Im Mainstream – Teil 1/4: Wir sind monogam!

Der Mainstream bezeichnet eine Gruppe von Menschen in der eurozentrischen/westlichen Gesellschaft (und weiteren Gesellschaften), die durch ihre Anpassung an soziale Erwartungen die Unterdrückung von (insbesondere weiblicher) Sexualität befeuern. Da sie die Mehrheit an der Gesamtbevölkerung stellen, sind sie die Hauptquelle für die Entstehung und Aufrechterhaltung der patriarchalen Irrglauben und Lügen – also des Patriarchats.

Die gegenwärtige feministische Literatur hat für diese Gruppe die neutrale Bezeichnung heteronormativer Mainstream entwickelt:

  • Hetero, weil die bevorzugte Orientierung in dieser Mehrheitskultur heterosexuell und heteroromantisch ist, weswegen Menschen mit einer homosexuellen und homoromantischen Orientierung negative Reaktionen erfahren.
  • Normativ, weil sich die betreffenden Menschen an den Werthaltungen der Mehrheit – den Normen – orientieren, um ihr Leben daran anzupassen, und dies auch von ihrer Umgebung verlangen.
  • Mainstream (engl. Strömung), weil die Mehrheit der Menschen wie Wasser in einem Fluss in dieselbe Richtung treibt.

Seit es einen solchen Mainstream gibt, haben Menschen andere Lebensweisen angestrebt und ausprobiert – diese waren jedoch immer eine Minderheit. Bezeichnungen wie Subkultur (lateinisch sub = unter) oder alternative Szene (lateinisch alter = anders). ergeben sich daher aus dem Vergleich mit der Mehrheitskultur. Aktuelle Beispiele für diese Lebensweisen sind alternative Sexualität in Form von Swingen oder BDSM, und das alternative Beziehungsmodell Polyamorie.

Menschen mit Lebensweisen, die so zentrale Themen wie Sex und Liebe anders handhaben, stellen damit den Mainstream selbst infrage, und stoßen dadurch bei Menschen, die ihr Leben den Meinungen des Mainstreams angepasst haben, meistens auf negative Reaktionen: Unverständnis und Unsichtbarmachung sorgen dafür, dass sich alternative Menschen als „die einzigen“ vorkommen, sich einsam fühlen, und keine Sprache und Möglichkeiten haben, über ihre Bedürfnisse zu reden oder Gleichgesinnte zu finden. Je nach Aufenthaltsort können auch Diskriminierung, alltägliche Gewalt oder sogar Verfolgung hinzukommen.

Wenn sich dann Menschen mit ähnlichen Interessen in einer Subkultur zusammenfinden, sind diese oftmals wütend über ihre Erfahrungen im Mainstream, und möchten sich auch in der Sprache bewusst von der Mehrheitskultur abgrenzen. Daher hat fast jede Subkultur abwertende Bezeichnungen für den Mainstream hervorgebracht, die oftmals auch die – im Vergleich zur Subkultur – einschränkenden Denkmuster betonen: Spießbürger, Spießer, Kleinbürger, Establishment, Normalos, Muggel (wie die nicht-magischen Menschen der Harry Potter-Geschichten), oder Stinos (ein_e Stino, mehrere Stinos, steht für stinknormale Menschen).

Auf meinem Blog verwende ich allerdings die neutrale Bezeichnung – also heteronormativer Mainstream, oder einfach Mainstream.

Innerhalb des Mainstreams ist monogam ein allgegenwärtiges Schlagwort. Es wird als Aussage über die eigene Identität gebraucht: „Ich bin monogam“. Bei genauerem Nachfragen kann Monogamie oder monogam, je nachdem, welche Person gefragt wird, allerdings verschiedene Bedeutungen haben:

  • Sex nur mit einem Menschen zu wollen
  • Eine Liebesbeziehung nur mit einem Menschen zu wollen
  • In einer Liebesbeziehung nur Sex mit diesem einen Menschen zu wollen

Etymologisch besteht monogam aus mono (altgr. eins) und gam (altgr. Sexualpartner). Davon kommt auch Gameten, der Fachbegriff für Keimzellen, also Ei- und Samenzellen. Im eigentlichen Wortsinn sollte monogam also „einen einzigen Sexualpartner habend“ bedeuten. Das stimmt aber schon im Tierreich nicht. So gehen Vögel, die sich zum Brüten einen lebenslangen Partner suchen, ein paar Mal im Jahr sexuell fremd (Männchen und Weibchen!), werden aber trotz dieses Paarungsverhaltens als „monogame Tiere“ bezeichnet und oftmals als Vorbild für menschliche monogame Liebesbeziehungen zitiert.

