Die Distanzskala – Teil 1/6: Vorstellung des Modells

Ich habe ein Modell entworfen, das zahlreiche Missverständnisse und Konflikte zwischen zwei Menschen vorhersagt, die Sex anbahnen, miteinander Sex haben, eine romantische Beziehung anbahnen, oder in einer romantischen Beziehung sind. Ich nenne das Modell die Distanzskala.

Während es auf der Näheskala darum geht, wie Menschen Vertrauen aufbauen und ehrlich miteinander kommunizieren können, bildet die Distanzskala das Gegenteil ab. Menschen auf der Distanzskala kommunizieren meistens in hässlichen Spielchen und Racheaktionen – je höher die Stufe, desto härter. Ihr gemeinsames Merkmal ist der Glaubenssatz, dass nur stark sein kann, wer (vermeintlich) schwächeren Mitmenschen etwas wegnimmt. Wer diesem Glaubenssatz folgt, bringt immer mehr Distanz und soziale Kälte zwischen sich und alle anderen Menschen.

Tatsächlich ist die Distanzskala nach der Transaktionsanalyse eine Gruppe aus Spielen, die in gegenseitiger Interaktion wiederum weitere Spiele hervorbringen. Die Transaktionsanalyse ist eine Disziplin der Psychologie, die der kanadische Psychotherapeut Eric Berne begründet und in den 1960ern in seinem Buch Spiele der Erwachsenen (im englischen Original Games People Play) veröffentlicht hat.

Die Distanzskala basiert auf den traditionellen Geschlechterrollen, also Sammlungen an un- und halbbewussten Annahmen, Überzeugungen und Verhaltensmustern, die Menschen in einer patriarchalen Kultur anerzogen bekommen. Die gegenwärtige feministische Literatur geht davon aus, dass es genau zwei solche Verhaltensmuster gibt, in denen Frauen und Männer jeweils erzogen werden – diese bezeichne ich als die Rolle „Frau“ und die Rolle „Mann“. Durch genaue Alltagsbeobachtungen habe ich allerdings festgestellt, dass in diesem Zusammenhang nicht zwei, sondern acht unterschiedliche Verhaltensmuster existieren – und zwar vier Ausprägungen der Rolle „Frau“, und vier der Rolle „Mann“.

Die vier Verhaltensmuster der Rolle „Frau“ nenne ich:

  • Entitlement Girl,
  • Material Girl,
  • Bitch(prinzessin),
  • Missbrauchstäterin.

Die vier Verhaltensmuster der Rolle „Mann“ nenne ich:

  • Entitlement Guy,
  • Frauenversteher,
  • Traumprinz,
  • Missbrauchstäter.

Wenn ich sage, dass Menschen in der Rolle „Frau“ erzogen werden, meine ich damit: Bezugspersonen und Umgebung bringen dem Kind oder dem_der Jugendlichen durch Vorleben, Belohnung von erwünschtem Verhalten und Bestrafung von unerwünschtem Verhalten das Verhaltenmuster Entitlement Girl bei. Genauso ist es mit der Rolle „Mann“, mit dem Unterschied, dass hier das Verhaltensmuster Entitlement Guy übrigbleibt.

Die Namen der Stufen sind bewusst plakativ gewählt, und folgen damit der Konvention der Transaktionsanalyse, mit möglichst kolloquialen, „drastischen“ Begriffen einen hohen Erkennungswert beim betroffenen Menschen auszulösen. Darin liegt jedoch die Stärke der Distanzskala: Die meisten der beschriebenen Verhaltensweisen sind den betroffenen Menschen großteils unbewusst (was sie nicht weniger destruktiv macht), und können so viel eher bewusst (gemacht) werden.

Diese Muster kommen jedoch nicht lose vor, sondern bauen aufeinander auf:

Wie die meisten Spielchen, hat die Distanzskala mehrere Härtestufen, in diesem Fall vier, die dasselbe Ziel durch eine andere, destruktivere Strategie verfolgen. Die acht Verhaltensmuster ergeben sich daraus, dass es jede Stufe in zwei Ausprägungen gibt – eine in der Rolle „Frau“ und eine in der Rolle „Mann“. Die Umsetzung folgt dann den Überzeugungen und Erwartungen der jeweiligen patriarchalen Rolle:

  • Die Rolle „Frau“ täuscht Sex vor, um unfaire Liebe zu bekommen,
  • Die Rolle „Mann“ täuscht Liebe vor, um unfairen Sex zu bekommen.

Der wesentliche Punkt ist unfaire Liebe und unfairer Sex – denn das wirkliche Ziel der ausführenden Menschen ist ein Machtspielchen, bei dem es darum geht, das Gegenüber anstatt als Menschen als Automaten zu behandeln, der ein gerade vorhandenes Bedürfnis befriedigen soll, ohne dafür eine Gegenleistung geben zu müssen.

Das Grundschema sieht so aus:

Die Distanzskala für alle Menschen
Schweregrad Motivation und Ziel des Spielchens Gemeinsamer Nenner im Verhalten gegenüber anderen Menschen Ausprägung der Rolle „Frau“ Ausprägung der Rolle „Mann“
1. Stufe Anerkennung ohne Gegenleistung von Menschen, die sexuell und/oder romantisch interessant sind Anstrengend, unfair, jammert, ist ständig beleidigt Entitlement Girl Entitlement Guy
2. Stufe Anerkennung ohne Gegenleistung von Menschen, die sexuell und/oder romantisch interessant sind, und der Mehrheit des sozialen Umfelds Vorne zuvorkommend, redet hinterrücks schlecht und betrügt. Material Girl Frauenversteher
3. Stufe Anerkennung ohne Gegenleistung der Mehrheit des sozialen Umfelds, und von Menschen, wo sie sich einfach erschleichen lässt Sagt oder macht genau das, was ein ausnutzbarer Mensch hören will, hält nichts, was er_sie verspricht Bitch Traumprinz
4. Stufe Anerkennung ohne Gegenleistung von Menschen, wo sie sich einfach erschleichen lässt, sowie von jedem erreichbaren Menschen, sofort, und mit Gewalt Misshandelt alle erreichbaren Menschen. Je intelligenter, desto gezielter die Opfer und desto versteckter die Übergriffe. Missbrauchstäterin Missbrauchstäter

Um die Ausprägungen sowohl der Rolle „Frau“ als auch der Rolle „Mann“ mit möglichst vielen Alltagsbeispielen zu beschreiben, habe ich jedes Verhaltensmuster zusätzlich in

  • Ablauf des Spielchens (in der Transaktionsanalyse Manöver genannt),
  • Verhalten gegenüber Männern (= Menschen in der Rolle „Mann“, und allen, die nicht eindeutig der Rolle „Frau“ entsprechen)
  • Verhalten gegenüber Frauen (= Menschen in der Rolle „Frau“, und allen, die dafür gehalten werden).

unterteilt.

Die vollständige Distanzskala für beide Rollen steht am Ende des Artikels.

Die meisten Menschen behalten das anerzogene Verhaltensmuster ihr Leben lang bei. Wenn solche Menschen jedoch als Jugendliche einer Lebenssituation ausgesetzt sind, oder sich als Erwachsene eine solche aussuchen, die ihre sexuellen und/oder romantischen Wünsche immer wieder beschneidet, und sie unbefriedigt und frustriert zurücklässt, kann der betreffende Mensch entlang der Distanzskala hinaufwandern. Ein Entitlement Girl wird dann zum Material Girl, und ein Entitlement Guy zum Frauenversteher. Das Wechseln von einer Stufe zur nächsten dauert üblicherweise mehrere Jahre, während denen der betreffende Mensch unbewusst und schleichend aus der patriarchalen Umgebung übernommene Ignoranzen, Spielchen, und Täuschungsmanöver ausprobiert, bis die neue Stufe im Verhalten sichtbar wird.

Jedes Verhaltensmuster auf der nächsten Stufe bringt erst einmal eine Erleichterung, da die gesuchte Aufmerksamkeit anderer Menschen einfacher „verfügbar“ ist. Das Hässliche an dieser Weiterentwicklung ist jedoch, dass sich durch Spielchen nur sehr kurzfristig Anerkennung erschleichen lässt – Aufmerksamkeit, die alle Beteiligten auch tatsächlich wollen und meinen, also echte, energiegebende Nähe zu anderen Menschen, entsteht dadurch nicht. Im Gegenteil, die energiefressenden Spielchen verstärken das Grundproblem sogar, bis ein erneutes Raufwandern passiert, um mit der unverändert unglücklichen Situation umzugehen.

Übrigens ist es nicht möglich, eine Stufe zu überspringen, da es für jede neue Stufe immer die Erfahrungen der vorherigen braucht. Jeder Frauenversteher war einmal ein Entitlement Guy, und jede Bitch einmal ein Material Girl. In besonders patriarchalen Umgebungen (ein kirchentreues Dorf am Land, oder ein Stadtbezirk mit Menschen aus Kulturen, die mehr Patriarchat als die eurozentrische/westliche haben) können Menschen jedoch besonders schnell die Distanzskala hinaufwandern, sodass sie weniger als ein Jahr auf einer Stufe verbringen.

Wenn diese Verändung extrem verläuft, kommt am Ende ein Missbrauchstäter oder eine Missbrauchstäterin heraus. Um ihre unmittelbaren Bedürfnisse zu befriedigen, versuchen diese Typen von Menschen nicht einmal mehr zu kommunizieren, sondern setzen jede gerade verfügbare Gewalt ein – physische Gewalt wie Drohungen, Prügeln, Nötigungen, Übergriffe oder psychische Gewalt wie Tone Policing, Gaslighting, Victimblaming und Erpressung. Diese Endstufe zeigt: Indem Geschlechterrollen bis zur letzten Konsequenz gelebt werden, bringt das Patriarchat ungefiltert „das Böse“ im Menschen hervor.

Solange die Situation allerdings weder großartig besser noch schlechter wird, oder sogar minimale Verbesserungen erfährt, sodass der betreffende Mensch nicht mehr so akut unglücklich ist, stoppt das die Dynamik, und der Mensch verbleibt auf der jeweiligen Stufe.

Ändert derjenige Mensch den eigenen Lebensentwurf hingegen drastisch und erlebt infolge dessen, dass sexuelle und romantische Wünsche befriedigt werden, kann dies sogar bewirken, dass der betreffende Mensch die Distanzskala langsam hinunterwandert: aus einem Material Girl wird wieder ein Entitlement Girl und aus einem Frauenversteher wieder ein Entitlement Guy. Diese Entwicklung kann sogar soweit gehen, dass der Mensch die Distanzskala weitgehend verlässt und einen völlig neuen Charakter entwickelt: einen gesunden Menschen ohne Geschlechterrolle, der unabhängig von den gesellschaftlichen Erwartungen das Leben aktiv gestaltet, das sie, er oder sier wirklich will.

Hier gibt es die volle Distanzskala für die Rolle „Frau“.

Und hier die volle Distanzskala für die Rolle „Mann“.

Die Distanzskala – Teil 2/6: Dynamiken und Vorhersagen oder: Treffen sich zwei im Patriarchat erzogene Menschen…

Sobald zwei Ausprägungen der Distanzskala aufeinander treffen, entfalten sie zusammen ein Rollenreaktions-Bullshit-Bingo (Zitat von Oligotropos über die Distanzskala). Dafür reicht es, wenn lediglich eine Seite ein unfaires sexuelles oder romantisches Interesse hat – und die andere Seite damit einfach nur in Kontakt kommt. Natürlich läuft die Dynamik schneller, wenn beide Seiten ein solches unfaires Interesse haben.

Dabei entfalten die Dynamiken der Distanzskala nur zwischen entgegengesetzten Rollen ihre volle Wirkung: Es braucht also einen Menschen in der Rolle „Frau“ und einen Menschen in der Rolle „Mann“. Das liegt daran, dass ein sexuelles oder romantisches Interesse generell nur zwischen Yin und Yang entstehen kann. Die patriarchalen Rollen sind in dieser Betrachtung eine historisch entstandene toxische Kopie dieses Zusammenspiels: Die Rolle „Frau“ ist ein toxisches Yin (ohne den Yang-Punkt), und die Rolle „Mann“ ist ein toxisches Yang (ohne den Yin-Punkt).

Wenn sich zwei kompatible Menschen in gleichen Rollen (etwa zwei lesbische Frauen in der Rolle „Frau“) begegnen, wechselt oftmals eine Person unbewusst genügend in die andere Rolle, damit ein sexuelles oder romantisches Interesse passieren kann. Dieses Phänomen ist so verbreitet, dass die queere Subkultur eigene Name dafür entwickelt hat: Femme-Butch unter Lesben, sowie Top-Bottom unter Schwulen. Aus diesem Grund tauchen dieselben Verhaltensmuster bei allen sexuellen und romantischen Orientierungen auf.

Aus allen entgegengesetzten Ausprägungen ergeben sich dann 10 verschiedene Dynamiken (vier mal die gleichen vier, minus Duplikate). Diese zehn Situationen entsprechen dann vielzitierten „typischen“ Konflikten und Klischees zwischen Frauen und Männern, die aus eigenen Erfahrungen, Erzählungen anderer und der Popkultur bekannt sein werden. Dabei stimmt die Rolle zwar oft mit dem Geschlecht überein, jedoch können die Rollen genauso:

  • „vertauscht“ sein: die Frau verhält sich in der Rolle „Mann“, und der Mann in der Rolle „Frau“,
  • zwischen zwei Frauen vorkommen: eine Frau verhält sich in der Rolle „Frau“, ihre Partnerin in der Rolle „Mann“,
  • zwischen zwei Männern vorkommen: ein Mann verhält sich in der Rolle „Mann“, sein Partner in der Rolle „Frau“  –
  • und überhaupt kann die Dynamik alle Geschlechter treffen.

Da die patriarchalen Rollen in jeder patriarchalen Gesellschaft allgegenwärtig sind, sind es ebenso die Ausprägungen der Distanzskala. Daher kommen die typischen Konflikte zwischen zwei Menschen jeder Stufe in den meisten Serien, Filmen und Liedern vor, deren Handlung Probleme zwischen Menschen abbildet, die Sex anbahnen, miteinander Sex haben, eine romantische Beziehung anbahnen, oder in einer Beziehung sind.

Im Folgenden habe ich daher einige Lieder zusammengetragen, deren Liedtexte und Stimmungen das Aufeinandertreffen der jeweiligen Stufen ziemlich gut beschreiben. Auch fiktive Charaktere, egal ob aus einem Buch, einem Film oder einer Serie, eignen sich für eine solche Zuordnung. Da die Distanzskala ein Modell über toxische Dynamiken ist, handeln natürlich auch die Lieder, die diese Dynamiken besingen, von Menschen, die Andere ausnutzen, einer unglücklichen Verliebtheit oder Beziehung, oder einer hässlichen Beziehungstrennung.

