Was bedeutet queer?

Im englischen Sprachraum wurde das Wort ursprünglich als Beschimpfung oder abwertende Eigenschaft benutzt. Es bezeichnet als Adjektiv Dinge oder Personen, die von der Norm abweichen. Auf Deutsch bedeutete queer seltsam oder eigenartig. Seit den 1980er-Jahren wurde das Wort insbesondere von der Schwulen-, Bi- und Lesben-Bewegung positiv besetzt und wird heute von dieser als Eigenbezeichnung verwendet: Queere Bewegung, queere Szene, queere Subkultur. Das Kürzel LGBT fasst die am häufigsten vorkommenden Identitäten in der queeren Szene zusammen (Lesbian, Gay, Bi, Trans) und wird deshalb oft als Synonym verwendet.

Daneben gibt es noch andere Definitionen von queer, die sich nicht ausschließlich um homoamore und homosexuelle Orientierungen drehen, sondern auch weitere Geschlechter, und alternative Lebensweisen miteinschließen, welche als einzigen gemeinsamen Nenner „nicht Teil der Mehrheit“ beinhalten. Diese werden dann mit anderen Kürzeln wiedergegeben. Die Aufnahme solcher neuer Gruppen unter den Begriff queer sowie die Gestaltung der Kürzel sind allerdings in der queeren Szene und sogar unter Beteiligten der jeweiligen Gruppen heftig umstritten.

Das zweithäufigste Kürzel für die queere Subkultur steht für eine solche Erweiterung und hat deshalb mehr Buchstaben: LGBTQIA* (Lesbian, Gay, Bi, Trans, ergänzt mit Queer, Intersex, Asexual). Der Stern steht für die Menschen, die sich nicht mit den verwendeten Begriffen im Kürzel identifizieren, aber die sich aufgrund anderer persönlicher Eigenschaften als Teil der Bewegung fühlen. LGBTQIA* ist somit ein rekursives Akronym (= Es enthält sich selbst): Es bedeutet queer, enthält queer jedoch nochmal als eigenen Buchstaben. Dieser wird genutzt, um entweder weitere noch nicht genannte Geschlechter, BDSM-Praktizierende, oder Menschen, die Polyamorie leben – oder alle jene Gruppen auf einmal – zu bezeichnen.

Wofür steht FLIT / FLINT?

Das Kürzel FLIT steht für eine Zusammenfassung verschiedener Gruppen innerhalb der queeren Subkultur, die sich um die Orientierung lesbisch (homoamor) und/oder homosexuell drehen. Es steht für Frauen, Lesben sowie Intergeschlechtliche und Trans-Personen, die sich der lesbischen Szene zugehörig fühlen. Lokale, Veranstaltungen und Workshops mit diesem Kürzel sind safe spaces (engl. geschützte Räume) für die genannten Menschen, und beschränken den Eintritt auf diese Gruppen.

Ein geschützter Raum soll den Menschen darin die Möglichkeit bieten, sich über Themen auszutauschen, und gemeinsame Aktivitäten auszuleben, die vom heteronormativen Mainstream unterdrückt werden – durch Unsichtbarmachung (Alle tun so, es gäbe es die Sache nicht), oder Diskriminierung (Beschimpfungen, Abstempelung als „krank“, Verweigerung von Hilfeleistungen, Verfolgung). Zu diesem Zweck sind aus geschützten Räumen bestimmte Menschen ausdrücklich ausgeladen, die diese Verhaltensweisen mitbringen könnten.

Ausgeladen

Aus einem FLIT-Raum ausgeladen sind lediglich Männer, also Menschen, die mit einem Penis geboren wurden und die keinen Wunsch danach haben, ihre Selbstbezeichnung oder ihr Geschlechtsorgan zu ändern.

Einige Betreiber_innen behaupten, dass Männer deswegen ausgeladen wären, weil sie in einer patriarchalen Gesellschaft im Vergleich zu allen anderen Geschlechtern weniger Unterdrückungsmechanismen ausgesetzt seien und somit bei Themen von Frauen oder nicht-binären Geschlechtern schlecht mitreden könnten.

Der häufigste Grund ist jedoch der folgende:

Im heteronormativen Mainstream, also in der Öffentlichkeit oder beim Fortgehen, gibt es leider erschreckend viele hetero lebende Männer, die zu lesbisch lebenden Menschen nicht gerade nett sind. Dabei ist es egal, ob diese als Paar unterwegs sind, oder ganz einfach offen zeigen, dass sie (auch) Frauen begehren. Diese unfairen und teilweise übergriffigen Verhaltensweisen sind so häufig, dass fast jede offen lesbisch lebende Frau ein negatives Erlebnis mit einem Hetero-Mann erzählen kann, das mit ihrer Orientierung zu tun hatte. Der Ursprung solcher Verhaltensweisen sind un- und teilbewusste patriarchale Überzeugungen, die zu toxischer Männlichkeit, also destruktiven Handlungen und Reaktionen, führen. Nachfolgend habe ich die häufigsten Überzeugungen aufgelistet, und welches Verhalten die betreffenden Männer deswegen ausfahren.

Frauen flirten und haben mit anderen Frauen Sex, um damit die Aufmerksamkeit von Männern zu bekommen.

Hetero-Männer kommen „Lesben schauen“. Das wäre kein Problem, wenn die betreffenden Männer bei einer Aufforderung, nicht zu stören, weggehen würden. Stattdessen schleichen sich solche Männer möglichst nahe an flirtende Frauen heran, und scheuen bei erkennbaren Handlungen auch nicht vor Zwischenrufen zurück. Darin steckt wohl die Hoffnung, dass sie einen Privatporno nach ihren Anweisungen vorgeführt bekommen. Das erzeugt eine richtig schlechte, lauernde Stimmung, in der sich selbst Menschen, die Männer grundsätzlich sexuell anziehend finden, nicht wohlfühlen.

Intersex- und Trans-Menschen wollen durch ihr Aussehen oder Verhalten provozieren.

Hetero-Männer fragen Intersex- und Trans-Menschen, die sie attraktiv finden, gerne aus dem Nichts, was sie denn nun zwischen den Beinen hätten, üblicherweise lautstark, und ohne Rücksicht auf die Umgebung. Und natürlich ohne vorher festzustellen, ob das angesprochene Gegenüber überhaupt an einer Anmache interessiert ist.

