Im Mainstream – Teil 1/6: Was – oder wer – ist das?

Der Mainstream bezeichnet eine Gruppe von Menschen in der eurozentrischen/westlichen Gesellschaft (und weiteren Gesellschaften), die durch ihre Anpassung an soziale Erwartungen die Unterdrückung von (insbesondere weiblicher) Sexualität befeuern. Da sie die Mehrheit an der Gesamtbevölkerung stellen, sind sie die Hauptquelle für die Entstehung und Aufrechterhaltung der patriarchalen Irrglauben und Lügen – also des Patriarchats.

Die gegenwärtige feministische Literatur hat für diese Gruppe die neutrale Bezeichnung heteronormativer Mainstream oder heteronormative Mehrheitskultur entwickelt:

  • Hetero, weil die bevorzugte Orientierung in dieser Mehrheitskultur heterosexuell und heteroromantisch ist, weswegen Menschen mit einer homosexuellen und homoromantischen Orientierung negative Reaktionen erfahren.
  • Normativ, weil sich die betreffenden Menschen an den Werthaltungen der Mehrheit – den Normen – orientieren, um ihr Leben daran anzupassen, und dies auch von ihrer Umgebung verlangen.
  • Mainstream (engl. Strömung), weil die Mehrheit der Menschen wie Wasser in einem Fluss in dieselbe Richtung treibt.

Seit es einen solchen Mainstream gibt, haben Menschen andere Lebensweisen angestrebt und ausprobiert – zahlenmäßig waren diese jedoch immer der Mehrheit unterlegen. Wenn genügend Menschen mit ähnlichen Interessen aufeinander treffen, entsteht oft eine Subkultur (lateinisch sub = unter) oder alternative Szene (lateinisch alter = anders), wo bereits die Wortherkunft darauf zeigt, dass die zugehörigen Menschen eine Minderheit innerhalb einer Mehrheitskultur darstellen. Aktuelle Beispiele für diese Lebensweisen sind alternative Sexualität in Form von Swingen oder BDSM, und das alternative Beziehungsmodell Polyamorie.

Menschen mit Lebensweisen, die so zentrale Themen wie Sex und Liebe anders handhaben, stellen damit den Mainstream selbst infrage, und stoßen dadurch bei Menschen, die ihr Leben den Meinungen der Mehrheit angepasst haben, meistens auf negative Reaktionen: Unverständnis und Unsichtbarmachung sorgen dafür, dass sich alternative Menschen als „die einzigen“ vorkommen, sich einsam fühlen, und keine Sprache und Möglichkeiten haben, über ihre Bedürfnisse zu reden oder Gleichgesinnte zu finden. Je nach Aufenthaltsort können auch Diskriminierung, alltägliche Gewalt oder sogar Verfolgung hinzukommen.

Wenn sich dann Menschen mit ähnlichen Interessen in einer Subkultur zusammengefunden haben, sind diese oftmals wütend über ihre Erfahrungen im Mainstream. Nicht wenige wurden nach dem Versuch, ihre Lebensweise offen zu leben von ihrem vorigen Freundeskreis fallen gelassen, andere mussten als Reaktion sogar Gewalt von ihren eigenen Eltern oder ihren Verwandten erfahren. Aus diesem Grund möchten sich viele Menschen in einer Subkultur auch in der Sprache bewusst von der Mehrheitskultur abgrenzen. Daher hat fast jede Subkultur abwertende Bezeichnungen für den Mainstream hervorgebracht, die oftmals auch die – im Vergleich zur Subkultur – einschränkenden Denkmuster betonen: Spießbürger, Spießer, Kleinbürger, Establishment, Normalos, Muggel (wie die nicht-magischen Menschen der Harry Potter-Geschichten), oder Stinos (ein_e Stino, mehrere Stinos, steht für stinknormale Menschen).

Auf meinem Blog verwende ich allerdings die neutrale Bezeichnung – also heteronormativer Mainstream, oder einfach Mainstream.

Im Mainstream – Teil 3/6: Die monogame Lüge oder: Was du nicht weißt, macht dich nicht heiß

Die monogame Lüge ist im Wesentlichen eine Ableitung der patriarchalen Lüge der Rolle „Frau“, mit dem Unterschied, dass es nun keine gegenteilige Rolle (wie die Rolle „Mann“) mehr gibt. Dieses Lügenkonstrukt kann von allen Geschlechtern vertreten werden, egal ob Frau, Mann, oder weiteres Geschlecht.

Die monogame Lüge besteht wiederum aus vier Lügen und behauptet:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.
  2. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.
  3. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, jemand Anderen sexuell begehrenswert zu finden.
  4. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.

In allen patriarchalen Gesellschaften fördern die meisten Menschen die monogame Lüge, entweder indem sie fest daran glauben, und sich alle Widersprüche wegerklären, oder sie zumindest nach außen aufrechterhalten, während „unter der Bettdecke“, im Puff, etc. ganz andere Dinge passieren.

Das Bedürfnis nach Sex ist eines der stärksten Kräfte im Menschen und lässt sich nicht ohne Konsequenzen unterdrücken. Wird nun das sexuelle Bedürfnis auf der Ebene Lust nur gemeinsam mit der Ebene Liebe, also laut der monogamen Lüge mit einem einzigen Menschen, zugelassen, bleibt immer ein signifikanter Teil dieses Bedürfnisses unbefriedigt. Da Energie nicht einfach verschwindet, sondern immer nur den Wirkungsort wechselt, muss diese unterdrückte Energie irgendwo hin; also steigt der Druck im Unbewussten, bis sich das Bedürfnis irgendwann Bahn bricht.

Kurzfristig geschieht das in spontanen sexuellen Begegnungen, die erst dann passieren, wenn alle Beteiligten genug enthemmende Drogen (wie Alkohol) genommen haben, damit die Hemmschwelle sinkt und das unterdrückte Bedürfnis nicht mehr so viele Hindernisse bis ins Außen überwinden muss. Um die vorhandene falsche Idee nicht in Frage stellen zu müssen, und damit gegen die Mehrheit der Menschheit anzutreten, geschehen diese Ausbrüche heimlich, oder werden zumindest danach so gut wie möglich verheimlicht.

Mittelfristig werden verheimlichte sexuelle Affären angestrebt und gelebt, die natürlich abseits vom Sex mit der Liebesbeziehung stattfinden. Sobald jemand jedoch eine Geschichte über eine heimliche Affäre erwähnt, oder das Thema als Elefant im Raum steht, haben die Personen, die schon einmal heimlich Sex während einer sexuell geschlossenen Liebesbeziehung hatten, schnell Rechtfertigungen für ihr Verhalten anzubieten: Der heimliche Sex fand dann angeblich statt, um

  • sexuelle Spielarten auszuleben, von denen sie glauben (aber nie gefragt haben), dass der Partner / die Partnerin diese nicht antörnend findet oder als Ganzes ablehnt.
  • sich eine „Wellness-Behandlung“ oder eine „Belohnung“ zu gönnen, die sie aufgrund irgendwelcher Aufwände oder Aufopferungen in der Beziehung verdient hätten.
  • sich am Beziehungspartner für einen empfundenen Mangel an emotionaler Aufmerksamkeit zu rächen.

Interessant ist dabei, dass es in diesen Rechtfertigungen nie um den Menschen geht, mit dem oder der der heimliche Sex stattgefunden hat, sondern immer um die zentralen emotionalen Probleme innerhalb der Beziehung: Den Unwillen, dem Partner einmal richtig zuzuhören, oder in Ruhe nach Bedürfnissen zu fragen, und/oder den Unwillen, selbst potentiell ungewöhnliche Bedürfnisse anzusprechen.

Die Notwendigkeit für die Geheimhaltung findet sich daher nicht in den Aussagen der Rechtfertigungen, sondern im Wunsch, Konflikte zu vermeiden – hauptsächlich mit dem eigenen Beziehungspartner, aber auch mit dem (patriarchalen) sozialen Umfeld, wo die meisten Menschen die gleichen Probleme sowie den gleichen Unwillen haben, diese zu konfrontieren. Das ist der wahre Ursprung des Wortes „Betrügen“ für heimlichen Sex außerhalb einer sexuell geschlossenen Liebesbeziehung: Die Person, die ein heimliches Erlebnis oder eine Affäre hat, kann ihr sexuelles Bedürfnis auf der Ebene Lust (mehr) ausleben, was Konflikte offenlegen würde, während dieselbe Person sich weiterhin öffentlich als sexuell geschlossen präsentiert, und damit falschen Frieden und Toleranz sowohl mit dem eigenen Beziehungspartner, als auch im größeren sozialen Umfeld erlebt.

Wer dieses Verhalten für eine kluge Strategie hält, lässt sich ziemlich täuschen. Während die gesamte Situation so aussieht, als ob die Konflikte umgehbar sind, und so niemals bearbeitet werden müssten, unterdrücken die betroffenen Personen die Konflikte lediglich. Da der Zweck einer Liebesbeziehung ist, sich zu lieben und sich umeinander zu kümmern, also ein gemeinsames Leben im größten Ausmaß zu teilen, hat der_die Beziehungspartner_in das Recht, an allen Entscheidungen teilzunehmen, die die gemeinsame Zeit, Energie und Unternehmungen beeinflussen – einschließlich der Sexualität. Aus diesem Grund ist Wünsche wie die eigene Sexualität und sexuelle Fantasien dem Beziehungspartner vorzuenthalten ganz objektiv unethisch. Der „betrügende“ Mensch macht die Situation sogar noch schlimmer als vorher: Er erzeugt nämlich zusätzliche Konflikte wegen der zutiefst unfairen Natur seines Verhaltens, die ein Potential für das explosive Auffliegen der Lügengebäude rund um den heimlichen Sex schafft.