Alle Lieder gibt es auch als Playlist auf Spotify:

Stufe 1 trifft auf Stufe 1:

Hier trifft eine typische Frau auf einen typischen Mann, also ein Entitlement Girl auf einen Entitlement Guy (oder umgekehrt). Beide fahren jeweils eine anerzogene Doppelmoral: Jede Seite hat für die eigene Rolle typische, unfaire Erwartungen an das Gegenüber, das diese sofort, ohne Gegenleistung, und am besten noch freudig erfüllen soll. Das Entitlement Girl erwartet etwa, dass ihr der Mann jedes ihrer Bedürfnisse von den Augen abliest und sofort erfüllt, noch bevor sie etwas sagen müsste. Der Entitlement Guy möchte hingegen, dass sich die Frau jede seiner häufigen Beschwerden und Jammertiraden vollständig anhört, und dann den Grund der Beschwerden sofort erleichtert oder behebt. Dies sind nur zwei häufig vorkommende Werthaltungen aus vielen – von diesen Entitlements, also ungerechtfertigten Erwartungen, hat sowohl ein Entitlement Girl als auch ein Entitlement Guy wahrscheinlich hunderte, mit noch einmal hunderten Variationen je nach Kultur, sozialer Schicht, und Lebensgeschichte.

Fiktive Entitlement Guys:

The Big Bang Theory: Howard Wolowitz, Raj Koothrappali (mit seinen Dates)

Der Charakter Raj ist ein seltenes Beispiel eines Rollenwechslers: Gegenüber seinen weiblichen Dates verhält er sich in der Rolle „Mann“ als Entitlement Guy. Mit seinen Freunden, speziell Howard, wechselt er jedoch in die Rolle „Frau“ und verhält sich wie ein Entitlement Girl. Diese neue Rolle hält außerdem die homoerotische Anziehung zwischen Howard und ihm aufrecht.

Fiktive Entitlement Girls:

The Big Bang Theory: Raj Koothrappali (mit seinen Freunden)

Friends: Phoebe Buffay

The L Word: Tina Kennard

Entitlement Girl singt über Entitlement Guy:

Aretha Franklin – Respect

Barbara Schöneberger – Das bisschen Haushalt

Entitlement Guy singt über Entitlement Girl:

Aus der Serie „American Dad!“, Staffel 1, Episode 12: Stan (Seth MacFarlane) – I Want A Wife (Not A Partner)

Robin Thicke, Pharrell Williams – Blurred Lines

Wissenswertes über Stufe 2:

Ein Material Girl oder Frauenversteher auf Stufe 2 hat unbewusst die eigenen Prioritäten verlagert. Während auf Stufe 1 noch Aufmerksamkeit und Anerkennung des sexuellen Interesses oder Beziehungspartners am wichtigsten sind, geht es auf Stufe 2 aufgrund der Enttäuschungen zu zweit hauptsächlich um die Anerkennung von möglichst vielen anderen Menschen. Daraus erklären sich alle typischen Verhaltensweisen der Stufe 2: Die unbedingte Anpassung an die Erwartungen der Mehrheit des sozialen Umfelds, sowie die Tendenz zu heimlichen Flirts oder einer heimlichen Affäre:

  • viel Anerkennung auf einmal des neuen Menschen,
  • Rache für die fehlende Anerkennung des_der Beziehungspartner_in,
  • die Möglichkeit, Menschen zu „testen“, die für dieselbe Anpassung mehr Aufmerksamkeit „bezahlen“ – als Reserve, falls die vorhandene Beziehung nicht mehr genügend liefert,
  • Heimlichkeit, damit die Anerkennung der (sexuell geschlossenen) Mehrheit weiterhin passiert.
Fiktive Material Girls:

The Big Bang Theory: Penny, Amy Farrah Fowler

Friends: Monica Geller, Rachel Green

The L Word: Alice Pieszecki, Dana Fairbanks

Fiktive Frauenversteher:

The Big Bang Theory: Leonard Hofstadter

Friends: Chandler Bing, Ross Geller

How I Met Your Mother: Marshall Eriksen

The L Word: Bette Porter, Helena Peabody

Stufe 1 trifft auf Stufe 2:

Ein Mensch hat die Entitlements des Gegenübers langsam satt. Ständig herrscht schlechte Stimmung oder hagelt es Vorwürfe – nie kann er_sie es Recht machen. Um auch mal Ruhe zu haben, beginnt der Mensch, immer öfter nachzugeben, also dem Entitlement Girl / Entitlement Guy nicht mehr zu widersprechen, und „für einen netten Abend“ oder „für den Hausfrieden“ zu tun, was gerade eben verlangt wird – und rutscht damit auf Stufe 2, wird also zu einem Material Girl oder Frauenversteher.

Wer jetzt meint, dass auch mal nachgeben zu können wichtig für eine Beziehung ist, hat Recht. Doch hier gibt immer nur der Mensch auf der Stufe 2 nach, während der Mensch auf Stufe 1 die völlige Erfüllung seiner (von vorneherein unfairen) Erwartung bekommt. Dadurch hat Stufe 2 zwar kurzfristig Ruhe, weil Stufe 1 ausnahmsweise mal zufrieden ist, mittelfristig wird Stufe 2 jedoch immer unzufriedener, da die eigenen Bedürfnisse dauernd zu kurz kommen. Stufe 2 beginnt daher, eine Gegenleistung zu erpressen, indem er_sie das zentrale Bedürfnis des Gegenübers nur gegen „Bezahlung“ im Voraus erfüllt: Ein Material Girl hat nur dann Sex, wenn er ihr etwas Schönes gekauft hat, oder sie zusammen einen romantischen Film gesehen haben. Ein Frauenversteher geht nur dann auf ein Date, oder kuschelt ausgiebig, wenn sie mal wieder einen Blowjob springen ließ.

Material Girl singt über Entitlement Guy:

Madonna – Material Girl

Tammy Wynette – Stand By Your Man

Barbara Schöneberger – Männer muss man loben

Frauenversteher singt über Entitlement Girl:

Reinhard Mey – Noch’n Lied

Revolverheld – Ich lass für dich das Licht an

Fettes Brot – Jein

Bodo Wartke – Ja, Schatz!

Für Stufe 1 erscheint Stufe 2 vorerst als ein angenehmer, netter Mensch, der Bedürfnisse sofort erfüllt, im Gegensatz zu anderen Menschen auf Stufe 1, die ständig die Wünsche des Gegenübers ignorieren, und ihre eigenen in den Vordergrund stellen. Deshalb fühlen sich Menschen auf Stufe 1 sexuell und romantisch eher zu Menschen auf Stufe 2 als zu ihrer eigenen Stufe hingezogen. Nach einiger Zeit begreift Stufe 1 jedoch, dass die eigenen Wünsche nur dann erfüllt werden, wenn er_sie einen Vorschuss auf ein „Konto“ eingezahlt hat (in Form von Zeit, Sex, Rechnungen bezahlen, etc.).

Wenn Stufe 1 genügend gesunde Anteile hat, konfrontiert er_sie an dieser Stelle bald den Menschen auf Stufe 2. Hat Stufe 2 einen Menschen an der Angel, der_die mehr Vorschuss für dieselbe Aufmerksamkeit liefert, verlässt Stufe 2 an dieser Stelle Stufe 1.

Entitlement Guy singt über Material Girl:

CeeLo Green – F*ck you

Entitlement Girl singt über Frauenversteher:

JoJo – Leave (Get Out)

Rihanna – Take a Bow

Haben Stufe 1 und Stufe 2 hingegen weiter Sex oder eine Beziehung, versucht Stufe 1, den Misstand auszugleichen, indem er_sie ebenfalls nur gegen einen Vorschuss Aufmerksamkeit hergibt – und wandert dadurch ebenfalls auf Stufe 2.

Stufe 2 trifft auf Stufe 2:

Nun haben beide Menschen in der Beziehung als wichtigstes Ziel die Anerkennung der Mehrheit ihres sozialen Umfelds. Daher befinden sich zwei Menschen auf Stufe 2 in einem ständigen Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit anderer Menschen: Ein Material Girl setzt Sex ein, damit er ihr etwas Schönes kauft, das sie dann ihren neidischen Freundinnen, Arbeitskolleginnen oder Nachbarn stolz präsentieren kann. Ein Frauenversteher setzt romantische Aufmerksamkeit und Geld ein, damit sie sich genauso kleidet und verhält, damit ihn seine Kumpels, Arbeitskollegen, oder Nachbarn um seinen „Fang“ beneiden. Natürlich eignet sich dafür auch jedes andere Statussymbol, wie der tolle Job, den er haben muss, oder das schöne Haus, das sie einrichtet, etc. Um die persönlichen Bedürfnisse der beteiligten Menschen geht es fast nie.

Material Girl singt über Frauenversteher:

Black Eyed Peas – My Humps

Big Brovaz – Favourite Things

Gitte Haenning – Ich hab geglaubt, du bist verliebt

Frauenversteher singt über Material Girl:

Udo Jürgens – Ich war noch niemals in New York

Die Prinzen – Alles Nur Geklaut

Frauenversteher und Material Girl singen übereinander:

Aus der Serie „Buffy the Vampire Slayer“, Staffel 6, Episode 7 (die Musical-Folge):
Xander (Nicholas Brendon) and Anya (Emma Caulfield) – I’ll Never Tell

So steigt die Frustration, bis die Beteiligten mehr nebeneinander als miteinander leben, oder sogar bis das scheinbar perfekte Paar, dessen Beteiligte aus Sicht der Umgebung „alles (erreicht) haben“, entweder aufgrund einer aufgeflogenen Affäre, oder eines heftigen Beziehungskrachs über all die verschwiegenen Bedürfnisse, in einer hässlichen Beziehungstrennung endet.

Lieder über eine Beziehungstrennung von zwei Menschen auf Stufe 2:
Frauenversteher singt über Material Girl:

Sunrise Avenue – Fairytale Gone Bad

Frauenversteher und Material Girl singen übereinander:

Gotye and Kimbra – Somebody That I Used To Know

Wissenswertes über Stufe 3:

Einem Menschen auf der Stufe 3, also einer Bitch oder einem Traumprinzen, geht es zwar immer noch um die Anerkennung möglichst vieler Menschen, jedoch gestalten diese die Suche nach Anerkennung „effizienter“: Die Meinung der Mehrheit des sozialen Umfelds ist nur solange wichtig, bis sich ein Opfer findet, welches sich durch Manipulationen leicht ausbeuten lässt, also für möglichst wenig Aufwand möglichst viel Aufmerksamkeit zur Verfügung stellt.

In einer Beziehung versprechen Menschen auf Stufe 3 gerne Bindung (das bringt Aufmerksamkeit) und verweigern sie im Anlassfall („Was, du bist krank? Nein, ich hab gerade keine Zeit.“) oder beenden sogar plötzlich die Beziehung, nur um wenig später wieder zurück zu wollen. Solche Aktionen bezeichnen Menschen auf Stufe 3 dann gerne als „erwachsen“, „unabhängig“, oder „Freiheit“.

Für ihre Manipulationen setzen sowohl Bitch als auch Traumprinz im sozialen Umgang eine „Maske“ auf: Sie sagen und machen ganz genau das, was das Gegenüber ihrer Meinung nach hören will, und bekommen damit im Vergleich zu den unteren Stufen schnell viel Aufmerksamkeit. Diese Maske ist jedoch für beide Seiten toxisch: Menschen auf Stufe 3 erleben dabei einen immer größeren Identitätsverlust – sie wissen bald selbst nicht mehr, was jetzt Maske, und was sie selbst sind.

Bei einem anfälligen Gegenüber löst die Maske hingegen eine konkrete Idealisierungsfantasie aus: Der Mensch auf der Stufe 3 ist dann plötzlich „sooo toll“ oder „sooo interessant“, ohne dass dieser Mensch irgendetwas Tolles oder Interessantes getan hätte – wenn sich die Menschen bereits kennen, lassen sich bei Stufe 3 sogar Reaktionen mit dem exakten Gegenteil finden (langweilig, ungut, verletzend) – die sich der betroffene Mensch mit der Idealisierung üblicherweise wegerklärt. Je kompatibler die Menschen hinsichtlich Erziehung, Werthaltungen, und Lebensgeschichte sind, desto konkreter kann die Idealisierungsfantasie werden. Deshalb bewundern für Idealisierungen anfällige Menschen nicht automatisch jeden Menschen auf Stufe 3.

Die Dynamik zwischen einer Frau auf Stufe 1 (Entitlement Girl) oder Stufe 2 (Material Girl) und einem Mann auf Stufe 3 (Traumprinz) ist darüber hinaus einer der Grundpfeiler des Patriarchats, weil sie bei Frauen die Unterdrückung von sexuellen, und bei Männern die Unterdrückung von emotionalen Bedürfnissen noch weiter verstärkt. Mehr dazu unter: Warum stehen Frauen auf Arschlöcher?

Fiktive Bitches:

The Big Bang Theory: Bernadette Rostenkowski

How I Met Your Mother: Lily Aldrin, Robin Scherbatsky

The L Word: Jenny Schecter (am Anfang der Serie)

Fiktive Traumprinzen:

Friends: Joey Tribbiani

How I Met Your Mother: Barney Stinson, Ted Mosby

The L Word: Shane McCutcheon, Eva „Papi“ Torres

Stufe 1 trifft auf Stufe 3:

Ein kompatibler Traumprinz oder eine Bitch kann durch die „Maske“ bei einem Menschen auf der Stufe 1, also einem Entitlement Girl oder -Guy, eine Idealisierungsfantasie auslösen.

Für Stufe 1 reagiert Stufe 3 immer wieder unvorhersehbar, und erscheint dadurch als „erfahren“, „interessant“, oder einfach „anders“ – im Gegensatz zu anderen Menschen auf Stufe 1, die immer die gleichen ignoranten Manöver probieren. Dann gibt es aber noch Menschen auf Stufe 2, die nett und angenehm wirken, im Gegensatz zu den „Launen“ von Stufe 3. Deshalb fühlen sich Menschen auf Stufe 1 erst einmal sexuell und romantisch zu Menschen auf Stufe 2 hingezogen. Nach einiger Zeit jedoch langweilt sich Stufe 1 mit Stufe 2, und zwar sobald Stufe 2 durch die immer gleichen „Ja, Schatz“-Reaktionen ebenfalls vorhersehbar wird. An dieser Stelle findet Stufe 1 einen unvorhersehbaren Menschen auf Stufe 3 plötzlich ungeheuer interessant.

Entitlement Girl singt über Traumprinz:

Pat Benatar – Treat Me Right

Alicia Keys – Fallin‘

Miley Cyrus – Wrecking Ball

Maria Bill – I mecht landen

Stufe 3 sieht Stufe 1 einerseits als „Frühstück“, weil Stufe 1 unerfahren ist, und naiv auf die meisten Manipulationen von Stufe 3 hereinfällt.

