Die Distanzskala – Teil 2/6: Dynamiken und Vorhersagen oder: Treffen sich zwei im Patriarchat erzogene Menschen…

Sobald zwei Ausprägungen der Distanzskala aufeinander treffen, entfalten sie zusammen ein Rollenreaktions-Bullshit-Bingo (Zitat von Oligotropos über die Distanzskala). Dafür reicht es, wenn lediglich eine Seite ein unfaires sexuelles oder romantisches Interesse hat – und die andere Seite damit einfach nur in Kontakt kommt. Natürlich läuft die Dynamik schneller, wenn beide Seiten ein solches unfaires Interesse haben.

Dabei entfalten die Dynamiken der Distanzskala nur zwischen entgegengesetzten Rollen ihre volle Wirkung: Es braucht also einen Menschen in der Rolle „Frau“ und einen Menschen in der Rolle „Mann“. Das liegt daran, dass ein sexuelles oder romantisches Interesse generell nur zwischen Yin und Yang entstehen kann. Die patriarchalen Rollen sind in dieser Betrachtung eine historisch entstandene toxische Kopie dieses Zusammenspiels: Die Rolle „Frau“ ist ein toxisches Yin (ohne den Yang-Punkt), und die Rolle „Mann“ ist ein toxisches Yang (ohne den Yin-Punkt).

Wenn sich zwei kompatible Menschen in gleichen Rollen (etwa zwei lesbische Frauen in der Rolle „Frau“) begegnen, wechselt oftmals eine Person unbewusst genügend in die andere Rolle, damit ein sexuelles oder romantisches Interesse passieren kann. Dieses Phänomen ist so verbreitet, dass die queere Subkultur eigene Name dafür entwickelt hat: Femme-Butch unter Lesben, sowie Top-Bottom unter Schwulen. Aus diesem Grund tauchen dieselben Verhaltensmuster bei allen sexuellen und romantischen Orientierungen auf.

Aus allen entgegengesetzten Ausprägungen ergeben sich dann 10 verschiedene Dynamiken (vier mal die gleichen vier, minus Duplikate). Diese zehn Situationen entsprechen dann vielzitierten „typischen“ Konflikten und Klischees zwischen Frauen und Männern, die aus eigenen Erfahrungen, Erzählungen anderer und der Popkultur bekannt sein werden. Dabei stimmt die Rolle zwar oft mit dem Geschlecht überein, jedoch können die Rollen genauso:

  • „vertauscht“ sein: die Frau verhält sich in der Rolle „Mann“, und der Mann in der Rolle „Frau“,
  • zwischen zwei Frauen vorkommen: eine Frau verhält sich in der Rolle „Frau“, ihre Partnerin in der Rolle „Mann“,
  • zwischen zwei Männern vorkommen: ein Mann verhält sich in der Rolle „Mann“, sein Partner in der Rolle „Frau“  –
  • und überhaupt kann die Dynamik alle Geschlechter treffen.

Da die patriarchalen Rollen in jeder patriarchalen Gesellschaft allgegenwärtig sind, sind es ebenso die Ausprägungen der Distanzskala. Daher kommen die typischen Konflikte zwischen zwei Menschen jeder Stufe in den meisten Serien, Filmen und Liedern vor, deren Handlung Probleme zwischen Menschen abbildet, die Sex anbahnen, miteinander Sex haben, eine romantische Beziehung anbahnen, oder in einer Beziehung sind.

Im Folgenden habe ich daher einige Lieder zusammengetragen, deren Liedtexte und Stimmungen das Aufeinandertreffen der jeweiligen Stufen ziemlich gut beschreiben. Auch fiktive Charaktere, egal ob aus einem Buch, einem Film oder einer Serie, eignen sich für eine solche Zuordnung. Da die Distanzskala ein Modell über toxische Dynamiken ist, handeln natürlich auch die Lieder, die diese Dynamiken besingen, von Menschen, die Andere ausnutzen, einer unglücklichen Verliebtheit oder Beziehung, oder einer hässlichen Beziehungstrennung.

Alle Lieder gibt es auch als Playlist auf Spotify:

Stufe 1 trifft auf Stufe 1:

Hier trifft eine typische Frau auf einen typischen Mann, also ein Entitlement Girl auf einen Entitlement Guy (oder umgekehrt). Beide fahren jeweils eine anerzogene Doppelmoral: Jede Seite hat für die eigene Rolle typische, unfaire Erwartungen an das Gegenüber, das diese sofort, ohne Gegenleistung, und am besten noch freudig erfüllen soll. Das Entitlement Girl erwartet etwa, dass ihr der Mann jedes ihrer Bedürfnisse von den Augen abliest und sofort erfüllt, noch bevor sie etwas sagen müsste. Der Entitlement Guy möchte hingegen, dass sich die Frau jede seiner häufigen Beschwerden und Jammertiraden vollständig anhört, und dann den Grund der Beschwerden sofort erleichtert oder behebt. Dies sind nur zwei häufig vorkommende Werthaltungen aus vielen – von diesen Entitlements, also ungerechtfertigten Erwartungen, hat sowohl ein Entitlement Girl als auch ein Entitlement Guy wahrscheinlich hunderte, mit noch einmal hunderten Variationen je nach Kultur, sozialer Schicht, und Lebensgeschichte.

Fiktive Entitlement Guys:

The Big Bang Theory: Howard Wolowitz, Raj Koothrappali (mit seinen Dates)

Der Charakter Raj ist ein seltenes Beispiel eines Rollenwechslers: Gegenüber seinen weiblichen Dates verhält er sich in der Rolle „Mann“ als Entitlement Guy. Mit seinen Freunden, speziell Howard, wechselt er jedoch in die Rolle „Frau“ und verhält sich wie ein Entitlement Girl. Diese neue Rolle hält außerdem die homoerotische Anziehung zwischen Howard und ihm aufrecht.

Fiktive Entitlement Girls:

The Big Bang Theory: Raj Koothrappali (mit seinen Freunden)

Friends: Phoebe Buffay

The L Word: Tina Kennard

Entitlement Girl singt über Entitlement Guy:

Aretha Franklin – Respect

Barbara Schöneberger – Das bisschen Haushalt

Entitlement Guy singt über Entitlement Girl:

Aus der Serie „American Dad!“, Staffel 1, Episode 12: Stan (Seth MacFarlane) – I Want A Wife (Not A Partner)

Robin Thicke, Pharrell Williams – Blurred Lines

Wissenswertes über Stufe 2:

Ein Material Girl oder Frauenversteher auf Stufe 2 hat unbewusst die eigenen Prioritäten verlagert. Während auf Stufe 1 noch Aufmerksamkeit und Anerkennung des sexuellen Interesses oder Beziehungspartners am wichtigsten sind, geht es auf Stufe 2 aufgrund der Enttäuschungen zu zweit hauptsächlich um die Anerkennung von möglichst vielen anderen Menschen. Daraus erklären sich alle typischen Verhaltensweisen der Stufe 2: Die unbedingte Anpassung an die Erwartungen der Mehrheit des sozialen Umfelds, sowie die Tendenz zu heimlichen Flirts oder einer heimlichen Affäre:

  • viel Anerkennung auf einmal des neuen Menschen,
  • Rache für die fehlende Anerkennung des_der Beziehungspartner_in,
  • die Möglichkeit, Menschen zu „testen“, die für dieselbe Anpassung mehr Aufmerksamkeit „bezahlen“ – als Reserve, falls die vorhandene Beziehung nicht mehr genügend liefert,
  • Heimlichkeit, damit die Anerkennung der (sexuell geschlossenen) Mehrheit weiterhin passiert.
Fiktive Material Girls:

The Big Bang Theory: Penny, Amy Farrah Fowler

Friends: Monica Geller, Rachel Green

The L Word: Alice Pieszecki, Dana Fairbanks

Fiktive Frauenversteher:

The Big Bang Theory: Leonard Hofstadter

Friends: Chandler Bing, Ross Geller

How I Met Your Mother: Marshall Eriksen

The L Word: Bette Porter, Helena Peabody

Stufe 1 trifft auf Stufe 2:

Ein Mensch hat die Entitlements des Gegenübers langsam satt. Ständig herrscht schlechte Stimmung oder hagelt es Vorwürfe – nie kann er_sie es Recht machen. Um auch mal Ruhe zu haben, beginnt der Mensch, immer öfter nachzugeben, also dem Entitlement Girl / Entitlement Guy nicht mehr zu widersprechen, und „für einen netten Abend“ oder „für den Hausfrieden“ zu tun, was gerade eben verlangt wird – und rutscht damit auf Stufe 2, wird also zu einem Material Girl oder Frauenversteher.

Wer jetzt meint, dass auch mal nachgeben zu können wichtig für eine Beziehung ist, hat Recht. Doch hier gibt immer nur der Mensch auf der Stufe 2 nach, während der Mensch auf Stufe 1 die völlige Erfüllung seiner (von vorneherein unfairen) Erwartung bekommt. Dadurch hat Stufe 2 zwar kurzfristig Ruhe, weil Stufe 1 ausnahmsweise mal zufrieden ist, mittelfristig wird Stufe 2 jedoch immer unzufriedener, da die eigenen Bedürfnisse dauernd zu kurz kommen. Stufe 2 beginnt daher, eine Gegenleistung zu erpressen, indem er_sie das zentrale Bedürfnis des Gegenübers nur gegen „Bezahlung“ im Voraus erfüllt: Ein Material Girl hat nur dann Sex, wenn er ihr etwas Schönes gekauft hat, oder sie zusammen einen romantischen Film gesehen haben. Ein Frauenversteher geht nur dann auf ein Date, oder kuschelt ausgiebig, wenn sie mal wieder einen Blowjob springen ließ.

Material Girl singt über Entitlement Guy:

Madonna – Material Girl

Tammy Wynette – Stand By Your Man

Barbara Schöneberger – Männer muss man loben

Frauenversteher singt über Entitlement Girl:

Reinhard Mey – Noch’n Lied

Revolverheld – Ich lass für dich das Licht an

Fettes Brot – Jein

Bodo Wartke – Ja, Schatz!

Für Stufe 1 erscheint Stufe 2 vorerst als ein angenehmer, netter Mensch, der Bedürfnisse sofort erfüllt, im Gegensatz zu anderen Menschen auf Stufe 1, die ständig die Wünsche des Gegenübers ignorieren, und ihre eigenen in den Vordergrund stellen. Deshalb fühlen sich Menschen auf Stufe 1 sexuell und romantisch eher zu Menschen auf Stufe 2 als zu ihrer eigenen Stufe hingezogen. Nach einiger Zeit begreift Stufe 1 jedoch, dass die eigenen Wünsche nur dann erfüllt werden, wenn er_sie einen Vorschuss auf ein „Konto“ eingezahlt hat (in Form von Zeit, Sex, Rechnungen bezahlen, etc.).

Wenn Stufe 1 genügend gesunde Anteile hat, konfrontiert er_sie an dieser Stelle bald den Menschen auf Stufe 2. Hat Stufe 2 einen Menschen an der Angel, der_die mehr Vorschuss für dieselbe Aufmerksamkeit liefert, verlässt Stufe 2 an dieser Stelle Stufe 1.

Entitlement Guy singt über Material Girl:

CeeLo Green – F*ck you

Entitlement Girl singt über Frauenversteher:

JoJo – Leave (Get Out)

Rihanna – Take a Bow

Haben Stufe 1 und Stufe 2 hingegen weiter Sex oder eine Beziehung, versucht Stufe 1, den Misstand auszugleichen, indem er_sie ebenfalls nur gegen einen Vorschuss Aufmerksamkeit hergibt – und wandert dadurch ebenfalls auf Stufe 2.

Stufe 2 trifft auf Stufe 2:

Nun haben beide Menschen in der Beziehung als wichtigstes Ziel die Anerkennung der Mehrheit ihres sozialen Umfelds. Daher befinden sich zwei Menschen auf Stufe 2 in einem ständigen Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit anderer Menschen: Ein Material Girl setzt Sex ein, damit er ihr etwas Schönes kauft, das sie dann ihren neidischen Freundinnen, Arbeitskolleginnen oder Nachbarn stolz präsentieren kann. Ein Frauenversteher setzt romantische Aufmerksamkeit und Geld ein, damit sie sich genauso kleidet und verhält, damit ihn seine Kumpels, Arbeitskollegen, oder Nachbarn um seinen „Fang“ beneiden. Natürlich eignet sich dafür auch jedes andere Statussymbol, wie der tolle Job, den er haben muss, oder das schöne Haus, das sie einrichtet, etc. Um die persönlichen Bedürfnisse der beteiligten Menschen geht es fast nie.

Material Girl singt über Frauenversteher:

Black Eyed Peas – My Humps

Big Brovaz – Favourite Things

Gitte Haenning – Ich hab geglaubt, du bist verliebt

Frauenversteher singt über Material Girl:

Udo Jürgens – Ich war noch niemals in New York

Die Prinzen – Alles Nur Geklaut

Frauenversteher und Material Girl singen übereinander:

Aus der Serie „Buffy the Vampire Slayer“, Staffel 6, Episode 7 (die Musical-Folge):
Xander (Nicholas Brendon) and Anya (Emma Caulfield) – I’ll Never Tell

So steigt die Frustration, bis die Beteiligten mehr nebeneinander als miteinander leben, oder sogar bis das scheinbar perfekte Paar, dessen Beteiligte aus Sicht der Umgebung „alles (erreicht) haben“, entweder aufgrund einer aufgeflogenen Affäre, oder eines heftigen Beziehungskrachs über all die verschwiegenen Bedürfnisse, in einer hässlichen Beziehungstrennung endet.

Lieder über eine Beziehungstrennung von zwei Menschen auf Stufe 2:
Frauenversteher singt über Material Girl:

Sunrise Avenue – Fairytale Gone Bad

Frauenversteher und Material Girl singen übereinander:

Gotye and Kimbra – Somebody That I Used To Know

Wissenswertes über Stufe 3:

Einem Menschen auf der Stufe 3, also einer Bitch oder einem Traumprinzen, geht es zwar immer noch um die Anerkennung möglichst vieler Menschen, jedoch gestalten diese die Suche nach Anerkennung „effizienter“: Die Meinung der Mehrheit des sozialen Umfelds ist nur solange wichtig, bis sich ein Opfer findet, welches sich durch Manipulationen leicht ausbeuten lässt, also für möglichst wenig Aufwand möglichst viel Aufmerksamkeit zur Verfügung stellt.