Die meisten Menschen verstehen heute unter Monogamie den dritten Punkt: in einer Liebesbeziehung keinen Sex mit anderen Menschen als dem_der Beziehungspartner_in zu wollen. Allerdings entspricht dies nicht der Natur der meisten Menschen, sondern ist eine falsche Idee des Mainstreams.

Ob eine Idee falsch ist, ist daran ersichtlich, ob sich beim Aufeinandertreffen der Idee und ihrer Umsetzung in der Wirklichkeit Widersprüche finden lassen. In diesem Fall werden wir schnell fündig: Heimliche sexuelle Affären oder Trennungen aufgrund von Fremdgehen (= Sex mit jemand Anderem als der Liebesbeziehung zu haben) sind tief in das kollektive Gedächtnis der eurozentrischen/westlichen Gesellschaft eingegraben: Sowohl jahrhundertealte Geschichten als auch die moderne Popkultur greifen diese immer wieder auf. Daraus ist also ableitbar, dass die meisten Menschen, egal ob Frau, Mann oder weiteres Geschlecht, sehr wohl das Bedürfnis haben, nicht nur mit dem Menschen in ihrer Liebesbeziehung, sondern auch mit anderen Menschen außerhalb davon Sex zu haben.

Allerdings zeigt nicht nur die Tatsache, dass Menschen überhaupt fremdgehen, sondern auch die Definition des Wortes, dass hier etwas gewaltig nicht zusammenpasst.

Beispiele:

Ein Hetero-Pärchen, das sich selbst als „monogam“ sieht, ist gemeinsam mit seinem besten Hetero-Freund auf Urlaub und sitzt zu dritt am Strand. Der beste Freund cremt der Frau des Pärchens den Rücken mit Sonnenschutz ein.

Wo ist nun die Grenze zum „Fremdgehen“?

  • Eine gute Rückenmassage, die beide ein bisschen antörnt?
  • Ein Gespräch, wo miteinander geflirtet wird?
  • Wenn sie ihr Bikini-Top auszieht und er ihre Brüste ebenso mit eincremt?
  • Wenn alle FKK sind und das gegenseitig antörnend finden, sodass eine kurze sexuelle Stimmung entsteht, wo beide Männer eine sichtbare Erektion bekommen?

Jedes Pärchen hat dazu seine eigene Meinung und, im Idealfall, Spielregeln: Für manche ist bereits Flirten mit anderen attraktiven Menschen eine Todsünde, andere ziehen nur bei Handlungen an den Geschlechtsorganen oder bei vaginalem Geschlechtsverkehr eine Grenze.

Das Wort monogam, wie es im Alltag verwendet wird, ist also vieldeutig, und ergibt daher keinen Sinn:

  • Entweder ist es schwammig definiert: Jedes Pärchen macht sich seine konkrete Bedeutung neu aus. Als Folge davon verstehen sich zwei und mehr Pärchen gegenseitig nicht, wenn sie den Begriff Monogamie verwenden. Und tatsächlich kann eine ernsthafte Diskussion über die Frage, was denn nun monogam sei, eine abendfüllende Streitdiskussion produzieren, und sogar einen Freundeskreis spalten.
  • Oder es ist ganz einfach falsch: Denn die Definition, die die meisten verstehen, nämlich in einer Liebesbeziehung nur Sex mit diesem einen Menschen zu wollen, ist eine falsche Idee über die Menschheit.

Diese falsche Idee nenne ich die monogame Lüge.

Im Mainstream – Teil 2/4: Die monogame Lüge oder: Was du nicht weißt, macht dich nicht heiß

Die monogame Lüge ist im Wesentlichen eine Ableitung der patriarchalen Lüge der Rolle „Frau“, mit dem Unterschied, dass es nun keine gegenteilige Rolle (wie die Rolle „Mann“) mehr gibt. Dieses Lügenkonstrukt kann von allen Geschlechtern vertreten werden, egal ob Frau, Mann, oder weiteres Geschlecht.