Traumprinz singt über Entitlement Girl:

Guns N’Roses – It’s So Easy

The Who / Limp Bizkit – Behind Blue Eyes

Michael Jackson – Billie Jean

David Lee Roth – Just a Gigolo / I Ain’t Got Nobody

Georg Danzer – Vorstadtcasanova

EAV – Küss die Hand, schöne Frau (Unzensierte Maxi-Version)

Bitch singt über Entitlement Guy:

Ariana Grande – Thank U, Next

Andererseits jedoch erinnert Stufe 1 den Menschen auf Stufe 3 unbewusst an eine einfachere Zeit – als Stufe 3 selbst noch an eine bessere Welt glaubte. Deswegen verklärt Stufe 3 gerne Stufe 1 als „Neuanfang“, „unschuldige Jugend“, und dergleichen. So sind männliche Traumprinzen oft von weiblichen „Jungfrauen“ fasziniert, da sie diesen zuschreiben, aufgrund ihrer Unerfahrenheit selbst die unbemühteste und ignoranteste Art Sex (wenig Aufwand) noch beeindruckend zu finden (viel Aufmerksamkeit). Dadurch hat Stufe 3 eine Idealisierungsfantasie in die Gegenrichtung. Diese enttäuscht Stufe 1 jedoch schnell – einerseits durch die Tatsache, dass Stufe 1 ein individueller Mensch ist, andererseits durch die typischen unfairen Erwartungen und Ignoranzen.

Damit Stufe 3 unvorhersehbar reagieren (und so auch manipulieren) kann, braucht er_sie jedoch ein vorhersehbares Gegenüber. Die eigene Fehleinschätzung verunsichert Stufe 3 daher völlig, worauf Stufe 3 nicht selten mit Paranoia reagiert, und hinter jedem indirekten Kommunikationsversuch oder aufgeblasenen Geschichte von Stufe 1 ein Manöver nach dem eigenen Stil vermutet. Um sich weiterhin mächtig zu fühlen, beginnt Stufe 3 daher, Stufe 1 bei jeder Gelegenheit nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ emotional zu attackieren.

Wenn Stufe 1 genügend gesunde Anteile hat, verlässt er_sie an dieser Stelle bald den übergriffigen Menschen auf Stufe 3.

Entitlement Girl „am Weg raus“, singt über Traumprinz:

Taylor Swift – I Knew You Were Trouble.

Jennifer Lopez – Qué Hiciste

Gloria Gaynor – I Will Survive

Stefanie Werger – Stoak wie a Felsen

Entitlement Guy „am Weg raus“, singt über Bitch:

Wise Guys – Nur für dich (beginnt als Frauenversteher, wechselt mitten im Lied auf Entitlement Guy)

Wünscht sich Stufe 1 hingegen weiter Sex und/oder eine Beziehung von Stufe 3, und hält deswegen Kontakt, wandert er_sie bald auf Stufe 2, um über „Ich mach alles, was du willst“ mehr (positive) Aufmerksamkeit von Stufe 3 zu bekommen. Das Ignorieren der eigenen Bedürfnisse macht den betroffenen Menschen allerdings anfälliger für Idealisierungen, was eine besonders hässliche Dynamik (siehe Stufe 2 trifft auf Stufe 3) in Gang setzt.

Stufe 2 trifft auf Stufe 3:

Menschen auf Stufe 2 sind besonders anfällig für eine Idealisierungsfantasie, da sie ständig mit der Wunscherfüllung von anderen beschäftigt sind (den Entitlements der Stufe 1 oder den Erwartungen der Mehrheit auf Stufe 2), und in der Idealisierungsfantasie einen Menschen sehen, der endlich ihnen ihre tiefsten Wünsche erfüllt (wenigstens im Traum…).

Material Girl singt über Traumprinz:

Connie Francis – Schöner Fremder Mann (über eine Idealisierungsfantasie)

Carly Rae Jepsen – Call Me Maybe

Boney M – Daddy Cool

Britney Spears – Toxic

The Cardigans – My Favourite Game

Frauenversteher singt über Bitch:

James Blunt – You’re Beautiful (über eine Idealisierungsfantasie)

Radiohead – Creep

Hozier – Take Me To Church

Soft Cell – Tainted Love

Alice Cooper – Poison

Xavier Naidoo – Sie sieht mich nicht

Dies ist jedoch eine Falle. Denn Stufe 3 erfüllt von den angedeuteten oder versprochenen Dingen nur den Bruchteil, der gerade bequem ist. Sobald Stufe 3 sich genügend Aufmerksamkeit (in Form von Sex, Freundschaft, Liebe, etc.) geholt hat, verliert er_sie bald das Interesse am Gegenüber. Wie lange dieses Interesse anhält, ist manchmal ein geplantes Machtspielchen, meistens jedoch ganz einfach unklar, bis eine Gelegenheit für mehr Aufmerksamkeit die Sache kurzfristig entscheidet. Gerne hält sich Stufe 3 daher Stufe 2 mit gelegentlichen kurzen Kontaktaufnahmen für die nächste Aufmerksamkeitslieferung warm.

Geht eine solche Manipulation über Monate oder Jahre, produziert sie auf Stufe 2 emotional zutiefst verletzte und enttäuschte Menschen, die oft Jahre brauchen, um Misstrauen gegenüber neuen Menschen abzustellen, und sich (wieder) auf etwas Ernsthaftes einzulassen. Auf Stufe 3 entstehen getriebene Menschen, die sich nie einem anderen Menschen öffnen, sondern nur mehr für den nächsten Aufmerksamkeitsschuss leben, weil sie in sich selbst keine Bedeutung mehr finden.

Traumprinz singt über Material Girl:

Mark Ronson & Bruno Mars – Uptown Funk

Roger Cicero – Kein Mann für eine Frau

EAV – Märchenprinz

Die Ärzte – Zu Spät

Bitch singt über Frauenversteher:

Britney Spears – Oops!…I Did It Again

Marshmello & Anne-Marie – FRIENDS (was nach „Oops!…I Did It Again“ üblicherweise passiert)

Carrie Underwood – Before He Cheats

Aus dem Musical „Cabaret“: Sally Bowles  – Mein Herr

Stufe 3 trifft auf Stufe 3:

Hier treffen eine Bitch und ein Traumprinz aufeinander. Beide handeln nach dem Motto: „Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt“. Und tatsächlich ähnelt ein sexuelles oder romantisches Interesse zwischen beiden einem strategisch geführten Krieg. Beide Seiten versuchen sich gegenseitig zu manipulieren, mit dem Ziel, möglichst wenig Aufmerksamkeit, also auch Interesse am Gegenüber, herzugeben.

Hat eine Seite „zu viel“ Bedürftigkeit gezeigt, und droht dadurch das Spielchen zu verlieren, wird mit Manipulationen anderer Menschen (siehe Stufe 1 trifft auf Stufe 3 und Stufe 2 trifft auf Stufe 3) der eigene „Punktestand“ aufgebessert.

Wenn eine Seite schon länger auf Stufe 3 ist, die andere jedoch gerade erst die Stufe erreicht hat, bewundert der unerfahrene Mensch oftmals, dass der erfahrene auf Manipulationen nicht reagiert, und lässt sich darum mit ihm_ihr ein. Der erfahrene profitiert dabei von der billigen Aufmerksamkeit des unerfahrenen. Treffen zwei sexuell inkompatible Menschen auf Stufe 3 aufeinander, „adoptiert“ der erfahrene nicht selten den unerfahrenen Menschen, und versorgt diese_n mit Tipps, wie Manipulationen gelingen. Natürlich wendet der unerfahrene Menschen die gelernten Spielchen sofort auf den erfahrenen an, sollte der_die einmal einen schwachen Moment haben.

Traumprinz singt über Bitch:

Justin Timberlake – Cry Me A River

Blackstreet ft. Dr. Dre, Queen Pen – No Diggity (ein unerfahrener Traumprinz über eine erfahrene Bitch)

Wolfgang Ambros – Die Blume aus dem Gemeindebau (ein unerfahrener Traumprinz über eine erfahrene Bitch)

Rammstein – Du Hast

Bitch singt über Traumprinz:

Icona Pop – I Love It

Britney Spears – …Baby One More Time

Katy Perry – Hot N Cold

Taylor Swift – We Are Never Ever Getting Back Together

Gitte Haenning – Freu dich bloß nicht zu früh

Wissenswertes über Stufe 4:

Menschen auf der Stufe 4, also Missbrauchstäter und -innen, wissen sehr genau, dass sie mit ihrem Verhalten ihren Opfern schweren Schaden zufügen und/oder kriminell sind. Da zuvor sie auf der Distanzskala hinaufgewandert sind, denken sie jedoch, dass dies der einzige Weg sei, um garantiert Bedürfniserfüllung und Aufmerksamkeit von anderen Menschen zu bekommen: „Die anderen würden mich auch einfach sterben lassen!“

Daher wählt Stufe 4 das eigene Umfeld mit Bedacht aus – es muss genügend Opfer haben, die sich nicht wehren, damit Stufe 4 Aufmerksamkeit bekommt, sowie verlässliche Mitläufer_innen, die Missstände gegenüber den Opfern sowie Außenstehenden wegerklären.

Dazu benutzt Stufe 4 die „Maske“, die er_sie auf Stufe 3 gelernt hat, und setzt sie gezielt ein, um bei misstrauisch gewordenen Gegenübern eine Idealisierungsfantasie auszulösen, und damit sowohl Opfer als auch Mitläufer_innen zu steuern. Damit kann ein prügelnder Lebensgefährte lange genug gegenüber seiner Frau beteuern, dass es ihm sooo Leid tut, bis sie ihn zurücknimmt, oder eine Frau, die ihre Erpressungen zu weit getrieben hat, die arme, treusorgende Ehefrau spielen, die ja „nur das Beste“ für ihren Mann wollte.

Fiktive Missbrauchstäterinnen:

The L Word: Jenny Schecter (am Ende der Serie)

Stufe 1 trifft auf Stufe 4:

Ein Mensch auf der Stufe 1 (Entitlement Girl oder -Guy) findet einen kompatiblen Menschen auf Stufe 4 (Missbrauchstäter_in) ähnlich „anders“ oder „interessant“ wie Stufe 3, und zwar wenn die geübte „Maske“ von Stufe 4 eine Idealisierungsfantasie auslöst. Diese Fantasie ist auf Stufe 1 allerdings noch leicht verstörbar. Das passiert, sobald sich Stufe 4 in Sicherheit wähnt, die Maske daher weglässt, und das Gegenüber misshandelt. Dann gibt es für Stufe 1 zwei Möglichkeiten, zu reagieren:

Wenn Stufe 1 genügend gesunde Anteile hat, verlässt er_sie an dieser Stelle bald den übergriffigen Menschen auf Stufe 4.

Wünscht sich Stufe 1 hingegen weiter Sex und/oder eine Beziehung von Stufe 4, und hält deswegen Kontakt, wandert er_sie bald auf Stufe 2, um über „Ich mach alles, was du willst“ Stufe 4 keinen Grund für Misshandlungen zu geben. Das Ignorieren der eigenen Bedürfnisse macht den betroffenen Menschen allerdings anfälliger für Idealisierungen, was die Dynamik von Gewalt in der Beziehung (siehe Stufe 2 trifft auf Stufe 4) in Gang setzt.

Stufe 2 trifft auf Stufe 4:

Sobald ein Material Girl oder Frauenversteher auf Stufe 2, und eine Missbrauchstäterin oder ein Missbrauchstäter auf Stufe 4 ausreichend kompatibel sind, beginnt die Katastrophe:

Stufe 2 ist durch sein Verhalten sowohl das perfekte Opfer, weil am anfälligsten für Idealisierungsfantasien, als auch der perfekte Mitläufer, wegen der unbedingten Anerkennung des sozialen Umfelds. Stufe 4 „organisiert“ sich daher mithilfe der „Maske“ einen möglichst hilflosen Menschen auf Stufe 2. Seine Spielchen betreibt Stufe 4 so lange, bis Stufe 2 entweder hündisch ergeben ist, und/oder existenziell abhängig, indem er_sie kein eigenes Geld mehr verwaltet, und/oder der_die Gewalttäter_in Stufe 2 von allen bedeutsamen sozialen Interaktionen mit anderen Menschen fernhält. Ist das eingezogen, lässt Stufe 4 der eigenen Gewalt freie Bahn, und bedient nur dann die „Maske“, wenn sich das Opfer durch andere Mittel nicht kontrollieren lässt.

Stufe 2 versteht hingegen die Welt nicht mehr: „Als wir uns kennengelernt haben, war er_sie ganz anders.“. Um möglichst wenig Gewalt abzubekommen, fügt sich Stufe 2 jeder Regung von Stufe 4, und versucht jede Kleinigkeit Recht zu machen – und holt sich fehlende Anerkennung anderswo. Stufe 4 findet jedoch, dass jegliche Aufmerksamkeit und Anerkennung von Stufe 2 ihm_ihr „allein gehört“, und befürchtet, dass Stufe 2 durch Kontakt zu anderen Menschen jemand Besseren finden könnte. Deswegen veranstalten Menschen auf Stufe 4 regelmäßig paranoide Eifersuchtsdramen, und halten ihre Opfer durch Drohungen oder Wegsperren von anderen Menschen fern. Wenn Stufe 4 durch dieses Verhalten auffliegen würde, lässt Stufe 4 zwar Kontaktpersonen zu, allerdings nur solange diese völlige Mitläufer_innen (mehr auf Stufe 2 als das Opfer, oder Stufe 3) sind.

Währenddessen versucht Stufe 2 die Dramen und die Gewalt von Stufe 4 nach außen hin so gut wie möglich zu verstecken, und hält krampfhaft das Bild der „heilen Familie“ aufrecht, um nicht auch noch die Anerkennung des sozialen Umfelds zu verlieren.

Missbrauchstäter singt über Material Girl:

Die Toten Hosen – Alles aus Liebe

Stufe 3 trifft auf Stufe 4:

Manipulationen, die bleibenden Schaden hinterlassen, hat der Mensch auf Stufe 3 bisher vermieden – die waren ihm_ihr dann doch nicht ganz geheuer. Doch da Menschen auf Stufe 3 nichts wichtiger ist als Status, und geschickte Missbrauchstäter_innen in einer patriarchalen Gesellschaft oftmals einen hohen Status haben, blickt ein Mensch auf Stufe 3 bald bewundernd auf einen skrupellosen Menschen auf der Stufe 4: Diese Menschen schrecken vor nichts zurück, und bekommen dadurch jederzeit alles, was sie sich gerade einbilden. Also möchte Stufe 3 unbedingt Aufmerksamkeit von Stufe 4 bekommen, um dadurch im Status befördert zu werden – und um bei dessen Opfern nachzutreten.

Für Stufe 4 ist Stufe 3 natürlich ein willkommener Trottel, den er_sie genauso wie alle Anderen in seiner Umgebung ausbeuten kann. Im Gegensatz zu den unteren Stufen ist Stufe 3 jedoch praktisch, da dessen ständige Manipulationen unerwünschte Menschen verwirren oder fernhalten, welche sonst die Machenschaften des_der Missbrauchstäter_in aufdecken würden.

Bitch singt über Missbrauchstäter:

Lady Gaga – Bad Romance

Stufe 4 trifft auf Stufe 4:

Zwei Menschen auf Stufe 4, die miteinander Sex haben, oder in einer Beziehung sind, wissen beide, dass ihr Gegenüber ohne Hemmungen jede erdenkliche Gewalt anwenden wird. Daher erhalten sie ihren Zustand durch ein „Gleichgewicht des Schreckens“ aufrecht. Dazu gestehen sich beide ein eigenes Netzwerk aus Opfern zu, an denen sie sich abreagieren können. Die Stimmung schwankt dabei zwischen Auflauern zum Selbstschutz und Bewunderung, wenn dem Gegenüber ein besonders guter „Coup“ gelungen ist.