In einer Beziehung versprechen Menschen auf Stufe 3 gerne Bindung (das bringt Aufmerksamkeit) und verweigern sie im Anlassfall („Was, du bist krank? Nein, ich hab gerade keine Zeit.“) oder beenden sogar plötzlich die Beziehung, nur um wenig später wieder zurück zu wollen. Solche Aktionen bezeichnen Menschen auf Stufe 3 dann gerne als „erwachsen“, „unabhängig“, oder „Freiheit“.

Für ihre Manipulationen setzen sowohl Bitch als auch Traumprinz im sozialen Umgang eine „Maske“ auf: Sie sagen und machen ganz genau das, was das Gegenüber ihrer Meinung nach hören will, und bekommen damit im Vergleich zu den unteren Stufen schnell viel Aufmerksamkeit. Diese Maske ist jedoch für beide Seiten toxisch: Menschen auf Stufe 3 erleben dabei einen immer größeren Identitätsverlust – sie wissen bald selbst nicht mehr, was jetzt Maske, und was sie selbst sind.

Bei einem anfälligen Gegenüber löst die Maske hingegen eine konkrete Idealisierungsfantasie aus: Der Mensch auf der Stufe 3 ist dann plötzlich „sooo toll“ oder „sooo interessant“, ohne dass dieser Mensch irgendetwas Tolles oder Interessantes getan hätte – wenn sich die Menschen bereits kennen, lassen sich bei Stufe 3 sogar Reaktionen mit dem exakten Gegenteil finden (langweilig, ungut, verletzend) – die sich der betroffene Mensch mit der Idealisierung üblicherweise wegerklärt. Je kompatibler die Menschen hinsichtlich Erziehung, Werthaltungen, und Lebensgeschichte sind, desto konkreter kann die Idealisierungsfantasie werden. Deshalb bewundern für Idealisierungen anfällige Menschen nicht automatisch jeden Menschen auf Stufe 3.

Die Dynamik zwischen einer Frau auf Stufe 1 (Entitlement Girl) oder Stufe 2 (Material Girl) und einem Mann auf Stufe 3 (Traumprinz) ist darüber hinaus einer der Grundpfeiler des Patriarchats, weil sie bei Frauen die Unterdrückung von sexuellen, und bei Männern die Unterdrückung von emotionalen Bedürfnissen noch weiter verstärkt. Mehr dazu unter: Warum stehen Frauen auf Arschlöcher?

Fiktive Bitches:

The Big Bang Theory: Bernadette Rostenkowski

How I Met Your Mother: Lily Aldrin, Robin Scherbatsky

The L Word: Jenny Schecter (am Anfang der Serie)

Fiktive Traumprinzen:

Friends: Joey Tribbiani

How I Met Your Mother: Barney Stinson, Ted Mosby

The L Word: Shane McCutcheon, Eva „Papi“ Torres

Stufe 1 trifft auf Stufe 3:

Ein kompatibler Traumprinz oder eine Bitch kann durch die „Maske“ bei einem Menschen auf der Stufe 1, also einem Entitlement Girl oder -Guy, eine Idealisierungsfantasie auslösen.

Für Stufe 1 reagiert Stufe 3 immer wieder unvorhersehbar, und erscheint dadurch als „erfahren“, „interessant“, oder einfach „anders“ – im Gegensatz zu anderen Menschen auf Stufe 1, die immer die gleichen ignoranten Manöver probieren. Dann gibt es aber noch Menschen auf Stufe 2, die nett und angenehm wirken, im Gegensatz zu den „Launen“ von Stufe 3. Deshalb fühlen sich Menschen auf Stufe 1 erst einmal sexuell und romantisch zu Menschen auf Stufe 2 hingezogen. Nach einiger Zeit jedoch langweilt sich Stufe 1 mit Stufe 2, und zwar sobald Stufe 2 durch die immer gleichen „Ja, Schatz“-Reaktionen ebenfalls vorhersehbar wird. An dieser Stelle findet Stufe 1 einen unvorhersehbaren Menschen auf Stufe 3 plötzlich ungeheuer interessant.

Entitlement Girl singt über Traumprinz:

Pat Benatar – Treat Me Right

Alicia Keys – Fallin‘

Miley Cyrus – Wrecking Ball

Maria Bill – I mecht landen

Stufe 3 sieht Stufe 1 einerseits als „Frühstück“, weil Stufe 1 unerfahren ist, und naiv auf die meisten Manipulationen von Stufe 3 hereinfällt.

Traumprinz singt über Entitlement Girl:

Guns N’Roses – It’s So Easy

The Who / Limp Bizkit – Behind Blue Eyes

Michael Jackson – Billie Jean

David Lee Roth – Just a Gigolo / I Ain’t Got Nobody

Georg Danzer – Vorstadtcasanova

EAV – Küss die Hand, schöne Frau (Unzensierte Maxi-Version)

Bitch singt über Entitlement Guy:

Ariana Grande – Thank U, Next

Andererseits jedoch erinnert Stufe 1 den Menschen auf Stufe 3 unbewusst an eine einfachere Zeit – als Stufe 3 selbst noch an eine bessere Welt glaubte. Deswegen verklärt Stufe 3 gerne Stufe 1 als „Neuanfang“, „unschuldige Jugend“, und dergleichen. So sind männliche Traumprinzen oft von weiblichen „Jungfrauen“ fasziniert, da sie diesen zuschreiben, aufgrund ihrer Unerfahrenheit selbst die unbemühteste und ignoranteste Art Sex (wenig Aufwand) noch beeindruckend zu finden (viel Aufmerksamkeit). Dadurch hat Stufe 3 eine Idealisierungsfantasie in die Gegenrichtung. Diese enttäuscht Stufe 1 jedoch schnell – einerseits durch die Tatsache, dass Stufe 1 ein individueller Mensch ist, andererseits durch die typischen unfairen Erwartungen und Ignoranzen.

Damit Stufe 3 unvorhersehbar reagieren (und so auch manipulieren) kann, braucht er_sie jedoch ein vorhersehbares Gegenüber. Die eigene Fehleinschätzung verunsichert Stufe 3 daher völlig, worauf Stufe 3 nicht selten mit Paranoia reagiert, und hinter jedem indirekten Kommunikationsversuch oder aufgeblasenen Geschichte von Stufe 1 ein Manöver nach dem eigenen Stil vermutet. Um sich weiterhin mächtig zu fühlen, beginnt Stufe 3 daher, Stufe 1 bei jeder Gelegenheit nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ emotional zu attackieren.

Wenn Stufe 1 genügend gesunde Anteile hat, verlässt er_sie an dieser Stelle bald den übergriffigen Menschen auf Stufe 3.

Entitlement Girl „am Weg raus“, singt über Traumprinz:

Taylor Swift – I Knew You Were Trouble.

Jennifer Lopez – Qué Hiciste

Gloria Gaynor – I Will Survive

Stefanie Werger – Stoak wie a Felsen

Entitlement Guy „am Weg raus“, singt über Bitch:

Wise Guys – Nur für dich (beginnt als Frauenversteher, wechselt mitten im Lied auf Entitlement Guy)

Wünscht sich Stufe 1 hingegen weiter Sex und/oder eine Beziehung von Stufe 3, und hält deswegen Kontakt, wandert er_sie bald auf Stufe 2, um über „Ich mach alles, was du willst“ mehr (positive) Aufmerksamkeit von Stufe 3 zu bekommen. Das Ignorieren der eigenen Bedürfnisse macht den betroffenen Menschen allerdings anfälliger für Idealisierungen, was eine besonders hässliche Dynamik (siehe Stufe 2 trifft auf Stufe 3) in Gang setzt.

Stufe 2 trifft auf Stufe 3:

Menschen auf Stufe 2 sind besonders anfällig für eine Idealisierungsfantasie, da sie ständig mit der Wunscherfüllung von anderen beschäftigt sind (den Entitlements der Stufe 1 oder den Erwartungen der Mehrheit auf Stufe 2), und in der Idealisierungsfantasie einen Menschen sehen, der endlich ihnen ihre tiefsten Wünsche erfüllt (wenigstens im Traum…).

Material Girl singt über Traumprinz:

Connie Francis – Schöner Fremder Mann (über eine Idealisierungsfantasie)

Carly Rae Jepsen – Call Me Maybe

Boney M – Daddy Cool

Britney Spears – Toxic

The Cardigans – My Favourite Game

Frauenversteher singt über Bitch:

James Blunt – You’re Beautiful (über eine Idealisierungsfantasie)

Radiohead – Creep

Hozier – Take Me To Church

Soft Cell – Tainted Love

Alice Cooper – Poison

Xavier Naidoo – Sie sieht mich nicht

Dies ist jedoch eine Falle. Denn Stufe 3 erfüllt von den angedeuteten oder versprochenen Dingen nur den Bruchteil, der gerade bequem ist. Sobald Stufe 3 sich genügend Aufmerksamkeit (in Form von Sex, Freundschaft, Liebe, etc.) geholt hat, verliert er_sie bald das Interesse am Gegenüber. Wie lange dieses Interesse anhält, ist manchmal ein geplantes Machtspielchen, meistens jedoch ganz einfach unklar, bis eine Gelegenheit für mehr Aufmerksamkeit die Sache kurzfristig entscheidet. Gerne hält sich Stufe 3 daher Stufe 2 mit gelegentlichen kurzen Kontaktaufnahmen für die nächste Aufmerksamkeitslieferung warm.

Geht eine solche Manipulation über Monate oder Jahre, produziert sie auf Stufe 2 emotional zutiefst verletzte und enttäuschte Menschen, die oft Jahre brauchen, um Misstrauen gegenüber neuen Menschen abzustellen, und sich (wieder) auf etwas Ernsthaftes einzulassen. Auf Stufe 3 entstehen getriebene Menschen, die sich nie einem anderen Menschen öffnen, sondern nur mehr für den nächsten Aufmerksamkeitsschuss leben, weil sie in sich selbst keine Bedeutung mehr finden.

Traumprinz singt über Material Girl:

Mark Ronson & Bruno Mars – Uptown Funk

Roger Cicero – Kein Mann für eine Frau

EAV – Märchenprinz

Die Ärzte – Zu Spät

Bitch singt über Frauenversteher:

Britney Spears – Oops!…I Did It Again

Marshmello & Anne-Marie – FRIENDS (was nach „Oops!…I Did It Again“ üblicherweise passiert)

Carrie Underwood – Before He Cheats

Aus dem Musical „Cabaret“: Sally Bowles  – Mein Herr

Stufe 3 trifft auf Stufe 3:

Hier treffen eine Bitch und ein Traumprinz aufeinander. Beide handeln nach dem Motto: „Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt“. Und tatsächlich ähnelt ein sexuelles oder romantisches Interesse zwischen beiden einem strategisch geführten Krieg. Beide Seiten versuchen sich gegenseitig zu manipulieren, mit dem Ziel, möglichst wenig Aufmerksamkeit, also auch Interesse am Gegenüber, herzugeben.

Hat eine Seite „zu viel“ Bedürftigkeit gezeigt, und droht dadurch das Spielchen zu verlieren, wird mit Manipulationen anderer Menschen (siehe Stufe 1 trifft auf Stufe 3 und Stufe 2 trifft auf Stufe 3) der eigene „Punktestand“ aufgebessert.

Wenn eine Seite schon länger auf Stufe 3 ist, die andere jedoch gerade erst die Stufe erreicht hat, bewundert der unerfahrene Mensch oftmals, dass der erfahrene auf Manipulationen nicht reagiert, und lässt sich darum mit ihm_ihr ein. Der erfahrene profitiert dabei von der billigen Aufmerksamkeit des unerfahrenen. Treffen zwei sexuell inkompatible Menschen auf Stufe 3 aufeinander, „adoptiert“ der erfahrene nicht selten den unerfahrenen Menschen, und versorgt diese_n mit Tipps, wie Manipulationen gelingen. Natürlich wendet der unerfahrene Menschen die gelernten Spielchen sofort auf den erfahrenen an, sollte der_die einmal einen schwachen Moment haben.

Traumprinz singt über Bitch:

Justin Timberlake – Cry Me A River

Blackstreet ft. Dr. Dre, Queen Pen – No Diggity (ein unerfahrener Traumprinz über eine erfahrene Bitch)

Wolfgang Ambros – Die Blume aus dem Gemeindebau (ein unerfahrener Traumprinz über eine erfahrene Bitch)

Rammstein – Du Hast

Bitch singt über Traumprinz:

Icona Pop – I Love It

Britney Spears – …Baby One More Time

Katy Perry – Hot N Cold

Taylor Swift – We Are Never Ever Getting Back Together

Gitte Haenning – Freu dich bloß nicht zu früh

Wissenswertes über Stufe 4:

Menschen auf der Stufe 4, also Missbrauchstäter und -innen, wissen sehr genau, dass sie mit ihrem Verhalten ihren Opfern schweren Schaden zufügen und/oder kriminell sind. Da zuvor sie auf der Distanzskala hinaufgewandert sind, denken sie jedoch, dass dies der einzige Weg sei, um garantiert Bedürfniserfüllung und Aufmerksamkeit von anderen Menschen zu bekommen: „Die anderen würden mich auch einfach sterben lassen!“

Daher wählt Stufe 4 das eigene Umfeld mit Bedacht aus – es muss genügend Opfer haben, die sich nicht wehren, damit Stufe 4 Aufmerksamkeit bekommt, sowie verlässliche Mitläufer_innen, die Missstände gegenüber den Opfern sowie Außenstehenden wegerklären.

Dazu benutzt Stufe 4 die „Maske“, die er_sie auf Stufe 3 gelernt hat, und setzt sie gezielt ein, um bei misstrauisch gewordenen Gegenübern eine Idealisierungsfantasie auszulösen, und damit sowohl Opfer als auch Mitläufer_innen zu steuern. Damit kann ein prügelnder Lebensgefährte lange genug gegenüber seiner Frau beteuern, dass es ihm sooo Leid tut, bis sie ihn zurücknimmt, oder eine Frau, die ihre Erpressungen zu weit getrieben hat, die arme, treusorgende Ehefrau spielen, die ja „nur das Beste“ für ihren Mann wollte.

