit ihr beginnen möchte und gibt ihm entsprechende Gefallen zurück: Wenn er ihr bei einem Thema zugehört hat, hört sie ihm bei der nächsten Gelegenheit genauso zu. Wenn er ihr ein kleines Geschenk macht, überlegt sie sich ebenfalls ein kleines Geschenk im selben Wert für ihn, usw.

Da sie selbst noch unbewusst die patriarchale Lüge der Rolle „Frau“ laufen hat, die ihre Sexualität unterdrückt, kommt sie nicht auf die Idee, dass der Hintergrund der Gefallen Sex mit ihr sein könnte, und verbleibt deswegen bei einer Bekanntschaft oder Freundschaft. Falls der Entitlement Guy doch eine sexuelle Anspielung macht, die seinen Wunsch klarstellt, kennt sie sich entweder nicht aus („Ich dachte, wir wären befreundet?“), hält es für einen Scherz, oder empfindet es zwar als Kompliment, lehnt aber höflich ab, da sie den Mann aufgrund der gezeigten Handlungen nie als aufregend erlebt hat, und ihn daher auch nicht sexuell anziehend findet.

3) Die Frau ist weitgehend gesund und hat auch die patriarchale Lüge der Rolle „Frau“ durchschaut:

Sie überprüft, ob sie diesen neuen Mann attraktiv und sympathisch genug für Sex findet. Wenn ja, steigt sie ihm auf eine sexuelle Anspielung ein oder bietet ihm von sich aus bald Sex an. Wenn nein, oder wenn sie in einer Lebenssituation ist, in der das nicht passt, kommuniziert sie ihm höflich ihr Desinteresse. Andere Gefallen lehnt sie entweder ab, weil sie keine Bekanntschaft oder Freundschaft möchte, oder nimmt sie an, und achtet dann darauf, Gefallen im selben Wert zurückzugeben.

Nun fühlt sich der Entitlement Guy aber durch jede dieser Verhaltensweisen in seiner schlechten Meinung über Frauen bestätigt:

1) Entitlement Girl:

Während er sich bemüht, Zeit und Aufmerksamkeit investiert, kommt von der Frau genau gar nichts zurück. Er fühlt sich daher (zurecht) ausgenutzt und ist wütend auf die ignorante, eingebildete Tussi. Falls ihn das Entitlement Girl dann auch noch slutshamed, sobald er nach Sex fragt, geht er mit einer gehörigen Portion Rest-Wut aus der Begegnung, welche dann zukünftige Frauen – egal ob Entitlement Girl oder gesund – ausbaden werden. So wird er bei einer der nächsten Frauen nach einem Gefallen nicht mehr nach Sex fragen, sondern gleich Sex mit ihr einfordern, womit er ihr alleiniges Recht auf ihren Körper infrage stellt. Damit verhindert er eine Konsenverhandlung – behandelt die Frau also übergriffig.

2) Entitlement Girl, die ihr eigenes Entitlement hinterfragt:

Da kein Sex stattfindet, wurde sein Wunsch frustriert. Er ist daher unbewusst wütend auf die Frau, wovon er bewusst nur einen diffusen Ärger über sie, den er sich selbst nicht ganz erklären kann, mitbekommt. Jenen Ärger muss er irgendwo abreagieren, weswegen dieser schließlich in Form von Missachtung und Slutshaming gegenüber der Frau herausbricht: Er behandelt dann ihre Gegengefallen als selbstverständlich, wurscht oder sogar als „nicht gut genug“, und macht beleidigende oder abwertende Kommentare bei jeder Gelegenheit, die ihn an Sex erinnert – ihre Art zu kleiden, Fortgehen, Treffen mit anderen Männern, usw. Diese Situation beschreiben Entitlement Guys üblicherweise mit dem Begriff Friendzone. Die Frau ist verständlicherweise beleidigt, weil er aus ihrer Sicht ihre jeweiligen Gefallen nicht wertschätzt, und verletzt, sobald er sie einige Male slutgeshamed hat. Das bewirkt, dass sie den Kontakt einschränkt oder ganz abbricht. Damit ist für den Entitlement Guy natürlich jegliche Chance auf Sex vertan – und er zieht über die Frau vor seinen männlichen Freunden her, die ihn durch ähnliche Erfahrungen mit Frauen dabei unterstützen.

3) Gesunde Frau:

3a) Sofort:

Der Entitlement Guy rechnet nicht damit, eine gesunde Frau vor sich zu haben, die ihm auf eine sexuelle Anspielung ernsthaft einsteigt oder ihm sogar von sich aus Sex anbietet. Er fühlt sich von der Selbstsicherheit der Frau erniedrigt, da er sie gerne beeindruckt hätte, nicht umgekehrt, wie es der Fall ist. Einerseits steht nun Sex endlich im Angebot, andererseits kommt er überhaupt nicht damit klar, dass die Frau „seine“ Rolle in der Interaktion einnimmt. Wenn die Frau zusätzlich sexuell erfahren ist, also weiß, was sie will und das auch verlangt, zerstört dies sein Weltbild endgültig. Der Entitlement Guy weiß nicht, wie er sich jetzt verhalten soll – und da die patriarchale Lüge der Rolle „Mann“ seine Empathiefähigkeit unterdrückt, fischt er aus seiner eigenen Verunsicherung das eine Gefühl, mit dem er sich auskennt, und das ihn wieder „männlich“ wirken lässt: Aggression. Also lässt er passiv-aggressiv eine möglichst abwertende Slutshaming-Bemerkung vom Stapel. Die gesunde Frau hat aber kein Interesse an einem Männchen, das mit ihr völlig überflüssig um die Rangordnung streitet, sondern hätte sich einen Mann gewünscht, mit dem sie lustvollen, empathischen Sex haben kann. Sie zieht daher ihr Angebot nach dem Motto „Dann halt nicht, du Trottel“ zurück und sucht sich einen anderen, besser geeigneten Mann.