Oftmals liefert der betreffende Mann dann auch noch eine Erklärung, warum das Gegenüber nicht das ausgesuchte Geschlecht, sondern eigentlich eine Frau oder ein Mann sei, sich falsch anziehe, oder falsch verhalte. Das hat bei dem Mann den unbewussten Grund, dass er von seiner sexuellen Anziehung zu diesem „uneindeutigen“ Menschen verunsichert ist. Durch Zuweisung des „richtigen“ Geschlechts und Verhaltens will er „beweisen“, dass er trotzdem weiterhin absolut hetero und dominant ist, wie es der Mainstream von ihm fordert. Auch viele Gewalttaten gegen Trans-Menschen haben dieses Motiv.

Das Fragen nach dem Geschlechtsorgan wäre im Zuge einer gegenseitigen Anbahnung kein Problem. Wir leben schließlich in einer Welt, in der es völlig homosexuelle und völlig heterosexuelle Menschen gibt, wo also nicht alle Menschen auf alle Geschlechtsorgane stehen. Außerdem kann jemand nur Sex im Konsens zustimmen, über den der betreffende Mensch vorher genügend informiert wurde. Das zu erwartende Geschlechtsorgan vorzuenthalten oder jegliches Nachfragen zu verunmöglichen oder zu verurteilen, nichtkonsensuell, also übergriffig. Ob die Person, die aus Prinzip nicht gefragt werden will, aus dem Mainstream kommt, nicht-binär, oder trans ist, macht dabei keinen Unterschied: Höfliches Nachfragen ist die einfachste Möglichkeit, diese Information zu erhalten, und muss daher zwischen allen Menschen unproblematisch passieren können.

Das Problem ist bei toxischen Männern vielmehr, wie dieses Nachfragen erfolgt – rücksichtslos, im Befehlston, und mit dem Ziel, das Gegenüber negativen Reaktionen der unmittelbaren Umgebung auszusetzen.

Frauen sind nur als Überbrückung lesbisch, bis sie „den Richtigen“ gefunden haben.

Hetero-Männer baggern anwesende Frauen an, und lassen sich weder durch ein höfliches „Nein“, noch durch „Ich stehe nicht auf Männer“ abwimmeln, in der Annahme, dass sie „der Richtige“ sein könnten. Eine andere Ausprägung davon sind Hetero-Männer, die Lokale der Schwulenszene besuchen, um dort Frauen aufzureißen. Deren Gedankengang geht folgendermaßen: Die Männer sind schwul, die Frauen jedoch keine Lesben, sondern hetero und Freundinnen der anwesenden Schwulen. Da die anwesenden Männer also keine Konkurrenz sind, hätten sie als „Hahn im Korb“ bei den Frauen leichtes Spiel. Dieser Glaubenssatz würde wohl unter „so dumm, dass es wieder lustig ist“ fallen. Leider verhalten sich die entsprechenden Männer üblicherweise übergriffig, indem sie nach einem „Nein“ die angebaggerte Lesbe üblicherweise bedrängen oder beschimpfen, da sie ihren Irrtum nicht einsehen wollen.

Lesbische Paare haben ohne Penis keinen richtigen Sex und sehnen sich daher nach einem Dreier mit einem Mann.

Hetero-Männer belagern und baggern lesbische Paare aggressiv an. Dabei hilft ein höfliches „Nein“ genauso wenig wie „Das ist meine Freundin, wir sind monogam“.

Ein problematisches Konzept

Männer auszuladen ist daher die einfachste Methode, damit die anwesenden Lesben keiner toxischen Männlichkeit ausgesetzt sind. Unter sich können sie sich auf das konzentrieren, wozu sie in die lesbische Szene gehen:

  • Frauen und nicht-binäre Menschen für Sex oder eine Beziehung kennenzulernen,
  • oder Bekannt- und Freundschaften mit dem gemeinsamen Thema Lesbisch sein zu pflegen.

Das vorhandene Konzept hat allerdings mehrere Probleme: Sowohl die eingeladenen als auch die ausgeladenen Personen sind schwammig definiert. Das schafft innerhalb der queeren Szene sowie unter Beteiligten der eingeladenen Gruppen ständige Konflikte um bestimmte Themen:

  1. Alle Männer auszuladen unterstellt gleichzeitig allen Männern, gegenüber Lesben und dort anwesenden Menschen garantiert unfair oder übergriffig zu werden. Das stimmt jedoch für viele Männer einfach nicht, die sehr wohl fähig sind, sich zivilisiert zu unterhalten, oder ein „Nein“ ohne Herumjammern zu akzeptieren. Dadurch vertreibt die Szene Männer, die sich sonst für die queere Szene engagieren, und/oder mit wichtigen Themen für Frauen in Berührung kommen würden. Beides würde dabei helfen, dass Männer im Alltag besser gegen Unsichtbarmachung und Diskriminierung auftreten könnten.
  2. Bisexuelle Frauen und nicht-binäre Geschlechter, die in einer Beziehung mit einem Mann leben, dürfen ihren Partner zu Veranstaltungen nicht mitbringen. Im Gegensatz dazu sind Paare aus Frauen oder nicht-binären Geschlechtern oftmals gemeinsam in der Szene unterwegs. Dadurch engagieren sich bisexuelle Menschen in der Szene weniger, und werden genauso wie im heteronormativen Mainstream unsichtbar gemacht.
  3. Frauen mit maskulinem Aussehen (Butch, Dyke) beklagen, das sie von anderen Menschen in der Szene für einen Mann gehalten werden. Das wiederum kann Anlass geben, dass die Teilnahme an der gewünschten Veranstaltung infrage gestellt, oder sogar der Zutritt verweigert wird.
  4. FTM-Trans-Männer haben oft eine Verbindung zur lesbischen Szene, da sie entweder vor der eigenen Transition in dieser unterwegs waren, oder danach den erhöhten Schutz vor Diskriminierung in Anspruch nehmen. Ihr Zutritt zu diesen geschützten Räumen „ohne Männer“ impliziert jedoch, dass sie „nicht so ganz Mann“ wären, was etwa Gegner von zentralen Transgender-Rechten gerne als Argument aufgreifen.
  5. MTF-Trans-Frauen, die andere Frauen begehren, gehen während oder nach ihrer Transition aufgrund gleicher Interessen, und dem erhöhten Schutz vor Diskriminierung oftmals in die lesbische Szene. Das wird von Teilen der queeren Szene kritisiert, mit der Begründung, dass die meisten Trans-Frauen „als Mann“ erzogen wurden, und damit entweder bei Frauenthemen nicht mitreden könnten, oder genauso wie Männer toxische Männlichkeit in die Szene bringen würden.
  6. Ausgeladene Männer werden als „Menschen mit Penis“ definiert, während andere Menschen mit einem männlichen Geschlechtsorgan jedoch eingeladen sind. In einem Raum, in dem sich mehr als zwei Geschlechter entfalten können, verschwindet auch die „binäre“ Zuordnung von Geschlechtsorganen: Alle Begriffe – Frau, Mann, Trans(gender), sowie die Selbstbezeichnungen von nicht-binären Menschen – enthalten keine Aussage über das vorhandene Geschlechtsorgan. Das heizt immer wieder die Diskussion an, ob das primäre Geschlechtsorgan (Vulva, Penis, oder Intersex) beim Zutritt überhaupt nicht relevant sein darf, oder doch berücksichtigt werden sollte.
  7. Diese Diskussion wird teilweise von erbitterten Fraktionen geführt, von denen einige Gruppierungen wie TERF (Trans-Exclusionary Radical Feminists) den völligen Ausschluss von Trans-Menschen fordern, um wieder eine „binäre“ Ordnung herzustellen, und dies u. A. mit paranoiden Interpretationen begründen, wie dass Trans-Frauen Männer wären, die sich als Frauen verkleiden, um Lesben verführen zu können.
  8. Währenddessen findet die angeblich transfreundliche Gegenseite bereits jede Erwähnung eines Zusammenhangs zwischen Geschlecht und Körperlichkeit „transphob“ – außer bei Hetero-Männern, deren Ausschluss nach wie vor mit einer körperlichen Eigenschaft begründet wird. Konkrete Lösungsansätze fǘr die alltägliche Unsichtbarmachung oder Maßnahmen gegen Gewalt an nicht-binären und Trans-Menschen kommen hingegen im gesamten Diskurs nicht vor.
Updates

Im Jahr 2017 setzte sich mit FLINT allmählich ein neues Kürzel für dieselbe Szene durch, das wahlweise auch mit Stern (FLINT*) geschrieben wird. Das neue N steht für nicht-binäre Personen, also weitere Geschlechter abseits der binären Geschlechter Frau und Mann. Das Kürzel lädt also nun Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche Personen, Nicht-binäre Geschlechter und Trans-Personen ein. Intergeschlechtliche fallen jedoch unter die Gruppe der nicht-binären Geschlechter, wodurch die Bedeutung des I doppelt vorkommt.

Im Jahr 2019 tauchte die Entwicklung auf, das L für Lesben fallweise wegzulassen, sodass FINT übrigbleibt. Dadurch fühlen sich jedoch einige lesbische Frauen unsichtbar gemacht, insbesondere ältere Lesben, die die heutige Szene mit aufgebaut haben. Hinter FINT steckt allerdings die Überlegung, nur noch die eingeladenen Geschlechter im Kürzel zu haben, welche alle lesbisch leben können, was eine extra Erwähnung überflüssig machen würde, genauso wie Buchstaben für andere sexuelle Orientierungen oder Lebensweisen.

Die Distanzskala – Teil 1/6: Vorstellung des Modells

Ich habe ein Modell entworfen, welches zahlreiche Missverständnisse und Konflikte zwischen zwei Menschen erklärt, die

  • Sex anbahnen,
  • miteinander Sex haben,
  • eine romantische Beziehung anbahnen,
  • oder in einer romantischen Beziehung sind.

Ich nenne das Modell die Distanzskala.

Während es auf der Näheskala darum geht, wie Menschen Vertrauen aufbauen und ehrlich miteinander kommunizieren können, bildet die Distanzskala das Gegenteil ab. Menschen auf der Distanzskala kommunizieren meistens in hässlichen Spielchen und Racheaktionen – je höher die Stufe, desto härter. Ihr gemeinsames Merkmal ist der Glaubenssatz, dass nur stark sein kann, wer (vermeintlich) schwächeren Mitmenschen etwas wegnimmt. Wer diesem Glaubenssatz folgt, bringt immer mehr Distanz und soziale Kälte zwischen sich und alle anderen Menschen.

Die Liebe ist ein seltsames Spiel

Tatsächlich zerlegt die Distanzskala das Patriarchat nach der Transaktionsanalyse in eine Sammlung aus destruktiven Spielen. Die Transaktionsanalyse ist eine Disziplin der Psychologie, die der kanadische Psychotherapeut Eric Berne begründet und in den 1960ern in seinem Buch Spiele der Erwachsenen (im englischen Original Games People Play) veröffentlicht hat.

Ein Spiel, oder besser übersetzt, ein Spielchen, hat den Zweck, Anerkennung oder Aufmerksamkeit von anderen Menschen zu bekommen, ohne dafür eine Gegenleistung zu bringen. Dazu deutet Mensch A eine Gegenleistung an, oder täuscht sogar eine vor, und bekommt dafür eine bestimmte Form von Aufmerksamkeit oder Anerkennung von Mensch B. Will Mensch B diese Gegenleistung dann einlösen, kommt von Mensch A nichts mehr. Diese Art der Kommunikation ist per Definition unfair. Das ist auch ihr Zweck, denn Spielchen dienen der Vermeidung von ehrlicher Kommunikation und echter, energiegebender Nähe. Vor Ehrlichkeit und Nähe hat der_die Spielende nämlich Angst: Das bekannte Unglück fühlt sich einfach sicherer an als das unbekannte Glück.

Die Distanzskala basiert auf den traditionellen Geschlechterrollen, also Sammlungen an un- und halbbewussten Annahmen, Überzeugungen und Verhaltensmustern, die Menschen in einer patriarchalen Kultur anerzogen bekommen. Die gegenwärtige feministische Literatur geht davon aus, dass es genau zwei solche Verhaltensmuster gibt, in denen Frauen und Männer jeweils erzogen werden – diese bezeichne ich als die Rolle „Frau“ und die Rolle „Mann“. Wenn ein Mensch eine dieser Rollen im Alltag un- oder halbbewusst anwendet, produziert das ein von außen deutlich sichtbares Verhalten:

  • Überzeugungen der Rolle „Frau“ produzieren problematische / toxische Weiblichkeit (toxic femininity).
  • Überzeugungen der Rolle „Mann“ produzieren problematische / toxische Männlichkeit (toxic masculinity).

Durch genaue Alltagsbeobachtungen habe ich allerdings festgestellt, dass in diesem Zusammenhang nicht zwei, sondern zehn unterschiedliche Verhaltensmuster existieren. Jede Rolle zerfällt nämlich in fünf Ausprägungen:

Die fünf Verhaltensmuster der Rolle „Frau“ nenne ich:

  • Entitlement Girl,
  • Damsel in Distress (im österreichischen Hochdeutsch: „Hascherl“),
  • Material Girl (oder Junge Bitch),
  • Bitch,
  • Missbrauchstäterin.

Die fünf Verhaltensmuster der Rolle „Mann“ nenne ich:

  • Entitlement Guy,
  • Frauenversteher,
  • Junger Drachentöter (oder unerfahrener Traumprinz),
  • Drachentöter (oder erfahrener Traumprinz),
  • Missbrauchstäter.

Die Namen der Stufen sind bewusst plakativ gewählt. Sie folgen der Konvention der Transaktionsanalyse, mit möglichst kolloquialen, „drastischen“ Begriffen einen hohen Erkennungswert beim betroffenen Menschen auszulösen. Darin liegt die Stärke der Distanzskala: Die meisten der beschriebenen Verhaltensweisen sind den betroffenen Menschen großteils unbewusst (was sie nicht weniger destruktiv macht), und können so viel eher bewusst (gemacht) werden. Daraus ergibt sich im Umkehrschluss, welche Überzeugungen und Verhaltensweisen einer schönen, energiegebenden Liebesbeziehung im Weg stehen.

Wie die meisten Spielchen hat die Distanzskala mehrere Härtestufen, die dasselbe Ziel durch eine andere, destruktivere Strategie verfolgen. Daher kommen diese Muster kommen nicht lose vor, sondern bauen als Stufen aufeinander auf.

Die Distanzskala beginnt dort, wo auch das Patriarchat seinen Anfang nimmt: in der Erziehung.

Wenn Eltern und Umfeld eines Kindes sagen, sie erziehen ihr Kind „als Mädchen“ oder „als Bub“, meint das bei den Allermeisten, dass sie das Kind für bestimmte Verhaltensweisen belohnen, andere jedoch bestrafen, mit der einzigen Begründung „weil du ein Mädchen bist“ / „weil das Mädchen nicht machen“ bzw. „weil du ein Bub bist“ / „weil das nichts für Buben ist“. Diese patriarchale Einteilung ist unter dem Begriff Sexismus besser bekannt.

Ein Kind, welches „als Mädchen“ angesprochen wird, entwickelt sich somit über Zeit zu einem Menschen in der Rolle „Frau“. Ein Kind, welches „als Bub“ angesprochen wird, wird hingegen über Zeit zu einem Mensch in der Rolle „Mann“.

Was die Allermeisten allerdings nicht wissen, ist, dass eine solche vollkommen willkürliche Zweiteilung aufgrund des Geschlechts Entitlement, also ungerechtfertigte, unfaire Erwartungen hervorbringt. Weil nämlich ein bestimmtes Geschlecht etwas „darf“, was das andere wiederum „nicht darf“, erhalten die Geschlechter nicht nur unterschiedliche unfaire Nachteile / Pflichten, sondern auch unterschiedliche unfaire Vorteile / Frechheiten. Wenn nun eine Seite gegenüber einem anderen Menschen auf dieser Verteilung mit allen unfairen Vor- und Nachteilen besteht, hat diese Seite eine unfaire Erwartung.

Aus diesem Grund heißt die Stufe 1 der Distanzskala Entitlement Girl bzw. Entitlement Guy.

Die Distanzskala für die Rolle „Frau“

Hier gibt es die volle Distanzskala für die Rolle „Frau“.

Die Distanzskala für die Rolle „Mann“

Und hier die volle Distanzskala für die Rolle „Mann“.

Die Stufen oder: Wie das Patriarchat Menschen kaputtmacht

Die meisten Menschen behalten das anerzogene Verhaltensmuster ihr Leben lang bei. Dieses verinnerlichte Patriarchat verhindert jedoch, Sex und Liebe gesund auszuleben. Daher sind die meisten Menschen mit einem patriarchalen Verhaltensmuster bereits als Jugendliche zahlreichen Lebenssituationen ausgesetzt, die ihre sexuellen und/oder romantischen Wünsche immer wieder beschneiden. Als Erwachsene fühlen sich diese Menschen dann von ähnlichen Situationen angezogen, welche sie wieder unbefriedigt und frustriert zurücklassen.

Da sie bei Sex und Liebe kaum Qualität erlebt haben, setzen sie nun auf Quantität. Daher versuchen viele Menschen an dieser Stelle, das Loch mit mehr Aufmerksamkeit anderer Menschen zu füllen. Die Distanzskala bildet einen solchen Schritt ab, indem der betreffende Mensch entlang der Distanzskala hinaufwandert. Ein Entitlement Girl wird dann zur Damsel in Distress, und ein Entitlement Guy zum Frauenversteher. Das Wechseln von einer Stufe zur nächsten dauert üblicherweise mehrere Jahre. Dabei probiert der betreffende Mensch unbewusst und schleichend Ignoranzen, Spielchen, und Täuschungsmanöver aus der patriarchalen Umgebung aus, bis die neue Stufe im Verhalten sichtbar wird.

Da die gewünschte Aufmerksamkeit nun einfacher „verfügbar“ ist, bringt der Schritt auf die nächste Stufe erst einmal eine Erleichterung. Das Hässliche an dieser Weiterentwicklung ist jedoch, dass sich durch Spielchen nur kurzfristig Aufmerksamkeit erschleichen lässt. Aufmerksamkeit, die alle Beteiligten auch tatsächlich wollen und meinen, also echte, energiegebende Nähe zu anderen Menschen, entsteht dadurch nicht. Im Gegenteil, die energiefressenden Spielchen verstärken das Grundproblem sogar, bis ein erneutes Raufwandern passiert, um mit der unverändert unglücklichen Situation umzugehen.

Jede neue Stufe entsteht also aus den Erfahrungen, Enttäuschungen und Verletzungen der vorherigen. Deshalb ist es nicht möglich, eine Stufe zu überspringen: Jeder Frauenversteher war einmal ein Entitlement Guy, und jede Bitch einmal ein Material Girl. In ausgeprägt patriarchalen Umgebungen können Menschen jedoch besonders schnell die Distanzskala hinaufwandern, sodass sie weniger als ein Jahr auf einer Stufe verbringen. Das kann etwa ein kirchentreues Dorf am Land sein, aber auch ein Stadtbezirk mit Menschen aus Kulturen, welche mehr Patriarchat als die eurozentrische/westliche haben.

Wenn diese Veränderung extrem verläuft, kommt am Ende ein Missbrauchstäter oder eine Missbrauchstäterin heraus. Um ihre unmittelbaren Bedürfnisse zu befriedigen, versuchen diese Typen von Menschen nicht einmal mehr zu kommunizieren. Stattdessen setzen sie jede gerade verfügbare Gewalt ein – physische Gewalt wie Drohungen, Nötigungen, Prügeln, Übergriffe oder psychische Gewalt wie Erpressung, Scapegoating (= das Gegenüber zum Sündenbock erklären und für erfundene Taten bestrafen), Gaslighting (= dem Gegenüber hartnäckig dessen schmerzvolles Erleben wegerklären), und Victimblaming (= Täter-Opfer-Umkehr). Diese Endstufe zeigt: Indem Geschlechterrollen bis zur letzten Konsequenz gelebt werden, bringt das Patriarchat ungefiltert „das Böse“ im Menschen hervor.

Solange die Situation weder großartig besser noch schlechter wird, oder sogar minimale Verbesserungen erfährt, sodass der betreffende Mensch nicht mehr so akut unglücklich ist, stoppt das die Dynamik, und der Mensch verbleibt auf der jeweiligen Stufe.

Ändert derjenige Mensch den eigenen Lebensentwurf hingegen drastisch und erlebt infolge dessen, dass sexuelle und romantische Wünsche immer wieder erfüllt werden, kann dies sogar bewirken, dass der betreffende Mensch die Distanzskala langsam hinunterwandert: aus einem Material Girl wird wieder eine Damsel in Distress und aus einem Jungen Drachentöter wieder ein Frauenversteher.

Diese Entwicklung kann sogar soweit gehen, dass der Mensch die Distanzskala weitgehend verlässt. Dies ermöglicht dem betreffenden Menschen einen völlig neuen Charakter: einen gesunden Menschen ohne Geschlechterrolle, welcher unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen den Ausdruck des eigenen Geschlechts und der eigenen Sexualität aktiv genau so gestaltet, wie sie, er, oder sier das wirklich will.

Die Einzementierung der patriarchalen Lüge – Teil 2/2: In der queeren Szene oder: Das Patriarchat ist tot. Es lebe das Patriarchat!

An wen richtet sich der Artikel?

Welche Orientierungen, Rollen oder Geschlechter der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): homosexuell, homosexuell lebend wenn bisexuell
Romantische Orientierung(en): lesbisch, schwul, homoamor lebend wenn biamor
Geschlecht(er): alle
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“,
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“
Erweiterbar auf:
  • Mensch in der Rolle „Frau“ wünscht sich Sex mit einem weiteren Menschen in der Rolle „Frau“,
  • Mensch in der Rolle „Mann“ wünscht sich Sex mit einem weiteren Menschen in der Rolle „Mann“,
  • alle sexuellen und romantischen Orientierungen.

Diverse alternative Szenen auf der ganzen Welt, z. B. die linkspolitische oder queere Szene, behaupten gerne, das Patriarchat erfolgreich zu bekämpfen. Nachdem ich drei Jahre lang Feldforschung in der queeren Szene betrieben habe, kann ich zwar bestätigen, dass es tatsächlich einige vielversprechende Konzepte gibt, die die patriarchale Struktur zumindest aufweichen. Doch die Idee, das Patriarchat innerhalb der Szene erfolgreich zu bekämpfen, ist ganz einfach falsch.

Die sozialen Rollen „Frau“ und „Mann“ sind genauso wie im heteronormativen Mainstream präsent. Dabei hat die sexuelle Orientierung mit der sozialen Rolle gar nichts zu tun: So kann eine lesbische genauso wie eine Hetero-Frau verhaltensgleich die Rolle „Frau“ einnehmen, lediglich die erotischen und amoren Wünsche sind an ein anderes Geschlecht gerichtet.

In der Lesben- oder FLINT-Szene

In der Lesben-Szene nehmen meistens lesbische (= homoamore) oder biamore Frauen die Rolle „Frau“ ein. Ein biamorer Trans-Mann, eine lesbische Trans-Frau oder ein lesbisch-homoamores weiteres Geschlecht können sich aber genauso in der Rolle „Frau“ verhalten.

In der Rolle „Frau“ unterdrücken diese Menschen ihr Bedürfnis nach der Ebene Lust, da Sex ja nur in Kombination mit der Ebene Liebe erlaubt ist.

Die Ebene Lust ist allerdings die direkte Standleitung zur eigenen Lebensenergie. Die Unterdrückung dieser führt dann zu FLINT-Umgebungen, in denen viele passive Frauen herumstehen und keine großartige soziale Interaktion zustande kommt. Die einzige Ausnahme bilden bestehende Pärchen, die zumindest untereinander eine aktive Ebene Lust haben.

Das Bedürfnis nach der Ebene Lust mit verschiedenen Menschen zu unterdrücken bleibt allerdings niemals ohne Konsequenzen.

So hat sich in fast allen Lesbenszenen der westlichen Gesellschaft ein typisches unbewusstes Verhaltensmuster herausgebildet: Da die Rolle „Frau“ Sex nur in einer Verliebtheit oder Liebesbeziehung zulässt – und das auf beiden Seiten! – sind unter Frauen und weiteren Geschlechtern in der queeren Szene sekundärmotivierte Verliebtheiten so weit verbreitet, dass es viele Kurzzeitbeziehungen, extreme serielle Monogamie und damit verbundenes Drama gibt. Dieses Verhalten tritt so häufig auf, dass es in Lesbenszenen bereits ein Klischee darstellt, und Menschen als der Szene zugehörig kennzeichnet, wenn sie darüber Witze machen.

Ein anderer Weg ist der folgende: Sexuelle Anbahnung zum Spaß wird im heteronormativen Mainstream meistens von Hetero-Männern in der Rolle „Mann“ erfüllt, was unter mehrheitlich Lesben und Schwulen natürlich ausbleibt. Also rutschen anwesende Frauen in diese Rolle: Dykes oder Butches betreiben im Vergleich zur Umgebung oft aktiv sexuelle Anbahnung. Durch Vorspielen der Ebene Liebe „knacken“ sie die Unterdrückung der sexuellen Bedürfnisse des Gegenübers in der Rolle „Frau“ und können so ihre Ebene Lust ausleben.

Da sie sich aber in der Rolle „Mann“ befinden, unterdrücken sie ihrerseits ihre eigene Ebene Liebe. Das dämpft die Fähigkeit, Empathie gegenüber Mitmenschen und deren Gefühlen zu empfinden. Damit fällt es leichter, eine „Traumprinz(essin)“-Maske aufzusetzen. Ein passendes Beispiel dafür ist der Charakter „Shane“ in der Serie „The L Word“. Um Sex zu haben, sagt sie genau das, was ihr Gegenüber in der Rolle „Frau“ hören will. Meistens macht sie sogar gar nichts, und verneint Wünsche, die ihr Gegenüber an sie richtet, einfach nicht. Erst später im Handlungsverlauf stellt sich heraus, dass sie nichts davon wollte, sondern es einfach passieren ließ, solange sie damit im Vorteil war.

Hier möchte ich betonen, dass selbstverständlich nicht alle Dykes oder Butches so tief in der Rolle „Mann“ gefangen sind, dass sie ein Arschloch mit Traumprinz(essin)-Maske werden. Geschieht die Einnahme von beiden Rollen jedoch oft genug, um eine exponentielle Kettenreaktion in Gang zu setzen, kann auch in einer FLINT-Umgebung Rape Culture mit sexuellen Nötigungen und Übergriffen entstehen.

In der schwulen Szene

In der schwulen Szene hingegen herrscht ein konträres Bild: Die Rolle „Mann“ wird dort meistens von schwulen (= homoamoren) oder biamoren Männern angenommen. Ein biamorer Trans-Mann oder ein schwul-homoamores weiteres Geschlecht kann sich aber genauso in der Rolle „Mann“ verhalten.

Diese Menschen lassen dann ihr sexuelles Bedürfnis der Ebene Lust durch; ihr Bedürfnis nach Empathie und Liebe auf der Ebene Liebe hingegen unterdrücken sie vor sich selbst und vor anderen. Dadurch entsteht ein sexuell recht offener Raum, in dem Berichte über One-Night-Stands, sexuelle Anbahnungen, Anspielungen oder Scherze mit genitalem Inhalt zum Small Talk gehören. Hat die Mehrheit der Gruppe enthemmende Drogen konsumiert (z. B. Alkohol), tritt dieses Verhalten noch deutlicher auf.

In Beziehung lebende Menschen begegnen dieser sexuellen Offenheit und Promiskuität allerdings mit Distanziertheit und Skepsis. Sind sie als Pärchen unterwegs, halten sie bewusst Abstand und sind eher aufeinander als auf die Gemeinschaft konzentriert. Die Singles beklagen indessen, dass es so schwer ist, einen geeigneten Partner für eine romantische Beziehung zu finden, oder eine solche längerfristig zu halten. Gemeinsames Schauen von Online-Dating-Seiten und Besprechen der jeweiligen (gescheiterten) Beziehungserfahrungen inbegriffen.

Das sind direkte Folgen der Unterdrückung der Ebene Liebe: Wenn in einer Liebesbeziehung beide Seiten ihre Ebene Liebe unterdrücken, gibt es keine Verbindungsmöglichkeit zwischen den Gefühlsebenen, die für eine erfolgreiche Liebesbeziehung zwingend notwendig ist.

Einige Schwule oder Bi-Männer, insbesondere wenn diese als „weiblich“ besetzte Persönlichkeitsanteile ausleben, geraten durch das Überangebot der Rolle „Mann“ als unbewussten Ausgleich in die Rolle „Frau“. Dann lehnen sie die sexuellen Anspielungen der Gegenüber pikiert ab. Dadurch geraten sie zusätzlich in die Rolle des „Spielverderbers“ und ziehen negative Aufmerksamkeit von bestimmten Menschen in der Rolle „Mann“ auf sich. Diese haben eine eingeschränkte Wahrnehmung von Fairness gegenüber Mitmenschen und erkennen daher die nonverbalen Signale nicht, die die Grenze zwischen Anbahnung und Übergriffigkeit markieren – oder ignorieren solche Signale sogar bewusst. Dieses Verhalten ist dann eine Form von Rape Culture.

Im Marketing:

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die queere Szene demnach kein Ort ist, an dem das Patriarchat überwunden wurde, sondern sogar ein besonders genauer Filter. Er kommt durch die stärkere Geschlechtertrennung als im Mainstream zustande und erlaubt einen guten Blick auf die Anwendung der patriarchalen Lüge:

Die FLINT-Szene auf der einen Seite verstärkt die Verhaltensweisen der Rolle „Frau“ bis ins Absurde, die schwule Szene auf der anderen Seute tut dasselbe mit den Verhaltensweisen der Rolle „Mann“.

Ein interessantes Beispiel dafür sind die Empfehlungen zur LGBT-Kultur Wiens des Unternehmens Wien-Tourismus. So wird für Lesben und Bi-Frauen eine Liste an Cafés und Clubbings angeboten. Die typischen Tätigkeiten dort sind: Miteinander reden, Netzwerken für die queere Szene, Lesen (wenn das Café Bücher hat) und auf Clubbings Tanzen. Für Schwule und Bi-Männer hingegen gibt es eine eigene Liste an Schwulensaunas: Die typischen Tätigkeiten dort sind: Swingen (= Sex zum Spaß) und Thermenbesuch. Zitat eines Schwulen darüber zu mir: „Wenn du dort eine Frau für Sex zum Spaß suchst, musst du sie dir mitbringen!“

Warum gibt es keine „Lesbensauna“, wo ausschließlich Frauen und andere Menschen mit Vulva miteinander geilen Sex zum Spaß haben können? Und kein nettes Büchercafé für ausschließlich Schwule, wo diese in Ruhe sitzen, miteinander reden, netzwerken und lesen können?

Genau: Weil die patriarchale Lüge aktiv ist. Frauen wollen schließlich nur Freundschaft und Liebe und Männer nur Sex.

Rape Culture – Teil 3/3: Auf Kontaktbörsen im Internet

Auf Kontaktbörsen wie Dating- oder Swinger-Websites zeigt sich Rape Culture in belästigenden (= ein „Nein“ ignorierenden) Kontaktaufnahmen und Nachrichten. Wieder sind die Täter_innen Menschen in der Rolle „Mann“, die allem, was weiblich genug erscheint, die Rolle „Frau“ aufprojizieren, egal ob der angesprochene Mensch diese Rolle tatsächlich eingenommen hat. Meistens schlüpfen auch hier wieder Männer in die Rolle „Mann“ und Frauen in die Rolle „Frau“. Die meisten Trans-Menschen und weiteren Geschlechter nehmen je nach ihrer sozialen Prägung und Lebensgeschichte ebenfalls eine der beiden Rollen ein.

Um diese Reaktionen zu erfahren, reicht es aus, sich als Frau, oder weiblich auf einer Online-Kontaktbörse oder Online-Dating-Webseite zu registrieren. Es muss nicht einmal ein Foto hochgeladen sein oder ein einziges Wort im Profil stehen.

Ist eine Frau grundsätzlich an Hetero-Kontaktaufnahmen interessiert, und passieren diese in einer freundlichen oder höflichen Form – kein Problem, darauf beziehe ich mich nicht. Mein Erleben stammt davon, dass ich einige Jahre lang über das Internet Frauen kennenlernen wollte, die mein bisexuelles oder biamores Interesse erwidern würden. Unter Kontaktbörsen für Frau sucht Frau habe ich einige Webseiten aufgelistet, die dafür gut geeignet sind.

Nun wollte ich im Internet keine Männer kennenlernen; ich hatte im Alltag des Mainstreams bereits genügend Anfragen von Hetero-Männern, die meisten davon ungeeignet. Also gab ich das auf jedem meiner Internetprofile an: Frau sucht Frau, Frau sucht lesbisch/bi, lesbisches Interesse, usw. Worauf mich sehr oft Männer anschrieben. Das ist an und für sich kein Problem, es passiert ja, dass jemand nicht genau liest, gerade im Internet. Ein Übergriff und somit Rape Culture wird es in dem Moment, wenn ein „Nein“ oder ein Ignorieren der Kontaktaufnahme vom anschreibenden Mann nicht akzeptiert wird.

Am Anfang antwortete ich noch höflich mit „Kein Interesse, lies bitte mein Profil“. Daraufhin wurde meine Absage aber nicht akzeptiert, im Gegenteil, es ging in 90% der Fälle das gleiche Gespräch los:

Nachfolgend gebe ich die häufigsten Antworten auf mein „Nein“ von ignoranten Männern wieder. Als Kommentar steht eine Auswahl meiner Gedanken, die ich beim Lesen derartiger Nachrichten hatte.

„Warum willst du keine Männer? Hast du schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht?“

Ja, zum Beispiel jetzt gerade mit dir. Und vor fünf Minuten mit dem Kerl, der mir die gleiche Frage gestellt hat.

„Aber möchtest du MICH nicht kennenlernen?“

Hast du eine Muschi? Und Brüste? Und bist du eine Frau? Nein? Dann halt die Klappe.

„Wir könnten doch einfach nur reden und uns besser kennenlernen…“

Du bist auf einer Webseite registriert, wo es vorrangig darum geht, jemanden für Sex zu finden. Du willst weder mit mir reden, noch mich besser kennenlernen. Glaub mir.

(einige Zeit nach einer Absage)
„Du antwortest nicht mehr, hast du das Interesse verloren?“

Nein, ich hatte nie Interesse an dir, du Pfosten! Ein Profil oder einen Nachrichtenverlauf wirst du ja noch lesen können, oder kannst du das auch nicht?

Und wie ich bereits in Was ist Rape Culture und was sind ihre Ursachen? beschrieben habe, schreckten mich die vielen belästigenden Nachrichten so sehr ab, dass ich begann, alle Nachrichten, die nicht von meiner Zielgruppe gesendet wurden, zu ignorieren, und von Männern auf Kontaktbörsen ganz grundsätzlich als „feindliches Lager“ auszugehen.

Und was kann ich gegen Rape Culture auf Kontaktbörsen tun?

Hier ist es einfacher, Grenzen zu ziehen, als in der Öffentlichkeit.

Belästigende User_innen kannst du einfach auf die Ignorier- oder Blockier-Liste setzen, die jede vernünftige Kontaktbörse registrierten User_innen bereitstellt. Je nach Webseite kann dich dann der gesperrte User entweder nicht mehr kontaktieren, oder sogar deine ganze Anwesenheit nicht mehr wahrnehmen, da er dein Profil nicht mehr findet.

Solltest du es mit jemandem zu tun haben, der sich daraufhin immer neue Profile erstellt und dich trotz deiner Absagen oder Nicht-Reaktionen nochmals anschreibt, melde den User mit der Begründung Belästigung den Admin_as der Webseite.

Ich würde empfehlen, auch User zu melden, von denen du mehrmals einen wortgleichen Text erhältst. Hier liegt zwar keine akute persönliche Belästigung vor (wie 1x im Monat derselbe doofe Text als Nachricht), aber du reduzierst damit das Belästigungspotential gegenüber anderen User_innen, da solche Menschen zwar keine Arschlöcher, aber zumindest Idioten sind, die die Website zuspammen.

Hat jemand Daten von dir (Name, Adresse, Kreditkartennummer) oder kennt dich als reale Person, und nutzt das Internet, um dir immer wieder belästigende Nachrichten oder Bedrohungen zu senden, speichere den Verlauf in eine Datei und geh damit zur Polizei. Dieses Verhalten fällt unter „Stalking“ mit eindeutiger gesetzlicher Regelung und kann daher als Straftat angezeigt werden.

Durch Zufall kam ich jedoch auf einen einfachen Trick, um belästigende Anschreiben zu reduzieren.

Bei rein heterosexuellen Männern ging mir bereits im Alltag die Doppelmoral gegenüber Homosexualität (schwule Männer waren abstoßend, lesbische Frauen geil) auf die Nerven. Irgendwann fiel mir auf, dass jeder einzelne heterosexuelle Mann, der in meiner Gegenwart eine herablassende Bemerkung über Schwule gemacht hatte, ignorant und besitzergreifend gegenüber mir (oder anderen Frauen) wurde, sobald auch nur ansatzweise Sex als Thema im Raum stand.

Um diesen Zusammenhang zu testen, mischte ich auf dem Portal Websingles.at unter meine Profilangaben folgende (erfundene) Aussage:

Liebe Männer: Hetero-Männer finde ich fad, sry Jungs! Bi- oder bi-neugierige Männer – schreibt mich an, das könnte spannend werden 😉

Mit dem Erfolg hatte ich nicht gerechnet. Was einfach dazu dienen sollte, mir weniger nervige Nachrichten zu bescheren, beendete die Sache völlig: Über Nacht fiel die Quote der belästigenden Nachrichten von ein bis zwei pro Tag auf etwa vier solcher Nachrichten im folgenden Jahr.

Dabei stand dieser Text nicht einmal oben in meinem Profil, sondern mitten in meiner Beschreibung. Das war der Beweis: Arschlöcher im Internet lesen tatsächlich Profile! Sie entscheiden sich offenbar dann nur dagegen, den Inhalt irgendwie ernst zu nehmen.

Meine Erklärung dafür ist, dass Männer, die gegenüber Frauen homophob sind (= die Angabe „lesbisch“ oder „Frau sucht Frau“ ignorieren), ganz einfach immer homophob sind, also auch gegenüber Männern und letztendlich sich selbst. Mich anzuschreiben, würde sie dann als bisexuell kennzeichnen, und, wuaaah, das geht gar nicht, denn echte Männer stehen ja bekanntlich niemals auf andere Männer…

Kontaktbörsen für Frau sucht Frau

Über das Internet Kontakte für Sex zum Spaß oder Beziehungsanbahnung anzustreben, ist für die meisten Menschen mittlerweile Standard.

In den Jahren, in denen ich als Single gelebt habe und Beziehungsanbahnung mit Frauen und Männern noch ein Thema für mich war, fand ich es erstaunlich, wie einfach es war, meiner heteroamoren Neigung zu folgen und Männer kennenzulernen. Frauen, die meine lesbische Neigung erwidert hätten, waren hingegen im heteronormativen Mainstream schwer zu finden.

Bezüglich Sex zum Spaß bot sich das gleiche Bild: Heterosexuelle Gelegenheiten waren fast immer vorhanden; einfach so auf eine Frau zu treffen, die ebenso an gleichgeschlechtlichem Sex interessiert war, passierte jedoch sehr selten.

Da ich am Land aufgewachsen bin, war es aufgrund der eingeschränkten Mobilität (im Vergleich zur Großstadt Wien) umständlich, in Kontakt mit einer lokalen queeren Szene zu treten, oder diesen zu halten. Also versuchte ich mein Glück im Internet und den diversen Kontaktbörsen dort. Meine Suche nach gleichgeschlechtlichen Kontakten in Österreich gestaltete sich ob der Omnipräsenz von Hetero-Kontaktbörsen jedoch als schwierig. Außerdem sind die meisten Seiten auf Deutschland ausgerichtet, weswegen mögliche lokale Kontakte eher untergehen.

Dennoch ist aus diesem vergangenen Interesse die folgende Liste an Internetseiten entstanden. Ich habe sie nach und nach durch gezielte Recherche oder private Hinweise zusammengetragen. Diese Webseiten bieten, im Gegensatz zu vielen Hetero-Kontaktbörsen, die das nicht oder nur ungenügend tun, einen Fokus auf das Kontakteknüpfen zwischen Frauen (und weiteren Geschlechtern), die lesbischen Sex/bisexuelle Erlebnisse oder lesbische/biamore Beziehungsanbahnung suchen.

Ich habe diese Seiten bewertet und die meiner Meinung nach Vor- und Nachteile aufgelistet. Durch einen Klick auf „Bewertung“ wirst du zu dem entsprechenden Artikel weitergeleitet.

Mit der Spalte „Belästigende Nachrichten“ sind Nachrichten von Hetero-Männern gemeint, die trotz der expliziten Angabe, dass nur Kontaktaufnahme von Frauen gewünscht ist, ihr Glück versuchen. Meistens akzeptieren diese dann kein „Nein“ oder „Kein Interesse“, und schreiben mit oder ohne Antwort immer wieder Nachrichten (= eine Ausprägung von Rape Culture im Internet).

Ich empfehle dafür die Blockier-Funktion, die alle diese Webseiten für registrierte User_innen anbieten. Solltest du auf so einer Webseite auch männlichen Hetero-Kontakten offen sein, und diesbezügliche (nicht belästigende) Anfragen bekommen, kannst du die Angabe in der Tabelle getrost beiseite lassen.

Catflirt.at Bewertung
Gofeminin.de Bewertung
Joyclub.de Bewertung
Lesarion.de Bewertung
Rainbow.at Bewertung
Secret.at Bewertung
Das Forum von Woman-4-Woman Bewertung
Websingles.at

Hier sind die erwähnten Kontaktbörsen nach den – meiner Meinung nach – wichtigsten Eigenschaften sortiert:

Mitglieder aus Österreich Sortierung nach Alter und Wohnort Mail-Benachrichtigung bei neuer Nachricht Belästigende Nachrichten
Catflirt.at Einige Ja Ja Häufig
Gofeminin.de Viele aus Wien, sonst wenige Ja, aber nicht nach Bundesland Ja Nur zu später Stunde
Joyclub.de Viele Ja Nein Selten
Lesarion.de Viele Ja Ja Selten (von Frauen)
Rainbow.at Viele Ja Nein Selten
Secret.at Wenige Ja Ja Selten
Websingles.at Viele Ja Ja Häufig
Das Forum von Woman-4-Woman Wenige Nein Nein Nie

Da ich auf den aufgelisteten Seiten nicht mehr registriert bin, wird dieser Beitrag nicht mehr aktualisiert. Falls du erwähnenswerte Änderungen auf einer der verlinkten Seiten bemerken solltest, kannst du mich gerne in einem Kommentar darüber informieren – ich ergänze den Text dann um deinen Hinweis.