Fiktive Missbrauchstäterinnen:

The L Word: Jenny Schecter (am Ende der Serie)

Stufe 1 trifft auf Stufe 4:

Ein Mensch auf der Stufe 1 (Entitlement Girl oder -Guy) findet einen kompatiblen Menschen auf Stufe 4 (Missbrauchstäter_in) ähnlich „anders“ oder „interessant“ wie Stufe 3, und zwar wenn die geübte „Maske“ von Stufe 4 eine Idealisierungsfantasie auslöst. Diese Fantasie ist auf Stufe 1 allerdings noch leicht verstörbar. Das passiert, sobald sich Stufe 4 in Sicherheit wähnt, die Maske daher weglässt, und das Gegenüber misshandelt. Dann gibt es für Stufe 1 zwei Möglichkeiten, zu reagieren:

Wenn Stufe 1 genügend gesunde Anteile hat, verlässt er_sie an dieser Stelle bald den übergriffigen Menschen auf Stufe 4.

Wünscht sich Stufe 1 hingegen weiter Sex und/oder eine Beziehung von Stufe 4, und hält deswegen Kontakt, wandert er_sie bald auf Stufe 2, um über „Ich mach alles, was du willst“ Stufe 4 keinen Grund für Misshandlungen zu geben. Das Ignorieren der eigenen Bedürfnisse macht den betroffenen Menschen allerdings anfälliger für Idealisierungen, was die Dynamik von Gewalt in der Beziehung (siehe Stufe 2 trifft auf Stufe 4) in Gang setzt.

Stufe 2 trifft auf Stufe 4:

Sobald ein Material Girl oder Frauenversteher auf Stufe 2, und eine Missbrauchstäterin oder ein Missbrauchstäter auf Stufe 4 ausreichend kompatibel sind, beginnt die Katastrophe:

Stufe 2 ist durch sein Verhalten sowohl das perfekte Opfer, weil am anfälligsten für Idealisierungsfantasien, als auch der perfekte Mitläufer, wegen der unbedingten Anerkennung des sozialen Umfelds. Stufe 4 „organisiert“ sich daher mithilfe der „Maske“ einen möglichst hilflosen Menschen auf Stufe 2. Seine Spielchen betreibt Stufe 4 so lange, bis Stufe 2 entweder hündisch ergeben ist, und/oder existenziell abhängig, indem er_sie kein eigenes Geld mehr verwaltet, und/oder der_die Gewalttäter_in Stufe 2 von allen bedeutsamen sozialen Interaktionen mit anderen Menschen fernhält. Ist das eingezogen, lässt Stufe 4 der eigenen Gewalt freie Bahn, und bedient nur dann die „Maske“, wenn sich das Opfer durch andere Mittel nicht kontrollieren lässt.

Stufe 2 versteht hingegen die Welt nicht mehr: „Als wir uns kennengelernt haben, war er_sie ganz anders.“. Um möglichst wenig Gewalt abzubekommen, fügt sich Stufe 2 jeder Regung von Stufe 4, und versucht jede Kleinigkeit Recht zu machen – und holt sich fehlende Anerkennung anderswo. Stufe 4 findet jedoch, dass jegliche Aufmerksamkeit und Anerkennung von Stufe 2 ihm_ihr „allein gehört“, und befürchtet, dass Stufe 2 durch Kontakt zu anderen Menschen jemand Besseren finden könnte. Deswegen veranstalten Menschen auf Stufe 4 regelmäßig paranoide Eifersuchtsdramen, und halten ihre Opfer durch Drohungen oder Wegsperren von anderen Menschen fern. Wenn Stufe 4 durch dieses Verhalten auffliegen würde, lässt Stufe 4 zwar Kontaktpersonen zu, allerdings nur solange diese völlige Mitläufer_innen (mehr auf Stufe 2 als das Opfer, oder Stufe 3) sind.

Währenddessen versucht Stufe 2 die Dramen und die Gewalt von Stufe 4 nach außen hin so gut wie möglich zu verstecken, und hält krampfhaft das Bild der „heilen Familie“ aufrecht, um nicht auch noch die Anerkennung des sozialen Umfelds zu verlieren.

Missbrauchstäter singt über Material Girl:

Die Toten Hosen – Alles aus Liebe

Stufe 3 trifft auf Stufe 4:

Manipulationen, die bleibenden Schaden hinterlassen, hat der Mensch auf Stufe 3 bisher vermieden – die waren ihm_ihr dann doch nicht ganz geheuer. Doch da Menschen auf Stufe 3 nichts wichtiger ist als Status, und geschickte Missbrauchstäter_innen in einer patriarchalen Gesellschaft oftmals einen hohen Status haben, blickt ein Mensch auf Stufe 3 bald bewundernd auf einen skrupellosen Menschen auf der Stufe 4: Diese Menschen schrecken vor nichts zurück, und bekommen dadurch jederzeit alles, was sie sich gerade einbilden. Also möchte Stufe 3 unbedingt Aufmerksamkeit von Stufe 4 bekommen, um dadurch im Status befördert zu werden – und um bei dessen Opfern nachzutreten.

Für Stufe 4 ist Stufe 3 natürlich ein willkommener Trottel, den er_sie genauso wie alle Anderen in seiner Umgebung ausbeuten kann. Im Gegensatz zu den unteren Stufen ist Stufe 3 jedoch praktisch, da dessen ständige Manipulationen unerwünschte Menschen verwirren oder fernhalten, welche sonst die Machenschaften des_der Missbrauchstäter_in aufdecken würden.

Bitch singt über Missbrauchstäter:

Lady Gaga – Bad Romance

Stufe 4 trifft auf Stufe 4:

Zwei Menschen auf Stufe 4, die miteinander Sex haben, oder in einer Beziehung sind, wissen beide, dass ihr Gegenüber ohne Hemmungen jede erdenkliche Gewalt anwenden wird. Daher erhalten sie ihren Zustand durch ein „Gleichgewicht des Schreckens“ aufrecht. Dazu gestehen sich beide ein eigenes Netzwerk aus Opfern zu, an denen sie sich abreagieren können. Die Stimmung schwankt dabei zwischen Auflauern zum Selbstschutz und Bewunderung, wenn dem Gegenüber ein besonders guter „Coup“ gelungen ist.

Missbrauchstäter singt über Missbrauchstäterin:

Scissor Sisters – I Can’t Decide

Wer selbst Lieder oder Charaktere einordnen möchte – hier ein paar Tipps:

Wie ich entdeckt habe, ist die Rollenverteilung in Medien für den Mainstream erschreckend klassisch: Männliche Sänger / Charaktere sind auf der Distanzskala der Rolle „Mann“, und weibliche Sängerinnen / Charaktere auf der Distanzskala der Rolle „Frau“. Diese Vorannahme funktioniert daher meistens. Wer „vertauschte“ Rollen oder Rollen bei lesbischen oder schwulen Interaktionen sucht, findet diese am ehesten bei queeren Künstler_innen.

Menschen auf Stufe 4 (Missbrauchstäter_in) sind leicht zu erkennen: Sie benutzen physische (Verprügeln, Drohungen, etc.) oder psychische Gewalt (Erpressung, Tone Policing, etc.)., um damit die gewünschte Anerkennung und Aufmerksamkeit zu erzwingen.

Stufe 3 (Bitch oder Traumprinz):

  • findet sich selbst „zu gut für diese Welt“,
  • erzählt über die Gefühle „hinter der Maske“ („Behind Blue Eyes“),
  • schildert, wie er_sie ein Interesse vortäuscht, um sich damit etwas völlig Anderes zu erschleichen.
  • plant und liefert offene Manipulationen / Racheaktionen.

Stufe 2 (Material Girl oder Frauenversteher):

  • verbiegt sich völlig für die Beziehung („Ja, Schatz!“),
  • hat ein schlechtes Selbstwertgefühl und idealisiert andere Menschen („I’m a creep“),
  • möchte unbedingt allen Erwartungen der eigenen sozialen Schicht, des Freundeskreises, etc. entsprechen, und dafür bewundert werden,
  • liefert impulsive, heimliche Racheaktionen.
  • Wenn Stufe 2 finanzielle Zuwendungen erwartet („zahl mir das Getränk / das Haus / mein Leben“), ist es ein Material Girl.

Stufe 1 (Entitlement Girl / Guy) bleibt meistens nach Ausschluss der obigen Punkte übrig. Direkt erkennbar ist Stufe 1 daran, dass er_sie eigentlich ganz nett wirkt, aber dann plötzlich eine ungute oder unfaire Bemerkung über das jeweils andere Geschlecht macht.

Wer sich bei der Rolle unsicher ist, kann:

  1. Das Spielchen nachvollziehen:
    • Mensch täuscht sexuelle Verfügbarkeit vor -> Rolle „Frau“
    • Mensch täuscht emotionale Verfügbarkeit vor -> Rolle „Mann“
  1. Oder wenn eine Rolle der Interaktion bereits bekannt ist, für die zweite Rolle einfach das Gegenstück annehmen (weil die Distanzskala nur zwischen Rolle „Frau“ und Rolle „Mann“ ihre volle Wirkung entfaltet).

Ich freue mich über Liedvorschläge und Anfragen, etwas auf der Distanzskala einzuordnen, und werde diese ggf. in meine Liste aufnehmen! Kommentare willkommen!

Die Distanzskala – Teil 3/6: Der Sexismus des Entitlement Girls oder: Wie Frauen die netten Männer vertreiben

Die Dynamiken der Distanzskala werden also mit jeder höheren Stufe härter und traumatischer. Alle diese Verhaltensweisen haben jedoch „klein angefangen“ – und zwar in der traditionellen Rolle „Frau“ und der traditionellen Rolle „Mann“, die Menschen je nach Geschlechtsmerkmalen bei der Geburt zugeteilt bekommen. Menschen mit Vulva werden dabei in ein Verhaltensmuster erzogen, das ich Entitlement Girl nenne, und Menschen mit Penis in ein Verhaltensmuster, das ich als Entitlement Guy bezeichne.

Sobald im Patriarchat (v)erzogene Menschen in die Pubertät kommen, und ihre sexuellen und romantischen Bedürfnisse voll ausfalten, geschieht das mithilfe der anerzogenen toxischen Verhaltensweisen. Diese sind auf Stufe 1 fast ausschließlich unbewusst, und daher mit der wenigen Lebenserfahrung der meisten Jugendlichen oder jungen Erwachsenen kaum zu durchschauen.

Allerdings beginnt bereits hier das Bullshit-Bingo, mit dem Menschen auf Stufe 1 die Menschen wegschicken, die sie sich eigentlich als Sex- oder Beziehungspartner_in wünschen würden. Dadurch bleiben bald nur ungeeignete Menschen für Sex oder eine Beziehung übrig, was eine toxische Fortgehkultur und unglückliche Beziehungen hervorbringt. Das Verhalten eines Menschen auf Stufe 1 ist dabei so perfid, dass es alle Menschen abstößt, die weniger Patriarchat haben – egal es um Menschen geht, die überwiegend gesund sind, oder solche, die einfach weniger unfaire Erwartungen / Entitlement haben.

So schicken Frauen die netten Männer weg:

Ein Entitlement Girl hat einen Mann kennengelernt, den sie interessant findet und dessen Aufmerksamkeit sie haben möchte. Also probiert sie mit Verhaltensweisen, die sie aus ihrer sozialen Umgebung oder aus der Popkultur (Filmen, Serien, …) kennt, den Mann auf sich aufmerksam zu machen und dazu zu bringen, ihr zuzuhören und Gefallen zu tun, was, so hofft sie, irgendwann zu einer Freundschaft oder zu romantischer Aufmerksamkeit in Form einer Liebesbeziehung führen wird. Im eurozentrischen Kulturkreis lernt ein Entitlement Girl schon früh, dass ihr Körper ein begehrtes Gut ist, und dass sie mit freizügiger Kleidung, sexuellen Anspielungen und Flirten am ehesten die Aufmerksamkeit von Hetero-Männern auf sich zieht. Genau das tritt aber eine Spirale los, die effektiv verhindert, dass die Frau eine ehrliche Freundschaft oder eine Liebesbeziehung bekommt. Nicht weil sexuelle Anspielungen falsch wären – ganz im Gegenteil – sondern weil alle diese Handlungen nichts Freundschaftliches oder Liebevolles kommunizieren! Sie sind anregend und eventuell geil, führen die Aufmerksamkeit des Mannes jedoch auf den Körper der Frau, nicht auf ihr Gehirn und ihre Gedanken und Gefühle, worum es in einer Freundschaft und Liebesbeziehung geht.

Wenn das Entitlement Girl nun mit einem Mann flirtet, reagiert dieser unterschiedlich:

1) Der Mann ist ein völliger Entitlement Guy:

Er reagiert vorerst tatsächlich mit Nettigkeiten auf ihre sexuellen Andeutungen. Allerdings meint er nichts davon ernst, sondern wartet nur ab, bis sie endlich die Beine breit macht. Dauert es ihm zu lange – und viel Geduld hat ein Entitlement Guy nicht – äußert er beleidigende Wortmeldungen und slutshamed die Frau. Ist sie daraufhin enttäuscht, weil die Nettigkeiten vorbei sind, fordert er Sex als „Bezahlung“ für seine Anwesenheit und erfolgte Aufmerksamkeit ein, und stellt damit das alleinige Recht der Frau auf ihren Körper infrage. Wenn die Frau an dieser Stelle die Begegnung nicht abbricht, versucht er durch Herumjammern, Schmollen, Erpressung oder einem kleinkindartigen Trotzanfall die Frau doch noch zu Sex zu „überreden“. Dadurch verhindert er eine Konsensverhandlung – behandelt die Frau also übergriffig.

2) Der Mann ist noch ein Entitlement Guy, hat jedoch bereits begonnen, sein eigenes Entitlement infrage zu stellen:

Die Handlungen der Frau kommunizieren ein sexuelles Angebot, und darauf steigt er ein. Er ist sich jedoch bewusst, dass er kein Anrecht auf den Körper der Frau hat und dass Sex nur vielleicht passieren wird. Da er aber noch unbewusst die patriarchale Lüge der Rolle „Mann“ laufen hat, die seine Empathiefähigkeit unterdrückt, verhält er sich in vielen Belangen der Frau gegenüber ignorant und misst „mit zweierlei Maß“: Beispielsweise sieht er es als selbstverständlich, dass er die Frau beim Reden jederzeit unterbrechen kann, wenn sie ihn jedoch in der selben Art unterbricht, ist er beleidigt.