3b) Mit Zeitverzögerung:

Falls der Entitlement Guy trotz seiner gefühlten Erniedrigung höflich und freundlich reagiert, und es tatsächlich zu Sex kommt, wird die gesunde Frau danach kein zweites Mal Sex mit ihm wollen: Der Entitlement Guy ist nämlich der Meinung, dass seine Anwesenheit und Gefallen (egal, ob die Frau diese angenommen hat oder nicht) bereits seine Leistung waren und dass die Frau, indem sie Sex mit ihm hat, dafür „bezahlt“. Daher verhält er sich beim Sex ziemlich ignorant und tut nichts für die Lust der Frau – wozu auch, er hat seine Leistung ja schon längst erbracht. Auf Wünsche der Frau reagiert er genervt oder überhört diese einfach. Die Frau hat dadurch verständlicherweise nicht viel Spaß, und wird sich für das nächste Mal einen geeigneteren Mann suchen, dem ihre Lust genauso wichtig ist wie ihr die seine. Der Entitlement Guy ist dann zwar das eine Mal befriedigt, aber stößt spätestens beim nächsten Mal, wenn er Sex möchte, auf Ablehnung und negatives Feedback der Frau. Darauf reagiert er mit Unverständnis und Wut – aus seiner Sicht gibt es schließlich keinen Grund, warum er Sex mit ihr nicht mehr „verdient“ hätte. Damit ist er wieder in der Ausgangssituation gelandet.

Im Mainstream – Teil 1/6: Was – oder wer – ist das?

Der Mainstream bezeichnet eine Gruppe von Menschen in der eurozentrischen/westlichen Gesellschaft (und weiteren Gesellschaften), die durch ihre Anpassung an soziale Erwartungen die Unterdrückung von (insbesondere weiblicher) Sexualität befeuern. Da sie die Mehrheit an der Gesamtbevölkerung stellen, sind sie die Hauptquelle für die Entstehung und Aufrechterhaltung der patriarchalen Irrglauben und Lügen – also des Patriarchats.

Die gegenwärtige feministische Literatur hat für diese Gruppe die neutrale Bezeichnung heteronormativer Mainstream oder heteronormative Mehrheitskultur entwickelt:

  • Hetero, weil die bevorzugte Orientierung in dieser Mehrheitskultur heterosexuell und heteroromantisch ist, weswegen Menschen mit einer homosexuellen und homoromantischen Orientierung negative Reaktionen erfahren.
  • Normativ, weil sich die betreffenden Menschen an den Werthaltungen der Mehrheit – den Normen – orientieren, um ihr Leben daran anzupassen, und dies auch von ihrer Umgebung verlangen.
  • Mainstream (engl. Strömung), weil die Mehrheit der Menschen wie Wasser in einem Fluss in dieselbe Richtung treibt.

Seit es einen solchen Mainstream gibt, haben Menschen andere Lebensweisen angestrebt und ausprobiert – zahlenmäßig waren diese jedoch immer der Mehrheit unterlegen. Wenn genügend Menschen mit ähnlichen Interessen aufeinander treffen, entsteht oft eine Subkultur (lateinisch sub = unter) oder alternative Szene (lateinisch alter = anders), wo bereits die Wortherkunft darauf zeigt, dass die zugehörigen Menschen eine Minderheit innerhalb einer Mehrheitskultur darstellen. Aktuelle Beispiele für diese Lebensweisen sind alternative Sexualität in Form von Swingen oder BDSM, und das alternative Beziehungsmodell Polyamorie.

Menschen mit Lebensweisen, die so zentrale Themen wie Sex und Liebe anders handhaben, stellen damit den Mainstream selbst infrage, und stoßen dadurch bei Menschen, die ihr Leben den Meinungen der Mehrheit angepasst haben, meistens auf negative Reaktionen: Unverständnis und Unsichtbarmachung sorgen dafür, dass sich alternative Menschen als „die einzigen“ vorkommen, sich einsam fühlen, und keine Sprache und Möglichkeiten haben, über ihre Bedürfnisse zu reden oder Gleichgesinnte zu finden. Je nach Aufenthaltsort können auch Diskriminierung, alltägliche Gewalt oder sogar Verfolgung hinzukommen.

Wenn sich dann Menschen mit ähnlichen Interessen in einer Subkultur zusammengefunden haben, sind diese oftmals wütend über ihre Erfahrungen im Mainstream. Nicht wenige wurden nach dem Versuch, ihre Lebensweise offen zu leben von ihrem vorigen Freundeskreis fallen gelassen, andere mussten als Reaktion sogar Gewalt von ihren eigenen Eltern oder ihren Verwandten erfahren. Aus diesem Grund möchten sich viele Menschen in einer Subkultur auch in der Sprache bewusst von der Mehrheitskultur abgrenzen. Daher hat fast jede Subkultur abwertende Bezeichnungen für den Mainstream hervorgebracht, die oftmals auch die – im Vergleich zur Subkultur – einschränkenden Denkmuster betonen: Spießbürger, Spießer, Kleinbürger, Establishment, Normalos, Muggel (wie die nicht-magischen Menschen der Harry Potter-Geschichten), oder Stinos (ein_e Stino, mehrere Stinos, steht für stinknormale Menschen).