Die monogame Lüge besteht wiederum aus vier Lügen und behauptet:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.
  2. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.
  3. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, jemand Anderen sexuell begehrenswert zu finden.
  4. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.

In allen patriarchalen Gesellschaften fördern die meisten Menschen die monogame Lüge, entweder indem sie fest daran glauben, und sich alle Widersprüche wegerklären, oder sie zumindest nach außen aufrechterhalten, während „unter der Bettdecke“, im Puff, etc. ganz andere Dinge passieren.

Das Bedürfnis nach Sex ist eines der stärksten Kräfte im Menschen und lässt sich nicht ohne Konsequenzen unterdrücken. Wird nun das sexuelle Bedürfnis auf der Ebene Lust nur gemeinsam mit der Ebene Liebe, also laut der monogamen Lüge mit einem einzigen Menschen, zugelassen, bleibt immer ein signifikanter Teil dieses Bedürfnisses unbefriedigt. Da Energie nicht einfach verschwindet, sondern immer nur den Wirkungsort wechselt, muss diese unterdrückte Energie irgendwo hin; also steigt der Druck im Unbewussten, bis sich das Bedürfnis irgendwann Bahn bricht.

Kurzfristig geschieht das in spontanen sexuellen Begegnungen, die erst dann passieren, wenn alle Beteiligten genug enthemmende Drogen (wie Alkohol) genommen haben, damit die Hemmschwelle sinkt und das unterdrückte Bedürfnis nicht mehr so viele Hindernisse bis ins Außen überwinden muss. Um die vorhandene falsche Idee nicht in Frage stellen zu müssen, und damit gegen die Mehrheit der Menschheit anzutreten, geschehen diese Ausbrüche heimlich, oder werden zumindest danach so gut wie möglich verheimlicht.

Mittelfristig werden verheimlichte sexuelle Affären angestrebt und gelebt, die natürlich abseits vom Sex mit der Liebesbeziehung stattfinden. Sobald jemand jedoch eine Geschichte über eine heimliche Affäre erwähnt, oder das Thema als Elefant im Raum steht, haben die Personen, die schon einmal heimlich Sex während einer sexuell geschlossenen Liebesbeziehung hatten, schnell Rechtfertigungen für ihr Verhalten anzubieten: Der heimliche Sex fand dann angeblich statt, um

  • sexuelle Spielarten auszuleben, von denen sie glauben (aber nie gefragt haben), dass der Partner / die Partnerin diese nicht antörnend findet oder als Ganzes ablehnt.
  • sich eine „Wellness-Behandlung“ oder eine „Belohnung“ zu gönnen, die sie aufgrund irgendwelcher Aufwände oder Aufopferungen in der Beziehung verdient hätten.
  • sich am Beziehungspartner für einen empfundenen Mangel an emotionaler Aufmerksamkeit zu rächen.

Interessant ist dabei, dass es in diesen Rechtfertigungen nie um den Menschen geht, mit dem oder der der heimliche Sex stattgefunden hat, sondern immer um die zentralen emotionalen Probleme innerhalb der Beziehung: Den Unwillen, dem Partner einmal richtig zuzuhören, oder in Ruhe nach Bedürfnissen zu fragen, und/oder den Unwillen, selbst potentiell ungewöhnliche Bedürfnisse anzusprechen.

Die Notwendigkeit für die Geheimhaltung findet sich daher nicht in den Aussagen der Rechtfertigungen, sondern im Wunsch, Konflikte zu vermeiden – hauptsächlich mit dem eigenen Beziehungspartner, aber auch mit dem (patriarchalen) sozialen Umfeld, wo die meisten Menschen die gleichen Probleme sowie den gleichen Unwillen haben, diese zu konfrontieren. Das ist der wahre Ursprung des Wortes „Betrügen“ für heimlichen Sex außerhalb einer sexuell geschlossenen Liebesbeziehung: Die Person, die ein heimliches Erlebnis oder eine Affäre hat, kann ihr sexuelles Bedürfnis auf der Ebene Lust (mehr) ausleben, was Konflikte offenlegen würde, während dieselbe Person sich weiterhin öffentlich als sexuell geschlossen präsentiert, und damit falschen Frieden und Toleranz sowohl mit dem eigenen Beziehungspartner, als auch im größeren sozialen Umfeld erlebt.