3) Der Mann ist weitgehend gesund und hat auch die patriarchale Lüge der Rolle „Mann“ durchschaut:

Er überprüft, ob er an der Frau nur sexuell interessiert ist, oder ob es auch genügend Gemeinsamkeiten für eine Bekanntschaft, eine Freundschaft oder gar Resonanz auf der Ebene Liebe gibt (und er in einer Lebenssituation ist, in der das passt). Wenn ja, beginnt er von sich aus die jeweilige Näheebene durch passende Handlungen anzustreben (Bekanntschaft: Unterhaltungen über gemeinsame Themen, Freundschaft: Vorschläge zu gemeinsamen Unternehmungen, Liebesbeziehung: romantische Gesten). Wenn er zusätzlich oder ausschließlich Sex zum Spaß möchte, macht er eine (unmissverständliche) sexuelle Anbahnung. Er achtet in allen sozialen Situationen darauf, mit demselben Maß zu messen, und der Frau dieselben Rechte zuzugestehen, die er für sich selbst einfordern würde. Wenn er gar nichts möchte, kommuniziert er einfach höflich sein Desinteresse.

Nun fühlt sich das Entitlement Girl aber durch jede dieser Verhaltensweisen in ihrer schlechten Meinung über Männer bestätigt:

1) Entitlement Guy:

Während für sie klar ist, dass sie nur wegen der Aufmerksamkeit ein bisschen flirtet und nett ist, hält der Entitlement Guy ihr Verhalten bereits für einen unterschriebenen Vertrag, laut dessen sie ihm von dem Moment an, wo er sie geil findet, Sex schuldet. Sie hat sich extra hübsch gemacht und bemüht sich, attraktiv und nett rüberzukommen – und der Scheißkerl beleidigt und slutshamed sie dafür. Sie fühlt sich daher (zurecht) ausgenutzt und ist wütend auf den ignoranten, rücksichtslosen Typen. Falls der Entitlement Guy auch noch versucht, sie zum Sex emotional zu erpressen, geht sie mit einer gehörigen Portion Rest-Wut aus der Begegnung, welche dann zukünftige Männer – egal ob Entitlement Guy oder gesund – ausbaden werden. So wird sie einen der nächsten Männer schon bei dessen Erwähnung von Sex mit Slutshaming attackieren, um damit eine Belästigung wie die Einforderung von Sex gleich im Keim zu ersticken.

2) Entitlement Guy, der sein eigenes Entitlement hinterfragt:

Da er hauptsächlich auf ihre sexuellen Andeutungen einsteigt, und sie sonst immer wieder ignorant behandelt, findet dadurch keine echte bekanntschaftliche, freundschaftliche oder romantische Aufmerksamkeit statt. Ihr eigentlicher Wunsch wurde also frustriert. Die Frau ist daher unbewusst wütend auf den Mann, wovon sie bewusst nur einen diffusen Ärger über ihn, den sie sich selbst nicht ganz erklären kann, mitbekommt. Jenen Ärger muss sie aber irgendwo abreagieren, weswegen dieser schließlich in Form von Missachtung und Slutshaming des Mannes herausbricht: Sie behandelt dann seine Gefallen als selbstverständlich, wurscht oder sogar als „nicht gut genug“, und macht beleidigende oder abwertende Kommentare bei jeder Gelegenheit, die sie an den eigentlichen Wunsch erinnern – Gefallen anderer Männer, die der Kerl nicht macht, verliebte Pärchen auf der Straße, usw. Anstatt ihre Wünsche dem Mann mitzuteilen, verleumdet sie ihn vor ihren weiblichen Freundinnen, die sie durch ähnliche Erfahrungen mit Männern dabei unterstützen.

3) Gesunder Mann:

Das Entitlement Girl rechnet nicht damit, einen gesunden Mann vor sich zu haben, der ihr tatsächlich ihre bekanntschaftlichen, freundschaftlichen oder romantischen Wünsche erfüllt. Für sie gleicht er einem „gefundenen Fressen“: Anfangs ist sie überrascht und geschmeichelt. Bald ist sie jedoch der Meinung, dass er ihr nur gibt, was ihr ja schon seit langem zugestanden wäre. Sie hält ihre Anwesenheit und Zeit bereits für ihre Leistung, wofür der Mann mit seiner Aufmerksamkeit „bezahlt“. Dem Mann gegenüber ist dies natürlich ein gewaltig ignorantes Verhalten: Er ruft sie an, um zu erfahren, wie es ihr geht, sie nur dann, wenn sie etwas von ihm braucht oder (meistens über andere Männer) jammern will. Er schlägt gemeinsame Unternehmungen vor, sie macht jedoch nur mit, wenn es ganz nach ihrem Kopf geht – was ihm gefällt, ist ihr ziemlich egal.

Der Mann empfindet die soziale Verbindung bald nicht mehr als Bekanntschaft, Freundschaft, oder erfüllende Liebesbeziehung, sondern als ein ausbeuterisches Verhältnis. Falls er mit ihr ein Gespräch darüber sucht, reagiert sie auf Änderungswünsche seinerseits entweder genervt oder übergeht diese einfach. Das bewirkt, dass er den Kontakt einschränkt oder ganz abbricht und sich eine geeignetere Frau sucht, die seine Wünsche ebenso berücksichtigt wie er die ihren. Das Entitlement Girl reagiert dann mit Unverständnis und Wut auf diese Maßnahme – aus ihrer Sicht gibt es schließlich keinen Grund, warum sie seine Aufmerksamkeit nicht mehr „verdient“ hätte. Damit ist sie wieder in der Ausgangssituation gelandet.

Die Distanzskala – Teil 4/6: Der Sexismus des Entitlement Guys oder: Wie Männer die aufregenden Frauen vertreiben

Die Dynamiken der Distanzskala werden also mit jeder höheren Stufe härter und traumatischer. Alle diese Verhaltensweisen haben jedoch „klein angefangen“ – und zwar in der traditionellen Rolle „Frau“ und der traditionellen Rolle „Mann“, die Menschen je nach Geschlechtsmerkmalen bei der Geburt zugeteilt bekommen. Menschen mit Vulva werden dabei in ein Verhaltensmuster erzogen, das ich Entitlement Girl nenne, und Menschen mit Penis in ein Verhaltensmuster, das ich als Entitlement Guy bezeichne.

Sobald im Patriarchat (v)erzogene Menschen in die Pubertät kommen, und ihre sexuellen und romantischen Bedürfnisse voll ausfalten, geschieht das mithilfe der anerzogenen toxischen Verhaltensweisen. Diese sind auf Stufe 1 der Distanzskala fast ausschließlich unbewusst, und daher mit der wenigen Lebenserfahrung der meisten Jugendlichen oder jungen Erwachsenen kaum zu durchschauen.

Allerdings beginnt bereits hier das Bullshit-Bingo, mit dem Menschen auf Stufe 1 die Menschen wegschicken, die sie sich eigentlich als Sex- oder Beziehungspartner_in wünschen würden. Dadurch bleiben bald nur ungeeignete Menschen für Sex oder eine Beziehung übrig, was eine toxische Fortgehkultur und unglückliche Beziehungen hervorbringt. Das Verhalten eines Menschen auf Stufe 1 ist dabei so perfid, dass es alle Menschen abstößt, die weniger Patriarchat haben – egal es um Menschen geht, die überwiegend gesund sind, oder solche, die einfach weniger unfaire Erwartungen / Entitlement haben.

So schicken Männer die aufregenden Frauen weg:

Ein Entitlement Guy hat eine Frau kennengelernt, mit der er Sex haben möchte. Also probiert er mit Verhaltensweisen, die er aus seiner sozialen Umgebung oder aus der Popkultur (Filmen, Serien, …) kennt, die Frau zu beeindrucken, was, so hofft er, irgendwann zu Sex führen wird. Im eurozentrischen Kulturkreis sind dies üblicherweise Nettigkeiten und Gefallen der Frau gegenüber, also Gesten wie Tür aufhalten, schwere Sachen tragen, kleine Geschenke ohne Anlass oder Handlungen wie Zuhören, eine gemeinsame Unternehmung, die der Frau gefällt, usw. Genau das tritt aber eine Spirale los, die effektiv verhindert, dass die Frau mit ihm einfach so Sex hat. Nicht weil nette Handlungen falsch wären – ganz im Gegenteil – sondern weil alle diese Handlungen nichts Sexuelles kommunizieren! Sie sind nett, aufmerksam, eventuell sogar lieb – aber nicht aufregend und geil. Diese Tatsache lässt die Frau unterschiedlich reagieren:

1) Die Frau ist ein völliges Entitlement Girl:

Sie freut sich an den Nettigkeiten, sieht aber keine Notwendigkeit darin, die Gefallen des Mannes in irgendeiner Form zu erwidern – ihre Leistung ist doch bereits ihre Anwesenheit, und dass sie Zeit mit ihm verbringt. Sex wird sie nur mit ihm haben, wenn er ihr ausreichend Aufmerksamkeit gegeben hat. Schafft er das Maß nicht, das sie sich vorstellt, waren seine Aufmerksamkeit und Aufwendungen eben gratis – selber schuld, wenn der Kerl sich nicht bemüht. Falls der Entitlement Guy doch eine sexuelle Anspielung macht, die seinen Wunsch klarstellt, und noch nicht mit genügend Aufmerksamkeit dafür „bezahlt“ hat, reagiert das Entitlement Girl mit Empörung und Slutshaming gegenüber dem Mann: „Wie kommst du dazu, mich nach so etwas zu fragen?!“ Hier ist anzumerken, dass es natürlich die alleinige Entscheidung der Frau ist, mit wem sie Sex hat. Allerdings sagt sie nicht einfach „Nein“, was ausreichend wäre, sondern attackiert den Mann grundlos. Dadurch verhindert sie eine Konsensverhandlung – behandelt den Mann also übergriffig.

2) Die Frau ist noch ein Entitlement Girl, hat jedoch bereits begonnen, ihr eigenes Entitlement infrage zu stellen:

Die Handlungen des Mannes kommunizieren nichts Sexuelles, daher steigt sie auf das ein, was sie versteht. Die Handlungen sind auf der Näheskala eindeutig zuordenbar:

Tür aufhalten, schwere Sachen tragen, über ein gemeinsames Thema unterhalten: Ebene 4, Bekanntschaft
Kleine Geschenke ohne Anlass, Zuhören, eine gemeinsame Unternehmung: Ebene 5, Freundschaft

Sie versteht also, dass der betreffende Mann eine platonische Bekanntschaft oder Freundschaft mit ihr beginnen möchte und gibt ihm entsprechende Gefallen zurück: Wenn er ihr bei einem Thema zugehört hat, hört sie ihm bei der nächsten Gelegenheit genauso zu. Wenn er ihr ein kleines Geschenk macht, überlegt sie sich ebenfalls ein kleines Geschenk im selben Wert für ihn, usw.

Da sie selbst noch unbewusst die patriarchale Lüge der Rolle „Frau“ laufen hat, die ihre Sexualität unterdrückt, kommt sie nicht auf die Idee, dass der Hintergrund der Gefallen Sex mit ihr sein könnte, und verbleibt deswegen bei einer Bekanntschaft oder Freundschaft. Falls der Entitlement Guy doch eine sexuelle Anspielung macht, die seinen Wunsch klarstellt, kennt sie sich entweder nicht aus („Ich dachte, wir wären befreundet?“), hält es für einen Scherz, oder empfindet es zwar als Kompliment, lehnt aber höflich ab, da sie den Mann aufgrund der gezeigten Handlungen nie als aufregend erlebt hat, und ihn daher auch nicht sexuell anziehend findet.

3) Die Frau ist weitgehend gesund und hat auch die patriarchale Lüge der Rolle „Frau“ durchschaut:

Sie überprüft, ob sie diesen neuen Mann attraktiv und sympathisch genug für Sex findet. Wenn ja, steigt sie ihm auf eine sexuelle Anspielung ein oder bietet ihm von sich aus bald Sex an. Wenn nein, oder wenn sie in einer Lebenssituation ist, in der das nicht passt, kommuniziert sie ihm höflich ihr Desinteresse. Andere Gefallen lehnt sie entweder ab, weil sie keine Bekanntschaft oder Freundschaft möchte, oder nimmt sie an, und achtet dann darauf, Gefallen im selben Wert zurückzugeben.

Nun fühlt sich der Entitlement Guy aber durch jede dieser Verhaltensweisen in seiner schlechten Meinung über Frauen bestätigt:

1) Entitlement Girl:

Während er sich bemüht, Zeit und Aufmerksamkeit investiert, kommt von der Frau genau gar nichts zurück. Er fühlt sich daher (zurecht) ausgenutzt und ist wütend auf die ignorante, eingebildete Tussi. Falls ihn das Entitlement Girl dann auch noch slutshamed, sobald er nach Sex fragt, geht er mit einer gehörigen Portion Rest-Wut aus der Begegnung, welche dann zukünftige Frauen – egal ob Entitlement Girl oder gesund – ausbaden werden. So wird er bei einer der nächsten Frauen nach einem Gefallen nicht mehr nach Sex fragen, sondern gleich Sex mit ihr einfordern, womit er ihr alleiniges Recht auf ihren Körper infrage stellt. Damit verhindert er eine Konsenverhandlung – behandelt die Frau also übergriffig.

2) Entitlement Girl, die ihr eigenes Entitlement hinterfragt:

Da kein Sex stattfindet, wurde sein Wunsch frustriert. Er ist daher unbewusst wütend auf die Frau, wovon er bewusst nur einen diffusen Ärger über sie, den er sich selbst nicht ganz erklären kann, mitbekommt. Jenen Ärger muss er irgendwo abreagieren, weswegen dieser schließlich in Form von Missachtung und Slutshaming gegenüber der Frau herausbricht: Er behandelt dann ihre Gegengefallen als selbstverständlich, wurscht oder sogar als „nicht gut genug“, und macht beleidigende oder abwertende Kommentare bei jeder Gelegenheit, die ihn an Sex erinnert – ihre Art zu kleiden, Fortgehen, Treffen mit anderen Männern, usw. Diese Situation beschreiben Entitlement Guys üblicherweise mit dem Begriff Friendzone. Die Frau ist verständlicherweise beleidigt, weil er aus ihrer Sicht ihre jeweiligen Gefallen nicht wertschätzt, und verletzt, sobald er sie einige Male slutgeshamed hat. Das bewirkt, dass sie den Kontakt einschränkt oder ganz abbricht. Damit ist für den Entitlement Guy natürlich jegliche Chance auf Sex vertan – und er zieht über die Frau vor seinen männlichen Freunden her, die ihn durch ähnliche Erfahrungen mit Frauen dabei unterstützen.

3) Gesunde Frau:

3a) Sofort:

Der Entitlement Guy rechnet nicht damit, eine gesunde Frau vor sich zu haben, die ihm auf eine sexuelle Anspielung ernsthaft einsteigt oder ihm sogar von sich aus Sex anbietet. Er fühlt sich von der Selbstsicherheit der Frau erniedrigt, da er sie gerne beeindruckt hätte, nicht umgekehrt, wie es der Fall ist. Einerseits steht nun Sex endlich im Angebot, andererseits kommt er überhaupt nicht damit klar, dass die Frau „seine“ Rolle in der Interaktion einnimmt. Wenn die Frau zusätzlich sexuell erfahren ist, also weiß, was sie will und das auch verlangt, zerstört dies sein Weltbild endgültig. Der Entitlement Guy weiß nicht, wie er sich jetzt verhalten soll – und da die patriarchale Lüge der Rolle „Mann“ seine Empathiefähigkeit unterdrückt, fischt er aus seiner eigenen Verunsicherung das eine Gefühl, mit dem er sich auskennt, und das ihn wieder „männlich“ wirken lässt: Aggression. Also lässt er passiv-aggressiv eine möglichst abwertende Slutshaming-Bemerkung vom Stapel. Die gesunde Frau hat aber kein Interesse an einem Männchen, das mit ihr völlig überflüssig um die Rangordnung streitet, sondern hätte sich einen Mann gewünscht, mit dem sie lustvollen, empathischen Sex haben kann. Sie zieht daher ihr Angebot nach dem Motto „Dann halt nicht, du Trottel“ zurück und sucht sich einen anderen, besser geeigneten Mann.

3b) Mit Zeitverzögerung:

Falls der Entitlement Guy trotz seiner gefühlten Erniedrigung höflich und freundlich reagiert, und es tatsächlich zu Sex kommt, wird die gesunde Frau danach kein zweites Mal Sex mit ihm wollen: Der Entitlement Guy ist nämlich der Meinung, dass seine Anwesenheit und Gefallen (egal, ob die Frau diese angenommen hat oder nicht) bereits seine Leistung waren und dass die Frau, indem sie Sex mit ihm hat, dafür „bezahlt“. Daher verhält er sich beim Sex ziemlich ignorant und tut nichts für die Lust der Frau – wozu auch, er hat seine Leistung ja schon längst erbracht. Auf Wünsche der Frau reagiert er genervt oder überhört diese einfach. Die Frau hat dadurch verständlicherweise nicht viel Spaß, und wird sich für das nächste Mal einen geeigneteren Mann suchen, dem ihre Lust genauso wichtig ist wie ihr die seine. Der Entitlement Guy ist dann zwar das eine Mal befriedigt, aber stößt spätestens beim nächsten Mal, wenn er Sex möchte, auf Ablehnung und negatives Feedback der Frau. Darauf reagiert er mit Unverständnis und Wut – aus seiner Sicht gibt es schließlich keinen Grund, warum er Sex mit ihr nicht mehr „verdient“ hätte. Damit ist er wieder in der Ausgangssituation gelandet.

Im Mainstream – Teil 1/4: Wir sind monogam!

Der Mainstream bezeichnet eine Gruppe von Menschen in der eurozentrischen/westlichen Gesellschaft (und weiteren Gesellschaften), die durch ihre Anpassung an soziale Erwartungen die Unterdrückung von (insbesondere weiblicher) Sexualität befeuern. Da sie die Mehrheit an der Gesamtbevölkerung stellen, sind sie die Hauptquelle für die Entstehung und Aufrechterhaltung der patriarchalen Irrglauben und Lügen – also des Patriarchats.

Die gegenwärtige feministische Literatur hat für diese Gruppe die neutrale Bezeichnung heteronormativer Mainstream entwickelt:

  • Hetero, weil die bevorzugte Orientierung in dieser Mehrheitskultur heterosexuell und heteroromantisch ist, weswegen Menschen mit einer homosexuellen und homoromantischen Orientierung negative Reaktionen erfahren.
  • Normativ, weil sich die betreffenden Menschen an den Werthaltungen der Mehrheit – den Normen – orientieren, um ihr Leben daran anzupassen, und dies auch von ihrer Umgebung verlangen.
  • Mainstream (engl. Strömung), weil die Mehrheit der Menschen wie Wasser in einem Fluss in dieselbe Richtung treibt.

Seit es einen solchen Mainstream gibt, haben Menschen andere Lebensweisen angestrebt und ausprobiert – diese waren jedoch immer eine Minderheit. Bezeichnungen wie Subkultur (lateinisch sub = unter) oder alternative Szene (lateinisch alter = anders). ergeben sich daher aus dem Vergleich mit der Mehrheitskultur. Aktuelle Beispiele für diese Lebensweisen sind alternative Sexualität in Form von Swingen oder BDSM, und das alternative Beziehungsmodell Polyamorie.

Menschen mit Lebensweisen, die so zentrale Themen wie Sex und Liebe anders handhaben, stellen damit den Mainstream selbst infrage, und stoßen dadurch bei Menschen, die ihr Leben den Meinungen des Mainstreams angepasst haben, meistens auf negative Reaktionen: Unverständnis und Unsichtbarmachung sorgen dafür, dass sich alternative Menschen als „die einzigen“ vorkommen, sich einsam fühlen, und keine Sprache und Möglichkeiten haben, über ihre Bedürfnisse zu reden oder Gleichgesinnte zu finden. Je nach Aufenthaltsort können auch Diskriminierung, alltägliche Gewalt oder sogar Verfolgung hinzukommen.

Wenn sich dann Menschen mit ähnlichen Interessen in einer Subkultur zusammenfinden, sind diese oftmals wütend über ihre Erfahrungen im Mainstream, und möchten sich auch in der Sprache bewusst von der Mehrheitskultur abgrenzen. Daher hat fast jede Subkultur abwertende Bezeichnungen für den Mainstream hervorgebracht, die oftmals auch die – im Vergleich zur Subkultur – einschränkenden Denkmuster betonen: Spießbürger, Spießer, Kleinbürger, Establishment, Normalos, Muggel (wie die nicht-magischen Menschen der Harry Potter-Geschichten), oder Stinos (ein_e Stino, mehrere Stinos, steht für stinknormale Menschen).

Auf meinem Blog verwende ich allerdings die neutrale Bezeichnung – also heteronormativer Mainstream, oder einfach Mainstream.

Innerhalb des Mainstreams ist monogam ein allgegenwärtiges Schlagwort. Es wird als Aussage über die eigene Identität gebraucht: „Ich bin monogam“. Bei genauerem Nachfragen kann Monogamie oder monogam, je nachdem, welche Person gefragt wird, allerdings verschiedene Bedeutungen haben:

  • Sex nur mit einem Menschen zu wollen
  • Eine Liebesbeziehung nur mit einem Menschen zu wollen
  • In einer Liebesbeziehung nur Sex mit diesem einen Menschen zu wollen

Etymologisch besteht monogam aus mono (altgr. eins) und gam (altgr. Sexualpartner). Davon kommt auch Gameten, der Fachbegriff für Keimzellen, also Ei- und Samenzellen. Im eigentlichen Wortsinn sollte monogam also „einen einzigen Sexualpartner habend“ bedeuten. Das stimmt aber schon im Tierreich nicht. So gehen Vögel, die sich zum Brüten einen lebenslangen Partner suchen, ein paar Mal im Jahr sexuell fremd (Männchen und Weibchen!), werden aber trotz dieses Paarungsverhaltens als „monogame Tiere“ bezeichnet und oftmals als Vorbild für menschliche monogame Liebesbeziehungen zitiert.

Die meisten Menschen verstehen heute unter Monogamie den dritten Punkt: in einer Liebesbeziehung keinen Sex mit anderen Menschen als dem_der Beziehungspartner_in zu wollen. Allerdings entspricht dies nicht der Natur der meisten Menschen, sondern ist eine falsche Idee des Mainstreams.

Ob eine Idee falsch ist, ist daran ersichtlich, ob sich beim Aufeinandertreffen der Idee und ihrer Umsetzung in der Wirklichkeit Widersprüche finden lassen. In diesem Fall werden wir schnell fündig: Heimliche sexuelle Affären oder Trennungen aufgrund von Fremdgehen (= Sex mit jemand Anderem als der Liebesbeziehung zu haben) sind tief in das kollektive Gedächtnis der eurozentrischen/westlichen Gesellschaft eingegraben: Sowohl jahrhundertealte Geschichten als auch die moderne Popkultur greifen diese immer wieder auf. Daraus ist also ableitbar, dass die meisten Menschen, egal ob Frau, Mann oder weiteres Geschlecht, sehr wohl das Bedürfnis haben, nicht nur mit dem Menschen in ihrer Liebesbeziehung, sondern auch mit anderen Menschen außerhalb davon Sex zu haben.

Allerdings zeigt nicht nur die Tatsache, dass Menschen überhaupt fremdgehen, sondern auch die Definition des Wortes, dass hier etwas gewaltig nicht zusammenpasst.

Beispiele:

Ein Hetero-Pärchen, das sich selbst als „monogam“ sieht, ist gemeinsam mit seinem besten Hetero-Freund auf Urlaub und sitzt zu dritt am Strand. Der beste Freund cremt der Frau des Pärchens den Rücken mit Sonnenschutz ein.

Wo ist nun die Grenze zum „Fremdgehen“?

  • Eine gute Rückenmassage, die beide ein bisschen antörnt?
  • Ein Gespräch, wo miteinander geflirtet wird?
  • Wenn sie ihr Bikini-Top auszieht und er ihre Brüste ebenso mit eincremt?
  • Wenn alle FKK sind und das gegenseitig antörnend finden, sodass eine kurze sexuelle Stimmung entsteht, wo beide Männer eine sichtbare Erektion bekommen?

Jedes Pärchen hat dazu seine eigene Meinung und, im Idealfall, Spielregeln: Für manche ist bereits Flirten mit anderen attraktiven Menschen eine Todsünde, andere ziehen nur bei Handlungen an den Geschlechtsorganen oder bei vaginalem Geschlechtsverkehr eine Grenze.

Das Wort monogam, wie es im Alltag verwendet wird, ist also vieldeutig, und ergibt daher keinen Sinn:

  • Entweder ist es schwammig definiert: Jedes Pärchen macht sich seine konkrete Bedeutung neu aus. Als Folge davon verstehen sich zwei und mehr Pärchen gegenseitig nicht, wenn sie den Begriff Monogamie verwenden. Und tatsächlich kann eine ernsthafte Diskussion über die Frage, was denn nun monogam sei, eine abendfüllende Streitdiskussion produzieren, und sogar einen Freundeskreis spalten.
  • Oder es ist ganz einfach falsch: Denn die Definition, die die meisten verstehen, nämlich in einer Liebesbeziehung nur Sex mit diesem einen Menschen zu wollen, ist eine falsche Idee über die Menschheit.

Diese falsche Idee nenne ich die monogame Lüge.

Im Mainstream – Teil 2/4: Die monogame Lüge oder: Was du nicht weißt, macht dich nicht heiß

Die monogame Lüge ist im Wesentlichen eine Ableitung der patriarchalen Lüge der Rolle „Frau“, mit dem Unterschied, dass es nun keine gegenteilige Rolle (wie die Rolle „Mann“) mehr gibt. Dieses Lügenkonstrukt kann von allen Geschlechtern vertreten werden, egal ob Frau, Mann, oder weiteres Geschlecht.

Die monogame Lüge besteht wiederum aus vier Lügen und behauptet:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.
  2. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.
  3. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, jemand Anderen sexuell begehrenswert zu finden.
  4. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.

In allen patriarchalen Gesellschaften fördern die meisten Menschen die monogame Lüge, entweder indem sie fest daran glauben, und sich alle Widersprüche wegerklären, oder sie zumindest nach außen aufrechterhalten, während „unter der Bettdecke“, im Puff, etc. ganz andere Dinge passieren.

Das Bedürfnis nach Sex ist eines der stärksten Kräfte im Menschen und lässt sich nicht ohne Konsequenzen unterdrücken. Wird nun das sexuelle Bedürfnis auf der Ebene Lust nur gemeinsam mit der Ebene Liebe, also laut der monogamen Lüge mit einem einzigen Menschen, zugelassen, bleibt immer ein signifikanter Teil dieses Bedürfnisses unbefriedigt. Da Energie nicht einfach verschwindet, sondern immer nur den Wirkungsort wechselt, muss diese unterdrückte Energie irgendwo hin; also steigt der Druck im Unbewussten, bis sich das Bedürfnis irgendwann Bahn bricht.

Kurzfristig geschieht das in spontanen sexuellen Begegnungen, die erst dann passieren, wenn alle Beteiligten genug enthemmende Drogen (wie Alkohol) genommen haben, damit die Hemmschwelle sinkt und das unterdrückte Bedürfnis nicht mehr so viele Hindernisse bis ins Außen überwinden muss. Um die vorhandene falsche Idee nicht in Frage stellen zu müssen, und damit gegen die Mehrheit der Menschheit anzutreten, geschehen diese Ausbrüche heimlich, oder werden zumindest danach so gut wie möglich verheimlicht.

Mittelfristig werden verheimlichte sexuelle Affären angestrebt und gelebt, die natürlich abseits vom Sex mit der Liebesbeziehung stattfinden. Sobald jemand jedoch eine Geschichte über eine heimliche Affäre erwähnt, oder das Thema als Elefant im Raum steht, haben die Personen, die schon einmal heimlich Sex während einer sexuell geschlossenen Liebesbeziehung hatten, schnell Rechtfertigungen für ihr Verhalten anzubieten: Der heimliche Sex fand dann angeblich statt, um

  • sexuelle Spielarten auszuleben, von denen sie glauben (aber nie gefragt haben), dass der Partner / die Partnerin diese nicht antörnend findet oder als Ganzes ablehnt.
  • sich eine „Wellness-Behandlung“ oder eine „Belohnung“ zu gönnen, die sie aufgrund irgendwelcher Aufwände oder Aufopferungen in der Beziehung verdient hätten.
  • sich am Beziehungspartner für einen empfundenen Mangel an emotionaler Aufmerksamkeit zu rächen.

Interessant ist dabei, dass es in diesen Rechtfertigungen nie um den Menschen geht, mit dem oder der der heimliche Sex stattgefunden hat, sondern immer um die zentralen emotionalen Probleme innerhalb der Beziehung: Den Unwillen, dem Partner einmal richtig zuzuhören, oder in Ruhe nach Bedürfnissen zu fragen, und/oder den Unwillen, selbst potentiell ungewöhnliche Bedürfnisse anzusprechen.

Die Notwendigkeit für die Geheimhaltung findet sich daher nicht in den Aussagen der Rechtfertigungen, sondern im Wunsch, Konflikte zu vermeiden – hauptsächlich mit dem eigenen Beziehungspartner, aber auch mit dem (patriarchalen) sozialen Umfeld, wo die meisten Menschen die gleichen Probleme sowie den gleichen Unwillen haben, diese zu konfrontieren. Das ist der wahre Ursprung des Wortes „Betrügen“ für heimlichen Sex außerhalb einer sexuell geschlossenen Liebesbeziehung: Die Person, die ein heimliches Erlebnis oder eine Affäre hat, kann ihr sexuelles Bedürfnis auf der Ebene Lust (mehr) ausleben, was Konflikte offenlegen würde, während dieselbe Person sich weiterhin öffentlich als sexuell geschlossen präsentiert, und damit falschen Frieden und Toleranz sowohl mit dem eigenen Beziehungspartner, als auch im größeren sozialen Umfeld erlebt.

Wer dieses Verhalten für eine kluge Strategie hält, lässt sich ziemlich täuschen. Während die gesamte Situation so aussieht, als ob die Konflikte umgehbar sind, und so niemals bearbeitet werden müssten, unterdrücken die betroffenen Personen die Konflikte lediglich. Da der Zweck einer Liebesbeziehung ist, sich zu lieben und sich umeinander zu kümmern, also ein gemeinsames Leben im größten Ausmaß zu teilen, hat der_die Beziehungspartner_in das Recht, an allen Entscheidungen teilzunehmen, die die gemeinsame Zeit, Energie und Unternehmungen beeinflussen – einschließlich der Sexualität. Aus diesem Grund ist Wünsche wie die eigene Sexualität und sexuelle Fantasien dem Beziehungspartner vorzuenthalten ganz objektiv unethisch. Der „betrügende“ Mensch macht die Situation sogar noch schlimmer als vorher: Er erzeugt nämlich zusätzliche Konflikte wegen der zutiefst unfairen Natur seines Verhaltens, die ein Potential für das explosive Auffliegen der Lügengebäude rund um den heimlichen Sex schafft.

Die belgisch-israelische Paartherapeutin Esther Perel hat einen umfassenden TED-Talk zum Thema heimliche Affären gehalten, dem ich in allen Punkten zustimme. Sie bespricht darin, was Menschen dazu treibt, in einer Beziehung heimlich Sex zu haben, und wie betroffene Paare nach einer aufgeflogenen Affäre wieder zusammenfinden können.

Daraus aber zu schließen, diejenigen, die ihre sexuellen Wünsche heimlich ausleben, wären die „Bösen“ und diejenigen, die das brav gemäß der monogamen Lüge nicht tun, wären die „Guten“, ist genauso falsch. Denn in Wirklichkeit haben Mensch A und Mensch B in einer Liebesbeziehung, die gemeinsam die monogame Lüge leben, an ihrer Aufrechterhaltung jeweils zu 50% ihren Anteil.

Mensch A ignoriert die eigenen sexuellen Bedürfnisse an andere Menschen und erwartet dies auch vom Gegenüber: Damit haben wir die ersten 50%. Denn vom Gegenüber einzufordern, die eigene Sexualität, einen der stärksten Teile der eigenen Persönlichkeit, zu ignorieren, ist nicht Liebe, sondern blankes Besitzdenken. Mensch B wird wie ein Sexspielzeug behandelt, das nach Gebrauch wieder in die Lade zurückgelegt wird und dort bleibt, nicht wie ein selbst entscheidendes Individuum mit gleichen Rechten.

Mensch B, der seine eigenen sexuellen Bedürfnisse nicht ignoriert, erwartet von Mensch A, ihm_ihr keine Grenzen bei der Auslebung der eigenen sexuellen Bedürfnisse zu setzen. Das kommt daher, dass nur mit Rebellion aus einem starren System ausgebrochen werden kann. Der erste Schritt ist dabei immer, das exakte Gegenteil der bekämpften Sache anzuwenden, um diese damit zu besiegen. Wenn also eine Seite gemäß der monogamen Lüge ständig Grenzen zieht, versucht die Gegenseite durch eine absolute Allergie gegen alle Grenzen, auch gegen sinnvolle, diesen Unterdrückungsmechanismus zu beenden. Damit haben wir die fehlenden 50%.

Diese beiden Persönlichkeitsstrukturen verstärken sich nun gegenseitig:

Mensch B, der seine Ebene Lust ausleben will, ist vom ständigen Abblocken von Mensch A, der seine eigene Ebene Lust unterdrückt und die seines Gegenübers ignoriert, genervt. Je nach Dauer und Art des Konflikts kann Mensch B viel Wut entwickeln, die sich schließlich in alleinigen Aktionen niederschlägt: „Wenn du mir mein gutes Recht nicht zugestehst und mich wie ein Spielzeug behandelst, mache ich es halt einfach, ohne dich zu fragen!“

Dieses Verhalten bleibt von Mensch A natürlich nicht unbemerkt, doch anstatt an der eigenen Weltsicht zu zweifeln, wird die Wut an dem_der Beziehungspartner_in ausgelassen und noch mehr abgeblockt: „Du hast nur mit mir Sex zu wollen, und gegen dieses Gesetz gehandelt, jetzt ziehe ich die Barrikaden noch höher!“

Beide Seiten sehen sich im Recht und versuchen, ihr Gegenüber von der Richtigkeit der eigenen Strategie zu überzeugen – dabei betreiben beide den 50%-Anteil eines Konzeptes, das an sich falsch ist.

Das kann solange gehen, bis sich die monogame Lüge selbst in den Schwanz beißt:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.

Ein Mensch in der Liebesbeziehung findet andere Menschen geil und würde mit diesen gerne sexuelle Erlebnisse anstreben.

  1. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.

Dieser Mensch verschwurbelt nun – meistens unbewusst (!) – aufgrund der monogamen Lüge sein eigenes Bedürfnis:

Um Sex allein kann es nicht gehen. Denn einen sexuellen Wunsch zu haben bedeutet ja, automatisch auch einen romantischen Nähewunsch auszudrücken…

Außerdem nervt die ständige Notwendigkeit zur Verheimlichung. Warum können wir nicht „einfach so“ … ?

Damit beginnt der Mensch, sich in einen neuen Menschen, den er_sie gerade geil findet, zu verlieben. Und hier ist nicht die Rede von der Einzementierung der patriarchalen Lüge, wo die Ebene Liebe vorgespielt wird, um Sex zu bekommen. Der Mensch, der sich verliebt, empfindet tatsächlich Verliebtheitsgefühle und einen Beziehungswunsch mit diesem neuen Menschen.

Wenn die Verliebtheit erwidert wird, ist der abblockende Mensch mit seinen eigenen Waffen geschlagen: Denn gemeinsam mit der Ebene Liebe gibt es auch eine Ebene Lust mit dem neuen Menschen – ganz offiziell. Der Mensch, der sich verliebt hat, kann nun endlich mit einem anderen Menschen einfach Sex haben.

Wegen dem dritten und vierten Punkt der monogamen Lüge wird nun allerdings die Ebene Liebe mit dem ersten Menschen in Frage gestellt:

  1. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, jemand Anderen sexuell begehrenswert zu finden.
  2. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.

Im Umkehrschluss bedeutet nun die Tatsache, dass sich der_die Beziehungspartner_in neu verliebt hat, dass die eigene Liebesbeziehung und/oder die gemeinsame Sexualität innerhalb der Liebesbeziehung nicht das Richtige für alle Beteiligten war. Wenn sie das gewesen wäre, man selbst/das Gegenüber ja nicht mit einem anderen Menschen Sex angestrebt und/oder sich neu verliebt.

Dieser Konflikt erzeugt emotionalen Schmerz auf beiden Seiten und führt im üblichsten Szenario zur Trennung des Ursprungspaares. Damit kommen wir zu einem wohlbekannten Phänomen, das sowohl im Mainstream als auch in der queeren Szene weit verbreitet ist: der seriellen Monogamie.

Im Mainstream – Teil 3/4: Serielle Monogamie

Der Begriff serielle Monogamie bedeutet, im Laufe seines Lebens mehrere Liebesbeziehungen hintereinander zu haben. Das ist an sich kein Problem, denn natürlich kann es passieren, dass eine Liebesbeziehung nicht funktioniert hat und später wieder eine neue eingegangen wird. Die serielle Monogamie ist allerdings keine Folge, sondern eine Ursache davon, dass Liebesbeziehungen immer wieder scheitern.

Ein Mensch, der serielle Monogamie lebt, steht diesem Wechsel nämlich aufgeschlossen gegenüber. Das bedeutet, dass dieser Mensch bei jeder begonnenen Liebesbeziehung wenigstens unbewusst davon ausgeht, dass diese an einem Punkt garantiert scheitern wird, anstatt die Ebene Liebe mit dem wesentlichen romantischen Wunsch „Wir wollen unser Leben miteinander verbringen!“ gleichzusetzen.

Das wiederum beeinflusst die Einstellung zu Beziehungsarbeit: Die anfängliche Verliebtheit stellt Energie bereit, die dazu gedacht ist, das gemeinsame Austragen und Lösen von Konflikten voranzutreiben, bis eine stabile Ebene Liebe erreicht ist. Nun ist aber mindestens eine_r der Beteiligten gar nicht bereit, gemeinsam an der Liebesbeziehung zu arbeiten und Konflikte konstruktiv auszutragen: Die aktuelle Beziehung wird ohnehin scheitern – wozu sich also die Arbeit antun?

Das Ergebnis sind Menschen, die die gemeinsame Verliebtheit miteinander genießen – das allerdings nur für eine begrenzte Zeit. Sobald nämlich für die Aufrechterhaltung dieser Gefühle mehr und mehr Beziehungsarbeit benötigt wird, wird das Gegenüber bald „aussortiert“, um mit einem neuen Menschen wieder Verliebtheit ohne störende Konflikte erleben zu können. Konflikte in der neuen Beziehung lassen dann wiederum nicht lange auf sich warten, und der ganze Kreislauf beginnt von vorne.

Es gibt aber noch einen weiteren Faktor, der diesen Kreislauf antreibt: die Monogamie selbst, also sexuell geschlossene Beziehungen.

Da sich die Ebene Lust immer an verschiedene Menschen gleichzeitig richtet, ist der Wechsel seriell monogamen Menschen unbewusst durchaus willkommen: Endlich wieder ein anderer Körper und somit Abwechslung im Sexleben.

Nun unterdrückt aber die monogame Lüge die Ebene Lust. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit immens, sich innerhalb einer bestehenden Liebesbeziehung durch den Mechanismus der monogamen Lüge neu zu verlieben.

Wenn aus diesen sekundärmotivierten Verliebtheiten Liebesbeziehungen begründet werden, geschieht meistens ein bekanntes Phänomen: Einige Wochen lang sind alle Beteiligten super verliebt und haben so oft Sex wie nur möglich. Danach kommt die Ernüchterung:

„Der Sex war eine Zeit lang echt gut, aber jetzt nicht mehr so, und sonst weiß ich ehrlich gesagt nicht, was ich mit dir machen soll. Wir haben kaum gemeinsame Interessen und nach welchen zu suchen fühlt sich schon beim Gedanken daran mühsam an. Ich denke, die Luft ist einfach raus. Besser wir machen Schluss, bevor das noch anstrengender wird.“

Daran ist ersichtlich, dass es von vorneherein nur um die Ebene Lust miteinander ging und gemeinsamer Sex zum Spaß die bessere Option gewesen wäre – ohne folgende Trennung und die damit verbundene emotionale Enttäuschung.

Im Mainstream – Teil 4/4: Verliebt in einen anderen Menschen – wie geht es weiter?

Der dritte Punkt der monogamen Lüge lautet:

  1. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.

Diese Behauptung ist deshalb eine Lüge, da es natürlich passieren kann, dass sich Menschen während einer gesunden Liebesbeziehung in jemand Anderen verlieben. Ohne die monogame Lüge ist das immer noch möglich; es kommt allerdings viel seltener vor.

Grundsätzlich ist es ein gesundes menschliches Verhalten, Resonanz-Menschen auf der Ebene Liebe zu erkennen und darauf zu reagieren. Das wesentliche Kriterium ist nicht, ob sich jemand verliebt, sondern wie damit umgegangen wird.

Eine gemeinsame Liebesbeziehung zu beginnen, ist immer eine bewusste Entscheidung. Ist die eigene Liebesbeziehung auf der Ebene Liebe bereits grundsätzlich erfüllt, macht es keinen Sinn und produziert enormen emotionalen Schmerz, aufgrund einer neuen Verliebtheit die Ursprungsbeziehung zu beenden.

Mit diesem Hintergrund macht es Sinn, zu dem neuen Resonanz-Menschen auf der Ebene Liebe auf Abstand zu gehen. Wichtig ist aber, sich die Ursachen der neuen Verliebtheit anzuschauen. Oft kommt dabei nämlich tatsächlich etwas Neues für die Ursprungsbeziehung heraus. Das kann sein:

Wie die Beteiligten einer Paarbeziehung diese Konflikte konstruktiv austragen und gesunde Lösungen finden können, steht in der Artikelreihe: Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung?