Auf meinem Blog verwende ich allerdings die neutrale Bezeichnung – also heteronormativer Mainstream, oder einfach Mainstream.

Im Mainstream – Teil 3/6: Die monogame Lüge oder: Was du nicht weißt, macht dich nicht heiß

Die monogame Lüge ist im Wesentlichen eine Ableitung der patriarchalen Lüge der Rolle „Frau“, mit dem Unterschied, dass es nun keine gegenteilige Rolle (wie die Rolle „Mann“) mehr gibt. Dieses Lügenkonstrukt kann von allen Geschlechtern vertreten werden, egal ob Frau, Mann, oder weiteres Geschlecht.

Die monogame Lüge besteht wiederum aus vier Lügen und behauptet:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.
  2. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.
  3. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, jemand Anderen sexuell begehrenswert zu finden.
  4. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.

In allen patriarchalen Gesellschaften fördern die meisten Menschen die monogame Lüge, entweder indem sie fest daran glauben, und sich alle Widersprüche wegerklären, oder sie zumindest nach außen aufrechterhalten, während „unter der Bettdecke“, im Puff, etc. ganz andere Dinge passieren.

Das Bedürfnis nach Sex ist eines der stärksten Kräfte im Menschen und lässt sich nicht ohne Konsequenzen unterdrücken. Wird nun das sexuelle Bedürfnis auf der Ebene Lust nur gemeinsam mit der Ebene Liebe, also laut der monogamen Lüge mit einem einzigen Menschen, zugelassen, bleibt immer ein signifikanter Teil dieses Bedürfnisses unbefriedigt. Da Energie nicht einfach verschwindet, sondern immer nur den Wirkungsort wechselt, muss diese unterdrückte Energie irgendwo hin; also steigt der Druck im Unbewussten, bis sich das Bedürfnis irgendwann Bahn bricht.

Kurzfristig geschieht das in spontanen sexuellen Begegnungen, die erst dann passieren, wenn alle Beteiligten genug enthemmende Drogen (wie Alkohol) genommen haben, damit die Hemmschwelle sinkt und das unterdrückte Bedürfnis nicht mehr so viele Hindernisse bis ins Außen überwinden muss. Um die vorhandene falsche Idee nicht in Frage stellen zu müssen, und damit gegen die Mehrheit der Menschheit anzutreten, geschehen diese Ausbrüche heimlich, oder werden zumindest danach so gut wie möglich verheimlicht.

Mittelfristig werden verheimlichte sexuelle Affären angestrebt und gelebt, die natürlich abseits vom Sex mit der Liebesbeziehung stattfinden. Sobald jemand jedoch eine Geschichte über eine heimliche Affäre erwähnt, oder das Thema als Elefant im Raum steht, haben die Personen, die schon einmal heimlich Sex während einer sexuell geschlossenen Liebesbeziehung hatten, schnell Rechtfertigungen für ihr Verhalten anzubieten: Der heimliche Sex fand dann angeblich statt, um

  • sexuelle Spielarten auszuleben, von denen sie glauben (aber nie gefragt haben), dass der Partner / die Partnerin diese nicht antörnend findet oder als Ganzes ablehnt.
  • sich eine „Wellness-Behandlung“ oder eine „Belohnung“ zu gönnen, die sie aufgrund irgendwelcher Aufwände oder Aufopferungen in der Beziehung verdient hätten.
  • sich am Beziehungspartner für einen empfundenen Mangel an emotionaler Aufmerksamkeit zu rächen.

Interessant ist dabei, dass es in diesen Rechtfertigungen nie um den Menschen geht, mit dem oder der der heimliche Sex stattgefunden hat, sondern immer um die zentralen emotionalen Probleme innerhalb der Beziehung: Den Unwillen, dem Partner einmal richtig zuzuhören, oder in Ruhe nach Bedürfnissen zu fragen, und/oder den Unwillen, selbst potentiell ungewöhnliche Bedürfnisse anzusprechen.

Die Notwendigkeit für die Geheimhaltung findet sich daher nicht in den Aussagen der Rechtfertigungen, sondern im Wunsch, Konflikte zu vermeiden – hauptsächlich mit dem eigenen Beziehungspartner, aber auch mit dem (patriarchalen) sozialen Umfeld, wo die meisten Menschen die gleichen Probleme sowie den gleichen Unwillen haben, diese zu konfrontieren. Das ist der wahre Ursprung des Wortes „Betrügen“ für heimlichen Sex außerhalb einer sexuell geschlossenen Liebesbeziehung: Die Person, die ein heimliches Erlebnis oder eine Affäre hat, kann ihr sexuelles Bedürfnis auf der Ebene Lust (mehr) ausleben, was Konflikte offenlegen würde, während dieselbe Person sich weiterhin öffentlich als sexuell geschlossen präsentiert, und damit falschen Frieden und Toleranz sowohl mit dem eigenen Beziehungspartner, als auch im größeren sozialen Umfeld erlebt.

