Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 1/7: Gesunde Grenzen

Dieser Beitrag und die folgende Artikelreihe über Gesunde Polyamorie bauen auf den Artikelreihen über die Poly-Szene und diefalschen Ideen der Poly-Szene auf. Darin habe ich die wesentlichen Ideen und Verhaltensweisen bezüglich Polyamorie beschrieben, die negative Dynamiken produzieren – also unter welchen Bedingungen Polyamorie langfristig nicht funktioniert. Wie ein Polykül (= ein polyamores Beziehungsgeflecht) für alle Beteiligten gesund und langfristig funktionieren kann, habe ich durch meine persönliche Erfahrung mit meinen beiden Lieben herausgefunden.

Da wir kein gesundes Vorbild, weder persönlich noch in den Medien, für unsere Konstellation hatten, mussten wir alle Grundlagen in diesem neuen Territorium selbst ausprobieren und definieren. Durch unseren Lernprozess enttarnten wir die meisten der typischen Konzepte der Poly-Szene als nicht funktionierende Glaubenssätze und entfernten sie darauf in mehreren Schritten aus unserem Leben. Dadurch blieben die positiven Verhaltensweisen entweder übrig, oder wir hatten endlich Zeit und Energie, um uns auf die aktive Suche nach neuen positiven Verhaltensweisen zu machen, die in der Poly-Szene nicht einmal vorkommen.

Wie wir entdeckt haben, drehen sich die wesentlichen Grundlagen gesunder Polyamorie um die Vereinbarung von sinnvollen Grenzen. Interessanterweise gilt dies genauso für gesunde Paarbeziehungen zu zweit.

  1. Gleichberechtigte Beziehungen = keine hierarchische Polyamorie:
    Alle Beteiligten des Polyküls müssen sowohl in ihren jeweiligen romantischen Beziehungen, als auch bei Lebensentscheidungen der Beziehungspartner_innen die gleichen Mitbestimmungsrechte haben.
  2. Alle Lebensentscheidungen müssen einen klaren Zweck („Wozu wollen wir das?“) haben und von allen Beteiligten im Konsens beschlossen werden. Ein spezielles Beispiel dafür ist die Entscheidung, romantisch offen zu werden, also noch jemanden auf der Ebene Liebe in das Pärchen/Polykül aufzunehmen.
  3. Das Polykül muss nach einer bestimmten Zeit romantisch geschlossen werden und bleiben, damit die darin enthaltenen Paarbeziehungen stabil werden und bleiben. Die Vereinbarung, romantisch geschlossen zu bleiben, kann dabei entweder temporär der vollständig sein:
    • Temporär:
      „Wir bleiben für eine bestimmte Zeit romantisch geschlossen und versuchen währenddessen herauszufinden, ob es wirklich darum geht, einen neuen Menschen zu lieben (Primärmotivation), oder ob unserer vorhandenen Beziehung etwas fehlt, dass wir uns bei anderen Menschen holen wollen (Sekundärmotivation)“
    • Vollständig:
      „Wir wollen ab jetzt romantisch geschlossen unsere Leben miteinander verbringen. Solange wir zusammen sind, wollen wir an dieser Vereinbarung nie wieder etwas ändern.“

Die häufig vorkommenden negativen Dynamiken der Poly-Szene wie der miauende Hund und der seriell-parallele Durchlauferhitzer werden dadurch effektiv vermieden.