Missbrauchstäter singt über Missbrauchstäterin:

Scissor Sisters – I Can’t Decide

Wer selbst Lieder oder Charaktere einordnen möchte – hier ein paar Tipps:

Wie ich entdeckt habe, ist die Rollenverteilung in Medien für den Mainstream erschreckend klassisch: Männliche Sänger / Charaktere sind auf der Distanzskala der Rolle „Mann“, und weibliche Sängerinnen / Charaktere auf der Distanzskala der Rolle „Frau“. Diese Vorannahme funktioniert daher meistens. Wer „vertauschte“ Rollen oder Rollen bei lesbischen oder schwulen Interaktionen sucht, findet diese am ehesten bei queeren Künstler_innen.

Menschen auf Stufe 4 (Missbrauchstäter_in) sind leicht zu erkennen: Sie benutzen physische (Verprügeln, Drohungen, etc.) oder psychische Gewalt (Erpressung, Tone Policing, etc.)., um damit die gewünschte Anerkennung und Aufmerksamkeit zu erzwingen.

Stufe 3 (Bitch oder Traumprinz):

  • findet sich selbst „zu gut für diese Welt“,
  • erzählt über die Gefühle „hinter der Maske“ („Behind Blue Eyes“),
  • schildert, wie er_sie ein Interesse vortäuscht, um sich damit etwas völlig Anderes zu erschleichen.
  • plant und liefert offene Manipulationen / Racheaktionen.

Stufe 2 (Material Girl oder Frauenversteher):

  • verbiegt sich völlig für die Beziehung („Ja, Schatz!“),
  • hat ein schlechtes Selbstwertgefühl und idealisiert andere Menschen („I’m a creep“),
  • möchte unbedingt allen Erwartungen der eigenen sozialen Schicht, des Freundeskreises, etc. entsprechen, und dafür bewundert werden,
  • liefert impulsive, heimliche Racheaktionen.
  • Wenn Stufe 2 finanzielle Zuwendungen erwartet („zahl mir das Getränk / das Haus / mein Leben“), ist es ein Material Girl.

Stufe 1 (Entitlement Girl / Guy) bleibt meistens nach Ausschluss der obigen Punkte übrig. Direkt erkennbar ist Stufe 1 daran, dass er_sie eigentlich ganz nett wirkt, aber dann plötzlich eine ungute oder unfaire Bemerkung über das jeweils andere Geschlecht macht.

Wer sich bei der Rolle unsicher ist, kann:

  1. Das Spielchen nachvollziehen:
    • Mensch täuscht sexuelle Verfügbarkeit vor -> Rolle „Frau“
    • Mensch täuscht emotionale Verfügbarkeit vor -> Rolle „Mann“
  1. Oder wenn eine Rolle der Interaktion bereits bekannt ist, für die zweite Rolle einfach das Gegenstück annehmen (weil die Distanzskala nur zwischen Rolle „Frau“ und Rolle „Mann“ ihre volle Wirkung entfaltet).

Ich freue mich über Liedvorschläge und Anfragen, etwas auf der Distanzskala einzuordnen, und werde diese ggf. in meine Liste aufnehmen! Kommentare willkommen!

Die Distanzskala – Teil 4/6: Der Sexismus des Entitlement Guys oder: Wie Männer die aufregenden Frauen vertreiben

Die Dynamiken der Distanzskala werden also mit jeder höheren Stufe härter und traumatischer. Alle diese Verhaltensweisen haben jedoch „klein angefangen“ – und zwar in der traditionellen Rolle „Frau“ und der traditionellen Rolle „Mann“, die Menschen je nach Geschlechtsmerkmalen bei der Geburt zugeteilt bekommen. Menschen mit Vulva werden dabei in ein Verhaltensmuster erzogen, das ich Entitlement Girl nenne, und Menschen mit Penis in ein Verhaltensmuster, das ich als Entitlement Guy bezeichne.

Sobald im Patriarchat (v)erzogene Menschen in die Pubertät kommen, und ihre sexuellen und romantischen Bedürfnisse voll ausfalten, geschieht das mithilfe der anerzogenen toxischen Verhaltensweisen. Diese sind auf Stufe 1 der Distanzskala fast ausschließlich unbewusst, und daher mit der wenigen Lebenserfahrung der meisten Jugendlichen oder jungen Erwachsenen kaum zu durchschauen.

Allerdings beginnt bereits hier das Bullshit-Bingo, mit dem Menschen auf Stufe 1 die Menschen wegschicken, die sie sich eigentlich als Sex- oder Beziehungspartner_in wünschen würden. Dadurch bleiben bald nur ungeeignete Menschen für Sex oder eine Beziehung übrig, was eine toxische Fortgehkultur und unglückliche Beziehungen hervorbringt. Das Verhalten eines Menschen auf Stufe 1 ist dabei so perfid, dass es alle Menschen abstößt, die weniger Patriarchat haben – egal es um Menschen geht, die überwiegend gesund sind, oder solche, die einfach weniger unfaire Erwartungen / Entitlement haben.

So schicken Männer die aufregenden Frauen weg:

Ein Entitlement Guy hat eine Frau kennengelernt, mit der er Sex haben möchte. Also probiert er mit Verhaltensweisen, die er aus seiner sozialen Umgebung oder aus der Popkultur (Filmen, Serien, …) kennt, die Frau zu beeindrucken, was, so hofft er, irgendwann zu Sex führen wird. Im eurozentrischen Kulturkreis sind dies üblicherweise Nettigkeiten und Gefallen der Frau gegenüber, also Gesten wie Tür aufhalten, schwere Sachen tragen, kleine Geschenke ohne Anlass oder Handlungen wie Zuhören, eine gemeinsame Unternehmung, die der Frau gefällt, usw. Genau das tritt aber eine Spirale los, die effektiv verhindert, dass die Frau mit ihm einfach so Sex hat. Nicht weil nette Handlungen falsch wären – ganz im Gegenteil – sondern weil alle diese Handlungen nichts Sexuelles kommunizieren! Sie sind nett, aufmerksam, eventuell sogar lieb – aber nicht aufregend und geil. Diese Tatsache lässt die Frau unterschiedlich reagieren:

1) Die Frau ist ein völliges Entitlement Girl:

Sie freut sich an den Nettigkeiten, sieht aber keine Notwendigkeit darin, die Gefallen des Mannes in irgendeiner Form zu erwidern – ihre Leistung ist doch bereits ihre Anwesenheit, und dass sie Zeit mit ihm verbringt. Sex wird sie nur mit ihm haben, wenn er ihr ausreichend Aufmerksamkeit gegeben hat. Schafft er das Maß nicht, das sie sich vorstellt, waren seine Aufmerksamkeit und Aufwendungen eben gratis – selber schuld, wenn der Kerl sich nicht bemüht. Falls der Entitlement Guy doch eine sexuelle Anspielung macht, die seinen Wunsch klarstellt, und noch nicht mit genügend Aufmerksamkeit dafür „bezahlt“ hat, reagiert das Entitlement Girl mit Empörung und Slutshaming gegenüber dem Mann: „Wie kommst du dazu, mich nach so etwas zu fragen?!“ Hier ist anzumerken, dass es natürlich die alleinige Entscheidung der Frau ist, mit wem sie Sex hat. Allerdings sagt sie nicht einfach „Nein“, was ausreichend wäre, sondern attackiert den Mann grundlos. Dadurch verhindert sie eine Konsensverhandlung – behandelt den Mann also übergriffig.

2) Die Frau ist noch ein Entitlement Girl, hat jedoch bereits begonnen, ihr eigenes Entitlement infrage zu stellen:

Die Handlungen des Mannes kommunizieren nichts Sexuelles, daher steigt sie auf das ein, was sie versteht. Die Handlungen sind auf der Näheskala eindeutig zuordenbar:

Tür aufhalten, schwere Sachen tragen, über ein gemeinsames Thema unterhalten: Ebene 4, Bekanntschaft
Kleine Geschenke ohne Anlass, Zuhören, eine gemeinsame Unternehmung: Ebene 5, Freundschaft

Sie versteht also, dass der betreffende Mann eine platonische Bekanntschaft oder Freundschaft mit ihr beginnen möchte und gibt ihm entsprechende Gefallen zurück: Wenn er ihr bei einem Thema zugehört hat, hört sie ihm bei der nächsten Gelegenheit genauso zu. Wenn er ihr ein kleines Geschenk macht, überlegt sie sich ebenfalls ein kleines Geschenk im selben Wert für ihn, usw.

Da sie selbst noch unbewusst die patriarchale Lüge der Rolle „Frau“ laufen hat, die ihre Sexualität unterdrückt, kommt sie nicht auf die Idee, dass der Hintergrund der Gefallen Sex mit ihr sein könnte, und verbleibt deswegen bei einer Bekanntschaft oder Freundschaft. Falls der Entitlement Guy doch eine sexuelle Anspielung macht, die seinen Wunsch klarstellt, kennt sie sich entweder nicht aus („Ich dachte, wir wären befreundet?“), hält es für einen Scherz, oder empfindet es zwar als Kompliment, lehnt aber höflich ab, da sie den Mann aufgrund der gezeigten Handlungen nie als aufregend erlebt hat, und ihn daher auch nicht sexuell anziehend findet.

3) Die Frau ist weitgehend gesund und hat auch die patriarchale Lüge der Rolle „Frau“ durchschaut:

Sie überprüft, ob sie diesen neuen Mann attraktiv und sympathisch genug für Sex findet. Wenn ja, steigt sie ihm auf eine sexuelle Anspielung ein oder bietet ihm von sich aus bald Sex an. Wenn nein, oder wenn sie in einer Lebenssituation ist, in der das nicht passt, kommuniziert sie ihm höflich ihr Desinteresse. Andere Gefallen lehnt sie entweder ab, weil sie keine Bekanntschaft oder Freundschaft möchte, oder nimmt sie an, und achtet dann darauf, Gefallen im selben Wert zurückzugeben.

Nun fühlt sich der Entitlement Guy aber durch jede dieser Verhaltensweisen in seiner schlechten Meinung über Frauen bestätigt:

1) Entitlement Girl:

Während er sich bemüht, Zeit und Aufmerksamkeit investiert, kommt von der Frau genau gar nichts zurück. Er fühlt sich daher (zurecht) ausgenutzt und ist wütend auf die ignorante, eingebildete Tussi. Falls ihn das Entitlement Girl dann auch noch slutshamed, sobald er nach Sex fragt, geht er mit einer gehörigen Portion Rest-Wut aus der Begegnung, welche dann zukünftige Frauen – egal ob Entitlement Girl oder gesund – ausbaden werden. So wird er bei einer der nächsten Frauen nach einem Gefallen nicht mehr nach Sex fragen, sondern gleich Sex mit ihr einfordern, womit er ihr alleiniges Recht auf ihren Körper infrage stellt. Damit verhindert er eine Konsenverhandlung – behandelt die Frau also übergriffig.

2) Entitlement Girl, die ihr eigenes Entitlement hinterfragt:

Da kein Sex stattfindet, wurde sein Wunsch frustriert. Er ist daher unbewusst wütend auf die Frau, wovon er bewusst nur einen diffusen Ärger über sie, den er sich selbst nicht ganz erklären kann, mitbekommt. Jenen Ärger muss er irgendwo abreagieren, weswegen dieser schließlich in Form von Missachtung und Slutshaming gegenüber der Frau herausbricht: Er behandelt dann ihre Gegengefallen als selbstverständlich, wurscht oder sogar als „nicht gut genug“, und macht beleidigende oder abwertende Kommentare bei jeder Gelegenheit, die ihn an Sex erinnert – ihre Art zu kleiden, Fortgehen, Treffen mit anderen Männern, usw. Diese Situation beschreiben Entitlement Guys üblicherweise mit dem Begriff Friendzone. Die Frau ist verständlicherweise beleidigt, weil er aus ihrer Sicht ihre jeweiligen Gefallen nicht wertschätzt, und verletzt, sobald er sie einige Male slutgeshamed hat. Das bewirkt, dass sie den Kontakt einschränkt oder ganz abbricht. Damit ist für den Entitlement Guy natürlich jegliche Chance auf Sex vertan – und er zieht über die Frau vor seinen männlichen Freunden her, die ihn durch ähnliche Erfahrungen mit Frauen dabei unterstützen.

3) Gesunde Frau:

3a) Sofort:

Der Entitlement Guy rechnet nicht damit, eine gesunde Frau vor sich zu haben, die ihm auf eine sexuelle Anspielung ernsthaft einsteigt oder ihm sogar von sich aus Sex anbietet. Er fühlt sich von der Selbstsicherheit der Frau erniedrigt, da er sie gerne beeindruckt hätte, nicht umgekehrt, wie es der Fall ist. Einerseits steht nun Sex endlich im Angebot, andererseits kommt er überhaupt nicht damit klar, dass die Frau „seine“ Rolle in der Interaktion einnimmt. Wenn die Frau zusätzlich sexuell erfahren ist, also weiß, was sie will und das auch verlangt, zerstört dies sein Weltbild endgültig. Der Entitlement Guy weiß nicht, wie er sich jetzt verhalten soll – und da die patriarchale Lüge der Rolle „Mann“ seine Empathiefähigkeit unterdrückt, fischt er aus seiner eigenen Verunsicherung das eine Gefühl, mit dem er sich auskennt, und das ihn wieder „männlich“ wirken lässt: Aggression. Also lässt er passiv-aggressiv eine möglichst abwertende Slutshaming-Bemerkung vom Stapel. Die gesunde Frau hat aber kein Interesse an einem Männchen, das mit ihr völlig überflüssig um die Rangordnung streitet, sondern hätte sich einen Mann gewünscht, mit dem sie lustvollen, empathischen Sex haben kann. Sie zieht daher ihr Angebot nach dem Motto „Dann halt nicht, du Trottel“ zurück und sucht sich einen anderen, besser geeigneten Mann.

3b) Mit Zeitverzögerung:

Falls der Entitlement Guy trotz seiner gefühlten Erniedrigung höflich und freundlich reagiert, und es tatsächlich zu Sex kommt, wird die gesunde Frau danach kein zweites Mal Sex mit ihm wollen: Der Entitlement Guy ist nämlich der Meinung, dass seine Anwesenheit und Gefallen (egal, ob die Frau diese angenommen hat oder nicht) bereits seine Leistung waren und dass die Frau, indem sie Sex mit ihm hat, dafür „bezahlt“. Daher verhält er sich beim Sex ziemlich ignorant und tut nichts für die Lust der Frau – wozu auch, er hat seine Leistung ja schon längst erbracht. Auf Wünsche der Frau reagiert er genervt oder überhört diese einfach. Die Frau hat dadurch verständlicherweise nicht viel Spaß, und wird sich für das nächste Mal einen geeigneteren Mann suchen, dem ihre Lust genauso wichtig ist wie ihr die seine. Der Entitlement Guy ist dann zwar das eine Mal befriedigt, aber stößt spätestens beim nächsten Mal, wenn er Sex möchte, auf Ablehnung und negatives Feedback der Frau. Darauf reagiert er mit Unverständnis und Wut – aus seiner Sicht gibt es schließlich keinen Grund, warum er Sex mit ihr nicht mehr „verdient“ hätte. Damit ist er wieder in der Ausgangssituation gelandet.

Wie funktioniert das Patriarchat?

Wie bereits in Sex und Liebe: Der große Unterschied! angesprochen, vertrete ich, dass das größte Problem des sozialen Miteinanders der eurozentrischen/westlichen Gesellschaft und ihrer alternativen Szenen folgendes ist: die Verwechslung von Sex und Liebe. Diese Verwechslung kann mithilfe von unterscheidender Sprache in der Praxis aufgehoben werden.

Doch mit einer Sprachänderung alleine ist es nicht getan: Auf der erwähnten Verwirrung baut nämlich ein ganzes Gesellschaftssystem auf, das alle Lebensbereiche durchzieht – das Patriarchat.

Wikipedia definiert es so:

Patriarchat (wörtlich „Väterherrschaft“) beschreibt in der Soziologie, der Politikwissenschaft und verschiedenen Gesellschaftstheorien ein System von sozialen Beziehungen, maßgebenden Werten, Normen und Verhaltensmustern, das von Vätern und Männern geprägt, kontrolliert und repräsentiert wird.

Nun ergänze ich um ein paar Hintergrundinformationen:

Die Rollen „Frau“ und „Mann“ werden allen Menschen in patriarchalen Gesellschaften von Geburt an anerzogen. Jede Rolle ist eine Sammlung von bestimmten Verhaltensmustern rund um die Auslebung der sexuellen und romantischen Bedürfnisse.

Die Eigenschaften dieser Rollen sind nahezu jedem bekannt:

  • Eine typische Frau ist fürsorglich, geduldig, hört gerne zu, und stellt ihre eigenen Bedürfnisse hintenan. Sie kleidet sich feminin, redet gerne über Gefühle und Mode, und interessiert sich nicht für Technik.
  • Ein typischer Mann gibt den Ton an, ist konkurrenzgeil, erklärt gerne Anderen die Welt, und setzt seine Interessen durch. Er kleidet sich maskulin, redet gerne über Technik oder Sport, und macht ungern Hausarbeit.

Die beschriebenen sozialen Rollen werden gerne mit Geschlechtern gleichgesetzt. Menschen, die diesen Glaubenssatz vertreten, behaupten, es gäbe exakt zwei Geschlechter, die biologisch, genetisch, oder natürlich vorgegeben wären. Diese Denkweise heißt die binäre Geschlechterordnung und ist ein patriarchales Lügenkonstrukt, da es ganz faktisch mehr als zwei Geschlechter gibt, nämlich Menschen, die mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren werden.

Diese erleiden durch die binäre Geschlechterordnung den größten Schaden, da sie bewirkt, dass die Existenz solcher Menschen vertuscht wird, indem diese entweder als männlich oder weiblich ausgegeben werden – je nach dem, was ihrem Körperbau „eher“ entspricht. Dadurch haben sie ein erhöhtes Risiko, bei Erkrankungen keine passende Behandlung zu bekommen, weil von einem typischen Körperbau ausgegangen wird, den sie nicht haben, oder werden sogar zwangsoperiert, um den Vorstellungen von Eltern oder Ärzt_innen zu entsprechen, was bei den Betroffenen oft langfristig körperliche und psychische Probleme verursacht.

In Wahrheit ist hier gar nichts natürlich: Die soziale Rolle wird Menschen je nach ihrem sichtbaren Geschlechtsorgan bei der Geburt zugewiesen:

  • Menschen mit Vulva wird die Rolle „Frau“ zugeordnet: „Es ist ein Mädchen!“
  • Menschen mit Penis wird die Rolle „Mann“ zugeordnet: „Es ist ein Bub!“

Sofort nach der Zuordnung beginnt das gesamte Umfeld des Kindes, es im Sinne der Rolle anzusprechen: „Bist du aber ein liebes Mädchen!“, „Oh, was für ein starker Bub du schon bist!“. Dass kaum jemand kleine Mädchen „stark“ oder kleine Buben „lieb“ findet, obwohl es viele starke Mädchen und viele liebe Buben gibt, ist bereits ein gutes Beispiel für die Ungerechtigkeit, die aus patriarchalen Geschlechterrollen hervorgeht. Dieselbe Ungleichbehandlung passiert als Reaktion auf hunderte andere Verhaltensweisen des Kindes: Wenn sich ein Mädchen und ein Bub in derselben Situation exakt gleich verhalten, wird die Umgebung je nach den Erwartungen der Rolle beim einen loben, beim anderen ignorieren oder ärgerlich werden.

Da Kinder hauptsächlich durch Vorleben und Nachahmen lernen, nehmen nicht nur die Eltern oder andere Bezugspersonen, sondern auch die gesamte Lebensumgebung eines Kindes (Verwandte, Nachbarn, Kindergarten, Schule, Serien, Filme, Bücher, Comics, Werbung, usw.) Einfluss auf die soziale Rolle des Kindes. Die erlernten Verhaltensmuster zeigen sich bereits deutlich im Laufe der Kindheit, und entfalten sich vollständig mit dem Erwachen der eigenen Sexualität, also während der Pubertät. Danach sind sie ein zentraler Teil der Identität, und beeinflussen unbewusst den Großteil der Gedanken, Werthaltungen und Handlungen jedes erwachsenen Menschen.

Die meisten Menschen behalten das anerzogene Verhaltensmuster ihr Leben lang bei. Bei der Mehrheit der erwachsenen Menschen nehmen daher Menschen mit Vulva meistens die Rolle „Frau“ sowie Menschen mit Penis meistens die Rolle „Mann“ ein. Trans-Menschen und weitere Geschlechter sind jedoch genauso Mitwirkende der patriarchalen Rollenverteilung: Auch sie wurden in einer sozialen Rolle erzogen, und fallen durch ihr unbewusstes Verhalten entweder überwiegend in die Rolle „Frau“ oder „Mann“.

Wer sich wie die letztgenannnten Menschen bewusster mit der Wahrnehmung von geschlechtstypischem Verhalten beschäftigt, und beginnt, die eigene Rolle als eingeprägtes Muster zu bemerken, kann unbewusst oder bewusst unabhängig von Erziehung oder empfundenem Geschlecht in die jeweils andere Rolle wechseln. Alternative Subkulturen kennen das Phänomen und haben für Menschen, die zeitweise oder völlig in eine andere als die traditionelle Rolle schlüpfen, eigene Bezeichnungen entwickelt: Butch, Dyke, Tomboy, Tunte, Döschen, Transvestit, Crossdresser, usw.

Die Orientierung hat mit der sozialen Rolle übrigens gar nichts zu tun: So kann eine lesbische genauso wie eine Hetero-Frau verhaltensgleich die Rolle „Frau“ einnehmen, lediglich die erotischen und romantischen Wünsche sind an ein anderes Geschlecht gerichtet.

Für alle Geschlechter lässt sich das Patriarchat auf eine einfache Verleugnung zusammenkürzen:

Frauen wollen keinen Sex, sondern nur Liebe.
Männer wollen keine Liebe, sondern nur Sex.

Das ist die große patriarchale Lüge, die verpackt in den sozialen Rollen „Frau“ und „Mann“ in den patriarchalen Mehrheitsgesellschaften (der eurozentrischen/westlichen, der muslimischen und der russischen/asiatischen Gesellschaft) ständig als Wahrheit verkauft wird.

Diese Lüge mag so direkt aufgeschrieben als bekannter Unfug erscheinen. Da sie allerdings in den meisten Menschen immer noch unbewusst fest verankert ist, ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig, um diese falsche Idee zu entfernen. Mein Blog soll seinen Teil zu dieser Aufklärungsarbeit beitragen.

Wie sieht die patriarchale Lüge genau aus?

An wen richtet sich der Artikel?
Welche Geschlechter und Orientierungen der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): alle
Romantische Orientierung(en): alle
Geschlecht(er): alle
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“,
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“
Erweiterbar auf:

In der Praxis bewirkt die aktive patriarchale Lüge, dass Frauen ihre Sexualität unterdrücken, da sie angeblich nur Liebe wollen. Nur in einer angebahnten oder bestehenden Liebesbeziehung werden diese Bedürfnisse ausgelebt. Die sexuelle Anziehung gegenüber anderen Menschen, die nur auf der Ebene Lust existiert, wird jedoch vor sich selbst und vor Anderen abgelehnt, um die falsche Idee, Sex nur in Kombination mit Liebe zu wollen, aufrechtzuerhalten.

Die Ebene Lust ist allerdings die direkte Standleitung zur eigenen Lebensenergie. Die Unterdrückung dieser bewirkt, dass Frauen im Vergleich zu Männern eine gewisse soziale „Trägheit“ aufweisen: So tendieren Frauen eher als Männer dazu, sich den Werten Anderer anzupassen und starre Systeme aufrechtzuerhalten; ebenso gibt es viel weniger weibliche als männliche Kunstschaffende (was nicht nur an den besseren Karrieremöglichkeiten für Männer liegt).

Männer handeln in der aktiven patriarchalen Lüge umgekehrt. Sie unterdrücken ihren Wunsch nach Fairness, Liebe und Zärtlichkeiten, um typischen Eigenschaften der Rolle „Mann“ wie „hart, unnahbar, allzeit sexuell bereit“ zu entsprechen. Sie leben die Ebene Lust daher aktiv aus, lehnen aber die Ebene Liebe vor sich selbst und vor Anderen ab, um so wiederum ihre falsche Idee aufrechtzuerhalten.

Die Unterdrückung der Ebene Liebe hat zur Folge, dass auch Wahrnehmungen und Handlungen auf Ebenen, wo es überhaupt nicht um Romantik geht, gedämpft sind oder gar ganz ausbleiben. Ein typisches Beispiel dafür sind Männer, die ihre Ebene Liebe so sehr unterdrücken, dass sie sogar auf der Ebene Freundschaft ihren besten männlichen Freund nicht so umarmen können, wie sie das gerade gerne tun würden. Auf allen Ebenen leidet die Fähigkeit, Empathie gegenüber Mitmenschen zu spüren und zu zeigen, sei es im Arbeitsumfeld oder bei der Anbahnung oder Auslebung eines sexuellen Interesses.

Eine akkurate Beschreibung und gleichzeitig Parodie der Rolle „Mann“ bietet das Lied „Männer sind Schweine“ von den Ärzten.

Kleine Wiederholung:

Die Ebene Liebe schließt die Ebene Lust mit ein.
Die Ebene Lust existiert aber auch unabhängig ohne die Ebene Liebe.

Für Sex braucht es eine menschliche Grundhygiene, sich gegenseitig attraktiv und sympathisch genug zu finden, sowie Konsens und Fairness von allen Beteiligten.

Für eine Liebesbeziehung braucht es alles, was für Sex notwendig ist – und zusätzlich Kennenlernen, zusammenpassende Interessen, Vertrauen, Verliebtheit und den Wunsch, möglichst viel vom eigenen Leben miteinander zu teilen.

Eine Liebesbeziehung ist also viel voraussetzungsvoller als ungezwungener Sex.

Jemanden geil zu finden ist demnach einfach, jemanden als ganzen Menschen ehrlich gemeint (!) so anziehend zu finden, dass Verliebtheit/Beziehungswunsch möglich ist, schon schwerer.

Daher tritt das Bedürfnis nach Handlungen der Ebene Liebe generell seltener auf als das Bedürfnis nach Sex – ganz einfach weil auf der Ebene Liebe weniger Menschen zu einem passen, als auf der Ebene Lust.

Treffen nun die sozialen Rollen „Frau“ und „Mann“ mit ihren jeweiligen Unterdrückungsmechanismen und falschen Ideen aufeinander, fällt ein Unterschied sofort ins Auge:

Frauen scheinen in der Anbahnung von sozialem Kontakt mit neuen Menschen passiver: Ihr Bedürfnis nach Liebe, das die inneren Grenzen ungehindert passieren darf, findet einfach seltener einen Resonanzmenschen als ihr Bedürfnis nach Sex, das ja unterdrückt wird. Diese Unterdrückung bewirkt, dass Resonanzmenschen auf der Ebene Lust gar nicht erst wahrgenommen werden. Daher haben Frauen Schwierigkeiten, Resonanzmenschen rein auf der Ebene Lust zu erkennen („Es gibt echt kaum hübsche Männer!“) oder – falls doch einmal einer über die Schwelle ins Bewusstsein schwappt – aktiv auf solche zuzugehen („Ich finde ihn nicht geil – ich schau weg. Ich finde ihn geil – ich schau weg.“). Bleibt das Ganze unbewusst, kann sich ein Umweg über die patriarchale Lüge bilden: Dann verliebt sich die Frau sekundärmotiviert, weil sie einen Sex-Resonanzmenschen fälschlicherweise als Resonanzmenschen auf der Ebene Liebe einordnet.

Bei Männern ist wieder das Gegenteil der Fall; sie scheinen raumeinnehmend: Ihr Bedürfnis nach Sex darf ihre inneren Grenzen ungehindert passieren, ihr Bedürfnis nach Liebe wird hingegen unterdrückt. So können sie ständig Resonanzmenschen auf der Ebene Lust wahrnehmen und ansprechen. Die Anzahl der Resonanzmenschen ist im Vergleich zur scheinbaren Auswahl aus der Sicht von Frauen natürlich mehr, denn die Ebene Lust beinhaltet von vorneherein mehr mögliche Kandidat_innen als die Ebene Liebe. Männer haben dann aber, weil sie die Ebene Liebe unterdrücken, Schwierigkeiten, mit einem Gegenüber empathisch und fair umzugehen, also u. A. das Gegenüber nicht zu überfahren – womit sie sowohl bei der Anbahnung eines One-Night-Stands als auch bei der Anbahnung einer Liebesbeziehung dafür ungeeignete Menschen anziehen, denen als Reaktion dann die Wünsche des betreffenden Mannes ebenso egal sind.

Ein Mann hat in diesem System höhere Erfolgschancen, sein Bedürfnis nach Sex auszuleben, wenn er durch Nähehandlungen wie Küssen, Streicheln oder Kuscheln die Ebene Liebe bei einer Frau anspricht. Denn die Ebene Liebe muss in der Rolle „Frau“ erst eingeschalten werden, um die Ebene Lust freizuschalten.

Damit ziehen auf der Highscore-Liste der patriarchalen Lüge Menschen, die die Rolle „Frau“ einnehmen, automatisch den Kürzeren:

Stimmt die Frau einer sexuellen Interaktion zu, bekommt der Mann wenigstens die Erfüllung seines Bedürfnisses nach Sex. Eine Frau bekommt weder das eine, noch das andere, da ihr Fokus auf der Erfüllung ihres Nähe-Bedürfnisses auf der Ebene Liebe liegt, das durch die „leeren“ Handlungen des Mannes von vorneherein nicht inkludiert war.

Aus einer größeren Entfernung verlieren allerdings beide Rollen/alle Geschlechter:

Denn natürlich wünschen sich Frauen Liebe und geilen Sex.
Und natürlich wünschen sich Männer geilen Sex und Liebe.

Und zwar sowohl als Ebene Liebe und Ebene Lust kombiniert (= Verliebtheit/Liebesbeziehung), als auch auf der Ebene Lust an sich (= Sex zum Spaß).

Im Endeffekt erlebt also niemand, was sier sich wünscht.

Die Einzementierung der patriarchalen Lüge – Teil 1/2: Im Mainstream oder: Warum stehen Frauen auf Arschlöcher?

An wen richtet sich der Artikel?
Welche Geschlechter und Orientierungen der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): heterosexuell, heterosexuell lebend wenn bisexuell
Romantische Orientierung(en): heteroamor, heteroamor lebend wenn biamor
Geschlecht(er): alle
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“,
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“
Erweiterbar auf:
  • Mensch in der Rolle „Frau“ wünscht sich Liebe von einem Menschen in der Rolle „Mann“,
  • Mensch in der Rolle „Mann“ wünscht sich Sex von einem Menschen in der Rolle „Frau“,
  • alle sexuellen und romantischen Orientierungen.

Die patriarchale Lüge behauptet:

Frauen wollen keinen Sex, sondern nur Liebe.
Männer wollen keine Liebe, sondern nur Sex.

Wenn diese beiden Rollen aufeinander treffen, haben wir einen Mann, der seinen Wunsch nach Sex direkt an eine Frau richtet – und eine Frau, die angewidert ablehnt, da Sex nur gemeinsam mit der Ebene Liebe existieren darf – und die ist nicht Teil vom Paket.

Die angeborene ehrliche Kommunikation zwischen den Geschlechtern wird dadurch abgeschnitten. An ihre Stelle tritt mit den anerzogenen Rollen eine Kommunikation voller Sekundärmotivationen und „Spielchen“ – von Frauen und Männern gleichermaßen. Das setzt die folgende Kettenreaktion in Gang:

Um sein Bedürfnis nach Sex trotzdem zu befriedigen, fängt ein Mann, der diese Interaktionen durchschaut hat, ganz bewusst an, Frauen die Ebene Liebe vorzuspielen, um Sex zu bekommen. Dadurch verschafft er sich einen Vorteil unter allen Interessenten auf der Ebene Lust: Er übertrumpft alle, die die Ebene Lust ehrlich kommunizieren, da die begehrte Frau nur auf die Männer, die ihr die Ebene Liebe anbieten, positiv reagiert.

Weil Frauen ihre eigene sexuelle Aktivität unterdrücken, Männer diese aber ausleben, sieht aus dem Blickwinkel einer Frau die Männerwelt wie eine endlose Schlange an sexuellen Interessenten aus: Kaum wird dem ersten ein „Nein“ erteilt, steht der nächste bereit. Sehr gut ist das in jeder Online-Kontaktbörse ersichtlich, wo eine Frau von Anschreiben und Anfragen von Männern förmlich bombardiert wird, Frauen jedoch kaum Männer anschreiben.

Würden Frauen ihre sexuellen Wünsche nicht unterdrücken, sondern zulassen, und als Folge davon aktive Anbahnung betreiben, sähe die Anzahl und Häufigkeit der Interessent_innen und Anfragen bei allen Geschlechtern in etwa gleich aus: Männer würden genauso viele Sexangebote von Frauen bekommen, wie Frauen aktuell von Männern.

Ein Mann, der nun gelernt hat, seine Energie darin zu investieren, die Ebene Liebe vorzutäuschen, um so an Sex zu gelangen, sticht aus dieser schier endlosen Auswahl hervor. Der Trick ist nämlich, die Ebene Liebe so perfekt vorzuspielen, dass im Vergleich zu Interessenten, die ihre Persönlichkeit ehrlich mit Ecken und Kanten zeigen, eine Kunstperson übrigbleibt, die scheinbar keine Fehler mehr hat und sich als „Traumprinz“ verkauft. Und das ist präzise die Definition eines Arschlochs.

Dabei ist die Kunstperson des Traumprinzen gar keine ausgeklügelte neue Persönlichkeit, sondern sogar die komplette Abwesenheit einer solchen – im Wesentlichen eine leere Leinwand, auf der eine Frau die Erfüllung ihrer Sehnsüchte zu sehen glaubt: Ihre eigenen unerfüllten Wünsche auf der Ebene Liebe, als auch ihre sexuellen Wünsche auf der Ebene Lust, die sie durch die Rolle „Frau“ unterdrückt: „Endlich ein interessanter Mann, in den ich mich verlieben kann, und der mich richtig verführen wird!“

Dagegen wirken auf den ersten Blick nicht nur ehrliche Interessenten auf der Ebene Lust, sondern sogar ehrliche Interessenten auf der Ebene Liebe unscheinbar, die tatsächliche Liebesbeziehungen werden könnten. Denn diese Menschen haben, wie alle realen Menschen, Ecken und Kanten, der Traumprinz hat hingegen an seinem Schauspieltalent gearbeitet, seine eigenen unangenehmen Seiten bewusst nicht zu zeigen.

Daher entsteht der Eindruck, Frauen würden Arschlöcher sexuell und romantisch bevorzugen: Diese bekommen an Sex und an einer Liebesbeziehung interessierte Frauen, ehrlich kommunizierende Männer gehen auf beiden Ebenen leer aus.

Nun nimmt die Kettenreaktion eine exponentielle Geschwindigkeit an:

Immer mehr Männer, die diese Interaktion durchschauen, stellen resigniert fest, dass eh nur Arschlöcher Erfolg bei Frauen haben. Daraufhin lernen sie, sich selbst wie Arschlöcher zu verhalten, um an Sex zu kommen.

„Aber wie kann ein so toll wirkender Mann ein Arschloch sein?“

Ganz einfach – weil sich hinter der Maske des Traumprinzen immer ein tatsächliches Arschloch versteckt. Darunter kommt ein Mann zum Vorschein, der von der ständigen Ablehnung seiner ehrlichen Kommunikationsversuche auf der Ebene Lust oder der Ebene Liebe so frustriert ist, dass er nun mit einer gehörigen Portion Frauenverachtung und „Halt endlich her, du Scheiß-Frau“ an die Auslebung seiner sexuellen Bedürfnisse herangeht.

Setzt dieses Arschloch seine „Traumprinz-Maske“ auf, haben wir einen Mann, der sexuelle und romantische Erfüllung zu versprechen scheint. In Wirklichkeit sind dies aber nur die exakten Worte, die die angesprochene Frau hören will. Immer wieder sogar nicht einmal das, denn ein geschicktes Arschloch verneint an ihn gerichtete Wünsche einfach nicht, sodass (für ihn) ständig so viele Optionen wie möglich offen bleiben.

Nach Einwilligung zu einem sexuellen Akt seitens der Frau, der ja das Ziel dieses ganzen Spielchens ist, geht die Gleichung für eine beteiligte Frau nicht auf:

Sie bekommt nicht einmal den Furz einer Erfüllung auf der Ebene Liebe – die war ja von vorneherein nicht inkludiert. Außerdem meistens auch keine Erfüllung auf der Ebene Lust. Denn kein Arschloch ist daran interessiert, einer Frau großartig etwas zu geben oder große Sorgfalt auf ihre Befriedigung zu verschwenden. Denn eigentlich verachtet das Arschloch die von ihm verführte Frau – stellvertretend für alle Frauen, die ihn früher abgelehnt oder gar nicht erst bemerkt haben, als er noch ehrlich kommunizierte, weil ein anderes Arschloch ihn überstrahlte.

Menschen in der Rolle „Frau“, die auf diese Taktik der Arschlöcher in der Rolle „Mann“ hereinfallen, sammeln also haufenweise sexuelle und emotionale Enttäuschungen – und unterdrücken ihr eigenes sexuelles Bedürfnis daraufhin noch mehr, da die Auslebung dessen immer in negativen Konsequenzen endet.

Das wiederum vertreibt noch mehr ehrlich kommunizierende Männer, die dann zu Arschlöchern werden, die nächsten Frauen manipulieren, usw.

Und damit sind wir bei der Entstehung von Rape Culture gelandet.

Die Einzementierung der patriarchalen Lüge – Teil 2/2: In der queeren Szene oder: Das Patriarchat ist tot. Es lebe das Patriarchat!

An wen richtet sich der Artikel?
Welche Geschlechter und Orientierungen der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): homosexuell, homosexuell lebend wenn bisexuell
Romantische Orientierung(en): lesbisch, schwul, homoamor lebend wenn biamor
Geschlecht(er): alle
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“,
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“
Erweiterbar auf:
  • Mensch in der Rolle „Frau“ wünscht sich Sex mit einem weiteren Menschen in der Rolle „Frau“,
  • Mensch in der Rolle „Mann“ wünscht sich Sex mit einem weiteren Menschen in der Rolle „Mann“,
  • alle sexuellen und romantischen Orientierungen.

Diverse alternative Szenen auf der ganzen Welt, z. B. die linkspolitische oder queere Szene, behaupten gerne, das Patriarchat erfolgreich zu bekämpfen. Nachdem ich drei Jahre lang Feldforschung in der queeren Szene betrieben habe, kann ich zwar bestätigen, dass es tatsächlich einige vielversprechende Konzepte gibt, die die patriarchale Struktur zumindest aufweichen. Doch die Idee, das Patriarchat innerhalb der Szene erfolgreich zu bekämpfen, ist ganz einfach falsch.

Die sozialen Rollen „Frau“ und „Mann“ sind genauso wie im heteronormativen Mainstream präsent. Dabei hat die sexuelle Orientierung mit der sozialen Rolle gar nichts zu tun: So kann eine lesbische genauso wie eine Hetero-Frau verhaltensgleich die Rolle „Frau“ einnehmen, lediglich die erotischen und amoren Wünsche sind an ein anderes Geschlecht gerichtet.

In der Lesben- oder FLINT-Szene

In der Lesben-Szene nehmen meistens lesbische (= homoamore) oder biamore Frauen die Rolle „Frau“ ein. Ein biamorer Trans-Mann, eine lesbische Trans-Frau oder ein lesbisch-homoamores weiteres Geschlecht können sich aber genauso in der Rolle „Frau“ verhalten.

In der Rolle „Frau“ unterdrücken diese Menschen ihr Bedürfnis nach der Ebene Lust, da Sex ja nur in Kombination mit der Ebene Liebe erlaubt ist.

Die Ebene Lust ist allerdings die direkte Standleitung zur eigenen Lebensenergie. Die Unterdrückung dieser führt dann zu FLINT-Umgebungen, in denen viele passive Frauen herumstehen und keine großartige soziale Interaktion zustande kommt. Die einzige Ausnahme bilden bestehende Pärchen, die zumindest untereinander eine aktive Ebene Lust haben.

Das Bedürfnis nach der Ebene Lust mit verschiedenen Menschen zu unterdrücken bleibt allerdings niemals ohne Konsequenzen.

So hat sich in fast allen Lesbenszenen der westlichen Gesellschaft ein typisches unbewusstes Verhaltensmuster herausgebildet: Da die Rolle „Frau“ Sex nur in einer Verliebtheit oder Liebesbeziehung zulässt – und das auf beiden Seiten! – sind unter Frauen und weiteren Geschlechtern in der queeren Szene sekundärmotivierte Verliebtheiten so weit verbreitet, dass es viele Kurzzeitbeziehungen, extreme serielle Monogamie und damit verbundenes Drama gibt. Dieses Verhalten tritt so häufig auf, dass es in Lesbenszenen bereits ein Klischee darstellt, und Menschen als der Szene zugehörig kennzeichnet, wenn sie darüber Witze machen.

Ein anderer Weg ist der folgende: Sexuelle Anbahnung zum Spaß wird im heteronormativen Mainstream meistens von Hetero-Männern in der Rolle „Mann“ erfüllt, was unter mehrheitlich Lesben und Schwulen natürlich ausbleibt. Also rutschen anwesende Frauen in diese Rolle: Dykes oder Butches betreiben im Vergleich zur Umgebung oft aktiv sexuelle Anbahnung. Durch Vorspielen der Ebene Liebe „knacken“ sie die Unterdrückung der sexuellen Bedürfnisse des Gegenübers in der Rolle „Frau“ und können so ihre Ebene Lust ausleben.

Da sie sich aber in der Rolle „Mann“ befinden, unterdrücken sie ihrerseits ihre eigene Ebene Liebe. Das dämpft die Fähigkeit, Empathie gegenüber Mitmenschen und deren Gefühlen zu empfinden. Damit fällt es leichter, eine „Traumprinz(essin)“-Maske aufzusetzen. Ein passendes Beispiel dafür ist der Charakter „Shane“ in der Serie „The L Word“. Um Sex zu haben, sagt sie genau das, was ihr Gegenüber in der Rolle „Frau“ hören will. Meistens macht sie sogar gar nichts, und verneint Wünsche, die ihr Gegenüber an sie richtet, einfach nicht. Erst später im Handlungsverlauf stellt sich heraus, dass sie nichts davon wollte, sondern es einfach passieren ließ, solange sie damit im Vorteil war.

Hier möchte ich betonen, dass selbstverständlich nicht alle Dykes oder Butches so tief in der Rolle „Mann“ gefangen sind, dass sie ein Arschloch mit Traumprinz(essin)-Maske werden. Geschieht die Einnahme von beiden Rollen jedoch oft genug, um eine exponentielle Kettenreaktion in Gang zu setzen, kann auch in einer FLINT-Umgebung Rape Culture mit sexuellen Nötigungen und Übergriffen entstehen.

In der schwulen Szene

In der schwulen Szene hingegen herrscht ein konträres Bild: Die Rolle „Mann“ wird dort meistens von schwulen (= homoamoren) oder biamoren Männern angenommen. Ein biamorer Trans-Mann oder ein schwul-homoamores weiteres Geschlecht kann sich aber genauso in der Rolle „Mann“ verhalten.

Diese Menschen lassen dann ihr sexuelles Bedürfnis der Ebene Lust durch; ihr Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Liebe auf der Ebene Liebe hingegen unterdrücken sie vor sich selbst und vor anderen. Dadurch entsteht ein sexuell recht offener Raum, in dem Berichte über One-Night-Stands, sexuelle Anbahnungen, Anspielungen oder Scherze mit genitalem Inhalt zum Small Talk gehören. Hat die Mehrheit der Gruppe enthemmende Drogen konsumiert (z. B. Alkohol), tritt dieses Verhalten noch deutlicher auf.

In Beziehung lebende Menschen begegnen dieser sexuellen Offenheit und Promiskuität allerdings mit Distanziertheit und Skepsis. Sind sie als Pärchen unterwegs, halten sie bewusst Abstand und sind eher aufeinander als auf die Gemeinschaft konzentriert. Die Singles beklagen indessen, dass es so schwer ist, einen geeigneten Partner für eine Liebesbeziehung zu finden, oder eine Liebesbeziehung längerfristig stabil zu halten. Gemeinsames Schauen von Online-Dating-Seiten und Besprechen der jeweiligen (gescheiterten) Beziehungserfahrungen inbegriffen.