Wer dieses Verhalten für eine kluge Strategie hält, lässt sich ziemlich täuschen. Während die gesamte Situation so aussieht, als ob die Konflikte umgehbar sind, und so niemals bearbeitet werden müssten, unterdrücken die betroffenen Personen die Konflikte lediglich. Da der Zweck einer Liebesbeziehung ist, sich zu lieben und sich umeinander zu kümmern, also ein gemeinsames Leben im größten Ausmaß zu teilen, hat der_die Beziehungspartner_in das Recht, an allen Entscheidungen teilzunehmen, die die gemeinsame Zeit, Energie und Unternehmungen beeinflussen – einschließlich der Sexualität. Aus diesem Grund ist Wünsche wie die eigene Sexualität und sexuelle Fantasien dem Beziehungspartner vorzuenthalten ganz objektiv unethisch. Der „betrügende“ Mensch macht die Situation sogar noch schlimmer als vorher: Er erzeugt nämlich zusätzliche Konflikte wegen der zutiefst unfairen Natur seines Verhaltens, die ein Potential für das explosive Auffliegen der Lügengebäude rund um den heimlichen Sex schafft.

Die belgisch-israelische Paartherapeutin Esther Perel hat einen umfassenden TED-Talk zum Thema heimliche Affären gehalten, dem ich in allen Punkten zustimme. Sie bespricht darin, was Menschen dazu treibt, in einer Beziehung heimlich Sex zu haben, und wie betroffene Paare nach einer aufgeflogenen Affäre wieder zusammenfinden können.

Daraus aber zu schließen, diejenigen, die ihre sexuellen Wünsche heimlich ausleben, wären die „Bösen“ und diejenigen, die das brav gemäß der monogamen Lüge nicht tun, wären die „Guten“, ist genauso falsch. Denn in Wirklichkeit haben Mensch A und Mensch B in einer Liebesbeziehung, die gemeinsam die monogame Lüge leben, an ihrer Aufrechterhaltung jeweils zu 50% ihren Anteil.

Mensch A ignoriert die eigenen sexuellen Bedürfnisse an andere Menschen und erwartet dies auch vom Gegenüber: Damit haben wir die ersten 50%. Denn vom Gegenüber einzufordern, die eigene Sexualität, einen der stärksten Teile der eigenen Persönlichkeit, zu ignorieren, ist nicht Liebe, sondern blankes Besitzdenken. Mensch B wird wie ein Sexspielzeug behandelt, das nach Gebrauch wieder in die Lade zurückgelegt wird und dort bleibt, nicht wie ein selbst entscheidendes Individuum mit gleichen Rechten.

Mensch B, der seine eigenen sexuellen Bedürfnisse nicht ignoriert, erwartet von Mensch A, ihm_ihr keine Grenzen bei der Auslebung der eigenen sexuellen Bedürfnisse zu setzen. Das kommt daher, dass nur mit Rebellion aus einem starren System ausgebrochen werden kann. Der erste Schritt ist dabei immer, das exakte Gegenteil der bekämpften Sache anzuwenden, um diese damit zu besiegen. Wenn also eine Seite gemäß der monogamen Lüge ständig Grenzen zieht, versucht die Gegenseite durch eine absolute Allergie gegen alle Grenzen, auch gegen sinnvolle, diesen Unterdrückungsmechanismus zu beenden. Damit haben wir die fehlenden 50%.

Diese beiden Persönlichkeitsstrukturen verstärken sich nun gegenseitig:

Mensch B, der seine Ebene Lust ausleben will, ist vom ständigen Abblocken von Mensch A, der seine eigene Ebene Lust unterdrückt und die seines Gegenübers ignoriert, genervt. Je nach Dauer und Art des Konflikts kann Mensch B viel Wut entwickeln, die sich schließlich in alleinigen Aktionen niederschlägt: „Wenn du mir mein gutes Recht nicht zugestehst und mich wie ein Spielzeug behandelst, mache ich es halt einfach, ohne dich zu fragen!“

Dieses Verhalten bleibt von Mensch A natürlich nicht unbemerkt, doch anstatt an der eigenen Weltsicht zu zweifeln, wird die Wut an dem_der Beziehungspartner_in ausgelassen und noch mehr abgeblockt: „Du hast nur mit mir Sex zu wollen, und gegen dieses Gesetz gehandelt, jetzt ziehe ich die Barrikaden noch höher!“

Beide Seiten sehen sich im Recht und versuchen, ihr Gegenüber von der Richtigkeit der eigenen Strategie zu überzeugen – dabei betreiben beide den 50%-Anteil eines Konzeptes, das an sich falsch ist.

Das kann solange gehen, bis sich die monogame Lüge selbst in den Schwanz beißt:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.

Ein Mensch in der Liebesbeziehung findet andere Menschen geil und würde mit diesen gerne sexuelle Erlebnisse anstreben.

  1. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.

Dieser Mensch verschwurbelt nun – meistens unbewusst (!) – aufgrund der monogamen Lüge sein eigenes Bedürfnis:

Um Sex allein kann es nicht gehen. Denn einen sexuellen Wunsch zu haben bedeutet ja, automatisch auch einen romantischen Nähewunsch auszudrücken…

Außerdem nervt die ständige Notwendigkeit zur Verheimlichung. Warum können wir nicht „einfach so“ … ?

Damit beginnt der Mensch, sich in einen neuen Menschen, den er_sie gerade geil findet, zu verlieben. Und hier ist nicht die Rede von der Einzementierung der patriarchalen Lüge, wo die Ebene Liebe vorgespielt wird, um Sex zu bekommen. Der Mensch, der sich verliebt, empfindet tatsächlich Verliebtheitsgefühle und einen Beziehungswunsch mit diesem neuen Menschen.