Was ist Polyamorie?

Polyamorie bezeichnet, obwohl sie immer wieder in diesem falschen Kontext genannt wird, keine alternative Sexualität, sondern ein alternatives Modell über romantische Beziehungen. Die Adjektive sind polyamor, polyamourös oder (abgekürzt) poly.

Sprachlich besteht das Wort aus poly (= altgriech. mehr als eine_r, viele) und amor (= lat. Liebe). Damit werden Menschen benannt, die Verliebtheit/Beziehungswunsch/Partnerschaftsleben/Liebe auf der Ebene Liebe mit mehr als einem Menschen gleichzeitig leben wollen. Die zentrale Eigenschaft ist dabei, dass alle Beteiligten im Beziehungsgeflecht von der gegenseitigen Existenz wissen und diese im Konsens leben.

Der Lebensentwurf benötigt von vorneherein mehr Zeit, Energie und emotionale Arbeit als eine geschlossene Liebesbeziehung zu zweit, ganz einfach weil sich mehr als zwei Menschen regelmäßig auf gemeinsame Dinge einigen müssen. Außerdem gibt es in Mehrfachbeziehungen Fragen und Problemstellungen, die zu zweit gar nicht vorkommen, z. B. „Wer liegt in der Mitte?“ oder „Könntest du zwischen uns vermitteln?“.

Da unsere bisherige Sprache für Polyamorie keine Bilder hat, braucht es für diese Art von Beziehung neue Begriffe. Die Vorlage des Mainstreams ist, dass eine Liebesbeziehung aus zwei Menschen besteht. Das spiegelt die Sprache wider: Für Bekannte und Freunde gibt es unbestimmte Mehrzahlworte (wie Bekannten- oder Freundeskreis), die Begriffe Paar oder Pärchen weisen hingegen auf die Zahl Zwei hin (ein Paar Schuhe = zwei Schuhe), genau wie Zweierbeziehung.

Polyamorie braucht hingegen mehr als eine Liebesbeziehung, also mindestens drei Menschen. Für ein Beziehungsgeflecht aus mehr als zwei Menschen wurde dafür aus der Chemie das Molekül entlehnt: So entstand polycule aus Überschneidung zwischen polyamory und molecule. Dessen deutsche Übersetzung ist analog dazu Polykül.

Sobald mehr als zwei Menschen auf der Ebene Liebe verbunden sind, steigt auch die Komplexität – und zwar mit jedem weiteren Menschen um einen bestimmten Faktor. Der Vergleich mit einem Molekül ist daher passend: Ebenso wie in der Chemie alles auf die nächste stabile Einheit mit dem geringsten Aufwand zurückfällt, orientieren sich Polyküle an der geringsten Komplexität, also der Mindestanzahl. Daher bilden sich die häufigsten längerfristig stabilen Polyküle aus drei Menschen. Ein Polykül zu dritt kann in zwei verschiedenen Varianten auftreten; diese werden dann nach ihrer sichtbaren Struktur benannt.

Nachfolgend stehen die Buchstaben für die beteiligten Menschen und die Linien mit Herz für das Vorhandensein einer Liebesbeziehung:

Triade

Eine Triade oder poly triad bezeichnet ein geschlossenes Dreieck mit den jeweiligen Liebesbeziehungen A+B, B+C, A+C. Ein weiterer Begriff ist throuple, eine Kombination von three (= engl. drei) und couple (= engl. Paar).

V

Ein V oder vee enthält Liebesbeziehungen zwischen A+B, B+C, aber nicht A+C. Für das Verhältnis zwischen Mensch A und Mensch C wurde der Begriff metamour erfunden: über die Meta-Ebene (lateinisch meta = zwischen) eines geliebten Menschen (französisch amours = Liebende), in diesem Fall Mensch B, verbundene Menschen. Welche Nähe die Metamours zueinander haben, ist bis auf die Abwesenheit einer Liebesbeziehung nicht definiert und unterscheidet sich im Einzelfall: Das Spektrum reicht von der besten Freundschaft bis zu sich kaum zu kennen.

Ich, die Verfasserin dieses Blogs, bin biamor und lebe selbst polyamor: Ich habe eine Lebensgefährtin und einen Lebensgefährten, die beide ebenfalls ein Pärchen sind. Zusammen bilden wir eine romantisch geschlossene Triade (= Wir sind drei Menschen, und wir wünschen uns alle keine weiteren Liebesbeziehungen).

Für alle Konstellationen, die aus mehr als drei Menschen bestehen, gibt es außer dem Oberbegriff Polykül keine speziellen Begriffe, zumindest keine mir bekannten. Da viele Polyamorie-Interessierte eine Vorliebe für wissenschaftliche Notation haben, werden Polyküle allerdings gerne mit einem „eckigen“ Buchstaben im lateinischen oder griechischen Alphabet beschrieben.

Ansonsten gibt es keinen einheitlichen Weg, Polyamorie zu leben, was allerdings nicht heißt, dass alle Arten von Polyamorie funktionieren, also stabile, liebevolle Beziehungen hervorbringen. Einige Strategien produzieren sogar nie mehr als parallele Kurzzeitbeziehungen.

Herzgespinste – Teil 1/7: Je mehr Liebe, desto schöner oder: Das Poly-Zeitproblem

Wenn die Ebene Lust unterdrückt wird, fördert dies nicht nur die Einzementierung der patriarchalen Lüge und in weiterer Folge Rape Culture, sondern es werden sekundärmotivierte Verliebtheiten in neue Menschen begünstigt, die ohne die Unterdrückung der Ebene Lust vermutlich nicht oder viel schwerer entstanden wären.

In der seriellen Monogamie, die die monogame Lüge als Grundlage hat, wird bei einem neuen Beziehungswunsch die Ursprungsbeziehung beendet. Polyamorie bedeutet jedoch, dass mehrere Verliebtheiten/Liebesbeziehungen gleichzeitig möglich sind. Die Ideologie der Poly-Szene hat aber die polyamore Lüge als Grundlage: Deswegen bleibt die Ursprungsbeziehung (zunächst) bestehen und die neue Verliebtheit wird einfach angehängt.

Solange die polyamore Lüge aktiv ist, bleibt das neue Beziehungsgeflecht aus drei Menschen weiterhin romantisch offen. Verliebt sich eine_r der Menschen aus dem bestehenden Polykül neu, wird diese Verliebtheit also wieder angehängt, sodass es jetzt – als Paare oder Metamours – vier zusammenhängende Menschen gibt. Und so weiter.

In Polykülen tritt ab einer bestimmten Anzahl von beteiligten Menschen allerdings ein Zeitproblem auf. Mein Lebensgefährte Nemo hat es in einem mathematischen Modell formuliert:

Legende:

 

Eine Paarbeziehung besteht aus 2 Menschen: A und B. Die Gesamtanzahl aller beteiligten Menschen ist dabei gleich groß wie in der Zweierbeziehung. Daher gibt es nur 1 gemeinsamen Space. Die Komplexität des Systems ist also gleich 1.

 

 

 

 

Eine Triade ist ein Polykül aus den 3 Menschen A, B, C in der Form eines geschlossenen Dreiecks.
Es enthält 3 Paarbeziehungen: A+B, B+C, A+C
Das Gesamtsystem ist das Zu-Dritt: A+B+C

Die Komplexität ist demnach: 3×1 + 1 = 4

 

 

 

Soweit sind noch keine Metamour-Verbindungen vorhanden. Die häufigste Form, in der dieses Verhältnis vorkommt, ist das V, ein Polykül aus 3 Menschen, in der Form des Buchstaben V. Es teilt sich in primäre und sekundäre Verbindungen.

 

Primär besteht es aus 2 Paarbeziehungen: A+B und B+C

Sekundär gibt es aber noch:

  • Das metamour-Verhältnis A+C:
          • Das Gesamtsystem aus allen 3 Menschen: A+B+C

Die Komplexität ist also gleich hoch wie die einer Triade:
2×1 + 1 + 1 = 4

 

 

 

Nun kann man natürlich anmerken, dass Metamours viel weniger Zeit miteinander verbringen als Beziehungspartner_innen. Warum bekommen sie also denselben Zahlenwert wie eine Liebesbeziehung? Wer mit dem_der Metamour kaum redet, kann die Zahl tatsächlich abrunden. Aus Praxisberichten von Menschen, die in einem Polykül mit Metamour lebten, leite ich jedoch als niedrigste Zahl 0,7 ab.

Die Zeit und Energie steckt nämlich sowohl im direkten Kontakt der Metamours als auch in deren Auswirkung auf die verbundenen Liebesbeziehungen. So müssen die beiden Metamours Vertrauen aufbauen und pflegen, um Lebensentscheidungen, die mit B erfolgen, miteinander besprechen und organisieren zu können, damit das Polykül stabil bleibt. Außerdem beteiligen sich die Metamours direkt oder indirekt an allen Konflikten rund um Mensch B, etwa wenn Mensch A und B einen Konflikt haben, und Mensch C danach Mensch B aufheitert, oder wenn Mensch A in einem Konflikt zwischen Mensch B und Mensch C vermittelt.

Daraus lässt sich ableiten, dass alle Polyküle aus 3 Menschen, egal ob in einer Triade oder in einem V, in etwa 4mal so komplex sind wie eine Zweierbeziehung. Dieser Zahlenwert bezieht sich auf alle Lebensbereiche, die in einer ernsthaften Liebesbeziehung vorkommen (sollten): 4mal mehr Zeit, 4mal mehr Energie, 4mal mehr Beziehungsarbeit, 4mal mehr Vereinbarungen, usw.

Je mehr Menschen ein Polykül enthält, desto höher wird die Komplexität und damit der Zeit- und Energieaufwand.

Als Beispiel habe ich ein „N“, also ein Polykül aus 4 Menschen in der Form einer Reihe ausgewählt:

Es gibt Mensch A, B, C und D.
Diese Konstellation besteht primär aus 3 Paarbeziehungen: A+B, B+C, C+D
Damit ist die Komplexität erst mal 3×1 = 3.

Sekundär kommen allerdings noch hinzu:

  • Als metamour-Verbindungen die Kommunikationsebenen zwischen A+C, B+D und A+D
  • Und zum Schluss noch das Gesamtsystem aller 4 Menschen: A+B+C+D

Das ergibt in Summe die Komplexität: 3×1 + 3×1 + 1 = 7

Wie oben erwähnt, können wir die Metamours etwas abrunden, was mit 0,7 pro Metamour aber immer noch die Komplexität = 6 ergibt. Diese Konstellation erfordert also 6mal so viel Zeit, Energie, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen wie eine Zweierbeziehung.

Ab einem Polykül mit 4 Menschen, die keine Reihe bilden, sondern untereinander vernetzt sind, wird es der absolute Overkill:

Das Beispiel zeigt 4 Menschen, wo alle mit allen als Liebesbeziehung verbunden sind. Jeder dieser Menschen hat also jeweils 3 Liebesbeziehungen. Damit gibt es zwar keine Metamour-Verbindungen, aber 6 Paarbeziehungen, 4 Triaden und 1 Gesamtsystem:

  • 6 Paarbeziehungen:
    A+B, B+C, C+D, A+D, A+C und B+D
  • 4 Triaden:
    A+B+C, B+C+D, A+B+D und A+C+D
  • Und das Gesamtsystem aus allen:
    A+B+C+D

Die Komplexität ist also: 6×1 + 4×1 + 1 = 11

 

 

Also 11mal so viel Zeit, Energie, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen als in einer Zweierbeziehung. Nicht einmal Milliardäre, deren Existenz nicht an Arbeitszeit gebunden ist, können diese Zeit langfristig aufbringen.

Werden noch weitere Menschen in das jeweilige Poly-Netzwerk aufgenommen, steigt die Komplexität bis ins 100fache.

Die Ideologie der Poly-Szene behauptet jedoch, dass ein Polykül tendenziell beliebig um weitere Menschen erweiterbar wäre und dass das für die Betroffenen auch noch schön wäre, nicht nur für die Personen, die gerade frisch verliebt sind, sondern sogar für alle Menschen im Polykül. Dazu kursieren zahlreiche Sprüche, mit denen Polys diese Überzeugung begründen. Mein Lieblingsspruch lautet:

„Eine Beziehung ist wie eine Kerze in einem dunklen Raum. Je mehr Kerzen ich dazustelle, desto heller wird der Raum und desto erfüllter bin ich.“

Wie oben aufgeschlüsselt, kann das weder mathematisch, noch im echten Leben funktionieren.

Die realistische Konsequenz einer ständig romantisch offenen Beziehung mit immer neuen Beziehungspartner_innen ist nämlich, dass die Beteiligten bald nicht mehr die Zeit und Energie aufbringen, damit jede Beziehung die Aufmerksamkeit und emotionale Arbeit bekommt, die sie brauchen würde, um überwiegend schön und stabil zu bleiben.

Aus anfänglichen, energiegebenden Verliebtheiten werden so nach wenigen Wochen überwiegend erschöpfende, energiefressende Verbindungen, welche dann mehrere energiefressende Dynamiken zwischen allen Beteiligten antreiben. Oder, im obigen Bild gesprochen: Die Beteiligten haben nicht genügend Zeit und Energie, um die Flammen aller Kerzen im Blick zu behalten. Nach einiger Zeit erlöschen die Kerzen einfach, oder eine Kerze fällt um, und der ganze Raum brennt ab.

Herzgespinste – Teil 2/7: Was ist eine Nebenbeziehung? oder: Hierarschische [sic] Polyamorie

Die Poly-Szene behauptet, dass es zwei verschiedene Arten von Liebesbeziehungen gäbe:

  1. Die beteiligten Menschen haben untereinander die gleichen Rechte: Sie sind beim Mitspracherecht über Lebensentscheidungen, wie die gemeinsame Sexualität oder den Wohnort, gleichgestellt.

Parallel zu diesem verbreiteten und funktionierenden Konzept hat die Poly-Szene eine neue Art von Beziehung erfunden:

  1. Die beteiligten Menschen erleben sich zwar als eine romantische Verbindung, sind aber bei Lebensentscheidungen nicht gleichberechtigt. Sie müssen sich über Entscheidungen lediglich gegenseitig informieren, das Gegenüber muss jedoch alleine mit den Konsequenzen umgehen.