Die belgisch-israelische Paartherapeutin Esther Perel hat einen umfassenden TED-Talk zum Thema heimliche Affären gehalten, dem ich in allen Punkten zustimme. Sie bespricht darin, was Menschen dazu treibt, in einer Beziehung heimlich Sex zu haben, und wie betroffene Paare nach einer aufgeflogenen Affäre wieder zusammenfinden können.

Daraus aber zu schließen, diejenigen, die ihre sexuellen Wünsche heimlich ausleben, wären die „Bösen“ und diejenigen, die das brav gemäß der monogamen Lüge nicht tun, wären die „Guten“, ist genauso falsch. Denn in Wirklichkeit haben Mensch A und Mensch B in einer Liebesbeziehung, die gemeinsam die monogame Lüge leben, an ihrer Aufrechterhaltung jeweils zu 50% ihren Anteil.

Mensch A ignoriert die eigenen sexuellen Bedürfnisse an andere Menschen und erwartet dies auch vom Gegenüber: Damit haben wir die ersten 50%. Denn vom Gegenüber einzufordern, die eigene Sexualität, einen der stärksten Teile der eigenen Persönlichkeit, zu ignorieren, ist nicht Liebe, sondern blankes Besitzdenken. Mensch B wird wie ein Sexspielzeug behandelt, das nach Gebrauch wieder in die Lade zurückgelegt wird und dort bleibt, nicht wie ein selbst entscheidendes Individuum mit gleichen Rechten.

Mensch B, der seine eigenen sexuellen Bedürfnisse nicht ignoriert, erwartet von Mensch A, ihm_ihr keine Grenzen bei der Auslebung der eigenen sexuellen Bedürfnisse zu setzen. Das kommt daher, dass nur mit Rebellion aus einem starren System ausgebrochen werden kann. Der erste Schritt ist dabei immer, das exakte Gegenteil der bekämpften Sache anzuwenden, um diese damit zu besiegen. Wenn also eine Seite gemäß der monogamen Lüge ständig Grenzen zieht, versucht die Gegenseite durch eine absolute Allergie gegen alle Grenzen, auch gegen sinnvolle, diesen Unterdrückungsmechanismus zu beenden. Damit haben wir die fehlenden 50%.

Diese beiden Persönlichkeitsstrukturen verstärken sich nun gegenseitig:

Mensch B, der seine Ebene Lust ausleben will, ist vom ständigen Abblocken von Mensch A, der seine eigene Ebene Lust unterdrückt und die seines Gegenübers ignoriert, genervt. Je nach Dauer und Art des Konflikts kann Mensch B viel Wut entwickeln, die sich schließlich in alleinigen Aktionen niederschlägt: „Wenn du mir mein gutes Recht nicht zugestehst und mich wie ein Spielzeug behandelst, mache ich es halt einfach, ohne dich zu fragen!“

Dieses Verhalten bleibt von Mensch A natürlich nicht unbemerkt, doch anstatt an der eigenen Weltsicht zu zweifeln, wird die Wut an dem_der Beziehungspartner_in ausgelassen und noch mehr abgeblockt: „Du hast nur mit mir Sex zu wollen, und gegen dieses Gesetz gehandelt, jetzt ziehe ich die Barrikaden noch höher!“

Beide Seiten sehen sich im Recht und versuchen, ihr Gegenüber von der Richtigkeit der eigenen Strategie zu überzeugen – dabei betreiben beide den 50%-Anteil eines Konzeptes, das an sich falsch ist.

Das kann solange gehen, bis sich die monogame Lüge selbst in den Schwanz beißt:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.

Ein Mensch in der Liebesbeziehung findet andere Menschen geil und würde mit diesen gerne sexuelle Erlebnisse anstreben.

  1. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.

Dieser Mensch verschwurbelt nun – meistens unbewusst (!) – aufgrund der monogamen Lüge sein eigenes Bedürfnis:

Um Sex allein kann es nicht gehen. Denn einen sexuellen Wunsch zu haben bedeutet ja, automatisch auch einen romantischen Nähewunsch auszudrücken…

Außerdem nervt die ständige Notwendigkeit zur Verheimlichung. Warum können wir nicht „einfach so“ … ?

Damit beginnt der Mensch, sich in einen neuen Menschen, den er_sie gerade geil findet, zu verlieben. Und hier ist nicht die Rede von der Einzementierung der patriarchalen Lüge, wo die Ebene Liebe vorgespielt wird, um Sex zu bekommen. Der Mensch, der sich verliebt, empfindet tatsächlich Verliebtheitsgefühle und einen Beziehungswunsch mit diesem neuen Menschen.

Wenn die Verliebtheit erwidert wird, ist der abblockende Mensch mit seinen eigenen Waffen geschlagen: Denn gemeinsam mit der Ebene Liebe gibt es auch eine Ebene Lust mit dem neuen Menschen – ganz offiziell. Der Mensch, der sich verliebt hat, kann nun endlich mit einem anderen Menschen einfach Sex haben.

Wegen dem dritten und vierten Punkt der monogamen Lüge wird nun allerdings die Ebene Liebe mit dem ersten Menschen in Frage gestellt:

  1. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, jemand Anderen sexuell begehrenswert zu finden.
  2. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.

Im Umkehrschluss bedeutet nun die Tatsache, dass sich der_die Beziehungspartner_in neu verliebt hat, dass die eigene Liebesbeziehung und/oder die gemeinsame Sexualität innerhalb der Liebesbeziehung nicht das Richtige für alle Beteiligten war. Wenn sie das gewesen wäre, man selbst/das Gegenüber ja nicht mit einem anderen Menschen Sex angestrebt und/oder sich neu verliebt.

Dieser Konflikt erzeugt emotionalen Schmerz auf beiden Seiten und führt im üblichsten Szenario zur Trennung des Ursprungspaares. Damit kommen wir zu einem wohlbekannten Phänomen, das sowohl im Mainstream als auch in der queeren Szene weit verbreitet ist: der seriellen Monogamie.

Im Mainstream – Teil 5/6: Serielle Monogamie

Der Begriff serielle Monogamie bedeutet, im Laufe seines Lebens mehrere Liebesbeziehungen hintereinander zu haben. Das ist an sich kein Problem, denn natürlich kann es passieren, dass eine Liebesbeziehung nicht funktioniert hat und später wieder eine neue eingegangen wird. Die serielle Monogamie ist allerdings keine Folge, sondern eine Ursache davon, dass Liebesbeziehungen immer wieder scheitern.

Ein Mensch, der serielle Monogamie lebt, steht diesem Wechsel nämlich aufgeschlossen gegenüber. Das bedeutet, dass dieser Mensch bei jeder begonnenen Liebesbeziehung wenigstens unbewusst davon ausgeht, dass diese an einem Punkt garantiert scheitern wird, anstatt die Ebene Liebe mit dem wesentlichen romantischen Wunsch „Wir wollen unser Leben miteinander verbringen!“ gleichzusetzen.

Das wiederum beeinflusst die Einstellung zu Beziehungsarbeit: Die anfängliche Verliebtheit stellt Energie bereit, die dazu gedacht ist, das gemeinsame Austragen und Lösen von Konflikten voranzutreiben, bis eine stabile Ebene Liebe erreicht ist. Nun ist aber mindestens eine_r der Beteiligten gar nicht bereit, gemeinsam an der Liebesbeziehung zu arbeiten und Konflikte konstruktiv auszutragen: Die aktuelle Beziehung wird ohnehin scheitern – wozu sich also die Arbeit antun?

Das Ergebnis sind Menschen, die die gemeinsame Verliebtheit miteinander genießen – das allerdings nur für eine begrenzte Zeit. Sobald nämlich für die Aufrechterhaltung dieser Gefühle mehr und mehr Beziehungsarbeit benötigt wird, wird das Gegenüber bald „aussortiert“, um mit einem neuen Menschen wieder Verliebtheit ohne störende Konflikte erleben zu können. Konflikte in der neuen Beziehung lassen dann wiederum nicht lange auf sich warten, und der ganze Kreislauf beginnt von vorne.

Es gibt aber noch einen weiteren Faktor, der diesen Kreislauf antreibt: die Monogamie selbst, also sexuell geschlossene Beziehungen.

Da sich die Ebene Lust immer an verschiedene Menschen gleichzeitig richtet, ist der Wechsel seriell monogamen Menschen unbewusst durchaus willkommen: Endlich wieder ein anderer Körper und somit Abwechslung im Sexleben.

Nun unterdrückt aber die monogame Lüge die Ebene Lust. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit immens, sich innerhalb einer bestehenden Liebesbeziehung durch den Mechanismus der monogamen Lüge neu zu verlieben.