Wer dieses Verhalten für eine kluge Strategie hält, lässt sich ziemlich täuschen. Während die gesamte Situation so aussieht, als ob die Konflikte umgehbar sind, und so niemals bearbeitet werden müssten, unterdrücken die betroffenen Personen die Konflikte lediglich. Da der Zweck einer Liebesbeziehung ist, sich zu lieben und sich umeinander zu kümmern, also ein gemeinsames Leben im größten Ausmaß zu teilen, hat der_die Beziehungspartner_in das Recht, an allen Entscheidungen teilzunehmen, die die gemeinsame Zeit, Energie und Unternehmungen beeinflussen – einschließlich der Sexualität. Aus diesem Grund ist Wünsche wie die eigene Sexualität und sexuelle Fantasien dem Beziehungspartner vorzuenthalten ganz objektiv unethisch. Der „betrügende“ Mensch macht die Situation sogar noch schlimmer als vorher: Er erzeugt nämlich zusätzliche Konflikte wegen der zutiefst unfairen Natur seines Verhaltens, die ein Potential für das explosive Auffliegen der Lügengebäude rund um den heimlichen Sex schafft.

Die belgisch-israelische Paartherapeutin Esther Perel hat einen umfassenden TED-Talk zum Thema heimliche Affären gehalten, dem ich in allen Punkten zustimme. Sie bespricht darin, was Menschen dazu treibt, in einer Beziehung heimlich Sex zu haben, und wie betroffene Paare nach einer aufgeflogenen Affäre wieder zusammenfinden können.

Daraus aber zu schließen, diejenigen, die ihre sexuellen Wünsche heimlich ausleben, wären die „Bösen“ und diejenigen, die das brav gemäß der monogamen Lüge nicht tun, wären die „Guten“, ist genauso falsch. Denn in Wirklichkeit haben Mensch A und Mensch B in einer Liebesbeziehung, die gemeinsam die monogame Lüge leben, an ihrer Aufrechterhaltung jeweils zu 50% ihren Anteil.

Mensch A ignoriert die eigenen sexuellen Bedürfnisse an andere Menschen und erwartet dies auch vom Gegenüber: Damit haben wir die ersten 50%. Denn vom Gegenüber einzufordern, die eigene Sexualität, einen der stärksten Teile der eigenen Persönlichkeit, zu ignorieren, ist nicht Liebe, sondern blankes Besitzdenken. Mensch B wird wie ein Sexspielzeug behandelt, das nach Gebrauch wieder in die Lade zurückgelegt wird und dort bleibt, nicht wie ein selbst entscheidendes Individuum mit gleichen Rechten.

Mensch B, der seine eigenen sexuellen Bedürfnisse nicht ignoriert, erwartet von Mensch A, ihm_ihr keine Grenzen bei der Auslebung der eigenen sexuellen Bedürfnisse zu setzen. Das kommt daher, dass nur mit Rebellion aus einem starren System ausgebrochen werden kann. Der erste Schritt ist dabei immer, das exakte Gegenteil der bekämpften Sache anzuwenden, um diese damit zu besiegen. Wenn also eine Seite gemäß der monogamen Lüge ständig Grenzen zieht, versucht die Gegenseite durch eine absolute Allergie gegen alle Grenzen, auch gegen sinnvolle, diesen Unterdrückungsmechanismus zu beenden. Damit haben wir die fehlenden 50%.

Diese beiden Persönlichkeitsstrukturen verstärken sich nun gegenseitig:

Mensch B, der seine Ebene Lust ausleben will, ist vom ständigen Abblocken von Mensch A, der seine eigene Ebene Lust unterdrückt und die seines Gegenübers ignoriert, genervt. Je nach Dauer und Art des Konflikts kann Mensch B viel Wut entwickeln, die sich schließlich in alleinigen Aktionen niederschlägt: „Wenn du mir mein gutes Recht nicht zugestehst und mich wie ein Spielzeug behandelst, mache ich es halt einfach, ohne dich zu fragen!“

Dieses Verhalten bleibt von Mensch A natürlich nicht unbemerkt, doch anstatt an der eigenen Weltsicht zu zweifeln, wird die Wut an dem_der Beziehungspartner_in ausgelassen und noch mehr abgeblockt: „Du hast nur mit mir Sex zu wollen, und gegen dieses Gesetz gehandelt, jetzt ziehe ich die Barrikaden noch höher!“

Beide Seiten sehen sich im Recht und versuchen, ihr Gegenüber von der Richtigkeit der eigenen Strategie zu überzeugen – dabei betreiben beide den 50%-Anteil eines Konzeptes, das an sich falsch ist.