Für einen Menschen, der keine Hauptbeziehung, sondern nur eine oder mehrere Nebenbeziehung(en) haben möchte, hat die Poly-Szene die Bezeichung solo-poly erfunden.

Wenn ein Mensch beide Varianten gleichzeitig lebt oder anstrebt, wird diese Lebensweise hierarchische Polyamorie genannt, und die Beziehungsarten durch verschiedene Begriffe gekennzeichnet:

  • Gleichberechtigte Beziehungen werden Hauptbeziehung, Hauptpartnerschaft oder engl. primary genannt. Lebt die Hauptbeziehung in einem gemeinsamen Haushalt, wird sie als engl. nesting partner bezeichnet.
  • Romantische Verbindungen, denen relativ dazu weniger Rechte eingeräumt werden, werden Nebenbeziehung, Satellit oder engl. secondary genannt.

Eine Nebenbeziehung kann sich durch entweder einige oder alle der folgenden Punkte von einer Hauptbeziehung unterscheiden:

  • Bei beruflichen, familiären oder öffentlichen Anlässen tritt nur die Hauptbeziehung als sichtbares Paar auf – die Nebenbeziehung ist entweder von vorneherein nicht eingeladen, oder soll, wenn anwesend, Nähehandlungen unterlassen, und nur ausgewählten Menschen oder sogar niemandem die wirkliche Situation zeigen. Eine häufige Variante ist, dass die Nebenbeziehung schauspielern muss, ein Familienmitglied oder nur eine gute Freundschaft des_der Partner_in zu sein.
  • Das Hauptbeziehungspaar ist bereits im Sprachgebrauch „das Pärchen“ oder „Unsere Beziehung“. Ebenjenes Paar verbietet der Nebenbeziehung, dieselben Bezeichnungen für die eigene romantische Verbindung zu verwenden, was zur Folge hat, dass die Nebenbeziehung immer als Einzelperson dem Hauptbeziehungspaar als Einheit gegenübersteht. Das begünstigt, dass „das Pärchen“ dann bei einem Streit gegen die Nebenbeziehung zusammenhält.
  • Bei Treffen und Zeitvereinbarungen will das Hauptbeziehungspaar alleine darüber entscheiden, wann die Nebenbeziehung die eigene Zeit mit Partner_in verbringt, und was sie in dieser Zeit machen oder unterlassen soll. Der Nebenbeziehung wird dann nur ein Ja oder Nein zu vollendeten Tatsachen zugestanden.
  • Das Hauptbeziehungspaar trifft sich jederzeit ohne Rücksprache zu zweit, während die Nebenbeziehung jede Pärchenzeit vorher beantragen muss. In manchen Fällen bekommt sie gar keine eigene Pärchenzeit, sondern nur Zeit zu dritt, wo die Hauptbeziehung des Gegenübers automatisch dabei ist. Eine Erscheinungsform davon ist zum Beispiel, dass das Hauptbeziehungspaar zusammenwohnt, und natürlich beide mit einem Schlüssel ein- und ausgehen, wohingegen die Nebenbeziehung keinen Schlüssel bekommt, und sich dadurch wie ein Gast jedes Mal anmelden muss.
  • Während das Hauptbeziehungspaar gemeinsam Zukunftspläne schmiedet, hat die Nebenbeziehung dazu keinerlei Mitspracherecht und auch keine Aussicht darauf, solches jemals zu bekommen. Sie muss sich bei Umzug, Jobwechsel, Kinderwunsch des_r Partner_in widerspruchslos den neuen Gegebenheiten fügen.
  • Ist die Nebenbeziehung mit den Vorgaben oder Regeln des Hauptbeziehungspaares nicht einverstanden, bekommt sie eben gar keine Zeit mit Partner_in, egal welche Bedürfnisse sie gerade hätte.

Die dominante Argumentation innerhalb der Diskussion der Poly-Szene lautet, dass eine Nebenbeziehung gut geeignet wäre, um die individuellen Bedürfnisse und die freie Entfaltung aller Beteiligten zu garantieren, da die Beteiligten die Wünsche des Gegenübers weniger berücksichtigen müssen, und im Zweifelsfall den eigenen Wünschen ohne Diskussion Vorrang geben können. Diese Denkweise teile ich als Ex-Szenegängerin absolut nicht. Vereinzelte Stimmen innerhalb der Poly-Szene sind mit dem Dogma ebenfalls nicht einverstanden. Am besten dargestellt ist meine Kritik folgendermaßen:

 

Ewigkeitsbett mit zwei Matratzen, eine große unten und eine kleinere darauf. Auf beiden Flächen liegen Polster. Darunter ein Schriftzug: „Das Bett für Polys: Nebenbeziehungen schlafen unten.“

Das Bett steht für eine realistische Situation in einem Polykül, das aus mindestens einer Haupt- und einer Nebenbeziehung besteht, wie im Schema unten abgebildet.

Ein V-Polykül, in dem Mensch B mit Mensch A (links) eine Hauptbeziehung hat, und mit Mensch C (rechts) eine Nebenbeziehung.

Mensch A und Mensch B, die zueinander die Hauptbeziehung sind, kuscheln oben im gemeinsamen Bett. Im häufigsten Fall ist dies das chronologisch älteste Paar des Polyküls, das ich das Ursprungspaar nenne. Die Nebenbeziehung Mensch C muss alleine schlafen oder darauf warten, bis das Hauptbeziehungspaar fertig ist, bevor sie drankommt. Die räumliche Entfernung ist dabei egal: Ob Haupt- und Nebenbeziehung(en) nur durch ein Bett oder eine andere Stadt getrennt sind, hat auf das Szenario und seine Folgen keinen Einfluss.

Nun stelle ich mir vor, dass eine solche Situation nicht unbedingt zur allgemeinen Entspannung beiträgt. Das Hauptbeziehungspaar Mensch A und Mensch B möchte ungestört miteinander Pärchenzeit verbringen, wird aber – unbewusst oder aktiv – durch die ungute, ungelöste Situation mit (einem) wartenden Menschen abgelenkt. Die Nebenbeziehung Mensch C möchte ebenfalls Gespräche, Sex, oder liebevolle Aufmerksamkeit mit Mensch B teilen, muss dabei aber ständig die Wünsche der Hauptbeziehung Mensch A vor den eigenen einkalkulieren.

In dieser Situation sind mehrere Konflikte vorprogrammiert:

  • Innerhalb der Hauptbeziehung, zwischen Mensch A und Mensch B:
    Mensch B will mehr Zeit mit der Nebenbeziehung Mensch C verbringen, als Mensch A Recht ist.
  • Innerhalb der Nebenbeziehung, zwischen Mensch B und Mensch C:
    Wenn Mensch C Wünsche hat, die über die vereinbarten Unterschiede zur Hauptbeziehung mit Mensch A hinausgehen und Mensch B daher das ganze hierarchische Konzept anpassen muss / müsste.
  • Und, am schlimmsten, zwischen den Metamours Mensch A und Mensch C:
    Die Hauptbeziehung Mensch A und die Nebenbeziehung Mensch C geraten schnell in un- oder halbbewusste Machtspielchen, wie die gemeinsame Pärchenzeit oder (angebliche) Äußerungen von Mensch B als emotionale Erpressung gegenüber dem_der Anderen einzusetzen. Häufig lässt Mensch B solche Machtspielchen einfach passieren, oder spielt sogar aktiv mit, solange sier davon einen Vorteil hat.

Das gesamte Konfliktpotential staut sich über Zeit auf und entlädt sich bei Gelegenheit immer wieder in Streitgesprächen oder Handlungen, die die Grenzen von mindestens einem Menschen überfahren.

Falls sich die beteiligten Menschen „der Poly-Idee verpflichtet fühlen“, können diese Streitsituationen in einen sogenannten Prozess münden. Ein Prozess besteht daraus, dass sich alle Beteiligten zusammensetzen, und miteinander über ihre individuellen Bedürfnisse und Wünsche an ihre Gegenüber reden, mit dem Ziel, Missverständnisse zu klären, und neue Verhaltensweisen vorzuschlagen (was dann prozessieren genannt wird). Der Prozess endet, wenn letztendlich eine gemeinsame zufriedenstellende Lösung für alle gefunden wurde.

Diese Kommunikationsmethode ist grundsätzlich sehr nützlich und hat als gesundes Element wohl eher zufällig in die Ideologie der Poly-Szene Eingang gefunden. Wenn richtig angewandt (!), ist sie nämlich eine empfehlenswerte Konfliktstrategie für alle Liebesbeziehungen, egal ob zu zweit oder zu mehrt. Sie steht und fällt allerdings mit einem einzigen, entscheidenden Faktor: Sie muss tatsächlich von allen Beteiligten für alle Beteiligten lösungsorientiert (und nicht für den eigenen Vorteil um jeden Preis!) geführt werden. Anders gesagt: Wenn eine Person versucht, zu gewinnen, verlieren alle – und zwar emotionale Ressourcen, Vertrauen, und Nähe.

Leider können viele Menschen nicht zwischen lösungsorientierter Kommunikation und unbewussten oder bewussten Machtspielen bestimmter Personen oder Gruppen unterscheiden, weil sie es nie gelernt haben. Als Folge davon beherrschen die meisten Menschen in der Poly-Szene diese Kommunikationsmethode genauso wenig wie Menschen im Mainstream.

Daher wird in solchen Prozessen oft im Kreis prozessiert: Da die Kommunikation kaum lösungsorientiert geführt wird, einigen sich alle Beteiligten nur auf geringfügige Änderungen, sind aber nicht fähig, den Ursprung des Konflikts zu sehen oder anzuerkennen. Es wird sozusagen nur die Pflanze zurechtgestutzt, nicht aber die faulen Stellen an der Wurzel dieser Pflanze entfernt. Diese Vorgangsweise produziert früher oder später wieder ähnliche Konflikte, die wieder Streit verursachen, usw.

Daraus ergibt sich eine Situation, die überwiegend die Energie der beteiligten Menschen frisst: Ein ständig darunterliegender Konflikt sowie immer wieder Streitgespräche und/oder Prozesse ohne Ende in Sicht, die nur kurzfristige Lösungen bringen, laugen alle beteiligten Menschen aus – ein Erkennungsmerkmal eines instabilen Zwischenzustands auf der Näheskala.

Weitere Einsichten gewann ich durch meine persönliche Geschichte mit meiner Triade:

Als ich Maitri und Nemo kennenlernte, war ich nicht Single, sondern unterhielt seit einigen Monaten einen Hetero-Freund als unzureichend definierte Nebenbeziehung.

Unsere romantische Verbindung hatte als übliche Beziehung begonnen, wurde jedoch bereits nach einigen Wochen energiefressend, aufgrund wiederkehrender Konflikte wegen seines unfairen Verhaltens: Während er einer offenen Beziehung von Anfang an zugestimmt hatte, und begeistert andere Frauen kennenlernte und Sex hatte (mit der einzigen Einschränkung, mich nach einem Treffen zeitnah zu informieren), machte er jedes Mal eine Szene, sobald ich Interesse an einem anderen Mann zeigte. Dieses als OPP (One Penis Policy) bekannte Machtspielchen kommt in der Poly-Szene häufig vor. Da ich das Manöver aus dem Mainstream kannte, verfolgte ich mein Interesse jedes Mal, suchte jedoch danach ein Gespräch, um einen Kompromiss zwischen meinen und seinen Wünschen und Grenzen zu finden. Er stimmte jedes Mal Änderungen zu, machte aber dann genauso weiter wie zuvor. Nach drei Monaten reichte es mir, und ich teilte ihm mit, dass er ab jetzt meine Nebenbeziehung sei, womit ich sowohl ihm als auch der Szene gegenüber klarstellte, dass er kein Mitspracherecht in der Wahl meiner nächsten sexuellen oder romantischen Interessen hatte.

Kurz danach kam ich mit Maitri und mit Nemo zusammen. Am Anfang glaubten wir alle noch ein bisschen an die Idee einer Nebenbeziehung (als etwas, das näher als Freundschaft, aber weniger nahe als eine volle Beziehung wäre). Es fühlte sich allerdings emotional nicht schön an, alleine in meinem WG-Zimmer zu übernachten, während Maitri und Nemo zusammenwohnten, im selben Bett schliefen, und jederzeit Pärchenzeit miteinander verbringen konnten. Ebenso wollte keine_r von uns den_die Andere aussperren oder aus dem Bett vertreiben, wenn ein_e Dritt_e gerade liebevolle Aufmerksamkeit, Sex, oder Kuscheln brauchte – eine Vorgehensweise, die mich als Nebenbeziehung zu definieren früher oder später mit sich gebracht hätte.

Nach zwei Monaten hatten Maitri, Nemo und ich eine emotionale Diskussion über das Thema. Als Ergebnis warfen wir auch explizit das Konzept der Nebenbeziehung über Bord und führten auch offiziell gleichberechtigtes Mitspracherecht und gleichlautende Vereinbarungen für alle Beteiligten ein. Im Zuge dieser Entwicklung verstand ich die unethischen Konsequenzen eines hierarchischen Beziehungsmodells in alle Richtungen, und machte endgültig mit meiner Nebenbeziehung Schluss.

Im Nachhinein bin ich froh, dass ich eine energiefressende Verbindung in meinem Polykül hatte, denn mit einem netten Menschen an meiner Seite hätte es keine akute Notwendigkeit gegeben, die unbewussten Dynamiken rund um eine Nebenbeziehung zu durchschauen. Nach drei Monaten zog ich mit Maitri und Nemo zusammen, und wir vereinbarten, keinen weiteren Beziehungsmöglichkeiten mehr offen ( = romantisch geschlossen) zu sein, wodurch wir zu der polyamoren Triade wurden, die wir heute sind.

Aus diesen Beobachtungen und meinen eigenen Erfahrungen schließe ich, dass die Idee einer Nebenbeziehung an sich, und daher hierarchische Polyamorie – egal, ob als solo-poly oder in einer Kombination von Haupt- und Nebenbeziehungen – kein konstruktives, gesundes Modell über romantische Beziehungen darstellt.

Im Gegenteil scheint es sich, einem freud’schen Vertipper von mir zufolge, eher um „hierarschische“ Polyamorie zu handeln.

1 2 3