Das sind direkte Folgen der Unterdrückung der Ebene Liebe: Wenn in einer Liebesbeziehung beide Seiten ihre Ebene Liebe unterdrücken, gibt es keine Verbindungsmöglichkeit zwischen den Gefühlsebenen, die für eine erfolgreiche Liebesbeziehung zwingend notwendig ist.

Einige Schwule oder Bi-Männer, insbesondere wenn diese als „weiblich“ besetzte Persönlichkeitsanteile ausleben wollen, werden durch das Überangebot der Rolle „Mann“ in die Rolle „Frau“ gedrängt. Dann lehnen sie die sexuellen Anspielungen der Gegenüber pikiert ab. Dadurch geraten sie zusätzlich in die Rolle des „Spielverderbers“ und ziehen negative Aufmerksamkeit von bestimmten Menschen in der Rolle „Mann“ auf sich. Diese haben eine eingeschränkte Wahrnehmung von Fairness gegenüber Mitmenschen und erkennen daher die nonverbalen Signale nicht, die die Grenze zwischen Anbahnung und Übergriffigkeit markieren – oder ignorieren solche Signale sogar bewusst. Dieses Verhalten ist dann eine Form von Rape Culture.

Im Marketing:

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die queere Szene demnach kein Ort ist, an dem das Patriarchat überwunden wurde, sondern sogar ein besonders genauer Filter. Er kommt durch die stärkere Geschlechtertrennung als im Mainstream zustande und erlaubt einen guten Blick auf die Anwendung der patriarchalen Lüge:

Die FLINT-Szene auf der einen Seite verstärkt die Verhaltensweisen der Rolle „Frau“ bis ins Absurde, die schwule Szene auf der anderen Seute tut dasselbe mit den Verhaltensweisen der Rolle „Mann“.

Ein interessantes Beispiel dafür sind die Empfehlungen zur LGBT-Kultur Wiens des Unternehmens Wien-Tourismus. So wird für Lesben und Bi-Frauen eine Liste an Cafés und Clubbings angeboten. Die typischen Tätigkeiten dort sind: Miteinander reden, Netzwerken für die queere Szene, Lesen (wenn das Café Bücher hat) und auf Clubbings Tanzen. Für Schwule und Bi-Männer hingegen gibt es eine eigene Liste an Schwulensaunas: Die typischen Tätigkeiten dort sind: Swingen (= Sex zum Spaß) und Thermenbesuch. Zitat eines Schwulen darüber zu mir: „Wenn du dort eine Frau für Sex zum Spaß suchst, musst du sie dir mitbringen!“

Warum gibt es keine „Lesbensauna“, wo ausschließlich Frauen und andere Menschen mit Vulva miteinander geilen Sex zum Spaß haben können? Und kein nettes Büchercafé für ausschließlich Schwule, wo diese in Ruhe sitzen, miteinander reden, netzwerken und lesen können?

Genau: Weil die patriarchale Lüge aktiv ist. Frauen wollen schließlich nur Freundschaft und Liebe und Männer nur Sex.

Wie geht guter Sex – Teil 3/4: Wie besorge ich es als Mann einer Frau so richtig?

An wen richtet sich der Artikel?
Welche Geschlechter und Orientierungen der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): heterosexuell, heterosexuell lebend wenn bisexuell
Romantische Orientierung(en): heteroamor, heteroamor lebend wenn biamor
Geschlecht(er): Mann
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“,
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“
Erweiterbar auf:
  • alle Menschen, die sich überwiegend in der Rolle „Mann“ verhalten,
  • alle sexuellen und romantischen Orientierungen

Viele Hetero- oder Bi-Frauen in einer Hetero-Beziehung klagen das folgende Leid:

„Mein Freund/Mann stochert beim Sex nur irgendwie in mir herum. Seine Bewegungen fühlen sich zwar angenehm an, aber aufregend ist der Sex nicht. Ich komme beim Ficken selten / gar nicht. Mit einer anderen Spielart wie Selbstbefriedigung / Oralverkehr klappt es besser.“

Ein Mann, der „herumstochert“, wirkt auf die Frau so, als ob er seine Bewegungen nach dem Zufall oder nur nach seinem eigenen Lustgefühl auswählt.

Dass der Mann so ungeschickt ist, liegt fast immer daran, dass er mit Sex unerfahren ist. Entweder hat er noch nicht oft Sex gehabt, oder seine vergangenen Sex-Erlebnisse und/oder Ex-Beziehungen waren mit Frauen, die ebenfalls unerfahren waren und ihm keine Anleitung geben konnten.

Diese ungeschickte Art ist jedoch keineswegs von der Natur vorgegeben – sondern, wie ich beobachtet habe, eine innere Abfolge aus Irrtümern. Den wenigsten Männern ist es nämlich völlig egal, ob sie der Frau Lust machen. Der Grund ist vielmehr toxische Männlichkeit, also die alltägliche Umsetzung von Verhaltensregeln der Rolle „Mann“, welche die meisten Männer anerzogen bekommen. Eine falsche Überzeugung der Rolle „Mann“ behauptet:

„Mehr ist immer gleich besser.“

Das betrifft natürlich auch die männliche Sexualität – davon kommt die Obsession und der Minderwertigkeitskomplex vieler Männer, ob ihr bestes Stück auch groß genug ist („Größer ist immer gleich besser“). Für die meisten Frauen ist das Ausmaß dieser Sorge eines Mannes oft vollkommen unverständlich, entweder weil sie in der Rolle „Frau“ und damit ohne einen solchen Glaubenssatz erzogen wurden, oder weil sie als Besitzerinnen einer Scheide aus eigener Erfahrung wissen, dass ein zu großer Penis beim Sex kompliziert oder sogar schmerzhaft sein kann. Letzere können den Mann mit dem größten Penis daher als erotisches Experiment durchaus interessant finden, bevorzugen aber für eine längerfristige Verbindung oder eine Beziehung einen Mann mit einer praktischen Größe. Nur wenige Frauen finden einen großen Penis generell am besten.

Beim Hetero-Sex, konkret beim Ficken – aber auch beim Fingern, Lecken, vaginaler Penetration mit einem Dildo sowie analer Penetration – passiert nun Folgendes: Der Mann denkt, dass härter, schneller oder tiefer immer besser ist. Das führt dann zu zwei Verhaltensweisen, über die sich so viele Frauen beschweren, dass diese in Gesprächen unter befreundeten Frauen bereits Klischeestatus erreicht haben:

  1. Am Beginn der Penetration dringt der Mann gleich mal bis zum Anschlag ein, gefolgt von schnellen Stößen, in der Annahme, dass die Frau bei so einem Raketenstart besonders abheben würde.
  2. Sobald die Frau erste Lustsignale zeigt, erhöht er (nochmals) sein Tempo oder stößt tiefer zu. Seine Annahme ist: Wenn seine Bewegungen vorher schon gut waren, dann müssen sie für die Frau schneller oder tiefer ja noch besser sein.

Beide Techniken sind jedoch ein Missverständnis: Die meisten Frauen funktionieren so nicht.

Raketenstart

Damit eine Frau Bewegungen in der Scheide überhaupt lustvoll finden kann, müssen zwei Bedingungen der Fall sein:

  1. Sie muss eine ausreichende vaginale Erektion haben.
  2. Sowohl ihre Scheide als auch der Scheideneingang müssen feucht genug sein.
1. Vaginale Erektion

Solange die Frau eine vaginale Erektion hat, passt sich jede Scheide automatisch an die Länge, Dicke und Form eines eingeführten Penis, Fingers oder Gegenstands an. Diese Anpassung macht lustvoll penetriert zu werden überhaupt erst möglich. Praktischerweise macht das der Körper jeder Frau automatisch, ohne dass sie es bewusst mitbekommt. Wie lange es dauert, bis sich eine vaginale Erektion auf eine eingeführte Größe einstellt, ist allerdings je nach Frau und Situation verschieden – es kann wenige Sekunden, aber auch einige Minuten dauern. Beides ist gesund und richtet sich sowohl nach der Entspannung der Frau, als auch wie gut ihre Scheide vor der Penetration innen und außen „angewärmt“ wurde, was auch Vorspiel genannt wird. Hat sie zu wenig Zeit bekommen, um sich auf die „Füllung“ einzustellen, und/oder haben ihr die bisherigen Berührungen (oder deren Abwesenheit) nicht gefallen, reibt die Penetration an den noch unangepassten Stellen, was sich in der Scheide unangenehm anfühlt.

Die (mögliche) Entspannung der Frau hängt wesentlich davon ab, ob sich der Mann um ihre Wünsche genauso kümmert wie um die eigenen, also, ob ihm Fairness wichtig ist. Leider gibt es immer wieder Männer, die Vorspiel zu geben überflüssig finden, und es nur nach Aufforderung der Frau und sogar dann noch sichtlich genervt anbieten. Das Ironische daran ist, dass sich ein Mann dieses Typs selbst immer ein ausreichendes Vorspiel gönnt, indem er sich mit Fantasien oder Pornos antörnt, oder Hand anlegt. So angewärmt, richtet er samt Erektion seine Aufmerksamkeit auf die Frau, die von seinem Penetrationswunsch überrascht wird, da sie selbst noch nichts getan hat, um in Stimmung zu kommen, und somit klarerweise keine oder zu wenig Erektion hat. Eine weitere Ausprägung desselben Problems ist, dass die Beteiligten gleichzeitig beginnen, und der Mann genießt, wenn die Frau ihm „einen hochbläst“ oder zugreift. Sobald er eine ausreichende Erektion hat, möchte er die Penetration beginnen – während er der Frau gar nicht dasselbe Maß an Zeit und lustvollen Berührungen ermöglicht hat, damit sie ebenfalls eine ausreichende Erektion bekommen konnte.

2. Feuchtigkeit

Zwar wird jede Frau feucht, wenn sie erregt ist, die Flüssigkeitsmenge ist jedoch von Frau zu Frau unterschiedlich. Manche rinnen förmlich aus, andere produzieren nur ein paar Tropfen, die von außen erst nach dem Sex sichtbar sind. Beides ist gesund und sagt nichts darüber aus, wie sehr sie gerade Sex will: Eine sehr feuchte Frau will deswegen nicht unbedingt harten Sex, und eine scheinbar trockene Frau kann gerade völlig spitz sein. Ob sie Lust hat oder nicht, findest du am besten heraus, indem du sie fragst. Gehört sie zu den Frauen, die generell wenig feucht werden, oder hat sie gerade einen weniger feuchten Tag (weil sie zu wenig Wasser getrunken hat, oder gestresst ist), kann eine gute Befeuchtung durch Gleitgel, Spucke, oder schleimhautverträgliche Cremes hergestellt werden (Wasser alleine hilft übrigens nicht, weil es nicht auf der Haut bleibt). Diese Gleitfähigkeit muss allerdings überall in der Scheide, und außen rund um die Scheide gegeben sein – andernfalls haftet und „zieht“ die Penetration an der zu trockenen Stelle und erzeugt dadurch ein unangenehmes Gefühl.

Die ersten paar Stöße sind daher sowohl dazu da, dem Körper der Frau zu ermöglichen, sich ausreichend anzupassen, als auch um die Befeuchtung gleichmäßig zu verteilen.

Wenn der Mann nun mit der größten Tiefe und/oder dem schnellsten Tempo die Penetration beginnt, erzeugt das bei den meisten Frauen nicht etwa die angepeilten Lustgefühle, sondern ein neutrales, langweiliges Gefühl oder ein unangenehmes Ziepen oder Reiben. Wohl eher nicht der ideale Anfang von gutem Sex. Für eine sensible Frau oder eine, die gerade eine Infektion (wie einen Harnwegsinfekt) hinter sich hat, kann diese Technik sogar hauptsächlich schmerzvoll sein, was ihre Lust auf den gerade angefangenen Sex höchstwahrscheinlich abrupt beendet.

Beschleunigung ist nicht gleich besser

Damit eine Frau (und jeder empfangende Sexualpartner) überhaupt Lust empfinden kann, muss sie sich „bewegen lassen“, also sich fallen lassen und mit den Bewegungen der aktiven Seite mitschwingen. Wenn sie Lustsignale zeigt, tut sie das deswegen, weil sie gerade gut mitgeht – sie genießt also die Bewegungen des Mannes, wie sie jetzt gerade sind. Wenn der Mann an dieser Stelle seine Bewegung ändert, verändert er auch die Situation, mit der die Frau gut mitschwingt – wodurch ihre Lustgefühle sofort schwächer werden, oder sogar plötzlich ganz weg sind. Die Frau braucht dann einige Zeit, um sich auf die neuen Bedingungen einzustellen. Sobald sie sich genügend entspannt hat, zeigt sie wieder Lustsignale – und der Mann beschleunigt eine seiner Bewegungen, wodurch ihre Lustgefühle wieder zusammenfallen, usw.

Diese lineare Abfolge zu durchschauen wäre ja noch einfach. Was das Ganze kompliziert macht, ist, dass ein Mann natürlich keine beliebig beschleunigbare Fickmaschine ist, sondern ein Mensch. Deswegen wird der Mann, der versucht, ständig zu beschleunigen und härter zu ficken, irgendwann plötzlich wieder langsamer werden, entweder weil ihm das schnelle Stoßen zu anstrengend geworden ist, oder weil er durch die starke Reizung für seinen Geschmack zu schnell kommen würde.

Das bringt die Frau nun vollständig aus dem Konzept: Jedes Mal, wenn sie sich gerade gut entspannt hat und Lust empfindet, wird ihr das Lustgefühl weggezogen. Außerdem wird der Mann nicht nur abrupt schneller, sondern auch abrupt langsamer, und das in scheinbar zufälliger Reihenfolge, sodass sie nicht weiß, auf was sie sich nun einstellen soll. Das Ergebnis ist entweder eine Frau, die sich beim Sex übermäßig konzentrieren muss, um dabei dauerhaft Lust zu haben oder zu kommen – oder eine Frau, die gar nicht (mehr) mitmacht und die nur darauf wartet, bis er endlich kommt, weil ihr die Konzentrationsübung im Verhältnis zum Lustgewinn zu anstrengend (geworden) ist.

Alle diese Verhaltensweisen gehen darauf zurück, dass der Mann in der patriarchalen Rolle „Mann“ erzogen wurde, weswegen die meisten der beschriebenen Handlungen unbewusst und keine Absicht sind. Allerdings setzen leider viele Männer ihre destruktiven Ansichten aktiv fort, indem sie die Frau beschuldigen, „es nicht richtig zu machen“ oder dass sie oder ihr Körper nicht so funktionieren würde „wie sie eigentlich sollte“, und beleidigen oder slutshamen die Frau, sobald sie ihre „abnormalen“ Bedürfnisse und „nervigen“ Wünsche vor oder während dem Sex mitteilt.