Wenn aus diesen sekundärmotivierten Verliebtheiten Liebesbeziehungen begründet werden, geschieht meistens ein bekanntes Phänomen: Einige Wochen lang sind alle Beteiligten super verliebt und haben so oft Sex wie nur möglich. Danach kommt die Ernüchterung:

„Der Sex war eine Zeit lang echt gut, aber jetzt nicht mehr so, und sonst weiß ich ehrlich gesagt nicht, was ich mit dir machen soll. Wir haben kaum gemeinsame Interessen und nach welchen zu suchen fühlt sich schon beim Gedanken daran mühsam an. Ich denke, die Luft ist einfach raus. Besser wir machen Schluss, bevor das noch anstrengender wird.“

Daran ist ersichtlich, dass es von vorneherein nur um die Ebene Lust miteinander ging und gemeinsamer Sex zum Spaß die bessere Option gewesen wäre – ohne folgende Trennung und die damit verbundene emotionale Enttäuschung.

Im Mainstream – Teil 6/6: Verliebt in einen anderen Menschen – wie geht es weiter?

Der dritte Punkt der monogamen Lüge lautet:

  1. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.

Diese Behauptung ist deshalb eine Lüge, da es natürlich passieren kann, dass sich Menschen während einer gesunden Liebesbeziehung in jemand Anderen verlieben. Ohne die monogame Lüge ist das immer noch möglich; es kommt allerdings viel seltener vor.

Grundsätzlich ist es ein gesundes menschliches Verhalten, Resonanz-Menschen auf der Ebene Liebe zu erkennen und darauf zu reagieren. Das wesentliche Kriterium ist nicht, ob sich jemand verliebt, sondern wie damit umgegangen wird.

Eine gemeinsame Liebesbeziehung zu beginnen, ist immer eine bewusste Entscheidung. Ist die eigene Liebesbeziehung auf der Ebene Liebe bereits grundsätzlich erfüllt, macht es keinen Sinn und produziert enormen emotionalen Schmerz, aufgrund einer neuen Verliebtheit die Ursprungsbeziehung zu beenden.

Mit diesem Hintergrund macht es Sinn, zu dem neuen Resonanz-Menschen auf der Ebene Liebe auf Abstand zu gehen. Wichtig ist aber, sich die Ursachen der neuen Verliebtheit anzuschauen. Oft kommt dabei nämlich tatsächlich etwas Neues für die Ursprungsbeziehung heraus. Das kann sein:

Wie die Beteiligten einer Paarbeziehung diese Konflikte konstruktiv austragen und gesunde Lösungen finden können, steht in der Artikelreihe: Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung?

Was ist Polyamorie?

Obwohl sie immer wieder in diesem Zusammenhang genannt wird, bezeichnet Polyamorie keine alternative Sexualität, sondern ein alternatives Modell über romantische Beziehungen. Die Adjektive sind polyamor, polyamourös oder (abgekürzt) poly. Sprachlich besteht das Wort aus poly (= altgriech. mehr als eins, viele) und amor (= lat. Liebe). Die zentrale Definition lautet:

  1. Polyamorie ist der Wunsch nach Verliebtheit/romantischer Beziehung/Liebe mit mehr als einem Menschen gleichzeitig,
  2. wobei alle Beteiligten von der gegenseitigen Existenz wissen,
  3. und diese im Konsens leben.

Der Lebensentwurf benötigt von vorneherein mehr Zeit, Energie und emotionale Arbeit als eine geschlossene Liebesbeziehung zu zweit, ganz einfach weil sich mehr als zwei Menschen regelmäßig auf gemeinsame Dinge einigen müssen. Außerdem gibt es in Mehrfachbeziehungen Fragen und Problemstellungen, die zu zweit gar nicht vorkommen, z. B. „Wer liegt in der Mitte?“ oder „Könntest du zwischen uns vermitteln?“.

Da unsere bisherige Sprache für Polyamorie keine Bilder hat, braucht es für diese Art von Beziehung neue Begriffe. Die Vorlage des Mainstreams ist, dass eine Liebesbeziehung aus zwei Menschen besteht: Für Bekannte und Freunde gibt es unbestimmte Mehrzahlworte (etwa Freundeskreis), die Begriffe Zweierbeziehung, Paar und Pärchen weisen hingegen auf die Zahl Zwei hin (ein Paar Schuhe = zwei Schuhe).

Polyamorie braucht hingegen mehr als eine Liebesbeziehung. Um solche zusammenhängenden Beziehungen zu benennen, wurde aus der Chemie das Molekül entlehnt: Aus polyamory und molecule entstand polycule. Dessen deutsche Übersetzung ist analog dazu Polykül.

Sobald mehr als zwei Menschen auf der Ebene Liebe verbunden sind, steigt auch die Komplexität – und zwar mit jedem weiteren Menschen um einen bestimmten Faktor. Der Vergleich mit einem Molekül ist daher nicht nur sprachlich passend: Ebenso wie in der Chemie alles auf die nächste stabile Einheit mit dem geringsten Aufwand zurückfällt, orientieren sich Polyküle an der geringsten Komplexität. Daher bilden sich die häufigsten längerfristig stabilen Polyküle aus der Mindestanzahl von drei Menschen.

Die häufigsten Polykülformen

Nachfolgend stehen die Buchstaben für die beteiligten Menschen und die Linien mit Herz für das Vorhandensein einer Liebesbeziehung.

Polyküle aus drei Menschen

Ein Polykül zu dritt kann in zwei verschiedenen Varianten auftreten, welche nach ihrer sichtbaren Struktur benannt sind.

Eine Triade

Eine Triade oder poly triad bezeichnet ein geschlossenes Dreieck mit den jeweiligen Liebesbeziehungen A+B, B+C, A+C. Ein weiterer Begriff ist throuple, eine Kombination von three (= engl. drei) und couple (= engl. Paar), welcher betont, dass es sich um drei zusammenhängende Paare handelt.

Ich, die Verfasserin dieses Blogs, bin biamor und lebe selbst polyamor: Ich habe eine Lebensgefährtin und einen Lebensgefährten, die beide ebenfalls ein Pärchen sind. Zusammen bilden wir eine romantisch geschlossene Triade (= Wir sind drei Menschen, und wir wünschen uns alle keine weiteren Liebesbeziehungen).

Ein V-Polykül

Ein V oder vee enthält Liebesbeziehungen zwischen A+B, B+C, aber nicht A+C. Für das Verhältnis zwischen Mensch A und Mensch C wurde der Begriff metamour erfunden: über die Meta-Ebene (lateinisch meta = zwischen) eines geliebten Menschen (französisch amour = romantische Liebe, geliebter Mensch) verbundene Menschen. Welche Nähe die Metamours zueinander haben, ist bis auf die Abwesenheit einer romantischen Beziehung nicht definiert und unterscheidet sich im Einzelfall: Das Spektrum reicht von der besten Freundschaft bis zu sich kaum zu kennen.

Polyküle aus vier Menschen

Ein Polykül aus vier Personen wird in der amerikanischen Poly-Szene square, also Quadrat genannt, wobei nicht alle Verbindungen des Quadrats romantische Beziehungen sein müssen, sondern auch Metamours enthalten können. Entscheidend für die Benennung des Polyküls ist die sichtbare Struktur aus den romantischen Beziehungen.

Die häufigste Variante ist das N, bei dem es drei Beziehungen in einer Reihe, sowie drei Metamours gibt.

Ein N-Polykül

Für andere Konstellationen sind mir keine speziellen Begriffe bekannt. Da viele Polyamorie-Interessierte Akademiker_innen sind, hat sich allerdings die Konvention entwickelt, Polyküle wie in wissenschaftlicher Notation mit einem „eckigen“ Buchstaben im lateinischen oder griechischen Alphabet zu benennen.

Formen

Ansonsten gibt es keinen einheitlichen Weg, Polyamorie zu leben, was allerdings nicht heißt, dass alle Arten von Polyamorie funktionieren, also dauerhaft energiegebende, liebevolle Beziehungen hervorbringen. Einige Strategien produzieren sogar nie mehr als parallele Kurzzeitbeziehungen.

Neuere Sichtweisen auf Polyamorie berücksichtigen diese Konsequenz, so definiert etwa der Polyamorie-Forscher Stefan Ossmann genauer:

Polyamorie ist eine konsensuale Beziehung zwischen mehr als zwei Personen, basierend auf emotionaler Liebe und intimen Praktiken über einen längeren Zeitraum hinweg.

Ossmann, Stefan. F. (2020). Introducing the new kind on the block: Polyamory. In Z. Davy, A. C. Santos, C. Bertone, R. Thoreson, S. Wieringa (Eds.), Handbook of Global Sexualities (Vol. 1, pp. 363-385).

Herzgespinste – Teil 1/7: Je mehr Liebe, desto schöner oder: Das Poly-Zeitproblem

Wenn die Ebene Lust unterdrückt wird, fördert dies nicht nur die Einzementierung der patriarchalen Lüge und in weiterer Folge Rape Culture, sondern es werden sekundärmotivierte Verliebtheiten in neue Menschen begünstigt, die ohne die Unterdrückung der Ebene Lust vermutlich nicht oder viel schwerer entstanden wären.