Wenn die Verliebtheit erwidert wird, ist der abblockende Mensch mit seinen eigenen Waffen geschlagen: Denn gemeinsam mit der Ebene Liebe gibt es auch eine Ebene Lust mit dem neuen Menschen – ganz offiziell. Der Mensch, der sich verliebt hat, kann nun endlich mit einem anderen Menschen einfach Sex haben.

Wegen dem dritten und vierten Punkt der monogamen Lüge wird nun allerdings die Ebene Liebe mit dem ersten Menschen in Frage gestellt:

  1. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, jemand Anderen sexuell begehrenswert zu finden.
  2. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.

Im Umkehrschluss bedeutet nun die Tatsache, dass sich der_die Beziehungspartner_in neu verliebt hat, dass die eigene Liebesbeziehung und/oder die gemeinsame Sexualität innerhalb der Liebesbeziehung nicht das Richtige für alle Beteiligten war. Wenn sie das gewesen wäre, man selbst/das Gegenüber ja nicht mit einem anderen Menschen Sex angestrebt und/oder sich neu verliebt.

Dieser Konflikt erzeugt emotionalen Schmerz auf beiden Seiten und führt im üblichsten Szenario zur Trennung des Ursprungspaares. Damit kommen wir zu einem wohlbekannten Phänomen, das sowohl im Mainstream als auch in der queeren Szene weit verbreitet ist: der seriellen Monogamie.

Im Mainstream – Teil 5/6: Serielle Monogamie

Der Begriff serielle Monogamie bedeutet, im Laufe seines Lebens mehrere Liebesbeziehungen hintereinander zu haben. Das ist an sich kein Problem, denn natürlich kann es passieren, dass eine Liebesbeziehung nicht funktioniert hat und später wieder eine neue eingegangen wird. Die serielle Monogamie ist allerdings keine Folge, sondern eine Ursache davon, dass Liebesbeziehungen immer wieder scheitern.

Ein Mensch, der serielle Monogamie lebt, steht diesem Wechsel nämlich aufgeschlossen gegenüber. Das bedeutet, dass dieser Mensch bei jeder begonnenen Liebesbeziehung wenigstens unbewusst davon ausgeht, dass diese an einem Punkt garantiert scheitern wird, anstatt die Ebene Liebe mit dem wesentlichen romantischen Wunsch „Wir wollen unser Leben miteinander verbringen!“ gleichzusetzen.

Das wiederum beeinflusst die Einstellung zu Beziehungsarbeit: Die anfängliche Verliebtheit stellt Energie bereit, die dazu gedacht ist, das gemeinsame Austragen und Lösen von Konflikten voranzutreiben, bis eine stabile Ebene Liebe erreicht ist. Nun ist aber mindestens eine_r der Beteiligten gar nicht bereit, gemeinsam an der Liebesbeziehung zu arbeiten und Konflikte konstruktiv auszutragen: Die aktuelle Beziehung wird ohnehin scheitern – wozu sich also die Arbeit antun?

Das Ergebnis sind Menschen, die die gemeinsame Verliebtheit miteinander genießen – das allerdings nur für eine begrenzte Zeit. Sobald nämlich für die Aufrechterhaltung dieser Gefühle mehr und mehr Beziehungsarbeit benötigt wird, wird das Gegenüber bald „aussortiert“, um mit einem neuen Menschen wieder Verliebtheit ohne störende Konflikte erleben zu können. Konflikte in der neuen Beziehung lassen dann wiederum nicht lange auf sich warten, und der ganze Kreislauf beginnt von vorne.

Es gibt aber noch einen weiteren Faktor, der diesen Kreislauf antreibt: die Monogamie selbst, also sexuell geschlossene Beziehungen.

Da sich die Ebene Lust immer an verschiedene Menschen gleichzeitig richtet, ist der Wechsel seriell monogamen Menschen unbewusst durchaus willkommen: Endlich wieder ein anderer Körper und somit Abwechslung im Sexleben.

Nun unterdrückt aber die monogame Lüge die Ebene Lust. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit immens, sich innerhalb einer bestehenden Liebesbeziehung durch den Mechanismus der monogamen Lüge neu zu verlieben.

Wenn aus diesen sekundärmotivierten Verliebtheiten Liebesbeziehungen begründet werden, geschieht meistens ein bekanntes Phänomen: Einige Wochen lang sind alle Beteiligten super verliebt und haben so oft Sex wie nur möglich. Danach kommt die Ernüchterung:

„Der Sex war eine Zeit lang echt gut, aber jetzt nicht mehr so, und sonst weiß ich ehrlich gesagt nicht, was ich mit dir machen soll. Wir haben kaum gemeinsame Interessen und nach welchen zu suchen fühlt sich schon beim Gedanken daran mühsam an. Ich denke, die Luft ist einfach raus. Besser wir machen Schluss, bevor das noch anstrengender wird.“

Daran ist ersichtlich, dass es von vorneherein nur um die Ebene Lust miteinander ging und gemeinsamer Sex zum Spaß die bessere Option gewesen wäre – ohne folgende Trennung und die damit verbundene emotionale Enttäuschung.

Im Mainstream – Teil 6/6: Verliebt in einen anderen Menschen – wie geht es weiter?