Als Mann kannst du aus dieser Spirale folgendermaßen aussteigen:

Bevor du sie zwischen ihren Beinen anfasst, sorge dafür, dass du deine Hände gewaschen oder desinfiziert hast. Frauen können alleine durch Berührungen von ungewaschenen Händen an oder in ihrer Scheide viele Infektionen bekommen (und weiterverbreiten). Diese Infektionen erzeugen Schmerzen beim Sex, und verkomplizieren den Alltag (etwa durch viele Klogänge). Außerdem dauert die Behandlung mindestens eine Woche oder länger, in der keine Penetration passieren sollte. Expertentipp: Ich habe noch keine Frau getroffen, die kalte Hände beim Sex mag. Wenn du daher nach dem Händewaschen keine kalten Hände haben möchtest, halte deine Handgelenke einige Sekunden lang unter warmes Wasser. Wenn du gerade kein warmes Wasser hast, stecke deine Hände zwischen deine Oberschenkel, bis sie nicht mehr kalt sind.

Fass ihr nicht gleich als Erstes zwischen die Beine. Berühr sie erst einmal an anderen Körperstellen, und zwar so, dass sie Lust empfindet – also nicht zu fest. Mach als Faustregel halb so fest als du eigentlich wolltest. Die meisten Frauen mögen außerdem, wenn du dich von oben oder unten in Richtung Genitalbereich vorarbeitest. Du musst überhaupt kein langes Vorspiel liefern – ein paar bewusste Berührungen reichen völlig. Eine volle Minute Vorspiel, wo du dich ganz auf sie konzentrierst, kann den Unterschied zwischen gutem Sex, den sie wiederholen möchte, und schlechtem Sex, den sie passiv ertragen hat, bedeuten. Erst wenn du das gemacht hast, ist Penetration dran.

Egal wie dringend du sie hart ficken möchtest – wenn du willst, dass sie es genießt, muss sich ihre Scheide an deinen Penis in Größe und Form angepasst haben, bevor du richtig loslegst. Das erreichst du mit einer der folgenden Techniken:

  • Streichle zuerst ihren Scheideneingang, und beginne sie dann langsam (!) zu fingern. Nach kurzer Zeit wirst du spüren, wie ihre Scheide weiter wird. Sobald du bequem so viele Finger in sie schieben kannst, wie dein Penis breit ist, kannst du ihn einsetzen.
  • Schieb deinen Penis ganz tief hinein, beweg dich aber dann nicht weiter, oder mach nur kleine Stöße, um deine eigene Erektion aufrecht zu erhalten. Mach das solange, bis sie ihren ganzen Körper sichtbar entspannt (oder dir sagt, dass du dich bewegen sollst).
  • Beginne die Penetration halb so tief und halb so schnell als du es jetzt gerne hättest. Wenn du Tiefe und/oder Tempo steigern willst, tu das als Faustregel erst nach dem fünften Stoß.

Ausnahme: Sie sagt dir direkt, dass sie kein Vorspiel möchte, sie ein vollkommen anderes Vorspiel heiß findet, oder dass du sofort tiefer oder schneller machen sollst.

Wenn die Frau nach dieser Anfangsphase Lustsignale zeigt, also plötzlich schneller atmet, stöhnt, seufzt, oder „Ja“ sagt, beweg dich exakt so weiter, wie du gerade tust. Dabei ist es übrigens egal, ob du sie gerade schnell oder langsam fickst – Hauptsache, der Rhythmus bleibt gleich! Wähle daher am besten eine ausreichend bequeme Stellung sowie Tiefe und Tempo so, dass du länger als ein paar Sekunden ohne Änderung weitermachen kannst. Wenn du dir schwer tust, bei einem Rhythmus zu bleiben, spiel im Hintergrund Musik mit einem passenden Tempo, und mach einfach weiter. Du wirst sehen, dass du dich automatisch zur Musik bewegst, selbst wenn du dich nicht darauf konzentrierst.

Ändere Tiefe und Tempo nur dann, wenn:

  • sie dir direkt sagt, dass sie es jetzt gerne schneller oder langsamer, tiefer oder weniger tief hätte,
  • du eine bestimmte Bewegung ausprobieren willst,
  • du die Bewegung selbst zu wenig lustvoll findest,
  • oder du unbequem liegst/sitzt/stehst und eine bequemere Position finden willst.

Wenn die Frau nicht (mehr) mitmacht – du also nicht erkennen kannst, ob sie mit dir Sex hat, aber dabei leise ist, gerade döst, im Kopf die nächste Einkaufsliste schreibt, oder auf den in der Nähe laufenden Fernseher starrt – bitte sie darum, dir während dem Sex zu zeigen oder zu sagen, was sich gut anfühlt. Wenn sie nicht stöhnen möchte, ist das kein Problem – sie kann auch einfach „Ja“ an den Stellen sagen, wo es für sie gerade lustvoll ist.

Dabei ist es wichtig zu wissen, dass die männliche Lust eher in einer stetigen exponentiellen Kurve, die weibliche Lust aber eher in größer werdenden Wellen kommt. Mit zunehmender sexueller Erfahrung gleichen sich die Kurven aneinander an, und haben Eigenschaften von beiden. Wenn sich etwas für die Frau ein paar Sekunden lang eher lauwarm anfühlt, macht das nichts – die nächste Lustwelle ist höchstwahrscheinlich schon auf ihrem Weg. Wenn sie hingegen signalisiert, dass sich etwas länger als eine halbe Minute lauwarm anfühlt und auch nicht besser wird – oder generell eine Reaktion zeigt, mit der du dich nicht auskennst – pausiere deine Bewegungen, und frage sie, was sie sich gerade von dir wünscht. Wenn sie dir das nicht sagen kann, weil sie sich selbst nicht sicher ist, ermutige sie, ein bisschen herumzuprobieren. Wenn sie selbstbewusst ist, wird sie von alleine mit dem Herumprobieren beginnen.

Lass ihr dafür Zeit und Platz: Sie wird nicht sofort die perfekte Position finden (können), und etwa mehrmals Arme, Beine oder Becken neu positionieren, bevor ihr weitermachen könnt. Eventuell fordert sie dich auf, mit den Bewegungen weiterzumachen, und signalisiert kurz darauf, dass sie sich eine weitere Unterbrechung wünscht, weil sich die Stellung doch nicht so gut anfühlt, wie sie dachte.

Wenn du merkst, dass sie ihre Position ohne zu unterbrechen immer wieder ein bisschen verändert, hat das einen Grund: Wenn sie ein Stück von dir wegrutscht, korrigiert sie wahrscheinlich zu viel Druck oder zu tiefe Penetration. Wenn sie sich ein Stück zu dir oder zur Seite bewegt, möchte sie eine Position finden, in der die Stimulation am effektivsten ist. Wenn sie das macht, rutsch daher nicht wieder nach. Das hat ihr vorher schon nicht gefallen, und verwirrt außerdem die Situation. Mach einfach genauso weiter, und lass dich davon antörnen, wie sie es genießt.

Frage sie nicht sofort nach der Änderung, ob sie es besser findet – so schnell kann sie das gar nicht wissen, da sich ihr Körper erst auf die neuen Bedingungen einstellen muss. Mach einfach weiter: Wenn die Änderung eine gute Idee war, wirst du es an ihren erneuten Lustsignalen erkennen. Falls du dir unsicher bist, kannst du natürlich nachfragen – aber bitte mit etwas Zeitverzögerung.

Die folgenden Lösungen sind häufig:

  • die Position geringfügig zu verlagern
  • zusätzliche Befeuchtung zu verwenden oder nachzulegen
  • zuviel Befeuchtung wegzuwischen
  • das Tempo zu ändern
  • die Tiefe zu ändern
  • eine andere Stellung auszuprobieren
  • ihr etwas Abstand zu lassen, damit sie sich selbst zusätzlich streicheln kann

Ein wahrscheinliches Ergebnis ihres Herumprobierens wird sein, dass sie ihre Klitoris streichelt, ein Sexspielzeug verwendet, oder sich an etwas reibt, um zu kommen. Das kann vor, während, und nach der Penetration für sie angenehm sein. Eventuell überrascht es dich, dass sie durch deine Penetration allein nicht kommen kann, weil du das aus Pornos und Sexszenen in Filmen gewöhnt bist. Falls du dich fragst, ob deswegen mit ihr oder mit dir etwas nicht stimmt, kannst du beruhigt sein: Du bist einer häufigen Aufklärungslüge auf den Leim gegangen:

Wenn Frauen einen Orgasmus haben, „kommt“ dieser nicht aus ihrer Scheide, sondern aus ihrer Klitoris. Die sensibelsten Teile der Klitoris liegen außerhalb der Scheide, um und unter der sichtbaren Klitorisperle. Nur eine Minderheit von Frauen können durch Penetration allein einen Orgasmus erreichen, weil ein innerer Teil ihrer Klitoris eine praktische Größe und Position hat, die durch Penetration genügend stimuliert wird. Laut einer Studie aus dem Jahr 2017 liegt diese Minderheit bei einer von fünf Frauen, obwohl ich persönlich weit weniger Frauen mit dieser Fähigkeit getroffen habe. Wenn du also bisher drei Ex-Freundinnen und zwei Aufrisse hattest, und alle durch Penetration allein gekommen sind, oder das zumindest behauptet haben, dann haben, aller Wahrscheinlichkeit nach, mindestens vier von ihnen vorgetäuscht, und eine vielleicht die Wahrheit gesagt.

Alle diese Verhaltensweisen sind gesund und ein wesentlicher Bestandteil von gutem Sex – sie ermöglichen, die besten Bedingungen zu finden, unter denen alle Beteiligten gleichermaßen Lust empfinden können.

Pass auf, falls du feststellst, dass du Ergebnisse ihres Herumprobierens plötzlich nicht so attraktiv findest und ihr das mitteilen möchtest. Das ist nämlich die Stimme deiner verinnerlichten toxischen Männlichkeit. Deine Sexpartnerin / Freundin / Frau wurde in der Rolle „Frau“ erzogen, was bedeutet, dass sie ihr Leben lang vom Großteil ihres Umfelds für ihre Sexualität und Eigeninitiave abgewertet wurde. Dass sie sich nun darauf eingelassen hat, ihren Körper zu spüren, und vor dir damit experimentiert, hat daher bereits eine Menge Mut erfordert. Wenn du ihr Herumprobieren jetzt abschätzig, ungeduldig und/oder genervt über dich ergehen lässt, oder sogar abwertend kommentierst („Du schaust aber seltsam aus!“, „‚Wäh, was machst du da?!“, „Bist du eine Schlampe, oder was?“, usw.), kann das bewirken, dass sie entweder:

  • kein weiteres Mal mit dir Sex haben wird,
  • den Sex verärgert abbricht, und dich aufgrund deines unfairen Verhaltens konfrontiert,
  • ihr Experimentieren beendet, und danach demotiviert das macht, was du dir von ihr erwartest. Das hat üblicherweise Wochen oder Monate zur Folge, in denen ihr entweder langweiligen Sex habt, der jedes Mal genau gleich abläuft, oder sie Sex sogar völlig verweigert, und ihre Ausreden immer kreativer werden (sie etwa jedes Mal, wenn du Sex vorschlägst, „Migräne“ hat). Indem du unbewusst deine toxische Männlichkeit fortgesetzt hast, hast du sie darin bestärkt, in ihre anerzogene Rolle, die Rolle „Frau“, zurückzufallen. Das Ergebis ist toxische Weiblichkeit.

Du kannst diese Reaktion rückgängig machen, wenn du ab sofort ihre „seltsamen“ sexuellen Wünsche als eine natürliche Eigenschaft ihrer Person behandelst: Hör mit dem Slutshaming auf, und mach keine abwertenden Bemerkungen, auch dann nicht, wenn du sie witzig findest. Du würdest es umgekehrt auch nicht lustig finden, wenn sie ein angeekeltes Gesicht macht, nachdem sie dir beim Orgasmus zugesehen hat. Je schneller du diese Verhaltenweisen völlig sein lässt, desto kürzer wird es dauern, bis sie dir wieder genügend vertraut, und ihr eure Quest für guten Sex wiederaufnehmen könnt.

Als beste Strategie schau ihr daher beim Herumprobieren einfach kommentarlos zu und/oder unterstütze sie dabei (Polster zurechtrücken, Gleitgel reichen, usw.). Wenn du merkst, dass du ungeduldig wirst, entspanne dich mit dem Gedanken, dass euer Sex nicht immer so bleiben wird, sondern dass sie gerade Techniken herausfindet, die sie in ein paar Monaten viel schneller anwenden wird (können), weil sie durch das Herumprobieren ein gutes Gespür für ihren eigenen Körper, ihre sexuellen Wünsche, und dich als Sexualpartner entwickeln konnte. Was du sehr wohl mitteilen kannst und auch sollst, sind hingegen Komplimente („Du siehst so gut aus!“), oder wenn es für dich körperlich unangenehm wird („Aua! Das geht nicht, kannst du bitte … machen?“).

Auf den ersten Blick ist eine sexuell unerfahrene Frau, die Sex mit dir sehr wohl genießen möchte, aber einfach nicht besser weiß, wie sie das in die Tat umsetzen kann, nur schwer zu unterscheiden von einer absichtlich ignoranten Frau, die gar kein Interesse daran hat, mit dir Lust zu empfinden, sondern den Sex stattdessen als Währung einsetzt, um von dir romantische Aufmerksamkeit, Geschenke oder finanzielle Unterstützung zu erpressen („sich aushalten lassen“). Die Anwendung aller dieser Maßnahmen ermöglicht dir, zweifelsfrei zu erkennen, welchen der beiden Typen du vor dir hast.

Du hast es wahrscheinlich mit einer absichtlich ignoranten Frau zu tun, wenn sie:

  • auf deine Bitten, dir mitzuteilen, was sie denn gut oder nicht gut findet, nicht reagiert – sowohl während dem Sex, als auch in Gesprächen danach,
  • zwar behauptet, dass sie beim Sex interaktiver sein möchte, aber dann wieder erstarrt und nichts tut, und dich nie wieder darauf anspricht
  • dich aggressiv anfährt, wenn du beim Sex eine Pause machst, und sie freundlich fragst, was sie sich wünscht
  • dir vorhält, dass deine Gesprächsversuche „unreif“ oder „nervig“ wären, und dass „ein echter Mann“ ihre Bedürfnisse von alleine und ohne zu fragen wissen müsse – oder ein vergangener Sexualpartner es einfach so gewusst hätte.

Sollte sie eine dieser Reaktionen ausfahren, brich den Sex am besten ab und fordere faires Verhalten ein. Wenn sie sich nicht auskennt, und nachfragt, hat sie wahrscheinlich aus Angst destruktiv reagiert, da sie voreilig annimmt, dass du sie wie andere Männer vor dir abwerten wirst, sobald sie ehrlich ihre Lust herzeigt. Sei dann sehr freundlich zu ihr, und versichere ihr, dass dir ihre Wünsche beim Sex genauso wichtig sind wie deine eigenen, oder in anderen Worten: dass du fair zu ihr sein wirst. Falls sie jedoch keine Lernbereitschaft zeigt und versucht, einen Streit vom Zaun zu brechen, zieh dich an und gehe, auch dann, wenn die Sexpartnerin deine Freundin/Frau ist. Besser ein Streit, nach dem sie sich auf ein ehrliches Gespräch einlässt, und ihr danach besseren Sex habt, als ein Leben lang schlechten Sex.