In der seriellen Monogamie, die die monogame Lüge als Grundlage hat, wird bei einem neuen Beziehungswunsch die Ursprungsbeziehung beendet. Polyamorie bedeutet jedoch, dass mehrere Verliebtheiten/Liebesbeziehungen gleichzeitig möglich sind. Die Ideologie der Poly-Szene hat aber die polyamore Lüge als Grundlage: Deswegen bleibt die Ursprungsbeziehung (zunächst) bestehen und die neue Verliebtheit wird einfach angehängt.

Solange die polyamore Lüge aktiv ist, bleibt das neue Beziehungsgeflecht aus drei Menschen weiterhin romantisch offen. Verliebt sich eine_r der Menschen aus dem bestehenden Polykül neu, wird diese Verliebtheit also wieder angehängt, sodass es jetzt – als Paare oder Metamours – vier zusammenhängende Menschen gibt. Und so weiter.

In Polykülen tritt ab einer bestimmten Anzahl von beteiligten Menschen allerdings ein Zeitproblem auf. Mein Lebensgefährte Nemo hat es in einem mathematischen Modell formuliert:

Legende:

Das Modell:

 

Eine Paarbeziehung besteht aus 2 Menschen: A und B. Die Gesamtanzahl aller beteiligten Menschen ist dabei gleich groß wie in der Zweierbeziehung. Daher gibt es nur 1 gemeinsamen Space. Die Komplexität des Systems ist also gleich 1.

 

 

 

 

Eine Triade ist ein Polykül aus den 3 Menschen A, B, C in der Form eines geschlossenen Dreiecks.
Es enthält 3 Paarbeziehungen: A+B, B+C, A+C
Das Gesamtsystem ist das Zu-Dritt: A+B+C

Die Komplexität ist demnach: 3×1 + 1 = 4

 

 

 

Soweit sind noch keine Metamour-Verbindungen vorhanden. Die häufigste Form, in der dieses Verhältnis vorkommt, ist das V, ein Polykül aus 3 Menschen, in der Form des Buchstaben V. Es teilt sich in primäre und sekundäre Verbindungen.

 

Primär besteht es aus 2 Paarbeziehungen: A+B und B+C

Sekundär gibt es aber noch:

  • Das metamour-Verhältnis A+C:
          • Das Gesamtsystem aus allen 3 Menschen: A+B+C

Die Komplexität ist also gleich hoch wie die einer Triade:
2×1 + 1 + 1 = 4

 

 

 

Nun kann man natürlich anmerken, dass Metamours viel weniger Zeit miteinander verbringen als Beziehungspartner_innen. Warum bekommen sie also denselben Zahlenwert wie eine Liebesbeziehung? Wer mit dem_der Metamour kaum redet, kann die Zahl tatsächlich abrunden. Aus Praxisberichten von Menschen, die in einem Polykül mit Metamour lebten, leite ich jedoch als niedrigste Zahl 0,7 ab.

Die Zeit und Energie steckt nämlich sowohl im direkten Kontakt der Metamours als auch in deren Auswirkung auf die verbundenen Liebesbeziehungen. So müssen die beiden Metamours Vertrauen aufbauen und pflegen, um Lebensentscheidungen, die mit B erfolgen, miteinander besprechen und organisieren zu können, damit das Polykül energiegebend bleibt. Außerdem beteiligen sich die Metamours direkt oder indirekt an allen Konflikten rund um Mensch B, etwa wenn Mensch A und B einen Konflikt haben, und Mensch C danach Mensch B aufheitert, oder wenn Mensch A in einem Konflikt zwischen Mensch B und Mensch C vermittelt.

Daraus lässt sich ableiten, dass alle Polyküle aus 3 Menschen, egal ob in einer Triade oder in einem V, in etwa 4mal so komplex sind wie eine Zweierbeziehung. Dieser Zahlenwert bezieht sich auf alle Lebensbereiche, die in einer ernsthaften Liebesbeziehung vorkommen (sollten): 4mal mehr Zeit, 4mal mehr Energie, 4mal mehr Beziehungsarbeit, 4mal mehr Vereinbarungen, usw.

Je mehr Menschen ein Polykül enthält, desto höher wird die Komplexität und damit der Zeit- und Energieaufwand.

Als Beispiel habe ich ein „N“, also ein Polykül aus 4 Menschen in der Form einer Reihe ausgewählt:

Es gibt Mensch A, B, C und D.
Diese Konstellation besteht primär aus 3 Paarbeziehungen: A+B, B+C, C+D
Damit ist die Komplexität erst mal 3×1 = 3.

Sekundär kommen allerdings noch hinzu:

  • Als metamour-Verbindungen die Kommunikationsebenen zwischen A+C, B+D und A+D
  • Und zum Schluss noch das Gesamtsystem aller 4 Menschen: A+B+C+D

Das ergibt in Summe die Komplexität: 3×1 + 3×1 + 1 = 7

Wie oben erwähnt, können wir die Metamours etwas abrunden, was mit 0,7 pro Metamour aber immer noch die Komplexität = 6 ergibt. Diese Konstellation erfordert also 6mal so viel Zeit, Energie, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen wie eine Zweierbeziehung.

Ab einem Polykül mit 4 Menschen, die keine Reihe bilden, sondern untereinander vernetzt sind, wird es der absolute Overkill:

Das Beispiel zeigt 4 Menschen, wo alle mit allen als Liebesbeziehung verbunden sind. Jeder dieser Menschen hat also jeweils 3 Liebesbeziehungen. Damit gibt es zwar keine Metamour-Verbindungen, aber 6 Paarbeziehungen, 4 Triaden und 1 Gesamtsystem:

  • 6 Paarbeziehungen:
    A+B, B+C, C+D, A+D, A+C und B+D
  • 4 Triaden:
    A+B+C, B+C+D, A+B+D und A+C+D
  • Und das Gesamtsystem aus allen:
    A+B+C+D

Die Komplexität ist also: 6×1 + 4×1 + 1 = 11

 

 

Also 11mal so viel Zeit, Energie, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen als in einer Zweierbeziehung. Nicht einmal Milliardäre, deren Existenz nicht an Arbeitszeit gebunden ist, können diese Zeit langfristig aufbringen.

Werden noch weitere Menschen in das jeweilige Poly-Netzwerk aufgenommen, steigt die Komplexität bis ins 100fache.

Die Ideologie der Poly-Szene behauptet jedoch, dass ein Polykül tendenziell beliebig um weitere Menschen erweiterbar wäre und dass das für die Betroffenen auch noch schön wäre, nicht nur für die Personen, die gerade frisch verliebt sind, sondern sogar für alle Menschen im Polykül. Dazu kursieren zahlreiche Sprüche, mit denen Polys diese Überzeugung begründen. Mein Lieblingsspruch lautet:

„Eine Beziehung ist wie eine Kerze in einem dunklen Raum. Je mehr Kerzen ich dazustelle, desto heller wird der Raum und desto erfüllter bin ich.“

Wie oben aufgeschlüsselt, kann das weder mathematisch, noch im echten Leben funktionieren.

Die realistische Konsequenz einer ständig romantisch offenen Beziehung mit immer neuen Beziehungspartner_innen ist nämlich, dass die Beteiligten bald nicht mehr die Zeit und Energie aufbringen, damit jede Beziehung die Aufmerksamkeit und emotionale Arbeit bekommt, die sie brauchen würde, um dauerhaft energiegebend und überwiegend schön zu bleiben.

Aus anfänglichen, energiegebenden Verliebtheiten werden so nach wenigen Wochen überwiegend erschöpfende, energiefressende Verbindungen, welche dann mehrere energiefressende Dynamiken zwischen allen Beteiligten antreiben. Oder, im obigen Bild gesprochen: Die Beteiligten haben nicht genügend Zeit und Energie, um die Flammen aller Kerzen im Blick zu behalten. Nach einiger Zeit erlöschen die Kerzen einfach, oder eine Kerze fällt um, und der ganze Raum brennt ab.

Herzgespinste – Teil 2/7: Was ist eine Nebenbeziehung? oder: Hierarschische [sic] Polyamorie

Die Poly-Szene behauptet, dass es zwei verschiedene Arten von Liebesbeziehungen gäbe:

  1. Die beteiligten Menschen haben untereinander die gleichen Rechte: Sie sind beim Mitspracherecht über Lebensentscheidungen, wie die gemeinsame Sexualität oder den Wohnort, gleichgestellt.

Parallel zu diesem verbreiteten und funktionierenden Konzept hat die Poly-Szene eine neue Art von Beziehung erfunden:

  1. Die beteiligten Menschen erleben sich zwar als eine romantische Verbindung, sind aber bei Lebensentscheidungen nicht gleichberechtigt. Sie müssen sich über Entscheidungen lediglich gegenseitig informieren, das Gegenüber muss jedoch alleine mit den Konsequenzen umgehen.

Für einen Menschen, der keine Hauptbeziehung, sondern nur eine oder mehrere Nebenbeziehung(en) haben möchte, hat die Poly-Szene die Bezeichung solo-poly erfunden.

