Wie funktioniert eine sexuell offene Beziehung? – Teil 4/4: Typische Praxis-Probleme in Hetero-Beziehungen

An wen richtet sich der Artikel?
Welche Orientierungen, sozialen Rollen, oder Geschlechter der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): heterosexuell, heterosexuell lebend wenn bisexuell
Romantische Orientierung(en): heteroamor, heteroamor lebend wenn biamor
Geschlecht(er): Mann
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“,
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“
Erweiterbar auf:
  • alle sexuellen und romantischen Orientierungen,
  • alle Geschlechter

Der Weg von Fantasien im Kopf zu Umsetzungen dieser in der Realität kann überraschende Erkenntnisse beinhalten. In einer Hetero-Beziehung kommt oft folgende Problemstellung vor:

Die Frau hat heterosexuelle Fantasien mit anderen Männern, wie dem eigenen Freund und einem anderen Mann gleichzeitig einen Handjob zu geben oder sich abwechselnd ficken zu lassen.

Während die Erzählung davon noch cool war (oder nicht so ernst genommen wurde), gibt es in der Praxis auf einmal ein Riesenproblem: Dass „seine“ Freundin/Frau mit einem anderen Schwanz Spaß hat, ist für den Mann plötzlich „komisch“ oder „total abtörnend“.

Gleichzeitig ist die Vorstellung von Sex mit einer anderen Frau oder einem Dreier mit seiner Freundin und einer weiteren Frau geil – bloß ein weiterer Mann darf nicht sein. Diese Einstellung wird Cockblocking genannt.

Cockblocking kommt dir von dir selbst oder aus Erzählungen bekannt vor? Hier ist ein offener Brief im Namen aller Frauen, die schon einmal in so einer Situation waren oder gerade sind:

Lieber Mann!

Du willst Sex mit einer anderen Frau oder einen Dreier mit einer weiteren Frau erleben, hast aber gleichzeitig ein Problem damit, wenn deine Freundin mit einem zusätzlichen Mann Spaß haben will?

Klar, deine Idealvorstellung wäre, dass deine Freundin/Frau super ausprobierfreudig, geil und aufgeschlossen ist – aber nur mit deinem Penis, andere Männer soll sie am besten gar nicht bemerken.

Das trifft alles auf dich zu? Dann lass dich mal aufklären:

Die Ebene Lust, also die Sexualität, funktioniert so: Wenn sie in einer Liebesbeziehung und zum Spaß ausgelebt wird, ist sie offen: Dann kann deine Freundin ihrer Lust freien Lauf lassen und ist ausprobierfreudig, geil und aufgeschlossen.

Zwingst du deine Freundin, einen Teil ihrer Sexualität (= Penisse zum Spaß) immer runterzustopfen und so zu tun, als gäbe es diesen Teil nicht, geht der Rest automatisch mit. Deine Freundin mag dann keine neuen Fantasien oder Spielarten und findet mit der Zeit Sex an sich lästig. Sie macht dann nur mit, damit du Ruhe gibst. Setzt sich diese Dynamik fort, baut sich in ihr unbewusst viel Wut auf: Du behandelst sie ja wie ein Sexspielzeug, das du nach Gebrauch wieder in die Lade legst und nicht wie ein menschliches Gegenüber mit gleichen Rechten.

Nun gibt es an dieser Stelle für die Frau vier Möglichkeiten, zu handeln:

  1. Eine selbstbewusste Frau streitet mit dir darüber und konfrontiert dich. Bist du bereit, deine Sichtweise zu überdenken und euch beiden gleiche Rechte zuzugestehen, könnt ihr euch gemeinsam an die Erfüllung einer stabilen, schönen und sexuell offenen Liebesbeziehung machen.
  2. Bist du nicht bereit, deine Sichtweise zu überdenken, wird sie sich nach einiger Zeit von dir trennen und sich einen Mann suchen, der sie und ihre Wünsche ernst nimmt.
  3. Eine nicht so selbstbewusste und daher feige Frau wird sich hinter deinem Rücken ihre sexuellen Fantasien erfüllen und dich betrügen.
  4. Und eine unsichere Frau wird zwar auf dich hören, aber dadurch ihre eigene Sexualität hinunterstopfen, bis sie nicht einmal mehr an Sex mit dir interessiert ist. Zusätzlich wird sie wegen Kleinigkeiten fürchterlich mit dir streiten, da sich ihre unbewusst aufgestaute Wut auf dich regelmäßig spontan entlädt („Hausdrachen“).

„Ich bin ein Mann und die Situation in dem Brief kommt mir bekannt vor.“

Schau dir an, was tatsächlich hinter deiner Ablehnung vor anderen Penissen steckt. Nachfolgend findest du mögliche Ängste und eine Lösung dazu. Such dir aus, was auf dich zutrifft.

Hast du Angst, dass dich deine Freundin/Frau verlässt, sobald sie einen besseren Fick als dich findet?