Der dritte Punkt der monogamen Lüge lautet:

  1. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.

Diese Behauptung ist deshalb eine Lüge, da es natürlich passieren kann, dass sich Menschen während einer gesunden Liebesbeziehung in jemand Anderen verlieben. Ohne die monogame Lüge ist das immer noch möglich; es kommt allerdings viel seltener vor.

Grundsätzlich ist es ein gesundes menschliches Verhalten, Resonanz-Menschen auf der Ebene Liebe zu erkennen und darauf zu reagieren. Das wesentliche Kriterium ist nicht, ob sich jemand verliebt, sondern wie damit umgegangen wird.

Eine gemeinsame Liebesbeziehung zu beginnen, ist immer eine bewusste Entscheidung. Ist die eigene Liebesbeziehung auf der Ebene Liebe bereits grundsätzlich erfüllt, macht es keinen Sinn und produziert enormen emotionalen Schmerz, aufgrund einer neuen Verliebtheit die Ursprungsbeziehung zu beenden.

Mit diesem Hintergrund macht es Sinn, zu dem neuen Resonanz-Menschen auf der Ebene Liebe auf Abstand zu gehen. Wichtig ist aber, sich die Ursachen der neuen Verliebtheit anzuschauen. Oft kommt dabei nämlich tatsächlich etwas Neues für die Ursprungsbeziehung heraus. Das kann sein:

Wie die Beteiligten einer Paarbeziehung diese Konflikte konstruktiv austragen und gesunde Lösungen finden können, steht in der Artikelreihe: Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung?

Was ist Polyamorie?

Obwohl sie immer wieder in diesem Zusammenhang genannt wird, bezeichnet Polyamorie keine alternative Sexualität, sondern ein alternatives Modell über romantische Beziehungen. Die Adjektive sind polyamor, polyamourös oder (abgekürzt) poly. Sprachlich besteht das Wort aus poly (= altgriech. mehr als eins, viele) und amor (= lat. Liebe). Die zentrale Definition lautet:

  1. Polyamorie ist der Wunsch nach Verliebtheit/romantischer Beziehung/Liebe mit mehr als einem Menschen gleichzeitig,
  2. wobei alle Beteiligten von der gegenseitigen Existenz wissen,
  3. und diese im Konsens leben.

Der Lebensentwurf benötigt von vorneherein mehr Zeit, Energie und emotionale Arbeit als eine geschlossene Liebesbeziehung zu zweit, ganz einfach weil sich mehr als zwei Menschen regelmäßig auf gemeinsame Dinge einigen müssen. Außerdem gibt es in Mehrfachbeziehungen Fragen und Problemstellungen, die zu zweit gar nicht vorkommen, z. B. „Wer liegt in der Mitte?“ oder „Könntest du zwischen uns vermitteln?“.

Da unsere bisherige Sprache für Polyamorie keine Bilder hat, braucht es für diese Art von Beziehung neue Begriffe. Die Vorlage des Mainstreams ist, dass eine Liebesbeziehung aus zwei Menschen besteht: Für Bekannte und Freunde gibt es unbestimmte Mehrzahlworte (etwa Freundeskreis), die Begriffe Zweierbeziehung, Paar und Pärchen weisen hingegen auf die Zahl Zwei hin (ein Paar Schuhe = zwei Schuhe).

Polyamorie braucht hingegen mehr als eine Liebesbeziehung. Um solche zusammenhängenden Beziehungen zu benennen, wurde aus der Chemie das Molekül entlehnt: Aus polyamory und molecule entstand polycule. Dessen deutsche Übersetzung ist analog dazu Polykül.

Sobald mehr als zwei Menschen auf der Ebene Liebe verbunden sind, steigt auch die Komplexität – und zwar mit jedem weiteren Menschen um einen bestimmten Faktor. Der Vergleich mit einem Molekül ist daher nicht nur sprachlich passend: Ebenso wie in der Chemie alles auf die nächste stabile Einheit mit dem geringsten Aufwand zurückfällt, orientieren sich Polyküle an der geringsten Komplexität. Daher bilden sich die häufigsten längerfristig stabilen Polyküle aus der Mindestanzahl von drei Menschen.

Die häufigsten Polykülformen

Nachfolgend stehen die Buchstaben für die beteiligten Menschen und die Linien mit Herz für das Vorhandensein einer Liebesbeziehung.

Polyküle aus drei Menschen

Ein Polykül zu dritt kann in zwei verschiedenen Varianten auftreten, welche nach ihrer sichtbaren Struktur benannt sind.

Eine Triade

Eine Triade oder poly triad bezeichnet ein geschlossenes Dreieck mit den jeweiligen Liebesbeziehungen A+B, B+C, A+C. Ein weiterer Begriff ist throuple, eine Kombination von three (= engl. drei) und couple (= engl. Paar), welcher betont, dass es sich um drei zusammenhängende Paare handelt.

Ich, die Verfasserin dieses Blogs, bin biamor und lebe selbst polyamor: Ich habe eine Lebensgefährtin und einen Lebensgefährten, die beide ebenfalls ein Pärchen sind. Zusammen bilden wir eine romantisch geschlossene Triade (= Wir sind drei Menschen, und wir wünschen uns alle keine weiteren Liebesbeziehungen).

Ein V-Polykül

Ein V oder vee enthält Liebesbeziehungen zwischen A+B, B+C, aber nicht A+C. Für das Verhältnis zwischen Mensch A und Mensch C wurde der Begriff metamour erfunden: über die Meta-Ebene (lateinisch meta = zwischen) eines geliebten Menschen (französisch amour = romantische Liebe, geliebter Mensch) verbundene Menschen. Welche Nähe die Metamours zueinander haben, ist bis auf die Abwesenheit einer romantischen Beziehung nicht definiert und unterscheidet sich im Einzelfall: Das Spektrum reicht von der besten Freundschaft bis zu sich kaum zu kennen.

Polyküle aus vier Menschen

Ein Polykül aus vier Personen wird in der amerikanischen Poly-Szene square, also Quadrat genannt, wobei nicht alle Verbindungen des Quadrats romantische Beziehungen sein müssen, sondern auch Metamours enthalten können. Entscheidend für die Benennung des Polyküls ist die sichtbare Struktur aus den romantischen Beziehungen.

Die häufigste Variante ist das N, bei dem es drei Beziehungen in einer Reihe, sowie drei Metamours gibt.

Ein N-Polykül

Für andere Konstellationen sind mir keine speziellen Begriffe bekannt. Da viele Polyamorie-Interessierte Akademiker_innen sind, hat sich allerdings die Konvention entwickelt, Polyküle wie in wissenschaftlicher Notation mit einem „eckigen“ Buchstaben im lateinischen oder griechischen Alphabet zu benennen.

Formen

Ansonsten gibt es keinen einheitlichen Weg, Polyamorie zu leben, was allerdings nicht heißt, dass alle Arten von Polyamorie funktionieren, also dauerhaft energiegebende, liebevolle Beziehungen hervorbringen. Einige Strategien produzieren sogar nie mehr als parallele Kurzzeitbeziehungen.

Neuere Sichtweisen auf Polyamorie berücksichtigen diese Konsequenz, so definiert etwa der Polyamorie-Forscher Stefan Ossmann genauer:

Polyamorie ist eine konsensuale Beziehung zwischen mehr als zwei Personen, basierend auf emotionaler Liebe und intimen Praktiken über einen längeren Zeitraum hinweg.

Ossmann, Stefan. F. (2020). Introducing the new kind on the block: Polyamory. In Z. Davy, A. C. Santos, C. Bertone, R. Thoreson, S. Wieringa (Eds.), Handbook of Global Sexualities (Vol. 1, pp. 363-385).

Herzgespinste – Teil 1/7: Je mehr Liebe, desto schöner oder: Das Poly-Zeitproblem

Wenn die Ebene Lust unterdrückt wird, fördert dies nicht nur die Einzementierung der patriarchalen Lüge und in weiterer Folge Rape Culture, sondern es werden sekundärmotivierte Verliebtheiten in neue Menschen begünstigt, die ohne die Unterdrückung der Ebene Lust vermutlich nicht oder viel schwerer entstanden wären.

In der seriellen Monogamie, die die monogame Lüge als Grundlage hat, wird bei einem neuen Beziehungswunsch die Ursprungsbeziehung beendet. Polyamorie bedeutet jedoch, dass mehrere Verliebtheiten/Liebesbeziehungen gleichzeitig möglich sind. Die Ideologie der Poly-Szene hat aber die polyamore Lüge als Grundlage: Deswegen bleibt die Ursprungsbeziehung (zunächst) bestehen und die neue Verliebtheit wird einfach angehängt.

Solange die polyamore Lüge aktiv ist, bleibt das neue Beziehungsgeflecht aus drei Menschen weiterhin romantisch offen. Verliebt sich eine_r der Menschen aus dem bestehenden Polykül neu, wird diese Verliebtheit also wieder angehängt, sodass es jetzt – als Paare oder Metamours – vier zusammenhängende Menschen gibt. Und so weiter.

In Polykülen tritt ab einer bestimmten Anzahl von beteiligten Menschen allerdings ein Zeitproblem auf. Mein Lebensgefährte Nemo hat es in einem mathematischen Modell formuliert:

Legende:

Das Modell:

 

Eine Paarbeziehung besteht aus 2 Menschen: A und B. Die Gesamtanzahl aller beteiligten Menschen ist dabei gleich groß wie in der Zweierbeziehung. Daher gibt es nur 1 gemeinsamen Space. Die Komplexität des Systems ist also gleich 1.

 

 

 

 

Eine Triade ist ein Polykül aus den 3 Menschen A, B, C in der Form eines geschlossenen Dreiecks.
Es enthält 3 Paarbeziehungen: A+B, B+C, A+C
Das Gesamtsystem ist das Zu-Dritt: A+B+C

Die Komplexität ist demnach: 3×1 + 1 = 4

 

 

 

Soweit sind noch keine Metamour-Verbindungen vorhanden. Die häufigste Form, in der dieses Verhältnis vorkommt, ist das V, ein Polykül aus 3 Menschen, in der Form des Buchstaben V. Es teilt sich in primäre und sekundäre Verbindungen.

 

Primär besteht es aus 2 Paarbeziehungen: A+B und B+C

Sekundär gibt es aber noch:

  • Das metamour-Verhältnis A+C:
          • Das Gesamtsystem aus allen 3 Menschen: A+B+C

Die Komplexität ist also gleich hoch wie die einer Triade:
2×1 + 1 + 1 = 4

 

 

 

Nun kann man natürlich anmerken, dass Metamours viel weniger Zeit miteinander verbringen als Beziehungspartner_innen. Warum bekommen sie also denselben Zahlenwert wie eine Liebesbeziehung? Wer mit dem_der Metamour kaum redet, kann die Zahl tatsächlich abrunden. Aus Praxisberichten von Menschen, die in einem Polykül mit Metamour lebten, leite ich jedoch als niedrigste Zahl 0,7 ab.

Die Zeit und Energie steckt nämlich sowohl im direkten Kontakt der Metamours als auch in deren Auswirkung auf die verbundenen Liebesbeziehungen. So müssen die beiden Metamours Vertrauen aufbauen und pflegen, um Lebensentscheidungen, die mit B erfolgen, miteinander besprechen und organisieren zu können, damit das Polykül energiegebend bleibt. Außerdem beteiligen sich die Metamours direkt oder indirekt an allen Konflikten rund um Mensch B, etwa wenn Mensch A und B einen Konflikt haben, und Mensch C danach Mensch B aufheitert, oder wenn Mensch A in einem Konflikt zwischen Mensch B und Mensch C vermittelt.

Daraus lässt sich ableiten, dass alle Polyküle aus 3 Menschen, egal ob in einer Triade oder in einem V, in etwa 4mal so komplex sind wie eine Zweierbeziehung. Dieser Zahlenwert bezieht sich auf alle Lebensbereiche, die in einer ernsthaften Liebesbeziehung vorkommen (sollten): 4mal mehr Zeit, 4mal mehr Energie, 4mal mehr Beziehungsarbeit, 4mal mehr Vereinbarungen, usw.

Je mehr Menschen ein Polykül enthält, desto höher wird die Komplexität und damit der Zeit- und Energieaufwand.

Als Beispiel habe ich ein „N“, also ein Polykül aus 4 Menschen in der Form einer Reihe ausgewählt:

Es gibt Mensch A, B, C und D.
Diese Konstellation besteht primär aus 3 Paarbeziehungen: A+B, B+C, C+D
Damit ist die Komplexität erst mal 3×1 = 3.

Sekundär kommen allerdings noch hinzu:

  • Als metamour-Verbindungen die Kommunikationsebenen zwischen A+C, B+D und A+D
  • Und zum Schluss noch das Gesamtsystem aller 4 Menschen: A+B+C+D

Das ergibt in Summe die Komplexität: 3×1 + 3×1 + 1 = 7

Wie oben erwähnt, können wir die Metamours etwas abrunden, was mit 0,7 pro Metamour aber immer noch die Komplexität = 6 ergibt. Diese Konstellation erfordert also 6mal so viel Zeit, Energie, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen wie eine Zweierbeziehung.

Ab einem Polykül mit 4 Menschen, die keine Reihe bilden, sondern untereinander vernetzt sind, wird es der absolute Overkill:

Das Beispiel zeigt 4 Menschen, wo alle mit allen als Liebesbeziehung verbunden sind. Jeder dieser Menschen hat also jeweils 3 Liebesbeziehungen. Damit gibt es zwar keine Metamour-Verbindungen, aber 6 Paarbeziehungen, 4 Triaden und 1 Gesamtsystem:

  • 6 Paarbeziehungen:
    A+B, B+C, C+D, A+D, A+C und B+D
  • 4 Triaden:
    A+B+C, B+C+D, A+B+D und A+C+D
  • Und das Gesamtsystem aus allen:
    A+B+C+D

Die Komplexität ist also: 6×1 + 4×1 + 1 = 11

 

 

Also 11mal so viel Zeit, Energie, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen als in einer Zweierbeziehung. Nicht einmal Milliardäre, deren Existenz nicht an Arbeitszeit gebunden ist, können diese Zeit langfristig aufbringen.

Werden noch weitere Menschen in das jeweilige Poly-Netzwerk aufgenommen, steigt die Komplexität bis ins 100fache.

Die Ideologie der Poly-Szene behauptet jedoch, dass ein Polykül tendenziell beliebig um weitere Menschen erweiterbar wäre und dass das für die Betroffenen auch noch schön wäre, nicht nur für die Personen, die gerade frisch verliebt sind, sondern sogar für alle Menschen im Polykül. Dazu kursieren zahlreiche Sprüche, mit denen Polys diese Überzeugung begründen. Mein Lieblingsspruch lautet:

„Eine Beziehung ist wie eine Kerze in einem dunklen Raum. Je mehr Kerzen ich dazustelle, desto heller wird der Raum und desto erfüllter bin ich.“

Wie oben aufgeschlüsselt, kann das weder mathematisch, noch im echten Leben funktionieren.

Die realistische Konsequenz einer ständig romantisch offenen Beziehung mit immer neuen Beziehungspartner_innen ist nämlich, dass die Beteiligten bald nicht mehr die Zeit und Energie aufbringen, damit jede Beziehung die Aufmerksamkeit und emotionale Arbeit bekommt, die sie brauchen würde, um dauerhaft energiegebend und überwiegend schön zu bleiben.

Aus anfänglichen, energiegebenden Verliebtheiten werden so nach wenigen Wochen überwiegend erschöpfende, energiefressende Verbindungen, welche dann mehrere energiefressende Dynamiken zwischen allen Beteiligten antreiben. Oder, im obigen Bild gesprochen: Die Beteiligten haben nicht genügend Zeit und Energie, um die Flammen aller Kerzen im Blick zu behalten. Nach einiger Zeit erlöschen die Kerzen einfach, oder eine Kerze fällt um, und der ganze Raum brennt ab.

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