Wenn ein Mensch beide Varianten gleichzeitig lebt oder anstrebt, wird diese Lebensweise hierarchische Polyamorie genannt, und die Beziehungsarten durch verschiedene Begriffe gekennzeichnet:

  • Gleichberechtigte Beziehungen werden Hauptbeziehung, Hauptpartnerschaft oder engl. primary genannt. Lebt die Hauptbeziehung in einem gemeinsamen Haushalt, wird sie als engl. nesting partner bezeichnet.
  • Romantische Verbindungen, denen relativ dazu weniger Rechte eingeräumt werden, werden Nebenbeziehung, Satellit oder engl. secondary genannt.

Eine Nebenbeziehung kann sich durch entweder einige oder alle der folgenden Punkte von einer Hauptbeziehung unterscheiden:

  • Bei beruflichen, familiären oder öffentlichen Anlässen tritt nur die Hauptbeziehung als sichtbares Paar auf – die Nebenbeziehung ist entweder von vorneherein nicht eingeladen, oder soll, wenn anwesend, Nähehandlungen unterlassen, und nur ausgewählten Menschen oder sogar niemandem die wirkliche Situation zeigen. Eine häufige Variante ist, dass die Nebenbeziehung schauspielern muss, ein Familienmitglied oder nur eine gute Freundschaft des_der Partner_in zu sein.
  • Das Hauptbeziehungspaar ist bereits im Sprachgebrauch „das Pärchen“ oder „Unsere Beziehung“. Ebenjenes Paar verbietet der Nebenbeziehung, dieselben Bezeichnungen für die eigene romantische Verbindung zu verwenden, was zur Folge hat, dass die Nebenbeziehung immer als Einzelperson dem Hauptbeziehungspaar als Einheit gegenübersteht. Das begünstigt, dass „das Pärchen“ dann bei einem Streit gegen die Nebenbeziehung zusammenhält.
  • Bei Treffen und Zeitvereinbarungen will das Hauptbeziehungspaar alleine darüber entscheiden, wann die Nebenbeziehung die eigene Zeit mit Partner_in verbringt, und was sie in dieser Zeit machen oder unterlassen soll. Der Nebenbeziehung wird dann nur ein Ja oder Nein zu vollendeten Tatsachen zugestanden.
  • Das Hauptbeziehungspaar trifft sich jederzeit ohne Rücksprache zu zweit, während die Nebenbeziehung jede Pärchenzeit vorher beantragen muss. In manchen Fällen bekommt sie gar keine eigene Pärchenzeit, sondern nur Zeit zu dritt, wo die Hauptbeziehung des Gegenübers automatisch dabei ist. Eine Erscheinungsform davon ist zum Beispiel, dass das Hauptbeziehungspaar zusammenwohnt, und natürlich beide mit einem Schlüssel ein- und ausgehen, wohingegen die Nebenbeziehung keinen Schlüssel bekommt, und sich dadurch wie ein Gast jedes Mal anmelden muss.
  • Während das Hauptbeziehungspaar gemeinsam Zukunftspläne schmiedet, hat die Nebenbeziehung dazu keinerlei Mitspracherecht und auch keine Aussicht darauf, solches jemals zu bekommen. Sie muss sich bei Umzug, Jobwechsel, Kinderwunsch des_r Partner_in widerspruchslos den neuen Gegebenheiten fügen.
  • Ist die Nebenbeziehung mit den Vorgaben oder Regeln des Hauptbeziehungspaares nicht einverstanden, bekommt sie eben gar keine Zeit mit Partner_in, egal welche Bedürfnisse sie gerade hätte.

Die dominante Argumentation innerhalb der Diskussion der Poly-Szene lautet, dass eine Nebenbeziehung gut geeignet wäre, um die individuellen Bedürfnisse und die freie Entfaltung aller Beteiligten zu garantieren, da die Beteiligten die Wünsche des Gegenübers weniger berücksichtigen müssen, und im Zweifelsfall den eigenen Wünschen ohne Diskussion Vorrang geben können. Diese Denkweise teile ich als Ex-Szenegängerin absolut nicht. Vereinzelte Stimmen innerhalb der Poly-Szene sind mit dem Dogma ebenfalls nicht einverstanden. Am besten dargestellt ist meine Kritik folgendermaßen:

 

Ewigkeitsbett mit zwei Matratzen, eine große unten und eine kleinere darauf. Auf beiden Flächen liegen Polster. Darunter ein Schriftzug: „Das Bett für Polys: Nebenbeziehungen schlafen unten.“

Das Bett steht für eine realistische Situation in einem Polykül, das aus mindestens einer Haupt- und einer Nebenbeziehung besteht, wie im Schema unten abgebildet.

Ein V-Polykül, in dem Mensch B mit Mensch A (links) eine Hauptbeziehung hat, und mit Mensch C (rechts) eine Nebenbeziehung.

Mensch A und Mensch B, die zueinander die Hauptbeziehung sind, kuscheln oben im gemeinsamen Bett. Im häufigsten Fall ist dies das chronologisch älteste Paar des Polyküls, das ich das Ursprungspaar nenne. Die Nebenbeziehung Mensch C muss alleine schlafen oder darauf warten, bis das Hauptbeziehungspaar fertig ist, bevor sie drankommt. Die räumliche Entfernung ist dabei egal: Ob Haupt- und Nebenbeziehung(en) nur durch ein Bett oder eine andere Stadt getrennt sind, hat auf das Szenario und seine Folgen keinen Einfluss.

Nun stelle ich mir vor, dass eine solche Situation nicht unbedingt zur allgemeinen Entspannung beiträgt. Das Hauptbeziehungspaar Mensch A und Mensch B möchte ungestört miteinander Pärchenzeit verbringen, wird aber – unbewusst oder aktiv – durch die ungute, ungelöste Situation mit (einem) wartenden Menschen abgelenkt. Die Nebenbeziehung Mensch C möchte ebenfalls Gespräche, Sex, oder liebevolle Aufmerksamkeit mit Mensch B teilen, muss dabei aber ständig die Wünsche der Hauptbeziehung Mensch A vor den eigenen einkalkulieren.

In dieser Situation sind mehrere Konflikte vorprogrammiert:

  • Innerhalb der Hauptbeziehung, zwischen Mensch A und Mensch B:
    Mensch B will mehr Zeit mit der Nebenbeziehung Mensch C verbringen, als Mensch A Recht ist.
  • Innerhalb der Nebenbeziehung, zwischen Mensch B und Mensch C:
    Wenn Mensch C Wünsche hat, die über die vereinbarten Unterschiede zur Hauptbeziehung mit Mensch A hinausgehen und Mensch B daher das ganze hierarchische Konzept anpassen muss / müsste.
  • Und, am schlimmsten, zwischen den Metamours Mensch A und Mensch C:
    Die Hauptbeziehung Mensch A und die Nebenbeziehung Mensch C geraten schnell in un- oder halbbewusste Machtspielchen, wie die gemeinsame Pärchenzeit oder (angebliche) Äußerungen von Mensch B als emotionale Erpressung gegenüber dem_der Anderen einzusetzen. Häufig lässt Mensch B solche Machtspielchen einfach passieren, oder spielt sogar aktiv mit, solange sier davon einen Vorteil hat.

Das gesamte Konfliktpotential staut sich über Zeit auf und entlädt sich bei Gelegenheit immer wieder in Streitgesprächen oder Handlungen, die die Grenzen von mindestens einem Menschen überfahren.

Falls sich die beteiligten Menschen „der Poly-Idee verpflichtet fühlen“, können diese Streitsituationen in einen sogenannten Prozess münden. Ein Prozess besteht daraus, dass sich alle Beteiligten zusammensetzen, und miteinander über ihre individuellen Bedürfnisse und Wünsche an ihre Gegenüber reden, mit dem Ziel, Missverständnisse zu klären, und neue Verhaltensweisen vorzuschlagen (was dann prozessieren genannt wird). Der Prozess endet, wenn letztendlich eine gemeinsame zufriedenstellende Lösung für alle gefunden wurde.

Diese Kommunikationsmethode ist grundsätzlich sehr nützlich und hat als gesundes Element wohl eher zufällig in die Ideologie der Poly-Szene Eingang gefunden. Wenn richtig angewandt (!), ist sie nämlich eine empfehlenswerte Konfliktstrategie für alle Liebesbeziehungen, egal ob zu zweit oder zu mehrt. Sie steht und fällt allerdings mit einem einzigen, entscheidenden Faktor: Sie muss tatsächlich von allen Beteiligten für alle Beteiligten lösungsorientiert (und nicht für den eigenen Vorteil um jeden Preis!) geführt werden. Anders gesagt: Wenn eine Person versucht, zu gewinnen, verlieren alle – und zwar emotionale Ressourcen, Vertrauen, und Nähe.

Leider können viele Menschen nicht zwischen lösungsorientierter Kommunikation und unbewussten oder bewussten Machtspielen bestimmter Personen oder Gruppen unterscheiden, weil sie es nie gelernt haben. Als Folge davon beherrschen die meisten Menschen in der Poly-Szene diese Kommunikationsmethode genauso wenig wie Menschen im Mainstream.

Daher wird in solchen Prozessen oft im Kreis prozessiert: Da die Kommunikation kaum lösungsorientiert geführt wird, einigen sich alle Beteiligten nur auf geringfügige Änderungen, sind aber nicht fähig, den Ursprung des Konflikts zu sehen oder anzuerkennen. Es wird sozusagen nur die Pflanze zurechtgestutzt, nicht aber die faulen Stellen an der Wurzel dieser Pflanze entfernt. Diese Vorgangsweise produziert früher oder später wieder ähnliche Konflikte, die wieder Streit verursachen, usw.

Daraus ergibt sich eine Situation, die überwiegend die Energie der beteiligten Menschen frisst: Ein ständig darunterliegender Konflikt sowie immer wieder Streitgespräche und/oder Prozesse ohne Ende in Sicht, die nur kurzfristige Lösungen bringen, laugen alle beteiligten Menschen aus – ein Erkennungsmerkmal eines instabilen Zwischenzustands auf der Näheskala.

Weitere Einsichten gewann ich durch meine persönliche Geschichte mit meiner Triade:

Als ich Maitri und Nemo kennenlernte, war ich nicht Single, sondern unterhielt seit einigen Monaten einen Hetero-Freund als unzureichend definierte Nebenbeziehung.

Unsere romantische Verbindung hatte als übliche Beziehung begonnen, wurde jedoch bereits nach einigen Wochen energiefressend, aufgrund wiederkehrender Konflikte wegen seines unfairen Verhaltens: Während er einer offenen Beziehung von Anfang an zugestimmt hatte, und begeistert andere Frauen kennenlernte und Sex hatte (mit der einzigen Einschränkung, mich nach einem Treffen zeitnah zu informieren), machte er jedes Mal eine Szene, sobald ich Interesse an einem anderen Mann zeigte. Dieses als OPP (One Penis Policy) bekannte Machtspielchen kommt in der Poly-Szene häufig vor. Da ich das Manöver aus dem Mainstream kannte, verfolgte ich mein Interesse jedes Mal, suchte jedoch danach ein Gespräch, um einen Kompromiss zwischen meinen und seinen Wünschen und Grenzen zu finden. Er stimmte jedes Mal Änderungen zu, machte aber dann genauso weiter wie zuvor. Nach drei Monaten reichte es mir, und ich teilte ihm mit, dass er ab jetzt meine Nebenbeziehung sei, womit ich sowohl ihm als auch der Szene gegenüber klarstellte, dass er kein Mitspracherecht in der Wahl meiner nächsten sexuellen oder romantischen Interessen hatte.

Kurz danach kam ich mit Maitri und mit Nemo zusammen. Am Anfang glaubten wir alle noch ein bisschen an die Idee einer Nebenbeziehung (als etwas, das näher als Freundschaft, aber weniger nahe als eine volle Beziehung wäre). Es fühlte sich allerdings emotional nicht schön an, alleine in meinem WG-Zimmer zu übernachten, während Maitri und Nemo zusammenwohnten, im selben Bett schliefen, und jederzeit Pärchenzeit miteinander verbringen konnten. Ebenso wollte keine_r von uns den_die Andere aussperren oder aus dem Bett vertreiben, wenn ein_e Dritt_e gerade liebevolle Aufmerksamkeit, Sex, oder Kuscheln brauchte – eine Vorgehensweise, die mich als Nebenbeziehung zu definieren früher oder später mit sich gebracht hätte.

Nach zwei Monaten hatten Maitri, Nemo und ich eine emotionale Diskussion über das Thema. Als Ergebnis warfen wir auch explizit das Konzept der Nebenbeziehung über Bord und führten auch offiziell gleichberechtigtes Mitspracherecht und gleichlautende Vereinbarungen für alle Beteiligten ein. Im Zuge dieser Entwicklung verstand ich die unethischen Konsequenzen eines hierarchischen Beziehungsmodells in alle Richtungen, und machte endgültig mit meiner Nebenbeziehung Schluss.

Im Nachhinein bin ich froh, dass ich eine energiefressende Verbindung in meinem Polykül hatte, denn mit einem netten Menschen an meiner Seite hätte es keine akute Notwendigkeit gegeben, die unbewussten Dynamiken rund um eine Nebenbeziehung zu durchschauen. Nach drei Monaten zog ich mit Maitri und Nemo zusammen, und wir vereinbarten, keinen weiteren Beziehungsmöglichkeiten mehr offen ( = romantisch geschlossen) zu sein, wodurch wir zu der polyamoren Triade wurden, die wir heute sind.

Aus diesen Beobachtungen und meinen eigenen Erfahrungen schließe ich, dass die Idee einer Nebenbeziehung an sich, und daher hierarchische Polyamorie – egal, ob als solo-poly oder in einer Kombination von Haupt- und Nebenbeziehungen – kein konstruktives, gesundes Modell über romantische Beziehungen darstellt.

Im Gegenteil scheint es sich, einem freud’schen Vertipper von mir zufolge, eher um „hierarschische“ Polyamorie zu handeln.

Herzgespinste – Teil 3/7: New relationship energy oder: Das Energie-Gleichgewicht zwischen Paaren in einem Polykül

Ein vielzitiertes Phänomen in der Poly-Szene ist new relationship energy, abgekürzt NRE, – die Energie einer neuen, frischen Verliebtheit.

Diese kennen alle Menschen, die schon einmal so richtig verliebt waren, in ein Gegenüber, das wiederum so richtig zurückverliebt war: Beide Menschen haben eine überdurchschnittlich gute Laune, einen unerschütterlichen Optimismus, und es gehen sogar zuvor anstrengende oder langweilige Tätigkeiten leichter von der Hand – insbesondere, wenn sie dazu beitragen, mit dem geliebten Menschen zusammen zu sein.

Nun glauben viele regelmäßige Besucher_innen der Poly-Szene, dass die Energie einer neuen Verliebtheit einer bestehenden Beziehung nutzt, indem sie zwischen den Beteiligten der Ursprungsbeziehung anstatt Eifersucht die sogenannte Mitfreude hervorbringt, wie in diesem V-Polykül beschrieben:Ein V-Polykül aus Mensch B, der mit Mensch A und Mensch C zusammen ist.

Mensch A und Mensch B sind eine Paarbeziehung. Mensch B hat Mensch C kennengelernt, und sich verliebt. Nun freut sich Mensch B, dass die eigene Verliebtheit von Mensch C erwidert wird, und Mensch A freut sich, dass es Mensch B gut geht, weil er_sie frisch verliebt ist. Die Mitfreude wiederum schafft eine gute Stimmung zwischen den Beteiligten der chronologisch älteren Beziehung, wodurch Mensch A und Mensch B wieder liebevoller miteinander umgehen.

Wer sich jetzt denkt, dass das nicht stimmen kann, weil es zwischen Mensch A und Mensch B doch Eifersucht und Probleme geben muss, liegt falsch: Der positive Effekt einer neuen Verliebtheit auf eine bestehende Beziehung existiert tatsächlich – ich habe ihn selbst erlebt, viele passende Schilderungen gelesen, und bei anderen Polykülen direkt beobachtet.

Wie ich herausgefunden habe, hat dieser Effekt allerdings eine hässliche Ursache. Als Folge davon hält der Effekt nicht lange an, sondern produziert nach einiger Zeit energiefressende Dynamiken für alle Beteiligten des Polyküls – es gibt also Probleme, allerdings zeitverzögert.

Alle diese Auswirkungen basieren auf einem Energieaustausch:

Bei einer Zweierbeziehung ist die Gesamtanzahl aller beteiligten Menschen gleich groß wie das Paar: Es geht immer um zwei Menschen. Ist die Paarbeziehung energiefressend, sind daher nur zwei Menschen betroffen – und möglicherweise noch eventuell vorhandene Kinder. Inwiefern eine Paarbeziehung energiefressend sein kann, habe ich in Das Energie-Gleichgewicht innerhalb einer Paarbeziehung beschrieben. Weist ein beteiligter Mensch ein energiefressendes Verhalten auf und/oder befindet sich die Paarbeziehung in einem energiefressenden Zustand, hat dies in einem Polykül allerdings eine Auswirkung, die zwischen zwei Menschen gar nicht vorkommt – und welche Paare, die ihre Beziehung öffnen, um Polyamorie zu versuchen, daher meistens nicht mitbedenken.

Jedes Polykül besteht aus mindestens zwei Paarbeziehungen – das Minimum sind also drei Menschen. Der Energieaustausch findet, ähnlich der Osmose in der Chemie, an allen Verbindungspunkten zu weiteren dranhängenden romantischen Verbindungen oder Beziehungen statt. Bei den in Das Poly-Zeitproblem vorgestellten verschiedenen Polykülen ist das überall, wo sich zwei oder mehr Linien berühren.

Wenn sich nun ein Mensch frisch verliebt, und sich das angesprochene Gegenüber zurückverliebt, entsteht eine frische Verliebheit, die Energie produziert. Wenn derselbe Mensch gleichzeitig in einer instabilen, energiefressenden romantischen Verbindung oder Paarbeziehung ist, beeinflusst das über Energieaustausch auch die weitere(n) Paarbeziehung(en) oder Metamour-Verhältnisse negativ, selbst wenn diese für sich alleine sehr gut, also überwiegend energiegebend, laufen (würden). Dieser unbewusste (!) Energiefluss macht sich durch eine eigene Dynamik bemerkbar, für die Maitri, Nemo und ich die Bezeichnung Verschobene Grenzen erfunden haben.

Beispiele:

Mensch A und Mensch B sind miteinander in einer Paarbeziehung. Sie öffnen diese romantisch, allerdings nicht aus einer Primärmotivation für Polyamorie, sondern aus einer Sekundärmotivation. Das ist entscheidend, denn jede Sekundärmotivation ist per Definition ein Versuch, die Erfüllung eines Bedürfnisses über unnötige Umwege zu bekommen, und damit energiefressend.

Angenommen, dieses romantisch offene Paar lernt einen geeigneten dritten Menschen, Mensch C, kennen. Zwischen Mensch B im Ursprungspaar und dem neuen Mensch C funkt es und sie beginnen, liebevolle Aufmerksamkeit(en) zu teilen (etwa „Ich vermisse dich“-Kurznachrichten), sich zu küssen oder zu kuscheln, also romantische Verhaltensweisen zu zeigen. Damit gibt es auf einmal eine zusätzliche Ebene Liebe. Gemäß der Näheskala reichen für eine neue Verbindung auf der Ebene Liebe übrigens genügend romantische Handlungen, bis Verliebtheitsgefühle entstehen. Sex oder eine offizielle Paarbeziehung sind nicht notwendig, verstärken jedoch die Verliebtheit, sobald vorhanden.

Wir haben also das energiefressende Ursprungspaar EF (= Energiefresser) aus Mensch A und Mensch B sowie die neue romantische Verbindung EG (= Energiegeber) aus Mensch B und Mensch C, deren frische Verliebtheit Energie produziert.

Um diese Situation selbst zu erleben, ist übrigens nicht zwingend Polyamorie notwendig. Der Effekt entsteht immer, wenn drei Zutaten zusammenkommen:

  • Eine bestehende energiefressende Beziehung (oder etwas, das de facto eine Beziehung ist, welche die Beteiligten aber nicht so nennen – „Es ist kompliziert“),
  • eine Verliebtheit in einen neuen Menschen,
  • sowie dass der neue Mensch die Gefühle erwidert.

Das kommt häufiger vor, als die meisten Menschen denken, denn wer monogam in einer unglücklichen (= energiefressenden) Beziehung lebt, sich aber in die heimliche Affäre oder den_die Arbeitskolleg_in verliebt, welche sich ebenfalls zurückverlieben, steckt bereits in so einer Situation.

Die entstandene Verbindung / das entstandene V-Polykül sieht dann so aus:

Wie bei kommunizierenden Gefäßen wandert nun die Energie vom energieproduzierenden zum energiefressenden Paar. Das setzt die Dynamik der verschobenen Grenzen in Gang:

Aus der Sicht von Mensch B, der sowohl Teil von EG als auch von EF ist, wirkt auf einmal der Anteil von Mensch A am Energieminus von EF, also Verhaltensweisen, die vorher dauernervig, unfair oder grenzüberschreitend waren, gar nicht mehr so schlimm. Denn Mensch B hat nun mehr als seine eigene Energie zur Verfügung, nämlich die Energie von EG, um das Energieminus in EF auszugleichen. Bewusst äußert sich dies durch weniger Genervtheit, Erschöpfung oder destruktive Konflikte (auch unausgesprochene!) innerhalb EF und dass Mensch B bisher störende Situationen und Verhaltensweisen uminterpretiert – zu „Passt eh“ oder gar „spannende Eigenheit von Mensch A“. Subjektiv gesehen scheint die EF-Beziehung zwischen Mensch A und Mensch B also plötzlich besser zu funktionieren, obwohl alle energiefressenden Dynamiken natürlich unverändert weiterlaufen.

Die andere Seite bleibt davon nicht unbeeinflusst: Die Energie von EG wird schließlich angezapft. Am Anfang kann dies unbemerkt bleiben, da nur die überschüssige Energie abgezogen wird, und EG wenigstens noch die benötigte Energie, damit die Beziehung gut läuft, produzieren kann. Energiefresser sind jedoch üblicherweise Energieparasiten, die alle Energie in Reichweite fressen, um ja nichts an den eigenen Verhaltensweisen ändern zu müssen. Daher beginnt EF bald, sogar die benötigte Energie von EG abzuziehen, wodurch auch in der neuen Verbindung ein Energieminus entsteht. Dies äußert sich in plötzlichen Konflikten zwischen Mensch B und Mensch C, den ursprünglichen Energiegebern. Diese Konflikte wurden von Mensch B unbewusst aus der Beziehung mit Mensch A „verschoben“ und brechen sich nun wie Wellen an der Küste am nächsten geeigneten Menschen ihre Bahn. Die EG-Paarbeziehung leidet in Folge unter Genervtheit, Erschöpfung und destruktiven Konflikten und wird dadurch ebenfalls zu einer instabilen, energiefressenden Paarbeziehung.

Die Themen der plötzlichen Konflikte zwischen der neuesten Verbindung aus Mensch B und Mensch C sind dabei ein guter Hinweis – genau diese Wünsche, Grenzen, und Themen sind höchstwahrscheinlich der Auslöser für die energiefressenden Dynamiken zwischen Mensch A und Mensch B – daher auch die Bezeichnung Verschobene Grenzen.

Leider verläuft dies in der Praxis jedoch nicht so linear, wie hier beschrieben, sondern wird noch von weiteren Faktoren beeinflusst. Die wichtigsten davon sind:

  • Die Fähigkeit zu konstruktiven Konflikten: „Setz dich hin. Wir reden das jetzt ordentlich aus!“ vs. „Dir zahl ich’s heim!“
  • Unaufgearbeitete negative Erfahrungen mit einer Ex-Beziehung: „Das ist ein anderer Mensch als mein_e Ex. Ich frag lieber mal nach, bevor ich einfach etwas annehme.“ vs. „Genau wie mein_e Ex!! Nur dass ich diesmal nicht die Dumme sein werde…“

Um eine destruktive, energiefressende Dynamik in einer Paarbeziehung loszutreten, die dann das gesamte Polykül überschwappt, reicht es bereits, wenn sich eine Seite destruktiv verhält und sich weigert, die Situation in Ruhe auszudiskutieren. Verständlicherweise wird es noch schwieriger, wenn beide Seiten ein solches Verhalten zeigen.

Wenn die Beteiligten des romantisch offenen Paares / Polyküls, wie in der Poly-Szene üblich, dann auch noch jederzeit zusätzliche romantische Verbindungen anhängen, verkompliziert das die Energieflüsse entsprechend, wodurch eine Negativspirale entsteht, die es für das EF-Paar besonders schwer macht, die verschobenen Grenzen zu erkennen und auszusteigen:

Beispiele:

Das Ursprungspaar besteht aus Mensch A und Mensch B. Mensch B verliebt sich in Mensch C und beginnt daraufhin mit Mensch C eine romantische Verbindung oder neue Beziehung. Mit Mensch A wurde die Organisation dieser neuen Beziehung im Vorfeld entweder gar nicht oder unzureichend besprochen – zwischen Mensch A und Mensch B gibt es also Sekundärmotivationen, die Energie fressen.

Am Anfang kommt Mensch A damit klar, dass Mensch B und Mensch C zusammen sind – schließlich profitiert er_sie von der Energie, die aus dieser Verliebtheit in die eigene Beziehung fließt. Dann aber verbringt Mensch B zunehmend lieber Zeit mit dem neuen Menschen, um die frische Verliebtheit zu genießen. Da die Verbindung energiegebend ist, ist Mensch B mit Mensch C wahrscheinlich auch kreativer und liebevoller als mit Mensch A. Das stößt Mensch A immer mehr sauer auf. Mensch A ist daraufhin eifersüchtig, verletzt und/oder beginnt Angst um die Beziehung mit Mensch B zu haben. Die Folge sind (wieder aufflammende) Konflikte zwischen Mensch A und Mensch B.

Angenommen, Mensch B sieht daraufhin ein, dass zu viel Zeit mit Mensch C die Beziehung zu Mensch A in Gefahr bringt. Daher schränkt Mensch B den Kontakt mit Mensch C ein. Mensch C ist deshalb verletzt und zieht sich zurück. Mensch A und Mensch B sind jetzt wieder zu zweit. Da es aber keine Verliebtheit von außerhalb mehr gibt, deren Energie die energiefressende Beziehung ausbalanciert, brechen die alten Konflikte zwischen Mensch A und Mensch B wieder aus. Dies begünstigt, dass die Dynamik umschlägt:

Mensch A ist von den zurückkehrenden Konflikten frustriert, da er_sie sich aus der Beendigung der Beziehung zwischen Mensch B und Mensch C eine schöne Zeit mit Mensch B erhofft hat – die jetzt nicht eingetroffen ist. Daher investiert Mensch A nun Zeit in Mensch D, verliebt sich, und beginnt bald darauf eine romantische Verbindung oder Beziehung mit Mensch D. Mit Mensch B wurde der Beginn dieser neuen Beziehung im Vorfeld entweder gar nicht oder nur unzureichend besprochen – zwischen Mensch A und Mensch B gibt es also Sekundärmotivationen, die Energie fressen.

Am Anfang kommt Mensch B damit klar, dass Mensch A und Mensch D zusammen sind – schließlich profitiert er_sie von der Energie, die aus dieser Verliebtheit in die eigene Beziehung fließt. Dann aber verbringt Mensch A zunehmend lieber Zeit mit dem neuen Menschen, um die frische Verliebtheit zu genießen, usw.

Der Energie einer frischen Verliebtheit nützt dem Ursprungspaar also tatsächlich – allerdings nur kurz, und mit einem hohen Preis: Falls nicht schon im Vorfeld Grenzüberschreitungen passiert sind („Ich teile dir mit, mit wem ich außer dir noch etwas habe, aber ob du das ok findest, ist mir wurscht!“), können die Beteiligten der bestehenden Beziehung das als Mitfreude bezeichnete positive Gefühl empfinden – allerdings nur für die ersten paar Wochen. Dann kippt das Gleichgewicht, und auch die EG-Beziehung fällt wie die EF-Beziehung ins Energieminus. An diesem Punkt muss natürlich eine neue EG-Beziehung her, die wiederum durch NRE bereitstellt, usw.

Aber auch gegenüber dem Menschen der neuen Verliebtheit oder Beziehung ist diese Entwicklung zutiefst unfair: Anstatt die Energie der Verliebtheit dem jeweiligen Paar zu lassen, wofür sie eigentlich gedacht ist, um dort schöne Erlebnisse herzustellen und notwendige Beziehungsarbeit zu erleichtern, fließt diese in eine oder mehrere fremde, energiefressende Struktur(en) und verschwindet darin wie in einem schwarzen Loch.

Die einzige Möglichkeit, aus der Negativspirale auszusteigen, ist, den Ursprung der Konflikte zwischen Mensch A und Mensch B zu finden und gemeinsam zu lösen. Die EF-Paarbeziehung muss dann so angeschaut werden, als ob sie eine Zweierbeziehung ohne weitere dranhängende Beziehung(en) wäre:

  • Wurde die polyamore Erweiterung aus einer Sekundärmotivation eingegangen?
    (Siehe dazu das Flowchart: Ist Polyamorie etwas für mich?)
  • Trifft einer oder mehrere der Gründe für eine instabile Paarbeziehung zu?
  • Wie können wir unsere Situation gemeinsam Schritt für Schritt ändern, sodass unsere Beziehung stabil und energiegebend wird?

Wenn hingegen über keines dieser Themen eine konstruktive Kommunikation (mehr) möglich ist oder eine Liebesbeziehung von vorneherein nicht die passende Verbindung war, bleibt als einzige Lösung, dass sich Mensch A und B trennen.

Unbearbeitet bewegt sich das gesamte Beziehungsgeflecht im Laufe von ein paar Monaten über den miauenden Hund und/oder den seriell-parallelen Durchlauferhitzer auf einen emotionalen Atompilz zu, in dem es schlussendlich hochgeht.

Seriell-parallele Polyamorie – Teil 1/2: Der miauende Hund oder: Ohne dich kann ich nicht sein – mit dir bin ich auch allein.

Ein Mensch, der „poly ist“, betreibt mehrere Verliebtheiten gleichzeitig und teilt die eigene Zeit unter diesen auf. Da aber immer wieder (üblicherweise mit einem Abstand von mehreren Monaten) eine neue Verliebtheit an das Beziehungsgeflecht angehängt wird, bleibt für die chronologisch älteren Verliebtheiten irgendwann nicht mehr genug Zeit und Platz, um die tiefe Nähe einer ernstgemeinten Liebesbeziehung aufrechtzuerhalten.

Da es für die daraus entstehenden Dynamiken noch keine eigenen Bezeichnungen gibt, haben mein Lebensgefährte Nemo und ich eigene erfunden:

  • der miauende Hund und
  • der seriell-parallele Durchlauferhitzer.

Oftmals hat die chronologisch ältere Beziehung keine Vereinbarungen, wann und wie Zeit miteinander verbracht wird: „Wir sehen uns eh“. An diese flexible Situation des Ursprungspaares wird nun eine neue Verliebtheit anhängt. Dadurch, dass der neue Mensch ebenfalls Zeit benötigt, verbringen die Beteiligten des Ursprungspaares schlagartig weniger Zeit miteinander, oder sind in einem gemeinsamen Haushalt einfach „weniger da“. Die gemeinsame Nähe sinkt so von der tiefen Nähe einer Liebesbeziehung graduell auf die Nähe einer entfernten Bekanntschaft mit Sex. Dadurch wird die chronologisch ältere Beziehung zum miauenden Hund.

Die Beteiligten sehen ihre Verbindung allerdings immer noch als „Beziehung“, oder sich selbst als „Paar“. Bei genauerem Hinsehen haben aber die gegenseitigen Wünsche und Handlungen nicht mehr viel damit zu tun. So kann einem Menschen in einer solchen „Liebesbeziehung“ dann passieren, dass er_sie krank ist, oder emotionale Unterstützung benötigt, und dazu verständlicherweise Hilfe in der Beziehung sucht. Das angeblich verliebte Gegenüber bevorzugt es jedoch, Zeit mit der neuen Verliebtheit zu verbringen, anstatt sich um den Menschen in der Ursprungsbeziehung zu kümmern. Die Katze wird also mit „Hund“ angesprochen, miaut aber trotzdem, anstatt zu bellen.

Der nicht mehr erfüllbare Beziehungswunsch erzeugt zutiefst frustrierte Menschen, welche dann destruktive Konflikte ausfahren. Dies ist ein Erkennungsmerkmal eines instabilen Zwischenzustands auf der Näheskala, ähnlich dem einer Nebenbeziehung.

Der miauende Hund besteht solange, wie die Beteiligten Worte und Handlungen der Ebene 6 der Näheskala trotzdem verwenden. Dazu gehört bei der Beziehungsform die private Bezeichnung als „Beziehung“, oder als erkennbares „Paar“ zu öffentlichen Anlässen aufzutreten. Bei den Handlungen natürlich romantische Nähehandlungen (Küssen, Kuscheln, Miteinander einschlafen). Alle diese Verhaltensweisen befeuern im Unbewussten die Sehnsucht nach der tiefen Nähe einer Liebesbeziehung mit dem betreffenden Menschen weiter. Wie Tantalos hat ein Mensch, der in einem miauenden Hund lebt, ständig die Hoffnung auf eine Liebesbeziehung vor Augen, welche aber, sobald er_sie diese leben will, auf ein (zeitlich und emotional) kaum anwesendes, kaltes Gegenüber trifft.

Seriell-parallele Polyamorie – Teil 2/2: Der Durchlauferhitzer oder: Was interessiert mich mein Gspusi von gestern…

Wenn sich die Beteiligten als „poly“ verstehen, jedoch den miauenden Hund nicht ernst nehmen, bleibt das Beziehungsgeflecht weiterhin romantisch offen. Früher oder später lernt also wieder jemand eine neue Verliebtheiten kennen, und fügt diese an das Polykül an. Dann beginnt der seriell-parallele Durchlauferhitzer: Die chronologisch älteren Verbindungen fallen nach und nach zugunsten einer neuen (meistens sekundärmotivierten) Verliebtheit, einer neuen „Hitze“ also, aus dem Beziehungsgeflecht.

Durch den miauenden Hund wird die anfängliche Verliebtheit in der Ursprungsbeziehung nämlich weniger, und verschwindet nach einiger Zeit völlig. Dann entscheidet entweder das Frustrationsausmaß in der Beziehung, oder sogar einfach die Verfügbarkeit einer neuen Verliebtheit, welches Gegenüber zuerst geht.

Dabei macht entweder eine Seite aktiv Schluss, oder räumt einfach der neuen Verliebtheit immer bevorzugt Zeit und Energie ein, bis die Gegenseite geht. Manchmal schleifen auch beide Seiten die Beziehung aus, indem beide gleichzeitig mit einer jeweils anderen Verliebtheit beschäftigt sind. Dadurch sehen sie sich irgendwie nicht mehr, bis schließlich eine Seite ihre Sachen zurückholt.

Die Situation ist so anstrengend wie sie klingt. Menschen, die durch einen seriell-parallelen Durchlauferhitzer gehen, erleben eine wochen- oder monatelange nie endenwollende Frustration und destruktive Gefühlsachterbahn. Interessanterweise gibt es in der amerikanischen Poly-Szene bereits ein eigenes Wort dafür: polyagony, ein Portmanteau aus polyamory und agony (engl. Seelenqualen).

Die enttäuschten Hoffnungen aus dem miauenden Hund und Liebeskummer aus den Trennungen im seriell-parallelen Durchlauferhitzer sind dabei ein spürbarer Hinweis auf die darunterliegenden energiefressenden Zustände.

Wer mehrere solcher (ehemaliger) Verliebtheiten gleichzeitig betreibt, befindet sich daher gleich in mehreren energiefressenden Dauerzuständen. Das verstärkt den energiefressenden Effekt drastisch, was dann bei allen Beteiligten psychische Probleme verursacht. Letztendlich führt eine ständig romantisch offene Lebensweise zu chronischen psychischen Erkrankungen wie einer Depression oder einer Persönlichkeitsstörung.

1 2