Die patriarchale Lüge der Rolle „Mann“ blendet alles außer Sex in einer Liebesbeziehung aus: Du hast eine Freundin/Frau, um regelmäßigen Sex zu haben, im Gegensatz zum anstrengenden, unbefriedigten Single-Leben. Jetzt hast du aber Fantasien über Sex mit anderen Frauen, oder? Das bedeutet, dass du die Ebene Lust auch mit anderen Menschen als deiner Liebesbeziehung teilen könntest. Das macht deine Liebesbeziehung nicht mehr besonders, oder?
Nein? Genau.

Denn die Ebene Liebe, die du in deiner Rolle „Mann“ großteils unterdrückst, definiert überhaupt erst deine Liebesbeziehung. Bei einer funktionierenden Ebene Liebe wird dich deine Freundin/Frau für einen besseren Fick nicht verlassen – sie teilt mit dir etwas, das nur du und kein Mensch, der an einem Penis zum Spaß dranhängt, ihr geben kann. Habt ihr allerdings keine funktionierende Ebene Liebe (mehr), wird es gefährlich. Dann müsst ihr erst diese Ebene in eurer Beziehung aufbauen/wiederherstellen, in schwierigen Fällen mit Psycho- oder Paartherapie. Denn eine vollständige und funktionierende Ebene Liebe ist die absolute Basis für eine sexuell offene Beziehung.

Haben dir deine Eltern/deine Verwandten/deine Szene/dein Umfeld gesagt, dass du „nicht männlich genug“ bist, wenn deine Partnerin andere Männer interessant findet?

Wenn dir deine Eltern/deine Verwandten/deine Szene/dein Umfeld Regeln mitgegeben haben, wie du dein Sexualleben zu gestalten hast, gibt es nur eine Lösung: Scheiß drauf!

Kein Mensch außer deiner Liebesbeziehung hat das Recht, über das Prinzip von Konsens und Fairness hinaus bei deiner Sexualität mitzubestimmen. Wenn irgendwelchen Bezugspersonen lieber ist, dass du unglücklich ihre Regeln nachlebst, anstatt dass du erfüllt und glücklich dein eigenes Leben gestaltest, sollten diese Menschen sofort aus deinem Leben fliegen. Ist das aufgrund von Abhängigkeiten (Kinderbetreuung, usw.) nicht möglich, grenze dich so weit wie möglich ab. Wenn Bemerkungen über deine Sexualität fallen, die du nicht hören willst, sag das laut und deutlich und lass dich nicht davon abhalten, ob irgendjemand dadurch „beleidigt“ sein könnte. Dazu haben sie kein Recht.

Hast du schon einmal eine sexuell offene Beziehung versucht und deine Ex hat dich daraufhin verlassen?

Erfahrungen mit Ex-Beziehungen fließen natürlich in deine jetzige Beziehung mit ein. Mach dir aber klar, dass deine Ex ein anderer Mensch ist, als deine jetzige Freundin/Frau. Frage sie, was sie sich wünscht und sag ihr, wovor du Angst hast, anstatt anzunehmen, dass sie das Gleiche will und gleich tickt wie deine Ex.

Hast du Angst, dich in Anwesenheit eines anderen Mannes zu blamieren, dass er dich auslacht, oder versucht, dir durch Imponiergehabe deine Freundin/Frau auszuspannen?

Solltest du dich auf ein Erlebnis mit einem anderen Mann einlassen, und er versucht, dir deine Freundin/Frau durch Mikroaggressionen oder unfaire Spielchen auszuspannen, hast du eine Gelegenheit, deine Männlichkeit zu zeigen: Schmeiß ihn sofort raus. Vielleicht hat deine Freundin/Frau diese Manöver nicht mitbekommen und streitet danach mit dir darüber. Erklär ihr deine Gründe und dann könnt ihr gemeinsam entscheiden, welche Eigenschaften zukünftige Sex-Resonanzmenschen haben müssen, damit ihr wieder jemanden einladet.

„Ich bin ein Mann und finde das alles Bullshit. Meine Freundin/Frau soll nicht mit anderen Männern Sex haben (wollen).“

Es ist ok, diese Meinung zu haben. Dann musst du allerdings mit den Konsequenzen leben: Du wirst dann eben keine Partnerin haben, die beim Sex ausprobierfreudig, geil und aufgeschlossen ist – die z. B. bei einem Dreier mit einer anderen Frau begeistert mitmachen würde.

Such dir am besten eine Freundin/Frau, die von vorneherein beim Sex nicht sonderlich ausprobierfreudig und damit zufrieden ist. Ihr werdet beide wenige Probleme, aber eben durchschnittlich langweiligen Sex haben. Dann aber zu jammern, dass deine Partnerin zu selten Sex will oder beim Sex zu langweilig ist, ist Kleinkindverhalten. Es kauft sich ja auch niemand eine Bierdose und beschwert sich nach dem ersten Schluck, dass da kein Schnaps drin ist.

Wenn du mit einer starken und reflektierten Frau nicht umgehen kannst, weil du selbst nicht stark und reflektiert genug bist und zu feig bist, an diesem Umstand etwas zu ändern, hör auf, dir eine solche Frau zu wünschen.