Das kann solange gehen, bis sich die monogame Lüge selbst in den Schwanz beißt:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.

Ein Mensch in der Liebesbeziehung findet andere Menschen geil und würde mit diesen gerne sexuelle Erlebnisse anstreben.

  1. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.

Dieser Mensch verschwurbelt nun – meistens unbewusst (!) – aufgrund der monogamen Lüge sein eigenes Bedürfnis:

Um Sex allein kann es nicht gehen. Denn einen sexuellen Wunsch zu haben bedeutet ja, automatisch auch einen romantischen Nähewunsch auszudrücken…

Außerdem nervt die ständige Notwendigkeit zur Verheimlichung. Warum können wir nicht „einfach so“ … ?

Damit beginnt der Mensch, sich in einen neuen Menschen, den er_sie gerade geil findet, zu verlieben. Und hier ist nicht die Rede von der Einzementierung der patriarchalen Lüge, wo die Ebene Liebe vorgespielt wird, um Sex zu bekommen. Der Mensch, der sich verliebt, empfindet tatsächlich Verliebtheitsgefühle und einen Beziehungswunsch mit diesem neuen Menschen.

Wenn die Verliebtheit erwidert wird, ist der abblockende Mensch mit seinen eigenen Waffen geschlagen: Denn gemeinsam mit der Ebene Liebe gibt es auch eine Ebene Lust mit dem neuen Menschen – ganz offiziell. Der Mensch, der sich verliebt hat, kann nun endlich mit einem anderen Menschen einfach Sex haben.

Wegen dem dritten und vierten Punkt der monogamen Lüge wird nun allerdings die Ebene Liebe mit dem ersten Menschen in Frage gestellt:

  1. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, jemand Anderen sexuell begehrenswert zu finden.
  2. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.

Im Umkehrschluss bedeutet nun die Tatsache, dass sich der_die Beziehungspartner_in neu verliebt hat, dass die eigene Liebesbeziehung und/oder die gemeinsame Sexualität innerhalb der Liebesbeziehung nicht das Richtige für alle Beteiligten war. Wenn sie das gewesen wäre, man selbst/das Gegenüber ja nicht mit einem anderen Menschen Sex angestrebt und/oder sich neu verliebt.

Dieser Konflikt erzeugt emotionalen Schmerz auf beiden Seiten und führt im üblichsten Szenario zur Trennung des Ursprungspaares. Damit kommen wir zu einem wohlbekannten Phänomen, das sowohl im Mainstream als auch in der queeren Szene weit verbreitet ist: der seriellen Monogamie.

Im Mainstream – Teil 3/4: Serielle Monogamie

Der Begriff serielle Monogamie bedeutet, im Laufe seines Lebens mehrere Liebesbeziehungen hintereinander zu haben. Das ist an sich kein Problem, denn natürlich kann es passieren, dass eine Liebesbeziehung nicht funktioniert hat und später wieder eine neue eingegangen wird. Die serielle Monogamie ist allerdings keine Folge, sondern eine Ursache davon, dass Liebesbeziehungen immer wieder scheitern.

Ein Mensch, der serielle Monogamie lebt, steht diesem Wechsel nämlich aufgeschlossen gegenüber. Das bedeutet, dass dieser Mensch bei jeder begonnenen Liebesbeziehung wenigstens unbewusst davon ausgeht, dass diese an einem Punkt garantiert scheitern wird, anstatt die Ebene Liebe mit dem wesentlichen romantischen Wunsch „Wir wollen unser Leben miteinander verbringen!“ gleichzusetzen.

Das wiederum beeinflusst die Einstellung zu Beziehungsarbeit: Die anfängliche Verliebtheit stellt Energie bereit, die dazu gedacht ist, das gemeinsame Austragen und Lösen von Konflikten voranzutreiben, bis eine stabile Ebene Liebe erreicht ist. Nun ist aber mindestens eine_r der Beteiligten gar nicht bereit, gemeinsam an der Liebesbeziehung zu arbeiten und Konflikte konstruktiv auszutragen: Die aktuelle Beziehung wird ohnehin scheitern – wozu sich also die Arbeit antun?

Das Ergebnis sind Menschen, die die gemeinsame Verliebtheit miteinander genießen – das allerdings nur für eine begrenzte Zeit. Sobald nämlich für die Aufrechterhaltung dieser Gefühle mehr und mehr Beziehungsarbeit benötigt wird, wird das Gegenüber bald „aussortiert“, um mit einem neuen Menschen wieder Verliebtheit ohne störende Konflikte erleben zu können. Konflikte in der neuen Beziehung lassen dann wiederum nicht lange auf sich warten, und der ganze Kreislauf beginnt von vorne.

Es gibt aber noch einen weiteren Faktor, der diesen Kreislauf antreibt: die Monogamie selbst, also sexuell geschlossene Beziehungen.

Da sich die Ebene Lust immer an verschiedene Menschen gleichzeitig richtet, ist der Wechsel seriell monogamen Menschen unbewusst durchaus willkommen: Endlich wieder ein anderer Körper und somit Abwechslung im Sexleben.

Nun unterdrückt aber die monogame Lüge die Ebene Lust. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit immens, sich innerhalb einer bestehenden Liebesbeziehung durch den Mechanismus der monogamen Lüge neu zu verlieben.

Wenn aus diesen sekundärmotivierten Verliebtheiten Liebesbeziehungen begründet werden, geschieht meistens ein bekanntes Phänomen: Einige Wochen lang sind alle Beteiligten super verliebt und haben so oft Sex wie nur möglich. Danach kommt die Ernüchterung:

„Der Sex war eine Zeit lang echt gut, aber jetzt nicht mehr so, und sonst weiß ich ehrlich gesagt nicht, was ich mit dir machen soll. Wir haben kaum gemeinsame Interessen und nach welchen zu suchen fühlt sich schon beim Gedanken daran mühsam an. Ich denke, die Luft ist einfach raus. Besser wir machen Schluss, bevor das noch anstrengender wird.“

Daran ist ersichtlich, dass es von vorneherein nur um die Ebene Lust miteinander ging und gemeinsamer Sex zum Spaß die bessere Option gewesen wäre – ohne folgende Trennung und die damit verbundene emotionale Enttäuschung.

Im Mainstream – Teil 4/4: Verliebt in einen anderen Menschen – wie geht es weiter?

Der dritte Punkt der monogamen Lüge lautet:

  1. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.

Diese Behauptung ist deshalb eine Lüge, da es natürlich passieren kann, dass sich Menschen während einer gesunden Liebesbeziehung in jemand Anderen verlieben. Ohne die monogame Lüge ist das immer noch möglich; es kommt allerdings viel seltener vor.

Grundsätzlich ist es ein gesundes menschliches Verhalten, Resonanz-Menschen auf der Ebene Liebe zu erkennen und darauf zu reagieren. Das wesentliche Kriterium ist nicht, ob sich jemand verliebt, sondern wie damit umgegangen wird.

Eine gemeinsame Liebesbeziehung zu beginnen, ist immer eine bewusste Entscheidung. Ist die eigene Liebesbeziehung auf der Ebene Liebe bereits grundsätzlich erfüllt, macht es keinen Sinn und produziert enormen emotionalen Schmerz, aufgrund einer neuen Verliebtheit die Ursprungsbeziehung zu beenden.

Mit diesem Hintergrund macht es Sinn, zu dem neuen Resonanz-Menschen auf der Ebene Liebe auf Abstand zu gehen. Wichtig ist aber, sich die Ursachen der neuen Verliebtheit anzuschauen. Oft kommt dabei nämlich tatsächlich etwas Neues für die Ursprungsbeziehung heraus. Das kann sein:

Wie die Beteiligten einer Paarbeziehung diese Konflikte konstruktiv austragen und gesunde Lösungen finden können, steht in der Artikelreihe: Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung?